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PALAESTRA 212
UNTERSUCHUNGEN UND TEXTE AUS DER DEUTSCHEN UND ENGLISCHEN PHILOLOGIE Begründet von Alois Brandl und Erich Schmidt f} Herausgegeben von Alois Brandl, Julius Petersen und Arthur Hübner }
Die vierundzwanzig Alten
_ Öttos von Passau
Von
Wieland Schmidt
1938 / Akademische Verlagsgesellschaft m.b.H., Leipzig
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Printed in Germany
Druck von G. Uschmann, Weimar
Meinen Eltern
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Einer Anregung Gustav Roethes verdankt die Arbeit das Entstehen, Arthur Hübners Leitung ihre Vollendung, die methodische Behandlung literarischer Fragen der Schule Julius Petersen.
Vollständigkeit des Materials wurde erstrebt, selten wohl erreicht; sie fände sich noch seltener, hätte nicht das Hand- schriften-Archiv der Deutschen Kommission zur Benutzung ge- standen.
Die Handschriften-Abteilung der Preußischen Staatsbiblio- thek war unermüdlich tätig, Handschriften zur persönlichen Einsicht zu besorgen; der Rat Hermann Degerings und Karl Christs, Albert Boecklers und Hans Wegeners durfte oft in Anspruch genommen werden.
Zahlreichen Bibliotheken des In- und Auslandes ist die Arbeit für das freizügige Entgegenkommen von Entleihungen verpflichtet. Manche private Auskunft von Fachgelehrten konnte eingeholt werden.
Die Korrektur lasen Hans Georg Heun und meine Frau mit.
Die Herausgeber der ‘Palaestra’, Arthur Hübner und Julius Petersen, gestatteten die Aufnahme der Arbeit in diese Sammel- reihe; erst dadurch wurde die Drucklegung ermöglicht.
Allen Genannten sei für ihre Hilfe und langdauernde Unterstützung auch an dieser Stelle ehrfurchtsvoller Dank ausgesprochen.
W.S.
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Inhalt.
Einleitung Be Yan ae Ale ade nee an L Teil: Werk und Zeit.
I. Kapitel: Der Kult der vierundzwanzig Ältesten II. Kapitel: Alphabetreihen und Bilddarstellungen 1II. Kapitel: Das Werk Ottos von Passau . ; IV. Kapitel: Zum Leben Ottos von Passau.
Il. Teil: Handschriften und Drucke. I. Kapitel: Erhaltene Handschriften
A. Oberdeutsche Handschriften .
a) Alemannische Handschriften ; a. Schweizerische Handschriften . ß. Elsässische Handschriften y. Schwäbische Handschriften .
b) Bairische Handschriften . . s a. Bairisch-österreichische Handschriften ; 8. Oberpfälzische Handschriften
c) Ostfränkische Handschriften .
B. Mitteldeutsche Handschriften . . a) Rheinfränkische Handschriften . b) Ripuarische Handschriften . c) Thüringische Handschriften . d) Ostmitteldeutsche Handschriften .
C. Niederdeutsche Handschriften . D. Niederländische Handschriften .
II. Kapitel: Handschriften, die nicht mehr erhalten oder deren Aufbewahrungsorte unbekannt sind . A. Nachrichten in alten Katalogen B. Nachrichten in neueren Katalogen HI. Kapitel: Drucke . . A. Wiegendrucke . . . en a) Deutsche Wiegendrucke a Be Ge b) Niederländische Wiegendrucke . c) Fiktive Wiegendrucke . B. Spätere Drucke i IV. Kapitel: Nicht et ne Drucks Antho- logien usw.) . De re Se
Seite 1-5
6-17 17-25 25-32 32-36
38-219
38-187 38-121 38-70 70-89 89-121 121-169 121-152 152-169 169-187
187-207 187-194 194-197 197 - 206 206-207 208-211 212 -219
219-230 219-222 222-230 230-252 231-248 231-238 238-241 242-248 249-252
253-259
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II. Teil: Zusammenfassung und Ergebnisse. Seite I. Kapitel: Der Text 260 - 266 II. Kapitel: Die Bilder . 266-280 III. Kapitel: Geographische und zeitliche Verbreitung. 280-298 IV. Kapitel: Der Leserkreis u. a de 298-347 V. Kapitel: Literarische Wirkung . 347-351 Beilagen: Zum Kult der vierundzwanzig Ältesten. I. Das Wiener Dekret gegen die re in Juden- burg 1419 . . nn. 352-363 II. Die Eigennamen . 363-365 III. Die Higenschriebeieichnäneen.: 365-367 IV. Gebete und Anrufe . Apr 367-375 Anhang: Bibliographie über Otto von Passau . ... 316-383 Nachträge und Berichtigungen . .. 383-393 Alphabetische Register .. . 395-423 Ia. Handschriften der ‚24 Alten“ 395-398 b. Drucke der „24 Alten“. . . 398 c. Erwähnte Handschriften, die nicht ae 24 Alten“ enthalten . : - 2 ..... 398-399 II. Namen- und Örtäreginler ; 400 -423
Einleitung.
In Zeiten des Niedergangs, in denen sich überkommene Weltordnung auflöst, Neues vorbereitet, wird das Gefühl der sittlichen Verschlechterung der Zeit sich den Mitlebenden auf- drängen, da Bestehendes nach den Maßstäben eines abgestorbenen Zeitalters gewertet wird, neue Maßstäbe sich erst langsam heran- bilden müssen. Das 15. Jahrhundert steht doppelsichtig zwischen den Zeiten. Noch einmal wird der übersteigerte Versuch ge- macht, das höfische Ritterideal zu neuem Leben wachzurufen. Auf dem üppigen Boden, den die Macht- und Realpolitik der Burgunder geschaffen hatte, konnte sich die Zeremonie von Turnier und Minne unter Philipp dem Guten wie eine Treibhaus- pflanze zu einer nachahmenden, nicht schöpferischen Renaissance entfalten. In Deutschland dauert das Haften am ritterlichen Weltbild ım Südosten des Reiches noch unter Maximilian an; dann ist seine Rolle endgültig ausgespielt. — Nur die wenigsten Zeitgenossen durften an dem Versuch des Adels teilnehmen, durch die Aufrichtung eines alten Ideals dem Leben einen scheinbar neuen Inhalt zu geben. Den anderen mußte die Auf- lösung nur stärker fühlbar werden. Bei der Eröffnung der Uni- versität Ingolstadt im Jahre 1472 ruft des Herzogs leitender Staatsmann Martin Mair den Studenten die schicksalsschweren Worte zu: „Vereor autem, quod non meliora instant tempora, sed peiora, non quod ipsa mala sint, sed quia peiores erunt homines, quod et magni divinarunt viri et res ipsa apertis indiclis declarat; sic in vitium et ruinam prona sunt omnia. Una autem adhuc superest via, qua meliora et laetiora acquiretis tempora, ut scilicet vobis animos faciatis meliores, quod sine virtute seu litteris fieri nequit; et tunc bona et laeta erunt omnia, malum et triste nihil!).“ Mairs Rede trügt humanistische
1) C. Prantl, Gesch. d. Ludwig-Maximilians-Universität in Ingol- stadt, Landshut, München. 2 (1872), S. 10. Schmidt, Die 24 Alten Ottos von Passau. 1
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Prägung. Ihres akademischen Kolors entkleidet, besagen diese Sätze nichts anderes als das, was die Menschen des 15. Jahr- hunderts bewußt oder unbewußt vom Beginne an empfun- den hatten: Wie können wir bei den Unsicherheiten und Er- schütterungen des Lebens eine Beruhigung und Besserung der Verhältnisse erreichen, so daß wir des ewigen Heiles teilhaftig werden. Denn daß ‘meliora et laetiora tempora’ allein aus einer Neubelebung des religiösen Empfindens erwachsen könnten, das blieb für die große Masse auch weiterhin das Nächstliegende. Die Humanisten versuchten, andere Grundlagen und Lebens- inhalte zu gewinnen. Doch konnte es sich auch hier — wie beim Adel — nur um wenige bevorzugte Geister handeln. Die jüngste Forschung hat gezeigt, wie gerade die humanistische Bewegung jedes Hinterlandes ermangelt und nur in den geistigen Zentren einiger Städte Fuß gefaßt hatte. Das Vorherrschende während des ganzen 15. Jahrhunderts bleibt das Bemühen, von religiöser Einkehr Besserung zu erwarten ?).
Die Bestrebungen des ausgehenden 14. und des 15. Jahr- hunderts sind wohl darauf gerichtet, der Kirche und dem Leben einen neuen Inhalt zu geben, das Ideal für ein höheres Dasein, ohne das keine Zeit auszukommen vermag, nach religiösen Ge- sichtspunkten neu zu bestimmen — eine entscheidende Lösung zu finden, blieb diesem Zeitalter noch versagt. Niemals aber wäre die im 16. Jahrhundert sich durchsetzende religiöse Neu- gestaltung möglich gewesen, ohne daß das vorhergehende Jahr- hundert Wegbereiter gewesen wäre, versucht hätte, dem mensch- lichen Herzen ein neues Ethos einzupflanzen und den Gemütern wieder und wieder einzuhämmern: Gestaltet euer Leben von innen aus, jetzt, wo die Welt in äußerer Schlechtigkeit versinkt. Noch blieb man im Moralischen stecken; man konnte nur Vor- handenes negieren, noch nichts Positives an die Stelle des Be- kämpften stellen. Daß aber die Mahnungen nicht auf un- fruchtbaren Boden fielen, zeigt das Anschwellen der religiösen Traktatliteratur in deutscher Sprache, in dem sich die starke Anteilnahme der Zeitgenossen an religiösen Dingen ausspricht. Das wachsende Selbstbewußtsein weiterer Bürgerkreise fordert
2) K. Burdach, Vorspiel. 12 (1925), S. 104 ff., 127 ff.
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Befriedigung für Bedürfnisse, die diese Schicht kraft starker Entwicklung zur Selbständigkeit auch an die geistigen Mächte stellt. Aus den Bürgerkreisen rekrutieren sich die Insassen der Klöster, die Tertiarier, die Brüder des gemeinsamen Lebens, die Gottesfreunde. Durch das immer stärkere geistige Verlangen dieser neuen Schichten, der weltlichen wie der in ‘Samnungen ’ gebundenen, tritt eine Rückwirkung auf die Geistlichkeit ein, die zu stärkerer literarischer, dem Geschmack dieser Kreise ent- sprechender Produktion drängt. Das gesprochene Wort, die Predigt, die Katechese reichen nicht mehr aus. Papier macht selbst weniger bemittelten Kreisen Eigenbesitz einer Bibliothek möglich. Bedürfnis und billigere Herstellung lassen die Hand- schriften- und Bücherproduktion lawinenartig anschwellen. Da- zu aber kommt das stetige Wachsen religiöser Probleme, welche die Kirche durch ihre Institutionen nicht zu lösen vermochte. Frühere Jahrhunderte mögen ähnliche Konflikte geselien haben — die Macht der Kirche war groß genug, die Fragen zweifeln- der Gemüter zu beseitigen. Im 15. Jahrhundert aber war die Kirche innerlich zerrissen. Reformatorische Eingriffe konnten wohl Teilschäden abschaffen, eine völlige Reorganisation durch- zuführen, zeigte sich die Kirche nicht in der Lage. So griffen dıe Frommen im Lande lieber zu den richtungweisenden Er- bauungs- und Gebetsbüchern, in denen die kirchlichen Lehren schriftlichen Niederschlag und dadurch objektivere (zültigkeit gefunden hatten, als sie die persönlichen Vertreter der Kirche zu geben vermochten.
Von den vielen kleinen Traktaten, Betrachtungen, Grebets- sarmmlungen der Anonymi abgesehen, sind es vor allem eine Reihe größerer erbaulicher Werke in deutscher Sprache, die diesen Zwecken dienen und die in zahllosen Abschriften ver- breitet, das Verlangen nach dieser Lektüre deutlich zum Aus- druck bringen. Heinrich von Nördlingen, Otto von Passau, Mar- quard von Lindau, Heinrich von St.Gallen, Johannes Nider, Johannes Meier aus Zürich sind nur einige Namen dieser Reihe. Neben und nach Eckhart, Tauler, Seuse sind sie die Epigonen der Mystik: lautere Charaktere, deren Bemühen es aber nicht gegeben war, die überlieferten Gedanken fortzubilden. Ihnen war vielmehr die Aufgabe zugefallen, die philosophisch-speku-
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lativ ausgebildeten Ideen einer größeren, im Denken noch un- erzogenen Menge zugänglich zu machen und dieser darin einen geistigen Rückhalt zu schaffen. Gerade deswegen ist ihre Wir- kung eine um so weitere. Das letzte große Gut, das das Mittel- alter in geistiger Hinsicht, in Theologie und Philosophie, eben in der Mystik gezeitigt hatte, sank herab zur moralisierenden Erbauungsliteratur und wurde so Quell der Befriedigung für die noch ungeübten Geister der Masse.
Der an den Werken der großen Mystiker gemessene rück- schrittige Ideengehalt, der uns in den Schriften der Epigonen entgegentritt, mag dazu beigetragen haben, daß man sich mit. der allgemeinen Erkenntnis dieser Entwicklung bisher begnügte. Mit Unrecht. Denn soziologisch und religionsgeschichtlich bieten sich der Probleme eine Fülle. Wenn Beutler bei seinen Unter- suchungen über den Humanismus formuliert, „daß wir zuweilen besser als über den Autor selbst über den Leserkreis seines Werkes unterrichtet sind und klarer über dessen Wanderungen urteilen können als über seine Entstehung‘ ?), so gilt dasselbe für die religiöse Erbauungsliteratur dieser Zeit. Das Werk dominiert vor dem Autor — an Interesse und Tatsachenmaterial. Die starre Masse der Handschriften aufzulösen in den Fluß genetischer Entwicklung, geographische und zeitliche Aus- breitung festzulegen, das Werk zum Publikum und zu den geistigen Strömungen der Zeit in Beziehung zu setzen, sind die Aufgaben, die sich stellen. „Letztes Ziel wird sein, ... für jede einzelne Handschrift Zeit und Ort und Anlaß ihrer Entstehung zu enthüllen und die Geschichte ihrer Wanderung zu schreiben, zu zeigen, auf welchen Wegen diese vielen Atome sich zu einem Organismus verbanden *#).‘“ Für das Leben des Autors genügen einige Daten, und oft genug läßt sich mehr auch gar nicht erbringen.
Vielfache Strömungen in verwirrender Mannigfaltigkeit machen erst das Leben aus, Strömungen, die Ausläufer älterer bedeutender Gebräuche sind oder die schüchtern Neues anzeigen.
s) E. Beutler, Forschungen u. Texte z. frühhumanist. Komödie. [ Mitteil. a d. Hamburger Staats- u. Univ.-Bibl. NF. Bd. 2.] 1927, S. 2. %) K.Burdach, Vorspiel I2 (1925), S. 97 £.
Ein Hauptnenner für alle Erscheinungsformen und Sinnbilder einer Zeit wird sich nie finden lassen, der Akzent jeweils nach Gegenstand und Betrachtung sich verschieben. Das Heraus- greifen eines Zuges ist notwendig eine Verengung und Ein- seitigkeit, eine unerläßliche, wo es sich um die Erfassung und Herauslösung eines Einzelfalles und seine Abgrenzung gegen die Vielheit der übrigen Lebensgestaltungen handelt. Mit dieser Einschränkung mag das Werk Ottos von Passau wenigstens nach einer Seite hin für das 15. Jahrhundert charakteristische Be- deutung beanspruchen: als Exponent einer geistigen Bewegung, die wohl in ihrem allgemeinen Ablauf bekannt, doch an einem besonderen Beispiel einmal greifbar gemacht und von dem Hauptstamme losgelöst in all ihren einzelnen Verästelungen verfolgt und konsequent zur Darstellung gebracht werden muß.
l. Teil. Werk und Zeit.
I. Kapitel.
Der Kult der vierundzwanzig Ältesten.
In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts schrieb der Lesemeister im Basler Franziskanerkloster Otto von Passau eine umfängliche Sentenzensammlung in deutscher Sprache mystischer Provenienz, die im Kreise der Gottesfreunde der Erbauung und inneren Einkehr dienen sollte. Die Excerpte aus 104 Schriftstellern sind nach bestimmten Stichworten zu Kapiteln vereinigt; jedes Kapitel ist einem der vierundzwanzig Ältesten in den Mund gelegt. Bei Befolgung der ausgesprochenen Ermahnungen und Regeln wird der so geläuterten Seele ein Sitz im Himmel zugesichert. Der Titel des Werkes lautet: „Die vierundzwanzig Alten oder der goldene Thron der minnenden Seele !).“
Durch die geschickte Einbeziehung der vierundzwanzig Ältesten in sein Werk hatte Otto von Passau ein bequemes Mittel zur Einteilung seines Stoffes, indem jeder Älteste ein bestimmtes Gebiet abhandelte. Woher aber kannte Otto von Passau die vier- undzwanzig Ältesten? Gewiß, aus der Bibel. Aber der Weg von den unmittelbar um Gott gescharten Ältesten bis zu den Er- bauungspredigern ist ein weiter und die Wandlung nicht recht motiviert. Man hat geglaubt, ein literarisches Vorbild für das Werk Ottos von Passau nennen zu können: ‚das Buch der 24 Alten d.h. Cassian’s Collationes“ ?). Schon Geffcken 3)
ı) Im Verlauf dieser Arbeit werden die aus der Apokalypse stam- menden vierundzwanzig seniores, nosoßvrepo: mit ‘Älteste’, die Ge- stalten aus dem Werk Ottos von Passau mit ‘Alte’ bezeichnet.
2) G. Scherrer, Verz.d. Hss.d. Stiftsbibl. v. St. Gallen. 1875, S.372.
s) Joh. Geffcken, Bilderkatechismus. 1855, 8.1.
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erkannte aber, daß Cassıians ‚Collationes“ nicht ın den „24 Alten‘, sondern in den zunächst als Predigten 4) abgefaßten „24 goldenen Harpfen‘‘ des Dominikaners Johannes Nider (gest. 1438) eine freie Verdeutschung erfahren hatten. Otto von Passau wird Cassians ‚Collationes‘‘ gekannt haben, er zitiert ıhn wie viele Schriftsteller; hätten wir keine andere Erklärungs- möglichkeit, so würden wir uns mit diesem literarischen Vorbild für die Übernahme der vierundzwanzig Ältesten zufrieden geben müssen. Das Thema der vierundzwanzig Ältesten ist jedoch zeit- geschichtlich tiefer begründet. Eine breitere Fundierung läßt die Ausbreitung eines Kultes der vierundzwanzig Ältesten um die Wende des 14.zum 15. Jahrhunderts erkennen.
Die vierundzwanzig Ältesten stammen aus der Apokalypse des Johannes. Sie sitzen um Gottes Thron und beten ıhn an; sie sind mit verschiedenen Attributen ausgestattet: „Und um den Stuhl [Gottes] waren vier und zwanzig Stühle, und auf den Stühlen saßen vier und zwanzig Älteste mit weißen Kleidern angetan, und hatten auf ihren Häuptern güldene Kronen“ (Ap.IV 4), „... und hatten ein jeglicher Harfen und güldene Schalen voll Räucherwerks, das sind die Gebete der Heiligen“ (Ap.V 8); vgl. ferner Ap. IV 10; V 14; XI16; XIX 4. Die Einordnung in die unmittelbare Umgebung Gottes mußte den vierundzwanzig Ältesten in der katholischen Heortologie eine besondere Stellung sichern. So finden sie sich in der orientalischen Kirche in den offiziellen Festkalender aufgenommen und werden bei den christlichen Kopten am 24. Hator (= 2. Dezember) ver- ehrt: Festum viginti quatuor Seniorum in circuitu throni Dei sedentium, qui et Seraphim vocantur5). Sie sind über alle Heiligen und geistigen Klassen erhaben, weil sie Gott am nächsten sınd. In enger Anlehnung an die betreffenden Stellen der Apokalypse fällt ihnen eine entscheidende Mittlerrolle
s) Meister Eckhart u. s. Jünger, hrsg. v. Franz Jostes. 1895.S.XXV, Anm.1; ferner S.133f. (J VIII) und S. 136 (JXXXVID.
5) F. Wüstenfeld, Synaxarıum d. i Heiligen-Kalender d. Copt. Christen. 1879, LI, S.134f. — N.Nilles S.J. in: Zeitschr. f. kathol Theol. 15 (1891), S. 174-176. — Kalendarium manuale utriusque ecclesise orient. et occident., ed. Nic. Nilles S.J. 2. Aufl. II (1897), 3.698. 711. =
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zwischen Gott und den Menschen zu: nur durch sie gelangen die Gebete der Heiligen auf der Welt, jedes Geschenk, jedes Almosen zu Gott. Daß man sie durch eine besondere Verehrung sich geneigt stimmen wollte, liegt damit nahe.
Eine offizielle Verehrung der vierundzwanzig Ältesten scheint in der abendländischen Kirche nicht stattgefunden zu haben. Gleichwohl bricht zu Beginn des 15. Jahrhunderts aller- orten eine religiöse Strömung auf, die einen Kult der vier- undzwanzig Ältesten voraussetzt. Das Hauptmotiv der Ver- ehrung ist dasselbe wie ın der orientalischen Kirche; dem Kult scheinen einige speziellere Eigentümlichkeiten beigefügt zu sein. Die Gleichläufigkeit der Erscheinung in der morgenländischen und abendländischen Kirche läßt auf eine engere Beziehung als nur die gemeinsame Quelle der Apokalypse schließen ; die Zu- sammenhänge und Entwicklung im einzelnen lassen sich indes nicht aufdecken.
Das bekannteste und bedeutendste Beispiel für den abend- ländischen Kult ist die „abergläubische Verehrung der vierund- zwanzig Ältesten‘“ in Judenburg (Steiermark). Die Bewegung ist nur mittelbar aus dem Dekret zu erkennen, das die um eine Entscheidung angegangene theologische Fakultät der Wiener Universität am 17. Oktober 14196) durch Nikolaus von Dinkels- bühl erlassen hat?). In der Wiener Universitätsgeschichte apielt
6) Das Abfassungsdatum schwankt in der handschriftlichen Uber- lieferung (s. die Zusammenstellung der Hss. in der Beilage I): es findet sich: 1420 (clm. 11749); 17. Okt. 1420 (clm. 15543, Maria Saal); 26. Okt. 1420 (Hess. in Innsbruck, Erfurt); 17. Okt. 1421 (clm. 14884, Wien, St. Florian) usw. usw. Wir werden daher berechtigt sein, die handschriftliche Überlieferung auszuschalten und nach den Wiener Uni- versitätsakten das Dekret der theologischen Fakultät auf den 17. Ok- tober 1419 zu datieren (Kınk, Gesch. d. k. Univ. z Wien. I 2, S. 21). — Zu derselben Datierung gelangen Haupt 1892 und Franz 8.174, Anm. 4 (s. die folg. Anm.).
?) Das Dekret ist als Beilage I abgedruckt. — Der erste, der auf dieses Dekret wieder aufmerksam machte, war der “unermüdlich fleißige’ Augustiner Xystus Schier in Wien (1728-1773). dessen nur handschriftlich vorhandene ‘Collectanea de erroneo cultu XIV. Seniorum in superiori Styria et Carinthia circa a. 1420’ sich jetzt auf der Wiener Nat.-Bibl. als Cod. 7237 (Pars II) befinden; das Schrift- chen umfaßt 4 Bil., s. Tabulae Codd. Mss. V (1871), p. 107 und Nova
das Dekret eine nicht unwichtige Rolle für die Bestrebungen der theologischen Fakultät, bei Irrlehren und Häresien als eine vom Papst anerkannte Instanz zu gelten und Entscheidungen treffen zu können; als die Fakultät 1451 dieses Privileg erlangt hatte, nannte sie sich „‚apostolica auctoritate haereticae pravitatis inquisitrix‘“. Nikolaus von Dinkelsbühl (gest. 1433) steht bei diesen Bestrebungen als machtvolle Persönlichkeit zwischen Heinrich von Langenstein (gest. 1397) und Thomas Ebendorfer von Haselbach (gest. 1464).
Nach den Widerlegungen des Dekretes waren die Haupt- punkte bei der Verehrung der vierundzwanzig Ältesten folgende. Man glaubte, daß Gott sich an den ersten Donnerstagen jedes Vierteljahres mit den vierundzwanzig Ältesten beriete und zum ersten Male festsetzte, was in dem künftigen Quartal geschehen, welche Menschen sterben oder leben, was ihnen Gutes oder Schlechtes zustoßen sollte. Durch diese überragende Bedeutung der vierundzwanzig Ältesten für die Schicksalsbestimmung der Menschen entstand die Vorstellung eines gesonderten Standes, der über die anderen Heiligen erhaben sei und eine von den übrigen Heiligen der Apostel, Märtyrer, Propheten usw. unter-
Bibliotheca Ecclesiastica Friburgensis. V 2 (1780), p. 246. Schiers Zu- sammenstellungen wurden von Klüpfel (p. 381) und von Franz (S.175, Anm. 3) ausgewertet; sie blieben bei der vorliegenden Unter- suchung unberücksichtigt. — Engelbert Klüpfel, De erroneo cultu XXIV. Seniorum. [Nova Bibl. Eccles. Friburg. VII2 (1785), p. 370 bis 382.] — Mich. Denis, Codd. mss. theol. bibl. palat. Vindobonensis lat. 12 (1794), Sp. 2287-2290. — Rud.Kink, Gesch. d. kais. Univ. zu Wien. Il (1854), S. 167-170; I2, S.21f. — Jos. Aschbach, Gesch. d. Wiener Univ. I (1865), S. 300 £.; vgl. a. S. 430-440. — Phil. Strauch in: ADB 24 (1887), S.743f. — Hugo Weishäupl Can. Reg., Abergläubische Verehrung. d. vierundzw. Altesten d. Apokalvpse z. Anf. d. 15. Jahrh. [ Zeitschr. f. kathol. Theol. 15 (1891), S. 172-174.] — Herm. Haupt, Ketzer u. Sekten d. M.-A. [ Zeitschr. f. Kirchengesch. 13 (1892), 8.473, Nr.148.] — Zeitschr. f. kathol. Theol. 19 (1895), S. 389. — Herm. Haupt, Inquisitation, Aberglauben, Ketzer u. Sekten d. M-A. [’Zeit- schrift f. Kirchengesch. 16 (1896), S. 514, Nr.7.] — Adolph Franz, D. Messe ı. dtsch. M.-A. 192, S. 172-177. — P. Josef Löw C.Ss.R., Kleiner Gurker Domführer. 3. Aufl. Klagenfurt 1930, S.50f. — Die Kenntnis dieser Literatur verdanke ich z. T. den freundlichst mitgeteil- ten Hinweisen von Philipp Strauch in Halle.
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schiedene Ordnung bildee Der Kult der vierundzwanzig Ältesten blühte infolgedessen an den ersten Quartalsdonnerstagen besonders. Es wurden ihnen besondere Messen mit besonderen Zeremonien und Gebeten gelesen; sie wurden in Bildern ab- gebildet und durch erfundene Namen verehrt; man weihte ihnen zu einem bestimmten Zeitpunkt, in bestimmter Anzahl und auf bestimmte Art angezündete Kerzen und dergleichen mehr. Die ausführlichen Gründe, die die Wiener theologische Fakultät zur Ablehnung dieser Hyperdulie der vierundzwanzig Ältesten ver- anlaßten, können in dem Dekret selbst nachgelesen werden (Bei- lage I). Vor allem war es der, daß die erstmalige Festsetzung der Zukunft am Beginn jedes Vierteljahres der göttlichen Un- wandelbarkeit und unendlichen Weisheit widersprach. Die Wiener Theologen zweifelten in keiner Weise an der Heiligkeit der vierundzwanzig Ältesten, nur wandten sie sich aufs schärfste dagegen, daß die vierundzwanzig Ältesten eine gesonderte, den anderen Heiligen übergeordnete Stellung inne hätten. Ob die häretische Erregung in Judenburg durch das Dekret beigelegt wurde, wissen wir nicht; es sind uns keine weiteren Nachrichten erhalten.
Durch den Judenburger Kult gewinnen andere handschrift- liche Notizen eine überraschende Aufhellung. Nikolaus von Dinkelsbühl hatte geschrieben, daß die vierundzwanzig Ältesten „eum nominibus ignotis ipsis in nulla scriptura appropriatis“ verehrt würden. Diese Namen sind uns überliefert. In einer ganzen Reihe von Handschriften finden sie sich in dem Werke Ottos von Passau den 24 Kapitelüberschriften eingefügt (Bei- lage II 1 u. 2); andere abweichende Namen finden sich unab- hängig von dem Werke Ottos von Passau in einer Klagenfurter (Beilage III 2), Göttinger und Westerwinkeler Handschrift (Beilage IV 2 und 4). Eine Erklärung für diese Namen kann und braucht hier nicht gegeben zu werden; es ist aber möglich, daß Nikolaus von Dinkelsbühl recht hat, wenn er sagt „sub quibus posset aliquid ad cultum daemonum pertinens aut aliud illicitum latere“,
Unabhängig neben diesen Namen finden sich lateinische und deutsche Eigenschaftsbezeichnungen der vierundzwanzig Ältesten. Zweimal losgelöst von dem Werke Ottos von Passau
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in einer bairischen Handschrift aus dem ersten Viertel (clm. 5954) und in einer bairisch-österreichischen Handschrift aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts (Klagenfurter Hs.); dreimal ın Handschriften, die die ‚24 Alten‘ des Otto von Passau ent- halten (Nr.17. 42. 44). Siehe Beilage III.
Nikolaus von Dinkelsbühl spricht von einer „adoratio in sanctis fictis‘; auch Beispiele dieser Gebete sind überliefert, ohne eine Beziehung zu dem Werke Ottos von Passau zu zeigen. Eine Wolfenbütteler Handschrift aus dem Ende des 15. Jahr- hunderts, die aus einem Nonnenkloster in Braunschweig stammt, eine Westerwinkeler Handschrift, wahrscheinlich aus einem west- fälischen Frauenkloster, und ein Göttinger Kodex aus dem An- fang des 16. Jahrhunderts, ebenfalls in Klausner- oder Nonnen- kreisen beheimatet, enthalten je ein niederdeutsches Gebet an die vierundzwanzig Ältesten; in einer Trierer Handschrift, die im dritten Viertel des 15. Jahrhunderts in der Paderborner Diözese entstanden ist, findet sich ein lateinisches Gebet. Auf derselben Linie liegt es, wenn der Mönch von Salzburg in einer „Litanei von allen Heiligen‘ mit den Engeln und der Jungfrau Maria zusammen auch die vierundzwanzig Ältesten anruft, deren Kenntnis ıhm durch einen lateinischen, von ihm selbst ver- deutschten Hymnus ‘Ave virginalis forma’ des Schulmeisters Jakob von Mühldorf vermittelt sein mag, und wenn sie, ebenfalls mıt anderen Heiligen zusammen, in einem lateinischen Liebes- zwang zur Hilfeleistung zitiert werden, wie das ein Kleriker am Niederrhein im 15. Jahrhundert tut. Siehe Beilage IV.
Das Dekret verbietet weiter „ut non pingantur certis ima- gınibus““. Nun, derartige ‘Andachtsbilder’ sind nicht erhalten; auch Spamer, der diesen Bilderkreis in einem umfangreichen Werk publiziert hat, berichtet nichts darüber ®). Trotzdem ist es sehr wohl möglich, daß sich dieser Typus des kleinen An- dachtsbildes in den zahlreichen illustrierten Handschriften des Werkes Ottos von Passau erhalten hat. Verschiedene landschaft- liche Typen in der Darstellung der Alten könnten auf lokale Sonderentwicklung zurückgehen (vgl. dazu Teil III, Kap. II).
°) Ad.Spamer. Das kleine Andachtsbild vom 14. bis zum 20. Jalırh. 19.
Zus, m
Die weit zerstreuten Mitteilungen über den Kult der vier- undzwanzig Ältesten sind Zufallsergebnisse. Da es sich um Auf- zeichnungen kleinsten Umfanges handelt, wird ın Handschriften- Katalogen meist nur summarisch darüber berichtet, so daß der- artige Notizen der Forschung dadurch entzogen sind. Es ist da- her durchaus denkbar, daß noch eine Reihe weiterer Zeugnisse gefunden werden können, die Bestimmteres über eine räumliche und zeitliche Ausbreitung dieses Kultes erkennen lassen. Selbst ob eine Südnordwärts-Wanderung des Kultes im 15. Jahrhun- dert stattgefunden hat, soll nicht mit Bestimmtheit behauptet werden ; die mitgeteilten Zeugnisse scheinen das zu belegen, doch kann hier auch die Zufälligkeit des Materials mitspielen.
Adolph Franz hat dem Kult der vierundzwanzig Ältesten die bisher ausführlichste Darstellung gewidmet?). Das in den Beilagen II-IV mitgeteilte Belegmatcrial war ihm noch unbekannt geblieben. Die neuen Zeugnisse stützen die Anschauung von Franz vollkommen 10). Nur ein Punkt wird noch deutlicher. Franz glaubt Spuren der Verehrung der vierundzwanzig Ältesten bis ins 9. Jahrhundert zurückverfolgen zu können. Das ist sicher richtig; selbst wenn wir keine Zeugnisse hätten, müßten wir das annehmen, worüber noch zu sprechen ist. Aus dem 9. Jahrhun- dert nennt Franz ein liturgisches Dokument, in dem die vier- undzwanzig Ältesten erwähnt werden; eine St.Galler Hand- schrift des 10. Jahrhunderts enthält als Eintrag von jüngerer Hand 22 auf die vierundzwanzig Ältesten bezügliche Namen; auch Caesarius von Heisterbach erwähnt sie in seinem „Dialogus Mıiraculorum““ (abgefaßt 1219-1223). Das ist eigentlich alles. Abt Rupert von Deutz (gest. 1135) spricht in seinem Kommen- tar zur Apokalypse ausführlich über die vierundzwanzig Ältesten, aber er sagt kein Wort über einen ihnen geweihten
°») Ad. Franz, D. Messe ı. dtsch. M.-A. 1902, S. 172-177.
10) Franz teilt S.176f. namentlich Meßvorschriften und einzelne Meßtexte mit. Einen weiteren interessanten Beleg des 15. Jahrh. aus der Hs. der Wiener Nat.-Bibl. Cod. 14545, Bl.13 druckt er 8.272 f. ab. — Eine bei Klüpfel S. 373, Anm. erwähnte Messe in einem Mill- stätter Perg.-Kodex des 15. Jahrh. scheint den zahlreichen verschol- lenen Has. dieser Bibliothek zugerechnet werden zu müssen [H. Men- hardt in: Zentralbl. f. Bibl.-Wesen 40 (1923), S. 129-142].
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Kult, was doch beachtenswert ist. Ob Caesarius von Heister- bach (gest. um 1240) ın einer verlorenen polemischen Schrift
gen die Häresien seiner Zeit die vierundzwanzig Ältesten er- wähnt, ist ungewiß, darf aber wohl bezweifelt werden !!). End- lich zitiert Franz einen Passus aus einer Predigt Bertholds von Regensburg (gest. 1272), in dem von den Quatemberfest- setzungen Gottes die Rede ist; die vierundzwanzig Ältesten werden aber von Berthold gar nicht genannt und können ebenso- gut auch erst später, als sie allgemeiner bekannt wurden, mit diesen Ratssitzungen zusammengekoppelt worden sein 1?). Wo wir also vor dem 14. Jahrhundert auf eine Verehrung der vier- undzwanzig Ältesten hinweisende Zeugnisse besitzen, sind diese vorsichtiger auszuwerten und kritischer zu betrachten als die zahlreichen Belege des 15. Jahrhunderts; die Verehrung wird in lokaler, wahrscheinlich auch zeitlicher Begrenztheit geblieben sein. Die Voraussetzung derartiger Erwähnungen müssen wir in der Kenntnis religiös interessierter oder gelehrter Kreise suchen, ohne daß wir berechtigt wären, aus diesen Zeugnissen einen von weiten Volksschichten getragenen Kult der vierundzwanzig Ältesten zu erschließen. Auch bei den Spruchdichtern des späten 13. Jahrhunderts entspringt die Kenntnis der vierundzwanzig Ältesten nicht aus einer Volkstradition, sondern ist eine Remini- szenz ihrer polyhistorischen Gelehrsamkeit. Der Meißner ist der erste, der die vierundzwanzig Ältesten aus der Bibel über- nımmt 13). Ziemlich gleichzeitig werden sie bei dem Norddeut- schen, wohl aus Rostock stammenden, Hermann Damen (gest. vor 1287) erwähnt 1%), und von ihm bezieht der mit Damen in Berührung stehende Frauenlob (gest. 1318) seine Weisheit, um die vierundzwanzig Ältesten bei einer Aufzählung noch in eine
11) Anton E.Schönbach in: Sitz-Ber. d. Phil.-hist. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. Wien 144 (1902), IX. Abhandlung, S.9 u. 45, Nr.25 u. 29.
12) Franz a.a. 0. S. 173£.
15) F.H. v.d. Hagen, Minnesinger 3 (1838). S. 98, Str. VILL, 1, 13. — D. Jenser Liederhs Hrsg. v. G. Holz, F.Saran u. E. Bernoulli. 1901. 1, S. 151£., Str. 66 u. 2, S. 59.
u) HMS 3, S. 168, Str. V, 6, 5; 4, S.743b. — D. Jen. Liederha. 1, S.211, Str. 33. — H.Onnes, De Gedichten van H. der D. Diss. (iro- ningen 1913, S.108, Str. V,6; S. 127. — P.Schlupkoten, II.D. Mar- burger Diss. 1913, S. 50.
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übervolle Strophe mit hineinzupressen !5). Um dieselbe Zeit er- scheinen ‚die vierundzwenzic rätman‘“ in der geistlichen Dich- tung ‘Die Erlösung’ in dem Thronrat Gottes; auch Heinrich von Nördlingen, der ein biblisches und ein allegorisch-mystisches Bild in einem Brief vom Jahre 1339 verquickt, um seiner Humilität gegenüber Margaretha Ebner übertriebenen Ausdruck zu verleihen, lehnt sich sichtbar an die Apokalypse an: ‚von was wunderlich vermessenhait sol ich auf richten min antlütz, da die fier und zwainzig alten auf ire antlütz fallen für den thron, da der alt der tag [= Gott] sitzet in grünender jugent mit siner ausz erwelten fründin 16)?“
Die älteren Zeugnisse zeigen, daß die Tradition nie ganz abrıß; sie sind sichtbare Schrittsteine auf dem Wege, den die Verehrung der vierundzwanzig Ältesten hie und da fand. Eine anschwellende, allenthalben sich durchsetzende Steigerung dieser Verehrung zum wirklichen Kult erfuhr die Bewegung — das erhärten auch die weiteren Zeugnisse bei Franz — doch erst im ausgehenden Mittelalter, vielleicht schon im 14., vollends aber ım 15. Jahrhundert. Und das hat auch seine inneren Gründe. Bildet doch der Kult der vierundzwanzig Ältesten keine Be- sonderheit; derartige Erscheinungen sind vielmehr für das späte Mittelalter symptomatisch 17). Die Meßvorschriften werden aus eigner Machtvollkommenheit abgeändert und durch Einfügun- gen von Gebeten, Hymnen, Verehrungen, die dem Kult beson- derer Heiliger dargebracht wurden, selbständig erweitert. Es
15) HMS 2, S. 342, Unser Frouwen leich Str. 19, 10. — H. Hoff- mann v. Fallersleben, Fr. Marienleich. [Altdtsch. Bll.2 (1840), S. 306, V, 483.] — L.Ettmüller, H.s v. Meißen, des Fr., Leiche, Sprüche. Streitged. u. Lieder. [Bibl. d. ges. dtsch. Nat.-Lit. I, 16.] 1843, S. 14, Str. 19, 10. — L. Pfannmüller, Fr.s Marienleich. [Quellen u. Forsch. 120.] 1913, S.70.
16) Die Erlösung. Eine geistliche Dichtung des 14. Jahrh. Hrsg. v. Friedrich Maurer. [Deutsche Literatur. Sammlung lit. Kunst- u. Kulturdenkmäler in Entwicklungsreihen. Reihe: Geistl. Dichtung d. Mittelalters. Bd.6.] Leipzig 1934. S.37, V.385. Die Dichtung ist ins letzte Viertel des 13. Jahrh. zu setzen. — Margaretha Ebner u. Heinrich v. Nördlingen. Hrsg. v. Phil. Strauch. 1882, S. 226, Brief 35, 11-15; S. 362.
17) Vgl. a J. Huizinga, Herbst d. Mittelalters. 2. Aufl. 1928, S. 215 ff.
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zeigen sich Bestrebungen, die alle darauf gerichtet waren, sich dıe Zugänge zum ewigen Leben auf jede nur mögliche Weise zu sichern. Ein frommes Leben allein genügte nicht, man suchte sich Fürsprecher im Himmel zu schaffen, und bei dieser Über- steigerung abergläubischer Adorationen ging man nur zu oft über das Ziel hinaus. Die Kirche mußte dauernde Bereitschaft halten, um derartigen Auswüchsen sofort entgegenzutreten. Nikolaus Magni von Jauer, der in seinem 1405 abgefaßten und ın der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts weit verbreiteten „Iractatus de superstitionibus‘‘ manchen wertvollen Hinweis auf die abergläubischen Wucherungen seiner Zeit bringt, ver- bietet jede eigenmächtige Veränderung des Kultes: „Ex his sequitur, quod non licet in divino cultu addere propria auctori- tate hympnos et sequencias, historias novas aut quecunque alia absque superiorum approbacione, et minus licet divinum cultum approbatum et debitum corripere et sincopare et minuere. ... Et quia dictum est de oracionibus sciendum est, quod non modica supersticio circa eas reperitur. Vnde plurimi credunt, quod certe oracıones de necessitate obtineant quidquid in ipsis postulauerint, quod est omnino erroneum, quia in uoluntate dei est et eius pacto, audire oracionem et eam implere, et propter hoc errant ıllı valde dicentes, quod per certas missas, puta sex uel triginta, certitudinaliter redimant animas de purgatorio‘ etc. etc. 18). Die Verehrung der vierundzwanzig Ältesten in Judenburg bildet wenige Jahre später ein schlagendes Beispiel für diese Sätze. Das Urteil der Wiener Fakultät deckt sich völlig mit der Ansicht des Heidelberger Professors. Auch in späteren Jahren wurde diese Meinung in kirchlichen Kreisen durchaus aufrecht erhalten; es genüge hier, auf eine Stelle der ‘Himmelsstraße’ des Propstes am Wiener Dorotheenstift Stephan Landskranna (gest. 1477) hinzuweisen, ın der es heißt: Gegen das erste Ge- bot Gottes handeln ‚‚des gleichen die jn jrem herezen halten oder gelauben oder außwendig reden, vnfer herr fey nicht almächtig oder gerecht, oder wıß nicht oder feche nit alles, das jn der welt gefchicht oder er fey nicht überal gegenwürtig, oder er acht nit,
1) Ad. Franz, D. Magister Nikolaus Magni de Jawor. 1898, S.179, Anm.1 und S. 187.
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was die menfchen tünt, oder er verheng nit rechtlich etliche ding. Als das er dieböfen nicht tödt oder peiniget, oder die frommen alfo läft vmbtreiben, oder als vil leiden oder er hab ratt der ‚xxiilj. alten, von den gefchriben fteet jm der heymlikeit !°).““
Als Problem für unsere Darstellung ergibt sich: was haben all diese Zeugnisse über den Kult der vierundzwanzig Altesten mit dem Werke Ottos von Passau zu tun? Ist Otto von Passau der mächtige Erneuerer dieses Kultus gewesen, ist er in seinem Werk von dem bereits zu seiner Zeit bestehenden Kult beein- flußt, oder geht beides unabhängig nebeneinander her und be- rührt sich nur oberflächlich? Diese Fragestellung ist keineswegs neu, doch ist sie, seit sie am Ennde des 18. Jahrhunderts zum erstenmal gestellt wurde, weder beantwortet noch auch von den meisten neueren Forschern überhaupt gekannt worden. Dem kenntnisreichen Augustiner-Professor Engelbert Klüpfel zu Freiburg im Breisgau gebührt das Verdienst, in einem Aufsatz „De erroneo cultu XXIV. Seniorum‘“‘ vom Jahre 1785 öffent- lich zuerst auf diese Zusammenhänge hingewiesen zu haben. „Quis fuerit primus, qui tam ineptam fabulam confingeret, affingeretque verbis Apocalypseos mentem alienissimam, frustra hactenus indagaui. Id solum scio, Ottonem quendam Passauien- sem ea de re librum scripsisse idiomate Theodisco. Hunc ODttonem haereseos fautorem fuisse suspicor 20). Auch Denis weiß um diese Dinge: „Quid si Autor noster [Otto von Passau ] isthoce suo ÖOpere innocenter huic cultui ansam praebuisset, hominibus crudis et simplicibus ea ad literam exigentibus, quae ille d&AAnyopoupeva scripsit 21)?‘ Von neueren Gelehrten haben nur Philipp Strauch ??) und Adolph Franz?) die Tatsache als
19) Steph. Lanzkranna, Die hymel Straß. Augsburg, Anton Sorg. 1484, Bl.41° = J. Geffeken, Bilderkatechismus. 1855, Sp. 11l. — Ab- lehnungen :des Kultes der 24 AÄltesten bei Nik. v. Dinkelsbühl und Thom. Ebendorfer v. Haselbach, nach Schier angeführt bei Klüpfel, S.380 f. und bei Franz, 8. 175, Anm. 3.
20) Klüpfel S. 374; über s. Vorgänger Schier s. Anm.T.
s1) Mich. Denis, Codd. mss. theol. bibl. palat. Vindobonensis lat. 12 (1794), Sp. 2166.
»») ADB 24 (1887). S. 743 £.
3) A. Franz, D. Messe L dtsch. M.-A. 1902, S. 176.
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solche gestreift, das Problem ist einer Lösung dadurch keines- wegs näher gebracht worden. Eins jedenfalls ist sicher: das Werk Ottos von Passau gehört noch dem 14. Jahrhundert an, das Anschwellen des Kultes läßt sich nach den literarischen Zeugnissen erst seit dem beginnenden 15. Jahrhundert verfolgen. Eine befriedigende Lösung läßt sich nach dem bisherigen Mate- rial noch nicht geben. Wir müssen den Versuch von anderer Seite aus unternehmen.
II. Kapitel.
Alphabetreihen und Bilddarstellungen.
Die lateinischen Eigenschaftsbezeichnungen der vierund- zwanzig Ältesten, die als Beilage III mitgeteilt sind, haben eine Eigentümlichkeit, die aus dem Spieltrieb der Zeit erwachsen zu sein scheint: von 12 bis 1 und von 13 bis 24 gelesen, lassen die Anfangsbuchstaben eine alphabetische Ordnung erkennen, die ehemals vollkommen gewesen sein mag, in den Fassungen der Handschriften aber durcheinandergeschüttelt ist und variiert. Das Prinzip indessen ist deutlich und wäre alleinstehend von nicht allzu großem Belang. Zum Problem wird diese Er- scheinung aber, wenn auch die 24 Reden der Alten in dem Werke Ottos von Passau jeweils mit einem Buchstaben des Alphabets beginnen in der Reihenfolge ABCDEFGHJ KLMNOPQRSTUXYDZW. In vereinzelten Fällen finden sich die lateinischen Eigenschaftsbezeichnungen auch in dem Werke Ottos von Passau, und es erhebt sich von neuem die Frage: ist Otto von Passau der Erfinder der alphabetischen Kapitelanfänge seines Werkes und der lateinischen Eigen- schaftsbezeichnungen, die dann, von dem Werke Ottos von Passau losgelöst, ein Eigenleben entfaltet und in dieser gesonderten Form Aufnahme in andere Handschriften gefunden hätten, oder sind die lateinischen Eigenschaftsbezeichnungen anderen Ur- sprungs und haben möglicherweise das Schema für den alpha- betischen Turnus in dem Werke Ottos von Passau abgegeben, kurz überlieferter Kultus oder bewußte Literaturschöpfung?
Ein Unterschied ist von vornherein deutlich. Während bei dem Werke Ottos von Passau die Abfolge des Alphabets kon-
Schmidt, Die 24 Alten Ottos von Passau. 2
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tinuierlich von A bis W läuft, divergiert der alphabetische Be- ginn der lateinischen Eigenschaftsbezeichnungen darin, daß er nach der Mitte zu ausgerichtet ist und die erste und letzte Eigen- schaftsbezeichnung die äußeren Glieder zweier Hälften dar- stellen. Das ist nicht Zufall. Zugrunde liegt eine bildliche Vor- stellung: von den um Gottes Thron sitzenden vierundzwanzig Ältesten ordnen sich zu seiner Linken die mit den Eigenschafts- bezeichnungen a bis h, zu seiner Rechten die entsprechenden von j bis v. Der richtunggebende Mittelpunkt ist Gott. In der Apokalypse des Johannes treten die vierundzwanzig Ältesten stets als Gesamtheit auf, von einer Teilung in zwei Hälften ist nirgends die Rede. Die Zweiteilung stammt aus den Darstellun- gen in der bildenden Kunst. Wenn es auch möglich ist, daß Otto von Passau einmal bei den Kapitelanfängen den glatten Ablauf des Alphabets zum Prinzip erhob, bei den lateinischen Eigenschaftsbezeichnungen dagegen die gebrochene Alphabet- reihe nach dem Muster der bildlichen Darstellung wählte, so ist diese Polarität doch wenig wahrscheinlich. Wir müssen die Lösung von anderer Seite aus versuchen.
Ein glücklicher Zufall hat in dem Simeonkloster bei Assuan (Oberägypten) ein Fresko erhalten, auf dem Christus dargestellt ist, „vor ihm vier geflügelte Gestalten, die vier So« am Gottes- thron Hesekiels, darunter 24 andere‘ Gestalten, die richtig auf „die 24 npeoßütepor der Johannesoffenbarung“ gedeutet sind !). Unter den vierundzwanzig Ältesten finden sich die Unter- schriften: «an, BanA, yanı usw.bis warn). Der Kultus der vierund- zwanzig Ältesten bei den christlichen Kopten gewinnt damit für das Wiederaufleben im Abendland entscheidende Bedeutung.
Welchen Sinn das untergesetzte Alphabet in bezug auf die vierundzwanzig Ältesten hat, kann hier nicht endgültig ent- schieden werden?). Den wahrscheinlichsten Anhaltspunkt
1) Franz Dornseiff, Das Alphabet in Mystik und Magie. (Stoi- cheia. 7.) 2. Aufl. 1925, S. 143, Anm. 5; 8.168, Nr.V 8.
2) Bei Dornseiff sind verschiedene Möglichkeiten angedeutet, vgl. S.11£., 88, 97f.; S.168. Doch sind diese Erklärungsversuche bereits durch Dornseiff selbst widerlegt. — Ein anderes Problem ist die Her- kunft der vierundzwanzig AÄltesten selber. „Die Frage, wer die 24 Ältesten sind, hat von jeher den Exegeten große Schwierigkeiten
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scheint eine bei Dornseiff mitgeteilte Geschichte in einer späten tunesischen Handschrift von 1001 Nacht zu bieten, in der das ganze kabbalistische System auseinandergesetzt wird: „Wisse denn, mein Sohn, daß die Buchstaben ın Beziehung zu den Engeln stehen, jeder Buchstabe wird von einem Engel be- herrscht, und fragst du mich, was ein Engel sei, so antworte ich dir, es ist ein Strahl oder ein Ausfluß der Tugenden oder der Allmacht und der Eigenschaften Gottes. Die Engel, welche in der irdischen und himmlischen Welt wohnen, beherrschen die, welche auf unserer irdischen weilen. Die Buchstaben bilden die Wörter, die Wörter wiederum die Gebete, und es sind nun die Engel, welche, bezeichnet durch die Buchstaben und versammelt in den geschriebenen oder gesprochenen Gebeten, Wunder wirken, ob welcher die gewöhnlichen Menschen staunen 3).““ Dornseiff selbst weist auf die Parallele in dem Assuaner Fresko hin *). Derselbe Gedanke, nur vom Menschen aus gesehen, liegt im 17. Jahrhundert Moscheroschs Soldatengebet zugrunde: „Wann ich Morgens auffstehe, so spreche ich ein gantz A.B.C., darinen sind alle Gebett auff der Welt begriffen, vnser Herr Gott mag sich darnach die Buchstaben selbst zusamen lesen vnd Gebette drauß machen, wie er wıll, ich könts so wol nicht, er kan es noch besser 5).‘“‘ Der Kult der vierundzwanzig Ältesten läßt diese Erklärungsmöglichkeit durchaus zu: die Buchstaben
bereitet.“ Es genügt hier, darauf hinzuweisen, daß die ältere Auf- fassung, die noch E. Lohmeyer (D. Offenbarung d. Joh. 1926, S.43 f.) vertritt und die in den vierundzwanzig Ältesten Repräsentanten einer himmlischen Gemeinde in Analogie zu den irdischen 24 Priester- klassen des Judentums sah, durch Gunkels Untersuchung (Schöpfung u. Chaos. 1894, 8. 302-8) dahin geändert ist, daß es sich um eine Übernahme von 24 babylonischen Sterngottheiten handelt: als Spruch- kollegium vor der höchsten Gottheit halten sie Gericht über das Welt- all. Gunkels Darlegung wird mit gewissen Modifizierungen von W.Bousset (D. Oftenb. Joh. 1906, S. 245-7), H. J. Holtzmann (Ev., Briefe u. Offenb. d. Joh. 1908, S.439 f.), Fr. Boll (A. d. Offenb. Joh. 1914, S.35f.) u. a. übernommen.
2) Dornseiff S. 143.
“) Dornseiff S. 143, Anm. 5.
5) Dornseiff S.78. — Hanß Michael Moscherosch, Gesichte Phi- landers von Sittewald. Hrsg. v. F. Bobertag. [Kürschners Dtsch. Nat.- Litt. Bd. 32] 1883. II6 (Soldaten-Leben), 9. 305.
2%
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bilden die Wörter, die Wörter die Gebete, die Gebete werden von den vierundzwanzig Ältesten in Empfang genommen und zu Gott weitergeleitet. Dann wären die vierundzwanzig Ältesten Träger des Alphabets gewesen, jeder gewissermaßen für einen Buchstaben verantwortlich. Hie vierundzwanzig Älteste, hie vierundzwanzig Buchstaben, das mag genug Anlaß geboten haben, eine gegenseitige Beziehung herzustellen, und der in dem Alphabet steckende Zauber hatte sich ins Christliche hinüber- gerettet.
Das in Assuan untergelegte Syllabar «an\ usw. scheint eine allgemeine Zauber- und Kultformel gewesen zu sein. Im solaren Pantheismus der Spätantike wird der Zeuger des Lichts mit ıand angerufen ; bei der Bereitung eines Zaubermittels zur Dämonen- austreibung soll man sprechen twyA usw. In christlicher Zeit mögen Engelnamen wie Michael, Raphael, Gabriel, Suriel zur Erhärtung der Formel das ihre getan haben ®).
Das Akrostichon läßt sich in der lateinisch-abendländischen Dichtung von Hilarius von Poitiers (um 300-366) an verfolgen. Es knüpft sich im Mittelalter vielfach an die Hymnen-, Sequenzen-, Mariendichtung an und ist im geistlichen Gesang zu Hause’). Die Linie läuft über Augustin, Caelius Sedulius, Venantius Fortunatus, Isidor von Sevilla bis zu Hrabanus Maurus und Paulus Diaconus. Ein starkes Anwachsen dieser Künstlichkeit ist im 14. und 15. bis ins 16. Jahrhundert hinein zu beobachten. Meister Jacob von Mühldorf 8), der Mönch von Salzburg ?), der Priester Heinrich von Laufenberg 10) schwelgen in akrostichischen Mariendichtungen. Aus Niederdeutschland
6) Dornseiff 8.42, 49, 50.
?) Eine gute Übersicht gibt Dornseiff a.a. 0. S. 146-151. Ferner Phil. Wackernagel, Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts; namentlich Bd. 1 (1864) und 2 (1867).
8) Wackernagel a.a. O0. I 220£., Nr. 370.
9) Wackernagel a.a.O. II 452£., Nr. 590; 440 ff., Nr. 580. [Dieses Gedicht befindet sich auch in einer Hs. der Hamburger Staatsbibl., Cod. in scrinio 193, Bl. 51/55.]
ı0) Wackernagel a.a. O0. II 557ff., Nrr.732-734 [das letztere eine Nachahmung des Mönchs von Salzburg Nr.580] und Anm. 735/6; Goedeke, Grundriß I? (1884), S. 238.
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bringt Borchling reiches Material !!). Im 16. Jahrhundert blüht der Zweig fort; eine gute Übersicht über das Reformations- zeitalter gibt Goedeke!?). Bis zu welchen Kuriositäten das führt, zeigen die Matrikelbücher von Erfurt und Basel, in denen etwa von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis um 1600 die Matrikeleintragungen jedes Semesters je mit einem neuen Buch- staben des Alphabets in regelmäßigem Turnus beginnen 18).
Die ‚24 Alten‘ Ottos von Passau scheinen sich damit einer modischen Geschmacksrichtung unterzuordnen. Doch hat das Akrostichon hier tiefere Bedeutung und beruht auf jahrhunderte- alter Tradition. Das zeigt auch der Schluß des Akrostichons, der dem Endbuchstaben Z noch W folgen läßt. Wackernagels Kirchenlied weist zahlreiche Parallelen auf, wo bereits die vor- letzte Strophe der jeweiligen Lieder den alphabetischen Turnus mit Z abschließt, während der Anfangsbuchstabe der SchluB- strophe beliebig ausgewählt ist und aus dem festgefügten Schema herausfällt. Sollte nicht aber das Schluß-W der ‚24 Alten“ auf ein mißverstandenes griechisches w zurückgehen und damit eine letzte Erinnerung an das koptische wan\ gewahrt sein?
Das Freeko in Assuan läßt sich indessen noch nach einer anderen Richtung ausschöpfen: nach der bildlichen Darstellung der vierundzwanzig Ältesten; und hierbei ist eine deutlichere, enger an den Gegenstand gebundene Entwicklungslinie zu ziehen.
Die Ikonographie läßt sich nicht ununterbrochen nachweisen, doch stehen die Darstellungen der vierundzwanzig Ältesten in nachweislichem Zusammenhang. Den Ausgangspunkt bildet das Fresko ın Assuan. „Dans le choeur, nous avons reussi & mettre
u) ©. Borchling, Mittelniederdeutsche Reiseberichte I (1898), 8.288; III (1902), 8. 34. 133. 225 (Anm. 1). 26; IV (1914), S. 20.
12) Goedeke, Grundriß II? (1886), S.261 (8 139, 45). — Nur bei- läufig sei ein Meistergesang des 15. Jahrh. über die 24 Buchstaben des Alphabets in cgm. 1018, Bl. 33Y-34Y erwähnt
18) Erfurt: J.C. H. Weissenborn, Acten der Erfurter Univ. [Gesch.- Quellen d. Prov. Sachsen. VIIL Bd.] I (1881), S.255 f. bis etwa II (1884), 8. 384. — Basel: K. Escher, Die Miniaturen in den Basler Bibliotheken. 1917, S. 167. — Zahlreiche Abarten und weitere Bei- spiele dieser Spielerei begegnen in den Hess. und Drucken des 15./16. Jahrh. auf Schritt und Tritt.
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& jour, gräce & un ingenieux martelage, tout un tableau byzantin representant le Christ assis sur un tröne et levant la main droite pour benir: & cöte de lui se tiennent quatre personnages & longues ailes dont les noms ont disparu. Au-dessous, et formant frise, vingt-quatre personnages sont assis, designes chacun par une des lettres de l’alphabet. Ces personnages representent peut-etre les vingt-quatre vieillards de l’Apocalypse 1#).““ Dar- stellungen der vierundzwanzig Ältesten finden sich dann namentlich in altchristlichen römischen Mosaiken. Es seien nur die auf dem Triumphbogen von San Paolo fuori le mura aus dem fünften Jahrhundert genannt, die von SS. Cosma e Damiano aus dem sechsten Jahrhundert, aus dem neunten Jahrhundert die am Triumphbogen von Santa Prassede, die von Santa Cecilia, die Mosaiken des lateranensischen Tricliniums 23). Im weiteren Verlauf, namentlich im hohen und späten Mittel- alter, setzt sich die Reihe in den Miniaturen der Handschriften fort. Frimmel nennt eine Trierer Apokalypse aus dem achten Jahrhundert 16); bekannter ist die Bamberger Apokalypse aus dem ersten Jahrzehnt des elften Jahrhunderts !?), das Stutt- garter Passionale aus dem zwölften Jahrhundert 18), die Turiner Handschrift derselben Zeit !%). Weitere, namentlich französische Arbeiten werden bei Delisle und Meyer genannt 2°). In einem Kölner Tafelbild nach 1450 ist die Darstellung bereits so
14) U. Bouriant in: Recueil de travaux relatifs a la philologie et & l’archeologie egyptiennes et assyriennes. 15 (1893), S. 179.
ı5) Th. Frimmel, Die Apokalypse in den Bilderhandschriften des Mittelalters. 1885, S.5-7. — Jos. Wilpert, Die römischen Mosaiken und Malereien der kirchlichen Bauten vom 4. bis 13. Jahrh. 1916. 4 Bde. passim. — Das kunsthistorische Material und die Literatur darüber ließe sich leicht vermehren. Doch genügt es hier, auf diesen Zweig überhaupt hingewiesen zu haben.
16) Frimmel 8. 22 £.
17) Ed. Heinr. Wölfflin 1918, Tafel 7 u.ö.
18) Alb. Böckler, Das Stuttgarter Passionale 1923. — K. Löffler, Romanische Zierbuchstaben und ihre Vorläufer. 1927, S. 30, Taf. 41. — K. Löffler, Schwäb. Buchmalerei in romanischer Zeit 1928, S. 35-39, Taf. 18-21. — Vgl. a. Ad. Franz, Die deutsche Messe im Mittelalter. 1902, S. 172, Anm. 5.
19) Frimmel S. 44 f.
30) L. Delisle et P. Meyer, L’apocalypse en francais au XILII® siecle.
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stereotyp geworden, daß der Künstler eine Krönung Mariae mit den vier apokalyptischen Tieren und den vierundzwanzig Ältesten umrahmen kann ?!). Einen vorläufigen Abschluß findet die Entwicklung in Dürers Apokalypse vom Jahre 1498. Entscheidend für unsere Untersuchung sind zwei Wand- gemälde des 14. Jahrhunderts, die sich in Karlstein in Böhmen, der Burg, die Karl IV. ausmalen ließ ??), und in dem Dom zu Gurk in Kärnten finden 23). Ob das Bild der vier- undzwanzig Ältesten in der Kreuzkapelle zu Karlstein ein Adorationsbild für die vierundzwanzig Ältesten, wie die anderen zahlreichen Heiligenbilder dieser Kapelle, ist, ob es nur dar- stellen soll, wie Gott (= das Lamm) von den vierundzwanzig Altesten verehrt wird und dann etwa zu der dort befindlichen Anbetung der Könige in Parallele zu setzen wäre, bleibt offen. Gegen das erstere und für das letztere spricht, daß die vier- undzwanzig Ältesten nicht um Gott thronend dargestellt sind (Apok.IV 4), sondern sich niederwerfend, ıhn anbetend (Apok. V 8). Gleichviel welches die Bedeutung dieses Bildes ist, so bleibt es beachtlich, daß um die Mitte des 14. Jahr- hunderts eine Darstellung der vierundzwanzig Ältesten aus dem lIllustrationszyklus der Apokalypse selbständig heraus- gelöst wird, mit anderen Worten, daß die vierundzwanzig Ältesten eine verständliche Eigenbedeutung gehabt haben müssen. Mit gutem Recht ist auf den Wert dieser Feststellung Nachdruck zu legen. Mit den späteren literarischen Zeugnissen zusammengehalten, läßt sich die gesonderte Darstellung der vier- undzwanzig Ältesten in Karlstein am besten durch einen bereits damals bestehenden, auch in Böhmen bekannten Kult der vier- undzwanzig Ältesten erklären. Damit aber besitzen wir ein Zeugnis für diesen Kult vor dem Werk Ottos von Passau.
[Societ6 des anciens textes francais.] 1900/1. Introduction et texte in 8°; Reproduction phototypique in 2°. passim.
21) E. Firmenich-Richartz in: Zeitschr. f. christl. Kunst. 23 (1910), S.1-6.
22) Jos. Neuwirth, Mittelalterl. Wandgemälde und Tafelbilder der Burg Karlstein in Böhmen. 1896, besonders S. 22 £f., 73£.; Taf. XLV.
s) K. Ginhart und Br. Grimschitz, Der Dom zu Gurk. 1930, 8.103-5; Abb. 106 (Taf. 75).
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Denselben Schluß zu ziehen sind wir aber auch bei dem Ge- mälde berechtigt, das sich auf der Querhaussüdwand des Gurker Domes befindet und das 1918 unter der schützenden Tünche hervorgeholt wurde. Das Bild wird um 1380 angesetzt. Der Stifter, der sich mit seiner Frau, seinen zwei Söhnen und fünf Töchtern hat abbilden lassen, empfiehlt sich und seine Familie gleichsam dem Schutz der Ältesten und fleht sie an, seine Gebete zu Gott weiterzuleiten. Der Sinn des Bildes und der Stiftung wird erst klar, wenn ein Kult der vierundzwanzig Ältesten als bestehend und verbreitet vorausgesetzt wird. Die zeitlichen Ver- hältnisse schließen aber auch hier einen Einfluß des Werkes Ottos von Passau aus. Das Gurker Bild ist ein Zeugnis für den Kult, der vierzig Jahre später in der benachbarten Steiermark zu den bedenklichsten Folgen führte, und wenn berichtet wird, daß der untere Rand des Gurker Bildes Spuren von Kerzen- verrußung aufweist, die die Andächtigen das Bild entlang an- gezündet hatten 2*), so ist das eine handgreifliche Bestätigung „de certo numero candelarum certo modo accensarum et certo tempore‘“‘ des Wiener Dekretes.
Die bildlichen Zeugnisse lassen kaum einen anderen Schluß zu, als daß unabhängig von Otto von Passau und vor ihm ein Kult der vierundzwanzig Ältesten bestand. Im Zusammenhang . mit den in Kapitel I behandelten literarischen Urkunden läßt sich feststellen, daß dieser Kult nachweislich von der Mitte des 14. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts gedauert hat und sich von Kärnten, Steiermark, Böhmen bis Westfalen und an den Niederrhein erstreckte. Otto von Passau übernimmt die durch den Kult bekannte Heiligengruppe in sein Werk, um durch die Belehrungen der vierundzwanzig Ältesten, deren Stellung Gott gegenüber unter allen Heiligen dominierend war, der minnenden Seele einen sicheren Weg zum ewigen Leben zu weisen. Durch die Einteilung in vierundzwanzig Reden hatte er ein bequemes Mittel zur Ordnung des Stoffes; zugleich war der Titel des Werkes zugkräftig, mußte auf breite Massen wirken und ganz bestimmte Vorstellungen erwecken.
»4) P. Jos. Löw O. Ss. R., Kleiner Gurker Domführer. 3. Aufl 1930, 8.51.
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Für die Wiederbelebung des Kultes der vierundzwanzig Ältesten im 14. Jahrhundert genügt es hier, die Tatsache als solche festzustellen. Als Grund mag folgendes angedeutet werden. Seit dem Ende des 10. Jahrhunderts waren im Abend- land chiliastische Strömungen in gesteigertem Maße wieder- aufgetaucht, Anschauungen von der Wiederkehr. des tausend- jährigen Reiches, die seitdem nie versiegten und in den kommenden Jahrhunderten sporadisch immer wieder auftraten. Das Jahr 1000 brachte den ersten günstigen Zeitpunkt für das Auftauchen dieses Gedankens. Im 12. Jahrhundert griff ihn der „Ludus de Antichristo“ auf. Nach dem Tode Friedrichs ID. erwartete man von der Rückkehr des Kaisers die Erneue- rung eines besseren und schöneren Daseins; später wurde die Hoffnung auf Friedrich Barbarossa übertragen. Im 14. Jahr- hundert erneuerten die furchtbaren Verheerungen der Pest chiliastische Vorstellungen; bei der Geißlerbewegung spielten sie eine bedeutende Rolle. Genährt aber wurden diese An- schauungen in der christlichen Welt durch die Offenbarung des Johannes. Damit erhielt auch das Bekannterwerden der vier- undzwanzig Ältesten in größeren Kreisen einen neuen Anstoß. Bei der bedeutenden Stellung, die sie nach der Apokalypse im Himmel einnehmen, wurde ihre Verehrung bald zum Kult und breitete sich im 14. und 15. Jahrhundert mächtig aus.
II. Kapitel. Das Werk Ottos von Passau.
Ein unter dem Titel ‚Die 24 Alten‘ erscheinendes Werk mußte bei weiten Kreisen des Volkes bekannte Vorstellungen erwecken oder doch Gedanken hervorrufen, unter denen sich jeder etwas ganz Bestimmtes vorzustellen in der Lage war. Wir werden das kaum anders zu verstehen haben, als daß Otto von Passau durch die Wahl des Titels und die Gestaltung seines Werkes eine bewußt werbende Wirkung auf die breite Masse des Publikums ausüben wollte. Der Kult der vierundzwanzig Ältesten bot den Rahmen, der abgesteckt werden mußte, um dem Werk Ottos von Passau den ihm gehörigen Platz anzuweisen. Wir werden jetzt die Frage zu erörtern haben, ob auch der Inhalt
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des Buches wie seine äußere Einkleidung auf eine Wirkung beim Publikum berechnet war und dem Geschmack der Menge ent- gegen kommen sollte.
Es ist eine oft behandelte Tatsache, daß sich im ausgehenden Mittelalter ein neues Verhältnis des Menschen zu Gott durch- setzte. Die Führung des Gläubigen zu Gott und seinen Heiligen hatte bisher die Kirche übernommen, man war ihrer Leitung gefolgt und hatte sich ihr bedingungslos überlassen. Die Lehren der Kirche waren die Richtschnur des Lebens und sicherten dem Einzelnen ein ewiges Leben nach dem Tode. Kirche und Religion bildeten für die große Schar der Gläubigen eine Einheit, die eine entscheidende Voraussetzung für das Erfassen mittelalterlichen Lebens überhaupt ist.
Als sich aber gegen Ende des Mittelalters eine immer stärkere Auflösung der Kirche und im Zusammenhang damit auch eine Kritik an ihren Vertretern anbahnte, mußte das auf die religiöse Einstellung des Einzelnen zurückwirken. Die Mystik als soziale Erscheinung offenbart diesen Gegensatz in vollem Maße. Man suchte sich unabhängig von der Kirche und deren Vertretern seinen eigenen Weg zu Gott, und in der unio mystica vollzog sich das persönliche Gotteserlebnis unabhängig von dem Dogma der Kirche. Es ist dies ein Kennzeichen der Zeit überhaupt: das Hinwenden vom Dogma zur Religion, vom Glauben zum selb- ständigen Denken, von der Formel zur Natur und also auch zum Menschen. Gegenüber dem Gesellschaftsethos des Hochmittel- alters setzte sich immer stärker, zunächst auf religiösem Boden, in der Mystik, die Geltung des Individuums durch. Die persönliche religiöse Erhebung des Einzelnen zu Gott und seinen Heiligen wurde das entscheidende Merkmal für die Individualisierung des religiösen Gefühls. Diesen Umschwung sehen wir vor allem in den Frauenklöstern des ausgehenden Mittelalters in zahllosen Beispielen sich vollziehen, er ıst als Symptom zu werten für eine selbständigere Einstellung zu den religiösen Fragen, die sich langsam und stetig auch in weiteren Laienkreisen immer mehr durchzusetzen begannen.
Es ist eine fast selbstverständliche Folge, daß diese Be- wegung, einmal in Fluß geraten, auch bald zu dem Bedürfnis führen mußte, sich die Grundlagen und Quellen, auf denen die
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kirchlichen Lehren aufgebaut waren, durch eigene Kenntnis und Einsicht zu verschaffen. In demselben Maße, in dem die Gel- tung der kirchlichen Vertreter an Autorität sank, mußten objek- tivere Grundlagen zur Sicherung des religiösen Lebens gesucht werden. Mit der Individualisierung des religiösen Gefühls geht der Drang nach selbständiger eigener Erfassung der religiösen und dogmatischen Grundlagen und eine Hinwendung des Ein- zelnen zu den Quellen Hand in Hand.
Die ‚24 Alten‘‘ enthalten eine Sittenlehre, die bei den äußeren Gegebenheiten des Lebens anhebt und den Gläubigen bis zu den letzten Dingen hinzuleiten bestrebt ist. Wie man sich kleiden soll, vom züchtigen Wandel (VI.), was verdienen sei (XXI.) sind Themen, die den realen Bedingungen des Lebens entgegenkommen sollen. Aber immer wird sofort auf das religiöse und geistige Gebiet abgebogen und auf die großen Themen der Katechese besonderes Gewicht gelegt: Reue, Beichte, Buße (III.), Gewissen (V.), Gnade (IX.), Glauben (X.) usw. Daneben klingen dann Themen auf, die das Erbe der Mystik verraten: wie man Gott suchen soll (II.), wie man sich von allem Irdischen befreien und seine Seele hassen soll (IV.), vom Minnen (VIII.), von Gedanken, Worten und Träumen (VII.). Bis dann die Seele bereitet ist, die große, in die Mitte gerückte katechetisch- dogmatische Belehrung über den Fronleichnam des Herrn würdig in sich aufzunehmen (XI.). Aber es wäre für den mystisch inspirierten, vielleicht den spätmittelalterlichen Men- schen allgemein nur etwas Halbes, würde nicht die Leidens- geschichte des Herrn wie selbsttätig mit dem Schicksal seiner göttlichen Mutter verbunden, und so schließt sich an das XI. Kapitel im XII. ein weitausholendes Marienleben. Man würde zu weit gehen, darin eine Konzession an das Publikum zu erblicken. Aber kennzeichnend ist die Koppelung trotzdem für die mystisch orientierten Frauenkreise, für die die „24 Alten“ wohl in erster Linie bestimmt waren. Enthalten doch auch die „Zehn Gebote“ Marquards von Lindau jene höchst charak- teristische Dreiteilung in eine allgemeine Auslegung jeden Ge- botes, eine besondere Auslegung für die Gottesfreunde und die Behandlung der Frage: wie hat Maria jedes Gebot befolgt!
Mit dem XIII. Kapitel fängt der zweite Teil des Werkes an,
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der sich dem inneren Leben im besonderen zuwendet. Die gött- liche Weisheit (XII.) und das Lob der heiligen Schrift (XIV.) — auch dies für die Zeit charakteristisch und oft genug bereits entsprechend gewürdigt — bilden die Einleitung. Kapitel vom übenden und wirkenden Leben (XV.), vom beschaulichen Leben (XVI.), vom Beten (XVII.), von Freundschaft, Gehorsam und Demut (XVII), vom geistlichen Leben (XIX.), von dem Streit, den Tugend und Untugend miteinander führen (XX.), folgen, bis das XXI. Kapitel in einer ars moriendi zum Schluß leitet und der minnenden Seele bei Befolgung all dieser Lehren und Lebensregeln die ewige Seligkeit (X XIII.) und die neun himm- lischen Wohnungen (XXIV.) verheißen werden. Mit dem Emp- fang der minnenden Seele durch die Engel schließt das Werk ab.
Außer den 24 Reden, die den eigentlichen Inhalt des Buches bilden, enthält das Werk noch ein Register über den Inhalt der einzelnen Kapitel, das hier nicht weiter interessiert, nur für: gewisse Textzusammenhänge und Fragen nach Vorlagen von Belang ist. Bedeutender sind eine Vor- undeine Nachrede — die letztere unter dem Namen ‘Dankbarkeit’ —, in der persönliche Mitteilungen des Autors gemacht werden. Doch muß man in der Auswertung des Mitgeteilten vorsichtig sein, da gerade diese Teile Mosaikgebilde gangbarer Floskeln sind, die überall wiederkehren und biographisch kaum ausgewertet werden dürfen. Allein der Schluß der ‘Dankbarkeit’ wird in dem ge- nannten Datum über die Beendigung der Arbeit des Autors an seinem Werk, sei es auch, daß es sich nur um eine letzte redak- tionelle Überarbeitung gehandelt habe, eine authentische Nach- richt enthalten (Handschrift Nr.27, Bl.214rb-214va): „Dar nach fo bitte ich mit allem ernfte vnde begere mit allen mynen kreften, das du mynnende fele vnd alle gotz frunde, geiftlich vnd weltlich, edel vnde [vn Jedel, frouwen vnd man odir wer fu fint, di fich der lere dis buchis gebefferen mugent, endelich vnd ernft- lich vor mich got bitten wellent, jch [ye lebendig oder tot, vur eynen demutigen Ötten bruder von Paffawe Sant franfciffen orden, etfwenne lefemeifter zu Bafel, der dis buch von dem aneuange vncz an das ende mit groffem fliffe, ernfte vnd erbeit von ftucken zu ftucken vnd von Sinnen zu Sinnen allefament gemaht vnd vollebroht het. Das befchach, do man zalte von
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ihefu crifti geburte MCCC vnd Ixxxvj ior an der heilgen himelf- furften obent Marien, der liehtmeffen [1386 Februar 2]. Got Sye vns alle gnedig amen.“
Die Art der Darstellung ist die einer Sentenzensammlung, d.h. nach bestimmten Stichworten zu Kapiteln geordnet, werden Aussprüche, Zitate und Belege aus der Bibel, den Kirchenvätern und anderen als Autoritäten geltenden Schriften und Schrift- stellern gesammelt, locker zu einem Text verbunden und dem Leser als Kanon vermittelt. Otto von Passau nennt in der 'Dank- barkeit’ 104 Schriftsteller, die er ausgezogen habe; bei jedem im Text angeführten Zitat ist die Quelle, mindestens der Autor angegeben. Selbst wenn wir Otto von Passau eine große Be- lesenheit zugestehen, so ist es gänzlich ausgeschlossen, daß er alle zitierten Schriften selbst gelesen oder gar besessen hat. Die land- läufigen Florilegien wie die Summa theologica des Thomas von Aquino, die Glosse des Nikolaus von Lyra, das Dekret Gratians, die Flores ex collatione patrum des Henricus de Frimaria etc. werden auch ihm zu Gebote gestanden und durch eigene Lektüre manche Vermehrung erfahren haben. Entsprachen doch diese Florilegien einem Geschmack der Zeit und hielten sich bis weit ın die Reformationszeit hinein. Die Loci theologici Melanchthons (1521) erfreuten sich großer Beliebtheit und sind wieder und wieder gedruckt worden. Bei dieser Sachlage ist es müßig, der Quellenfrage im einzelnen nachzugehen. Doch verdient sie in anderer Hinsicht Beachtung.
Die Quellenzitate in den „24 Alten‘ — überhaupt in dieser Art Schriften des ausgehenden Mittelalters — entsprangen dem Bedürfnis, die beunruhigten Gemüter der Nichtgelehrten und Laien dadurch zu besänftigen, daß man sie mit den Quellen be- kannt machte, die das kirchliche Dogma das ganze Mittelalter hindurch gespeist hatten. Der Geistlichkeit waren diese Quellen von jeher in lateinischer Sprache bekannt. Den Laien hatte die indirekte Vermittlung durch den Mund der Geistlichen bisher genügt. Als die Autorität der Geistlichkeit dem erwachenden kritischen Bewußtsein der Laienkreise nicht mehr standhielt, brachte man in deutscher Übersetzung diesen Kreisen die Aus- sprüche der großen Kirchenväter und der Bibel nahe und machte ihnen so die Grundlagen zugänglich, auf denen sich das kirch-
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liche Dogma des Mittelalters erhoben hatte. Der ins Wanken geratene Autoritätsglaube sollte gefestigt werden, indem man statt des persönlichen Vermittlers die gemeingültigere Bekannt- machung mit den Quellen durch die Schrift eintreten ließ.
Eine strittige Frage ist, weshalb Otto von Passau, der ein „mystisches‘‘ Werk schrieb, die großen mystischen Vorläufer nicht nennt: Eckhart, Tauler, Seuse. Wilhelm Wackernagel (1858) und Strauch (1887) haben die Frage angeschnitten und dahin beantwortet, daß die in deutscher Sprache abgefaßten Schriften der Mystiker den Lesern der ‚24 Alten‘ ohnehin be- kannt gewesen seien. Es mag sein, daß in den Kreisen, für die Otto von Passau schrieb, Bekanntschaft mit diesen Werken vorausgesetzt werden darf, daß auch manche der ‘Gottesfreunde’, an die die „24 Alten‘ gerichtet waren, Tauler noch selber in Basel hatten predigen hören; auch von dem Kreis um Heinrich von Nördlingen mochten noch Nachwirkungen ausgehen. War aber der Zweck dieser deutschen Sentenzensammlung wirklich der, die bestehenden kirchlichen Lehren durch die Aussprüche der kirch- lichen Autoritäten zu stützen und zu festigen, so mußte der zeit- liche Abstand ein größerer sein, die zitierten Persönlichkeiten in der kirchlichen Tradition eine unverrückbare Stellung inne haben und in ihrer Bedeutung für die kirchliche Lehre allgemein an- erkannt sein. Das war mindestens bei einer Persönlichkeit wie Eckhart nicht der Fall, und Gestalten wıe Seuse und Tauler mochten bei aller Verehrung und Rechtlichkeit ihres Gedanken- gutes und ihrer Lehre noch nicht diese autoritative Alterspatina angesetzt haben. Gerade das Ausschalten aller „modernen“ Schriftsteller entspringt eben dem Wunsche, nur die durch Ge- brauch und Anerkennung sanktionierten Lehren zu vermitteln und quellenmäßig zu belegen.
Auch ist es so zu verstehen, daß die Persönlichkeit des Autors völlig hinter der editorischen Arbeit zurücktritt. Die Quellen nach ordnenden Gesichtspunkten zu gruppieren, durch kurzen verbindenden Zwischentext in Beziehung zu bringen und einen lesbaren Text herzustellen, ist alles, was der Autor anstrebt. Ein persönliches Urteil auszusprechen oder mit einer eigenen An- schauung in den Vordergrund zu treten, liegt völlig fern. Die Anonymität wird in einer Vor- und Nachrede gelüftet; im
übrigen interessiert den Leser nicht die Persönlichkeit des Ver- fassers — gerade die sollte ja möglichst ausgeschaltet werden —, sondern nur der Stoff, der in objektiver Form dargebracht wird. Es handelt sich nicht um Entwicklung neuer Ideen oder Weiterbildung überkommener Gedanken, nur um Festigung des Althergebrachten. Daß das in deutscher Sprache geschieht und im Buch objektiviert wird, ist neu und wurde durch das Bedürf- nis des Publikums hervorgerufen, dem man durch ein derartiges Schrifttum weitgehend entgegenkam. Die große Verbreitung dieser Literaturgattung zeigt die Bedeutung, die diesen Unter- nehmungen beizumessen ist. Be
Vergessen wir nicht, daß Otto von Passau noch im vier- zehnten Jahrhundert sein Werk schrieb, in dem Jahrhundert also, in dem die große Masse gerade anfing, um die Dinge zu wissen. Erst das fünfzehnte Jahrhundert führte zu größerer Klärung und damit zu bewußterer Einstellung den kirchlichen Fragen gegenüber. Aus dem Werke Ottos von Passau läßt sich das anders geartete Denken und Fühlen mehr sekundär als primär erfassen. So ist es erklärlich, daß die Probleme, um die damals der Kampf ging und die Stadelmann mit bewußt scharfer Prägung herausgearbeitet hat, in dem Werk Ottos von Passau nicht gestreift werden. Die Frage nach dem Verhältnis von Wissen und Glauben, die im fünfzehnten Jahrhundert eine so starke Rolle spielen sollte und die für einen Populartheologen mit der sich unbefangen bietenden Rückzugslinie auf die Berg- predigt kaum Schwierigkeiten geboten hätte, ist überhaupt nicht angeschnitten. Mochten die erwählten Geister in den erhabenen Bezirken ihrer Reiche Worte und Meinungen wechseln, hier galt es zunächst, die ängstlich aufgeschreckten Gemüter, sagen wir ruhig, des Volkes, der hundert und hundert einzelnen, die doch eben das Volk bilden, zu beruligen und ihnen sichere Grundlage zu gewährleisten. Probleme aufzuwerfen konnte hier nichts fruchten, mußte nur neue Wirrnis stiften. Gerade das sollte vermieden werden. Das kirchliche Dogma in asketischer Strenge aufzurichten hätte eher abschreckend als fördernd gewirkt. Der natürliche Weg, der sich psychologisch und pädagogisch als trag- bar erwies, blieb nur der Versuch einer ruhigen Fundierung und Stützung der kirchlichen Lehren, ein vorsichtiges Ausgleichen,
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wo es nötig war, ein fröhliches Verheißen, wo es fördern konnte. Der Verfasser flog — es ist sein eigenes, ein konventionelles Bild — wie das Bienlein von Blüte zu Blüte, um den Bedürftigen den Honigseim der reinen Lehre zu bieten; die giftigen Blumen, die bitteren und gefährlichen Nektar enthielten, überflog er da- bei in sicherer Kenntnis des Nützlichen.
Die „24 Alten‘ waren für weite Kreise des Publikums ge- schrieben, kamen den Bedürfnissen großer Schichten entgegen, sind ein nach Titel und Inhalt auf Verbreitung berechnetes Er- bauungsbuch. Der Plan des Verfassers verwirklichte sich in einem nachhaltigen Publikumserfolg. Das uns zur Verfügung stehende Material wird im Zweiten Teil der Arbeit mitgeteilt. Auf Grund dieser Einzelanalysen soll die Entwicklung und Aus- breitung des Textes nach systematischen Gesichtspunkten dar- gestellt werden.
IV. Kapitel. Zum Leben Ottos von Passau.
In den eigentlich gelehrten Kreisen seiner Zeit blieb Otto von Passau unbeachtet oder wurde mindestens bald vergessen. Die großen biographischen und bibliographischen Kompendien des 15. und der folgenden Jahrhunderte verzeichnen ihn nicht, und so war die Kenntnis seiner Lebensumstände bereits ver- schüttet, als sein Werk noch lange fortlebte. Den Lexikographen von Trithemius, Butzbach, Wimpfeling, Gesner an über Schar- dius, Wadding, Freher, Fabricius bis zu Greiderer, Jöcher, Adelung und wie sie alle heißen mögen, blieb Otto von Passau unbekannt, sein Name begegnet nirgends. Erst seit dem Aus- gang des 18. Jahrhunderts versuchte die historische Forschung, den Spuren seiner Vita wieder nachzugehen, ohne zu weiteren Kenntnissen zu gelangen, als sie uns der Autor selbst in der „Dankbarkeit“ seines Werkes enthüllt. Nennt ıhn doch der sonst so beschlagene Sbaralea (1806) nach seinem Gewährsmann aus dem 17. Jahrhundert einen Angehörigen der Kölner Ordens- provinz des 15. Jahrhunderts! Auch die über den Verfasser und sein Werk am besten unterrichtenden Artikel von Wilhelm
Wackernagel (1858. 1883), Strauch (1837), Kneller (1895),
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Deutsch (1904) vermögen zum Leben Ottos von Passau nichts beizubringen. Eine Zusammenstellung der auf Otto von Passau bezüglichen Artikel und gelegentlichen Erwähnungen ist als An- hang mitgeteilt. In den weitaus meisten Fällen ist der Wert der angeführten Stellen nur gering, da ein Autor auf den anderen verweist und falsche Angaben ohne Nachprüfung immer wieder übernommen werden.
Ein wirkliches Verdienst kommt allein Rudolf Wackernagel zu, der die ım Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt aufbewahr- ten Akten und Urkunden des Basler Franziskanerklosters durch- gearbeitet hat und daraus die urkundlichen Zeugnisse über Otto von Passau mitteilen konnte !). Es haben sich bisher vier sichere Nachrichten über sein Leben ermitteln lassen, die in die Jahre 1362/63 und 1384/85 fallen; alle weisen nach Basel oder in die nähere Umgebung.
Das früheste Zeugnis ist eine Urkunde vom 8. August 1362, in der Hüglın von Schönegg durch seinen Bruder Johannes, Presbyter und Regular-Kanoniker des Augustiner-Ordens zu Basel, der dortigen Kirche St. Leonhard 300 Florenen zum Wiederaufbau des durch das Erdbeben 1356 arg zerstörten Gotteshauses stiftet?). Diese Urkunde wird u.a. bezeugt durch „fratre Ottone de Patauia, lectore fratrum minorum domus Basi- liensis ac confessore Hugonis antedicti‘ 3). Otto von Passau be- gegnet hier als ‘confessor' Hüglins, der etwa von 1330 bis 1386 lebte und sich fern der Heimat in päpstlichen Diensten als einer der bedeutendsten Ritter und Heerführer der Zeit aufhielt.
ı) R.Wackernagel, Gesch. d. Barfüßerklosters zu Basel In: Fest- buch z. Eröffnung d. hist: Museums, Basel 1894, S. 186. 212. 215 f. 248. — Ferner ders. in: Gesch. d. Stadt Basel, s. unten — Herr Staats- archivar Dr. Aug. Huber in Basel teilte auf Anfrage mit, daß Rudolf Wackernagel das gesamte in Frage kommende Material genau durch- gesehen habe: „weitere Nachforschungen zu machen in dieser Hinsicht halte ich für überflüssig“.
3) Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt, Barfüßerurkunde Nr. 50; Kopie des 15. Jahrh. in: St. Leonhard 8.1 und danach erwähnt bei Rud. Wackernagel, Gesch. d. Stadt Basel. II2 (1916), S. 791. 119*.
») Dieses Zeugnis auch ausgewertet von Wackernagel in: Festbuch ... 1894, S. 215.
Schmidt, Die 24 Alten Ottos von Passau. 3
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Wann er seine Heimatstadt Basel verlassen hat, ist nicht bekannt; Hüglin findet sich 1354 zuerst als Mitglied der päpstlichen Palastgarde zu Avignon*). Nach 1354 ist nichts von einem Aufenthalt Hüglins in Basel bekannt. Wenn also Otto von Passau sein Beichtvater genannt wird, so müssen wir annehmen, daß er bereits vor 1354 dem Basler Franziskanerkonvent an- gehörte. Auch dürfte sein Geburtsjahr dann wohl spätestens mit dem Hüglins angesetzt werden.
Ein Jahr später, am 4. September 1363, wird in einer Ur- kunde ‚‚frater Otto de Patavia, custos domus ordinis fratrum Minorum in Basilea‘‘ erwähnt). Otto von Passau ist demnach in diesen Jahren als Lektor und Kustos seines 'Konventes in hervorgehobenen Posten tätig gewesen.
Dann hören wir über 20 Jahre nichts von ıhm, und seine Per- sönlichkeit trıtt uns erst 1384 an einem anderen Orte, wiederum mit einer nicht unbedeutenden Mission beauftragt, entgegen. Im Jahre 1310 hatte Elisabeth an der Stelle, an der ıhr Gemahl, Kaiser Albrecht, 1308 ermordet worden war, unweit Brugg (zwischen Basel und Zürich im Kanton Aargau) das Klarissen- kloster Königsfelden und einen diesem angeschlossenen Franzis- kanerkonvent gegründet®). Die strengen Regeln des Ordens lockerten sich nach dem Tode ihrer Tochter, der Königinwitwe Agnes von Ungarn (gest. 1364), immer mehr und machten eine Reformierung notwendig. Am 23. November 1384 unterzog sich Otto von Passau dieser Aufgabe und gab den Klosterfrauen eine Ordnung, die die Zucht wiederherstellen sollte und die Äbtissin zur Verhängung von größeren und kleineren Strafen für Über- tretungen anhielt. Am Schlusse gebietet er, daß diese Ordnung in jedem Monat einmal zur Verlesung kommen soll, ‚die ich bruder Ott von Passawe, übervisitator ze Künigsfeld, von minz
“) Ed.A.Geßler in: Zeitschr. f. Gesch. u. Altertumsk. Basel. 21 (1923), S. 77.
5) Wackernagel in: Festbuch ... 1894, S. 212.
6) Über Königsfelden s. Hist.-biograph. Lexikon d. Schweiz. 4 (1927), S. 524 £. — Hektor Ammann in: D. aargauische Heil- u. Pflege- anstalt Königsfelden. Von Arthur Kielholz. Festschrift. Zürich (1932), S. 43-70.
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ordenz wegen und och von der grossen gunst und heissen minz gnedigen und hochgeborn durchlüchten herren und fürsten hertzog Lüpold von Oesterich wegen üch zü einer geistlichen ordenung und zü einem götlichen leben gemacht han‘ ?). Sehr viel Erfolg scheint Otto von Passau allerdings mit seinen Be- mühungen nicht gehabt zu haben. Denn schon im Jahre 1398 mußte sich Herzog Leopold von Österreich erneut an den General der Minoriten wenden, damit dieser für die Disziplin der Kloster- frauen Sorge trage®). Die Bemühungen, für die Lockerungen innerhalb der Frauenkonvente Abhilfe zu schaffen, trıfft man im späten Mittelalter immer wieder, und es ist nicht verwunder- lich, daß wir auch Otto von Passau unter den Männern sehen, denen die Herstellung der eittlichen Ordnung in den ihnen unter- stellten Klöstern am Herzen lag. Er bemühte sich, hier praktisch das durchzuführen, was er in seinem Werke schriftlich nieder- gelegt hatte. Wir können diese Klosterordnung von 1384 auch für einen mindestens vorübergehenden Aufenthalt Ottos von Passau in Königsfelden auswerten.
Am 7. Februar 1385 ist er nochmals in einer Urkunde seines Basler Klosters als ‚Otto de Patavia conventualis‘‘ bezeugt ?). Im folgenden Jahre, am 2. Februar 1386, schließt er sein Werk „Die 24 Alten‘ ın Basel ab. Seitdem wissen wır nichts mehr von ihm. Ob er möglicherweise an einem 27. Juli gestorben ist, ist wenigstens nicht ganz ausgeschlossen 1°).
Über sein Leben und seine Wirksamkeit ist keine weitere Kunde auf uns gekommen. Sein Ruhm und seine Bedeutung leben ausschließlich ın den ‚24 Alten‘ fort. Außer diesem Er-
?) Urkunden zur Schweizer Gesch. aus österreich. Archiven. Hrsg. v. Rudolf Thommen. 2 (1900), S. 177-180, Nr. 184. — Rud. Wacker- nagel, Gesch. d Stadt Basel II2 (1916), 8. 791. 162*.
8) Theod. v. Liebenau, Gesch. d. Klosters Königsfelden. Luzern 1868, S. 77.
») Wackernagel in: Festbuch ... 1894, S. 216.
10) Nekrolog des Zisterzienserklosters Fürstenzell vom J. 1463 in: Mon.Germ. Hist. Necrologiae IV. Diocesis Pataviensis L Ed. Max. Fast- linger et Jos.Sturm. 1920, S.118, 27/VIL — Im Nekrolog von St. Florian begegnet ein ‘Otto Patavigensis’ am 4. Oktober als ‘accolythus’: a a. O. S.271, 4/X.
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bauungsbuch haben sich andere Leistungen seiner schriftstelle- rischen Tätigkeit bislang nicht nachweisen lassen 11).
11) P.Cunibert Mohlberg glaubte, die in der Zürcher Has. C 146, Bl. 17-43” enthaltene ‘Biblia beatae virginis Marise’ Otto von Passau zuweisen zu können (Katalog d. Zentralbibl Zürich. L Mittelalterl Hise. 1932, S.67 f.). Es handelt sich um eine Schrift in lat. Sprache, in der Sprüche des alten und neuen Testamentes in der Reihenfolge der bibli- schen Bücher zusammengestellt und auf die Jungfrau Maria bezogen oder in diesem Sinne interpretiert werden. Die Schrift läßt sich seit der ersten Hälfte des 14. Jahrh. — die älteste datierte Hs. im clm. 5530 ist von 1336 —, namentlich aber im 15. Jahrh. in über 20, nimmt man die ‘Mittelalterlichen Bibliothekskataloge’ hinzu in über 30 Hass. nach- weisen (Admont 1, Aggsbach 3, Bamberg 3, Breslau 3, Göttingen 1, Göttweig 1, Mauerbach 1, Melk 1, München 11, St. Gallen 1, Weimar 1, Wien 5) und wird häufig dem Albertus Magnus zugeschrieben. Die *Biblia’ ist auch unter dom Namen Alberts gedruckt und in seine ‘Opera omnia’ aufgenommen worden (Köln 1625; Leyden 1651; Paris 1898. — Vgl. Gesamtkatalog d Preuß. Bibliotheken. 2 [1932], Sp. 757. 768). — Mohlbergs Versehen beruht darauf, daß sich am Schluß des Traktates in der Zürcher Hs. (Bl.43") ein ‘famulus Otto’ nennt, vermutlich der Schreiber, der zu einem Autor ‘Otto Pataviensis’ erhöht wurde. Daß Mohlberg wirklich den Basler Franziskanerlektor meinte, geht aus der Literaturangabe hervor. Auch in der Ha. der St. Galler Stiftsbibl Cod. 329, S. 488-538 heißt es: „biblia virginis Marie (Ottonis cujus- dam)“; vgl. Scherrer 8. 115.
1. Teil.
Handschriften und Drucke.
Zu den Handschriften.
Die Aufteilung der Handschriften erfolgt nach land- schaftlichen, innerhalb dieser nach zeitlichen Grenzen. Schematisierungen und Einzwängungen, die sich bei keiner Einteilung ganz werden vermeiden lassen, treten auch hierbei oft genug deutlich hervor. Beim alemannischen Sprachgebiet ist der Versuch gemacht, die schweizerischen und elsässischen Hand- schriften auszusondern ; der Rest ist als ‘schwäbisch’ zusammen- gefaßt, so daß unter diesem Sammelnamen ebenso eine Frei- burger wie eine Augsburger Handschrift eingeordnet ist. Doch hätte sich eine Eigengruppierung etwa noch der oberrheinischen Handschriften praktisch schwer durchführen lassen. Ebenso ist im bairischen Sprachgebiet von einer Aussonderung der öster- reichischen Handschriften abgesehen worden; nur die leichter faßbaren oberpfälzischen sind als besondere Gruppe heraus- gestellt. Daß die Lokalisierung einer Handschrift nach ihrem Dialekt häufig nur durch eine genaue Einzelanalyse möglich ist, ist jedem, der derartige Versuche unternommen hat, bekannt. Bei der großen Zahl der erhaltenen Handschriften konnte das nicht immer bis in alle Einzelheiten durchgeführt werden; ob eine Handschrift in Rottweil oder in Basel, südlich oder nördlich des Bodensees entstand, ist oft kaum zu entscheiden. Näherungswerte müssen in diesen Fällen als erste Anhaltspunkte genügen. — Innerhalb der lokalen Gruppen ist die zeitliche Auf- einanderfolge der Handschriften durchzuführen versucht worden. Eine Trennung in datierte und undatıierte Handschriften wäre für eine klare Übersicht noch unzweckmäßiger gewesen als die Schwankungen, die der gewählten Darstellung durch die Ein- beziehung der nichtdatierten Handschriften anhaften.
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Handschriften, die nıcht mehr erhalten oder deren Auf- bewahrungsorte unbekannt sind, sind nach den Nachrichten aus alten Katalogen (15./16. Jahrhundert) oder aus neueren Kata- logen (18./20. Jahrhundert) getrennt. Innerhalb beider Gruppen sind die Handschriften alphabetisch nach dem Ort ihres letzten Auftauchens angeordnet.
Die Handschriften - Signaturen sind nicht normalisiert worden, sondern nach dem Gebrauch der einzelnen Bibliotheken beibehalten. Doch erfolgt jede Handschriften-Beschreibung nach einheitlichen, leicht erkennbaren Gesichtspunkten. Hand- schriften, die nicht zur Autopsie vorlagen (Nrr. 31. 52. 76. 87 100.), sind durch ein vorgesetztes Sternchen * charakterisiert. Statt der ausführlichen Bibliothekssignaturen werden in den untersuchenden Teilen bei Verweisungen die Nummern der fol- genden Handschriften-Beschreibungen eingesetzt.
Bei dem Text der „24 Alten‘ ist stets angegeben, welche Teile — Register, Vorrede, die 24 Reden, Dankbarkeit (siehe Seite 27£.) — vorhanden sind und welche nicht. Bruchstücke und Lücken sind als solche kenntlich gemacht und die vor- handenen oder fehlenden Textstellen nach den Seiten des allge- mein noch am leichtesten zugänglichen Druckes der „24 Alten“ vom Jahre 1836 (s. Drucke Nr.14) angegeben.
Wiederholungen und Überschneidungen zwischen Teil II und III werden sich nicht immer vermeiden lassen; sie sind so zu trennen gesucht, daß in TeilII das Material zur Darstellung gebracht wird, aus dem in Teil III die Ergebnisse gezogen werden.
I. Kapitel. Erhaltene Handschriften. A. Oberdeutsche Handschriften.
a) Alemannische Handschriften.
a«) Schweizerische Handschriften. 1. Straßburg, Bibliotheque nationale et universitaire, Ms. L germ. 551 2° (Nr. 2612). — Ältere Sıgn.: „11035“, zwei Perg.blL, von einem Einband losgelöst, Leiin- und Lederreste, stark gebräunt, fleckig etc., kein Doppelbl. bildend, 15. Jahrh. (erste Hälfte), eine Hand, 30-29,1 x 19,5 cm,
BEE... ER
Schriftspiegel 24,5 x 15,5-16 cm, zweisp., 35-38 Z., Rubrizierung, Bilder werden kaum vorhanden gewesen sein, moderner Pappbd., Ma.al. (wahr- scheinlich schweiz.). — Die Schrift auf der jetzigen Rückseite der beiden Bll. ist durch Leim fast abgelöst, doch lassen sich Schriftspuren noch deutlich wahrnehmen; es ergibt sich, daß die Bl. falsch eingebunden sind und die jetzigen Rückseiten ursprünglich die Vorderseiten der Bll. gebildet haben; zwischen Bl.1 und 2 fehlen etwa 8 Spalten oder 2 Bil. Inhalt: Die 24 Alten (Teile des 4. und 5. Alten). Bl.ir = Druck 1836 S. 38,24-40, 10
1v 37,8 -38,24 2r 47,27-49,13 2v 46,12-47,27
Literatur: Ad. Becker, D. dtsch. Hass. d. kais. Univ.- und Landesbibl. zu Straßburg. 1914, 8.28. Ernest Wickersheimer, Strasbourg. [Catalogue general des mss. des bibliotheques publ. de France. Departements. Tom. 47.] 1923, S. 534, Nr. 2612. 9
München, Bayerische Staatsbibliothek, Cod. germ. 3893. Ältere Signatur (?): „Memm.”7.“, folio, Pap., einige BIl. ‚fehlen, sonst gut er- halten, zwei Wzz. (1. Ochsenkopf Briquet 15233 Var. u 15247 Var.; 2. Hifthorn Br. 7769 Var., nur BL 5), 15. Jahrh. (2. Viertel oder Mitte), eine Hand, Bl. 1-153, Sexternen, sofern keine BIL fehlen, Perg.-Streifen zum Schutz gegen die Heftfäden, alte Lagenzählung, 31,3 x 22cm, Schriftspiegel 23x 15cm, zweisp., 29-36 Z., ger. Rubrizierung u. Ini- tialen, alter Einbd. (Holzd. mit rot. Leder, verblichen u. beschädigt), Ma. schweiz.
Ausgerissene Bll.: 1. Vor BL1 einige BIL (2?), die vielleicht das Register und den größten Teil der Vorrede enthielten; 2. nach BL 83 ein Bl., Bild u. Anf. d. 14. Alten fehlt (Druck 1836, S. 262,9-265,19); 3. nach BL 88 ein Bl., Schluß d. 14., Bild u. Anf. d. 15. Alten fehlt (Druck 1836, S. 281,26-284,30); 4. nach BL 100 ein BL, Schluß d. 16,., Bild u. Anf. d. 17. Alten fehlt (Druck 1836, S. 321,2-324,13); 5. nach Bl.144 sechs Bil, Hauptteil d. 22. Alten fehlt (Druck 1836, S. 466,9 bis 488,8); 6. nach BL. 153 fehlen eine Reihe von BIl., die Bild und Text d. 24. Alten enthielten (Druck 1836, S. 516 ff.).
20 lavierte Federzeichnungen vor den Reden der einzelnen Alten, sofern die Bll. nicht ausgerissen sind (14, 15., 17., 24. Alte); der jeweilige Alte, in weißem Gewande, bärtig und gekrönt, ist stets auf einer Steinbank oder einem Thron sitzend dargestellt; Umrahmung, Bodenstreifen etc. fehlen, in der Haltung der Alten ist eine Variation des Schemas angestrebt; vielleicht wirkte bei der Zeichnung des 1. und 2. Alten eine andere Hd. mit.
Inhalt: Die 24 Alten (Schluß der Vorrede — Die Reden Ues 1. bis 23. Alten).
„u. 40.
Literatur: J. A. Schmeller, D. dtsch. Hse. d. K. Hof- u. Staatsbibl. zu München. VI2 (1866), S. 401.
Die Handschrift entstand ihrem Dialekt und der Text- zugehörigkeit nach in der Schweiz. Bl. 1r findet sich von Hand des 19. Jahrhunderts ‘Memmingen’ eingetragen, auf dem Rücken ebenso ‘Memm. 7’. Der Kodex wird also über Memmingen nach München gelangt sein, vielleicht aus einem der dortigen Klöster.
8.
Zürich, Zentralbibliothek (Öffentliche Stiftung), Ms. C 126. — Ältere Signaturen a. d Innens. d. Vorderd.: „app: 31.“, „(at. mnser. T.IL fin. N. 31.“, quart, Pap., die ersten und letzten Bil. brüchig und abgestoßen, mit Gelatinepap. ausgebessert, vier Wzz, die sich lagen- weise abheben (1. Ochse Briquet 2776 Var., Bl. 2-55, Lage 1-5; 2. Frau mit Kreuz in der Hand Br.7626 Var., Bl. 57-129, Lage 6-11; 3. Ochsen- kopf Br.15232 Var., BL 133-144, Lage 12; 4. Ochsenkopf Br. 14181 Var., Bl. 146-177, Lage 13-15), 15. Jahrh. (2. Viertel), drei Hände (a. BL 2-56; b. BL 57-122. [146r.] 147-177; c. Bl. 123-145), Bl. 1-177, meist Sexternen, die 3. bis 15. Lage als ‘39’ bis ‘159’ gezählt, 20,7x14,5cm, Schriftspiegel 15-17x9-1l1cm, einsp., 19-30 Z (nach den Händen wechselnd), ger. Rubrizierung u. Initialen, alter Einbd. (Ketten- oder Langstichband: Schweinsleder ohne Holzversteifung, auf dem Rücken durch ausgestanzte Lederstreifen versteift, beschädigt; auf den Außenseiten der Deckel dieselbe kleine Tintenzeichnung: ein Löwe, der das Züricher Wappen hält; auf d. Innens. d. Rückend. eine männ- liche Figur gezeichnet), Ma. schweiz.
Fehlende Bll.: nach Bl. 56 sind drei, wohl leere Bil. ausgerissen ; nach BIl.145 ıst ein BL, das letzte der 12. Lage und das letzte, das Hand c schrieb, ausgerissen, dadurch Textlücke = Druck 1836, S. 196, 11-30; dieses Bl. wohl versehentlich statt des ersten Blattes der 13. Lage (Bl. 146) ausgeschnitten, denn BL 146 blieb leer und ist auf der Vorder- seite mit zahlreichen Federproben von Hand b bedeckt, mit Bl. 147 setzt Hand b wieder ein; nach Bl. 177 sind die beiden letzten BIL der 15. Lage und eine 16. Lage, die mindestens aus 10 Bll bestand, aus- gerissen; ob sie Teile der „24 Alten‘ oder einen neuen Traktat enthielten oder ob sıe leer waren, bleibt fraglich.
Inhalt: 1. BL 2-56 Heinrich von St. Gallen, Passion Christi, dtsch. Prosa, Hd. a. 2. BL 57-177 Teile der 24 Alten, Id. b u. c; vorhanden sind: Bl. 57r- 68v Der 3. Alte = Druck 1836, S. 17-31. Bl. 68v- 78v Der 5. Alte = Druck 1836, S. 42-54. Bl. 78v- 90r Der 7. Alte = Druck 1836, S. 66-78. Bl. 90r-109r Der 8. Alte = Druck 1836, S. 78-97.
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Bl. 109v-122v Der 10. Alte = Druck 1836, 8. 110-122. Bl. 123r-177v Der 12. Alte = Druck 1836, S. 166-246. Der Text der vorhandenen Reden ist vollständig. Literatur: A.Lütolf, Der Gottesfreund im Oberland. [Jahrb. f. Schweizer. Gesch. 1. Bd] 1876, S.5, Anm. 4. S.-B. d Preuß. Ak. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. 1932, S. LXVIL Cunibert Mohlberg, Mittelalterl. Hss. [Kat. d. Hss. d. Zentralbibl. Zürich. L] 1932, S. 61, Nr. 154.
Die Mundart der Handschrift weist in die Nordschweiz, etwa in die Schaffhausener oder Konstanzer Gegend, und in einer dieser Städte wird die Handschrift auch im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts entstanden sein, was durch einige Besitzer- einträge gestützt werden kann.
Auf Blatt Ir trug eine Hand des 15. Jahrhunderts ein: „Jtem hanf ehinger fol x dar vmb ....“. Dieser Hans Ehinger ist unbekannt !). Doch wissen wir, daß ein Gerber Georg Ehinger von Schaffhausen im Jahre 1446 ın Basel das Bürgerrecht erworben hat?). Ein Daniel Ehinger ist 1539 als Schüler in Schaffhausen nachweisbar). Die Familie scheint also für Schaffhausen gut bezeugt zu sein. Freilich hat es auch im Jahre 1429 in Konstanz einen Bürgermeister Ehinger gegeben *), und wır treffen Familien dieses Namens in den Kantonen Basel, Thurgau und Zürich 5). Wenn trotzdem Schaffhausen am an- nehmbarsten ist, so wird das dadurch nahegelegt, daß die Hand- schrift jedenfalls am Ende des 16. Jahrhunderts ın dieser Stadt beheimatet war. Ein schwer leserlicher Eintrag auf Blatt 146v
ı) Ein 1487 geborener Hans Ehinger, der sich später in Memmingen niederließ, gehört wohl kaum hierher; vgl. P. Rom. Banz O.S.B,, Christus u. die minnende Seele. Freiburg i Schw., Phil. Diss. 1907, 8. 8, Anm. 1.
2) T. Geering, Die Basler Bankfirma Ehinger u. Cie 1810-1910. 1910, s.11.
s) J.Wipf, Reformationsgesch. d. Stadt u. Landschaft Schaffhausen. 1929, S. 344.
«) Ed. Im-Thurn u. H.W. Harder, Chron. d. Stadt Schaffhausen. 3 (1844), 8.14.
5) Histor.-biograph. Lexikon d. Schweiz. 3 (1926), S.1. — Das in Schaffhausen ansässige edle Geschlecht ‘von Ehingen’ gehört wohl nicht hierher.
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der Handschrift lautet: „Jtell Fryd Sftiker zü fa // Fhufenn 1574 Jar‘. Wenn es auch nicht gelungen ist, diesen Besitzer aus- findig zu machen, so wird man den Eintrag für eine Lokalı- sierung in Schaffhausen doch heranziehen dürfen. — Die Hand- schrift ‘,‚gehörte dann der früheren Stadtbibliothek in Zürich, die 1629 gegründet wurde, und trug dort früher, und zwar in einem Katalog des 18. Jahrhunderts, die Signatur: ‘Appl[endix] 31’, ist also vielleicht von der Stadtbibliothek erst im 18. Jahrhundert erworben worden‘ 6). 1916 kam sıe an die Zentralbibliothek.
4.
St.Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. 994. — Quart, Pap., einige BIL beschädigt und lose, sonst gut erhalten, drei Wzz., schwer erkennbar (1. Hifthorn Briquet 7769; 2. Ochsenkopf Br. 15233; 3. Ochsenkopf Br. 15045 Var., nur S. 509/10; Ravensburger Pap.), 15. Jahrh. (etwa 1430-1450), eine Hand (friderich Colner ze fant Gallen), 255 Bil. als Seite 3-512 gezählt, Bl.1 (S. 1/2), wohl leer, fehlt, ebenso ein BL nach S.480 (Druck 1836, S.502,24-505,1), Sexternen (Lage 21 fünfzehn BIL), alte Lagenzählung, Kustoden, 22,5 x 15 cm, Schriftspiegel 17x 10-11cm, einsp., 30-34 Z., sorglose Ausstattung, ger. Rubrizierung und Initialen, alter Einbd. (Holzd. mit rot. Leder), Ma. schweiz.
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden). — Schreiberschluß S. 512: „Bittend got vor vweren armen Schriber, lieben Swöftern vnd myn gaiftlich kinder. — Dis büch ift der Clofneren zu Sant Jürgen jn der obrer Clofen Sant Benedicten orden, daz in ge- Schriben hat vnd och ander büchly Brüder Friderich Colner, Conuentual des gotzhus ze Sant Gallen, jr bicht vatter.“
Literatur:
G. Haenel, Catalogi Librorum Mss. 1830, Sp. 720. G.Scherrer, Verz. d. Hss. d. Stiftsbibl. v. St. Gallen. 1875, S. 377 £.
Von Friedrich Köllner oder Colner, der 1430 mit fünf anderen Benediktinern aus dem Kloster Hirschfeld in Hessen zur Reformierung der Abtei St. Gallen berufen war, finden sich in der Stiftsbibliothek von St.Gallen heute noch 10 Hand- schriften; er starb 1451). Die meisten dieser Handschriften stellen Erbauungsbücher und geistliche Traktate dar, die Colner für seine Beichtkinder, die Benediktinernonnen zu St. Georgen
6) Nach freundlicher Auskunft des Bibliothekars, Herrn Dr. L. Forrer in Zürich.
1) Scherrer a.a.O. u. Register; Weidmann, Gesch. d. Bibl. v. St.Gallen. 1841, S. 51£.
EHER \- VRREER
(St. Wiboraden) bei St.Gallen, in deutscher Sprache schrieb. Die Frauen von St. Georgen hatten von jeher unter der Visitation des Stiftes von St. Gallen gestanden ?). Im Jahre 1782 wurden die Bibliotheken der dem Stift unterstellten Frauenklöster, so- weit sie Handschriften und alte Drucke enthielten, nach der Stiftsbibliothek von St. Gallen überführt, und so gelangte der Kodex wieder an seinen Entstehungsort 3).
d.
Danzig, Stadtbibliothek, Ms. 2411. — Ältere Signaturen: I A. fol.13; 130; 74, folio, Pap., gut erhalten, drei Wzz. (1. Frau Briquet 1625, Lage 1-5; 2. Ochsenkopf Br. 15054 Var. und 15094 Var., Lage 6-9. 11-19; 3. Weintraube Br. 13035, Lage 10), 1438, eine Hand (Johannes Syfer), Bl.1-229, meist Sexternen (Lage 3 Septerne, Lage 4 Quinterne), zw. Bl. 10/11 ein BL, nach Bl. 229 zwei Bll. ausgeschnitten, keine Textlücke, Kustoden, zum Schutz gegen die Heftfäden im Innern der Lagen Papierstreifen eingeklebt, meist mit lat. Text des 15. Jahrh., auf einem der Anf. einer Abhandlung „de tonis“ mit Notenlinien, 27,1x19,5 cm, Schriftspiegel 20-21x13-14 cm, einsp. (BL 1-27 zweisp.), 28-34 Z., Rubrizierung und Initialen, keine Bilder, Einbd. wohl des 16. Jahrh. (Holzd. mit weißem Leder; Blindpressung: ornamentale Muster, darin Heiligenfiguren mit lat. Unterschriften), Ma. schweiz.
Inhalt:
a) Vorgebunden ist der Hs. die Inkunabel: W. Rolevinck, Fasciculus temporum. Straßburg, Johann Prüss, o. J. [1492]. — Die letzten drei Bll. (BL 125-127) fehlen, BL 19’ und 20" sind unbedruckt!!).
b) Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden). — Schreiber- schluß BI. 229’: „1438 in vigilia Palmarum etc. Johannes Syfer. — Ach got, wie waß ich fo fro, da ich // Da ich Schreib ffinito libro ete.“ (5. April 1438). — Auf dem Buchschnitt der Seitenkante von Hand des 16. Jahrh.: „Fasciculus Temporrum XII XII Senior[um] Doc- trinae.“
Literatur:
O.Günther, Katal. d. Hss. d. Danziger Stadtbibl. Teil 3. [Katal. d. Danz. StadtbibL Bd. IIL] 1909, S. 285.
6. Einsiedeln, Stiftsbibliothek, Cod. Nr. 715 (351). — Folio, Pap., gut erhalten, zwei Wzz. (1. Ochsenkopf Briquet 15233 und 15236, S. 1-13. 323-359. 376-389; 2. Ochsenkopf mit Stange, die in eine Art große Wappenlilie ausläuft, fehlt in der Wzz.-Lit., S. 20-320. 374/5. 390-447),
2) Scherrer S. 636; E. F. v. Mülinen, Helvetia sacra. 2 (1861), S.75f. 5) Weidmann S. 137.
1) Hain 6940. Proctor 549. Voullieme, D. Ink. d. Kgl. Bibl. 2392.
FEUER) GER
1442, eine Hand, ein Vorsatzbl. und 230 Bil, von jüngerer Hd. als Seite 1-447 gezählt, zahlreiche Fehler, meist Sexternen, vor S.1 zwei, nach 8. 219 ein, nach S. 447 sechs BIL ausgeschnitten, keine Textlücken, Kustoden, 30,5 x 21,3 cm, Schriftspiegel 18-19,5 x 14,5-15cm, zweisp. (S.1-6 einsp.), 26-34 Z,, Rubrizierung und Initialen, häufig mit Feder- zeichnungen (Fleuronnewerk, Drolerien, Menschendarstellungen; dilet- tantisch), Einbd. (die alten Holzd. mit neuerem Pap. überklebt, neuer Lederrücken), Ma. schweiz.
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden). — Schreiberschluß 8.447 b: „Bittent den almechtigen got / durch der driualtikeit rott / vnd Mariam die küngin / daz fi wellent gnedig fin / dem Schriber ellent arm / vnd fich über jnn erbarmt / vmb fin fünd vnd mifftätt / daz finer armen fel werd rat / vnd fi behaltin vor hell pin / durch Mariam die küngin / datum anno domini Millim° CCCC° 7 Quadringentefimo [ !] Secundo etc.“
Literatur:
S.-B. d Pr. Ak. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. 1932, S. LXVIL
Die Provenienz der Handschrift ist unbekannt; frühere Be- sitzereinträge finden sich nicht. Auch in der Stiftsbibliothek von Einsiedeln hat sich über die Akzession der Handschrift keine Nachricht erhalten !). In den Initialen findet sich: S.37 a die Zeichnung einer Nonne, S. 222 a die der hl. Katharina; andere allgemein kirchliche Embleme treten hinzu. Möglich also, daß die Handschrift in einem Dominikanerinnenkloster der hl. Katharina entstand oder doch für ein solches bestimmt war (im Schreiberschluß nennt sich eın ‘fchriber’). Etwas Bestimmtes läßt sich nicht sagen. S.264b und S.396 findet sich in den Initialen ein Stadtwappen mit zwei Türmen; vielleicht kann auch das weiterhelfen.
T.
Berlin, Preuß. Staatsbibliothek, Ms. germ. 2° 19. — Pap., ein- zelne Bll. beschädigt, sonst gut erhalten, mehrere Wzz. (1. Ochsenkopf in ger. Var. Briquet 14402; 2. Ochsenkopf Br. 14820; 3. Weintraube Br. 13048, nur BL 80 und 82; 4. Wappen?, nur BL 81), 1448, eine Hand (Johannes maiger de werdenberg), B1.80'"-82Y von anderer Hand, Bl.a b. (1-9.) 10-98. 98a. 99-100. 102-121. 121a. 122-216 (alte Zäh- lung); 217-257 (neue Zählung); c.d, die erste Lage ist beim Binden durcheinander geraten (alte Folge der Bll. [die jetzige Folge in Klam- mern beigefügt]: Bl. 1 [fehlt]. 2 [7]. 3 [5]. 4 [1]: 5 [2]. 6 [3]. 7]. 8 [8]. 9 [6]. 10 [fehlt]. 11 [fehlt]. 12 |9]), fehlende Bll.: altes BL1
1) Nach freundlicher Mitteilung des Bibliothekars P.F. Kindler.
zum, Ah
(Anfang des Registers), altes Bl.10/11 (Druck 1836, S. 11, 21-16, 17), zw. BL 239/240 ein BL, zw. BL 247/248 fehlen (nach Ausweis der Lin- dauer Hs.) etwa 3 BlL, nach Bl 256 (Schluß des Traktates), meist Sexternen, Kustoden, 30,6 x 20,5 cm, Schriftspiegel 20 x12-12,5 cm, Bl. 1-216° zweisp., BL 216’-256 einsp., 31-37 Z, Rubrizierung und Initialen (rot blau grün), neuer Einbd. (schwarzer Leinenbd. mit Leder- rücken), Ma. schweiz.
30 Miniaturen: 1. BL 5’ Der hl Johannes auf einem Pult schreibend in einer Landschaft sitzend hat die Vision Gottes, der von den 24 Ältesten und Engeln umgeben ist (Abb. bei Brandt 1912). — 2-25. Miniaturen des betreffenden Alten vor jedem Kapitelanfang; der bärtige, ungekrönte Alte sitzt meist auf Thron oder Bank in einem Innenraum und hält die Initiale seiner Rede in der Hand; Variation des Schemas (Abb. des 2. Alten bei Benziger 1912, des 3. und 15. Alten bei Wegener). — 26. BL 216’ Engel und Teufel am Bett eines Ster- benden. — 27. BL 227’ Predigender Mönch auf einer Kanzel in einem Innenraum (Abb. bei Wackernagel). — 28. BL 255’ Wappenzeichnung (für den Besteller der Hs.?); Eulenschild, darüber zweimal gebrochener Pilgerstab mit Spruchband: „hans goldfchmid kur“. — 29. Später auf BI.255° aufgeklebt (jetzt von Dr. H Wegener wieder abgelöst) die hl. Margarethe mit Drachen in einem Raum stehend (Abb. bei Ganz und Wegener). — 30. BL 257’ Zwei heraldische Basilisken, die das Basel- wappen halten, dahinter ein Engel, in einem Raum dargestellt; am Kopf des Bl.: „bafellifchgus du giftiger wurm vnd böfer fasel // nu heb den fchilt der wirdigen Stat bafel.“
Inhalt:
1. BL1'-216" Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden). — Schreiberschluß BI1.216"®: „Nu bitt ich die künglichen müter magt marien, das fi bitt ir liebes kind vnfern herren ihum criftum, das er von mir armen fündigen mentfchen Johannes maigern dis min Schriben, fo ich an difem büch geton han, loblich enpfach, das es miner armen fel troftlich vnd dem dis büch zü hört nutzlich fi an lib vnd an fel. amen. — finitum per me Johannem maiger de werdenberg !) anno domini M° CCCC? xlviij primo fabato ante viti et compleui hoc opus in fedecim diebus“ (24. Mai—8 Juni 1448).
2. BL 216’-224" Ars moriendi, dtsch. Prosa ?).
3. BL 224'-227" Totentanz, dtsch. V.
4. BL 228'-245°Y Von einem christlichen Leben.
1) Der Schreiber ist nicht mit dem bekannten Ördenshistoriker Johannes Meyer Turicensis O.P. (1422-1485) zu verwechseln, der wohl zur selben Zeit in Basel lebte. — Schriftprobe des Schreibers der Hs. bei Crous-Kirchner.
2) Typus C4 bei: Franz Falk, D. dtsch. Sterbebüchlein. [Schriften d. Görres-Ges. 2. Ver.-Schrift f. 1890.] S. 49-51.
u: Abe
5. Bl. 246'-247Y Die Goldwaage der ewigen Stadt Jerusalem. 6. BL 248'-249" Vom Wert des Paternosters. 7. BL 249"-250° Über die Zahl Sieben. 8. BL250Y-251" Von einem geistlichen Kloster nach der Lehre St. Bern- hards °). 9. BL 251'-252’Y Von den sieben Zeiten Christi. 10. BL 252’-253Y Gebete zu den sieben Zeiten Christi. 11. Bl. 253-255" Von den zehn Staffeln der Demütigkeit, dtsch aus dem Stimulus amoris des Bonaventura t). 12. BL 256'-256° Betrachtungen des Leidens Christi
Literatur:
Rud. Kautzsch, Einleit. Erörterungen z. einer Gesch. d dtsch. Hss.- Illustration im späten M.-A. [Stud. z. dtsch. Kunstgesch. I13.] 1894, S.59.
Handzeichnungen Schweizer. Meister des XV.-XVIIL Jahrh., hrsg. v. P. Ganz. 1904/8. Taf. 16.
Karl J. Benziger, Gesch. d. Buchgewerbes im fürstl. Benediktinerstifte U.L.F. v. Einsiedeln. 1912, S.34 f. [= ders., Frühdrucke a. d. Stifte Einsiedeln. Bern, Phil. Diss. 1912.]
Herm. Brandt, D. Anfänge d. dtsch. Landschaftsmalerei im XIV. u. XV. Jahrh. [Stud. z. dtsch. Kunstgesch. 154.] 1912, S.191/3 u. Taf. XXIIL
Mart. Wackernagel, Basel 1912, S. 96.
Herm. Brandt, Eine Bilderhs. a d. Kreise d. K.Witz. [ Monatshefte f. Kunstwiss. 6 (1913), S. 23. 25.]
Karl J. Benziger, Parzival in d. dtsch. Hss.-Illustration des M.-A. [ Stud. z. dtsch. Kunstgesch. 175.] 1914, S. 19.
Mela Escherich, D. Heilsspiegelaltar d. K. Witz. [Jahrb. d. Kgl. Preuß.
3) Dasselbe Schriftchen noch in 8 weiteren Berliner Hss. (s. Dege- rings Register), in dem Lindauer Kodex (Nr. 34, Stück 7), in Nürnberg, Germ. Mus., Ms. 4486 a [P. Lehmann in: Stud. u. Mitteil. z. Gesch. d. Bened.-Ordens. 48 (1930), S. 290], in Straßburg, U.-B., Ms. L germ. 78 4° (Becker S.6). — Gedruckt bei Wilh. Wackernagel, Altdtsch. Pre- digten. 1876, S.609f.; Wolfg. Stammler, Prosa d. dtsch. Gotik. 1933, S.50, Nr.28. — Vgl ferner W. Dolch, D. Verbreitung oberländ. My- stikertexte im Niederländ. Leipz. Diss. 1909, S. 38, $ 51.
4) Die Stücke 4-11 scheinen einem zusammenhängenden Traktat- zyklus (für Gottesfreunde? — s. die obige Hs. Bl. 249’: „... och vij gaben des hailgen gaiftes, mit den got fin vfferwelten frund begaben wil ...‘) anzugehören; sie finden sich noch in folgenden Hss.: Berlin Ms.germ. 4° 74; Braunau, Priv.-BibL Langer, Ms. 404 (H. Vollmer, Mat. z. Bibelgesch. Il, 1912, S. 49-61); Lindau Ms. P I 25 (s. Nr. 34); Zürich, Zentralbibl., Ms. C20, BL 98 ff. (Mohlberg $. 21, Nr. 57). — Zu Stück 11 vgl. a Hs. Nr. 41, Stück 2.
ER ,
Kunstsamml. 35 (1914), S. 250/2.] — Teilweise wörtlich in die folg.
Darstellung übergegangen:
Mela Escherich, K. Witz. [Stud z dtsch. Kunstgesch. 183.] 1916, S. 123-127. 185-190.
Konr. Escher, D. Miniaturen in d. Basler Bibl 1917, S. 10. 167.
H. Degering, Kurz. Verz. d. germ. Hss. in d. Pr. Staatsbibl. I. 1925, S. 3.
E.Crous u. J. Kirchner, D. got. Schriftarten. 1928, S. 42, Abb. 33.
H.Wegener, Beschr. Verz. d. Miniaturen in d. dtsch. Hss. bis 1500. [ Beschr. Verzz. d Min.-Hss. d. Pr. Staatsbibl. z. Berlin. 5.] 1928, S. 62-69.
Heinr. Jerchel, Spätmittelalter. Buchmalereien am Oberlauf d. Rheins. [Oberrhein. Kunst. Jahrb. d. oberrhein. Museen. 5 (1932), S. 17-82.] S.40f. 71.
Die Handschrift hat in kunsthistorischen Kreisen lebhafte Beachtung gefunden; man hat sie der Schule des Konrad Witz zugerechnet. Hier genügt die Feststellung dieser Tatsache. Sie ist 1448 in Basel entstanden, wie Miniatur 30 zeigt; auch die Mundart bestätigt das. Die Handschrift hängt aufs engste mit dem Lindauer Kodex (Nr. 34) zusammen. Für die Teile der Berliner Handschrift, die sich auch in dem Lindauer Manuskript finden, dürfen wir direkte Abschrift daraus annehmen. Freilich band sich der Schreiber nicht direkt an seine Vorlage, er flocht einige andere Stücke ein, ließ manche Traktate fort, kürzte beim Abschreiben stilistisch usw. Die Lindauer Handschrift wurde 1416/17 geschrieben von ‚Claus ftockar goltfchmid ze vlme‘. Aus demselben Jahr besitzt die Basler Universitätsbibliothek ein Manuskript 5), das den Eintrag enthält: „Iste liber est Johannis dieti Goldsmid nacionis Schaffhusen morante in friburg emptus anno domini MCCCCXVI“. Wegener hat diesen Johannes Gold- smid aus Freiburg mit dem Käufer der Berliner Handschrift, Johannes Goldschmid in Chur, in möglichen Zusammenhang ge- bracht. Doch scheint das sehr fraglich zu sein, ebenso wie eine persönliche Beziehung zu Claus Stockar in Ulm, wobei man dann voraussetzen müßte, daß der Sohn den Beruf des Vaters als Namen angenommen hätte. Greifbar ist nur die Zusammen- gehörigkeit der Lindauer und der Berliner Handschrift, die charakteristische Beispiele für religiöse Hausbücher, wie sie in Laienkreisen gelesen wurden, darstellen.
5) Ms. A XL 55, Bl. 244’b (Beschr. f. d. Dtsch. Komm., G. Binz, 1906). |
— 48 —
Die weitere Geschichte der Handschrift ist unbekannt. Sie scheint früh nach Berlin gekommen zu sein, da sie bereits der kurfürstlichen Bibliothek eignete (Degering).
8
Zürich, Zentralbibliothek (Öffentliche Stiftung), Ms. $. 317. — Folio, Pap., Ränder gebräunt u. wasserfleckig, sonst gut erhalten, drei Wzz. (1. Rad Briquet 13247 Var., BL 2-13; 2 Weintraube Br. 12991 Var. u 12996 Var., BL 14-19. 73-165; 3. Ochsenkopf Br. 15045 Var., Bl. 23-70), 1449, zwei Hände (a. BL 2-118, Lage 1-10; b. BL 119-158, Lage 11-14 = Johannes gerftner von frifingen), Bl. a 1-166. b. (jedes 10. BL bezeichnet), Sexternen (Lage 2 Quinterne), Lage 3 u. 5 auf d. letzten Seite eine Lagennummer ‘39’, 59’, Kustoden, 29,3 x 21cm, Schriftspiegel 21-24 x 15,5-16,5 cm, zweisp., 30-46 Z., Rubrizierung u. Initialen, vor Beginn jeder Rede etwa eine halbe Spalte leer gelassen, in neuerer Zeit ausgebesserter Einbd. unter Verwendung der alten Teile (an den Rändern abgerundete Holzd. mit rot. Leder, ger. Blindpressung mit d. Streicheisen, beschädigt u. abgerieben; a d. Mitte d. Rückend. kleine Tintenzeichnung: das Züricher Wappen von einem Löwen ge- halten, vgl. Hs. Nr. 3; moderner schwarzer Kaliko-Rücken; bei dem modernen Ausbessern scheint der Vorder- u. Rückendeckel vertauscht zu sein), Ma. schweiz. (mit bair. Einschlägen).
Die Doppelbll. der 1. u. 2. Lage z. T. auseinandergeschnitten und mit modernen Leinwandstreifen wieder zusammengeklebt, dabei nach Bl. 12 ein Bl. verloren gegangen (Druck 1836, S. 35,22-40,8); Bl. 68’ u. 69" wohl versehentlich leer geblieben; Bl. 159-166 leer. — A. d. Innens. d. Vorderd. ein Perg.-Bl. des 14. Jahrh. geklebt: lat. Missale mit Neu- men. — A. d Innens. d. Rückend. ebenso das Bruchstück einer lat. Perg.-Urk., in der die Namen folgender kirchlicher Personen genannt sind: Ego Johannes Raptoris de yfennach clericus Moguntin.; de hil- defhaim Canonicus ecclefiae collegiat.; domino friderico de Blangken- fels Canonico et Cuftodi ... Rat.; dominus Johannes Epifcopus Ratifpontij !); Magifter wılhelmus Spann et Johannes hayden; dicta- mini oonfiliariores opidi Memingin etc.
Bei Hd.a macht sich auf BL 88-114 ein stetes Schwanken zwischen Kurrent- und Buchschrift bemerkbar; nach kürzeren oder längeren An- sätzen in Buchschrift fällt der Schreiber immer wieder, oft mitten in der Zeile, in die gewöhnliche Kurrentschrift zurück; Hd.b schreibt Bastarda. — Die Ma. des ersten Schreibers ist al.-schweiz.; auch der zweite Schreiber, Johannes Gerstner aus Freisingen, zeigt fast aus- schließlich al. Formen, daneben aber mischt er, namentlich im Kon-
1!) Wahrscheinlich Joannes de Streitberg, Bischof von Regensburg von 1409 bis 1421 [C. Eubel, Hierarchia Cathol med. aevi I (1898), 8.434]; in diese Zeit müßte auch die Urk. fallen.
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sonantismus, eine Fülle von Formen bei, die nur aus seinem bair. Heimatdialekt erklärt werden können; einige Beispiele: wüch, wegriffer, werurung, du wis (u. du big = du bist), büch (aus wüch verbessert), befitzen (a. vefitzen verb.), by (a. vy verb.); ebigen lon, ebenklichen, geborffen, Sy berdent, gebichten; anplick, kofper, vepinden (verbinden), ogenplich ; danchberkait, danchber, chauffen, werchen, tranch;; nur selten: euch, greüwet.
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden). — Schreiberschluß (Schreiber b) Bl.158’Y?2: „Bittent got für den Schriber Johannes gerftner von frifingen vnd das büch hat ain ende vnd ift ge- Schriben in dem nünd vnd vierzigiftem jar etc.“
Literatur:
Cunibert Mohlberg, Mittelalterl. Hss. [Kat. d. Hss. d. Zentralbibl. Zürich. L] 1932, 8. 87, Nr. 219.
Die Handschrift wird wohl am ehesten in der Nordschweiz im Jahre 1449 entstanden sein. Die auf der Innenseite des Rückendeckels befindliche Urkunde gibt zur Lokalisierung nichts her; sie scheint ein versprengtes Stück aus anderer Gegend zu sein.
Der Kodex ist von zwei Händen geschrieben, deren erste einem alemannischen Schreiber gehört, während Johannes Gerst- ner, der die Handschrift vollendete, aus Freisingen zugewandert ist; Gerstner hat sich nıcht weiter nachweisen lassen ?). Wir werden möglicherweise mit der Entstehung der Handschrift in einer weltlichen Werkstatt zu rechnen haben.
Auch zur Geschichte des Kodex ist nicht viel zu sagen. Eine auf Blatt 166v von einer Hand des 15. Jahrhunderts eingetragene Federprobe: ‚Item der fch fchmide fol mir x ß der g geh h“ bietet keine Anhaltspunkte. Im 18. Jahrhundert gehörte die Handschrift dem Züricher Schulinspektor und Kirchenhistoriker Johann Jakob Simmler (1716-1788) 3), dessen Bibliothek nach seinem Tode geschlossen an die Stadtbibliothek überging *) und von dessen Hand ein Eintrag (Bl.1r) herrührt. 1916 gelangte der Kodex an die Zentralbibliothek.
2) Ein Johannes Gerster, Bürger zu Säckingen, der i.J. 1432 eine jetzt a. d. Stiftsbibl. zu St. Gallen befindliche Hs. schrieb, gehört nicht hierher, vgl. Scherrer S. 192; Geschichtsfreund 13 (1857), S. 159.
®) G.v:Wyes in: ADB 34 (1892), S. 355; E. Dejung in: Hist.-bio- graph. Lex. d. Schweiz. 6 (1931), 8. 372.
4) Nach freundlicher Mitteilung des Bibliothekars, Herrn Dr. L. Forrer in Zürich.
Schmidt, Die 24 Alten Ottos von Passau. 4
zei, Bi
9.
Einsiedeln, Stiftebibliothek, Cod. Nr. 287 (1235). — Ältere Signaturen: „12 Nr. 14“, „VL 8.“, kL-oktav, Pap. (Bl.b u. 297/8 Perg.), wasserfleckig, im ganzen gut erhalten, vier Wzz. (1. Fleur & cing petales Briquet 6445 Var., Lage 1. 2. 5. 6. 8; 2. Schlange?, bei Br. fehlend, Lage 3. 4. 7. 9. 10. 11; 3. Kreis mit Stange, Attribut nicht erkennbar, vielleicht Br. 3034/7 zugehörig?, Lage 12; 4. Krone?, bei Br. fehlend, Lage 12. 13), 15. Jahrh. (etwa Mitte), 6 Hände (a S. 1-242; b. S. 244-248; c. S. 249-250; d. S. 251-270. 273-295; e. S. 271-272; f. S.297-298), BL a b. 1-148 (als Seite 1-296 gezählt). c ($. 297/8). d, Sexternen, vor S.l u nach S.84 je ein BL ausgeschnitten, keine Textlücke, nach S.248 fehlen 6 Bil. (Textlücke), alte Lagenzählung, Kustoden, 14x 9cm, Schriftspiegel 9,5-10,5 x 6-7 cm, einsp., Zeilenzahl nach d. Händen wechselnd (a. 17-19, b. 14-15, a. 16 u 23, d. 19-20, e. 14-15, f. 26 Z), Rubrizierung u. Initialen, alter Einbd. (Holzd. mit ehemals rot. Leder, verblichen, Rücken neu), Ma. schweiz.
Inhalt:
1. S.1-242 Der 12. Alte (vollständig) u. die Überschrift des 13. Alten.
2. S. 244-248 Von des Menschen Natur; vier Fragen des Königs an einen Meister über den Menschen. — Bricht unvollständig ab, der Text wird aber kaum noch sehr lang gewesen sein; danach fehlen 6 (vielleicht sonst leere?) Bil. — S. 249/250 u. 271/2 (das äußerste Doppelbl. der 12. Lage) scheint von jüngerer Hd. geschrieben u dem Kodex erst später eingefügt.
3. S. 249-250 Gebet an Maria u. das Wunder der Geburt Christi durch Maria.
4. S. 251-295 Der 17. Alte (vollständig).
5. S.297/8 Ev. Joh. I 1-14, dtsch. Prosa: angehängt ist eine Ablaß- bestimmung Papst Clemens’ V. (1305-1314). — Vielleicht erst am Ende des 15. Jahrh. eingetragen.
Literatur:
Gabr. Meier, Catal codd. mss. qui in bibL mon. Einsidlensis O.S.B. serv. I (1899), p. 262 £.
S.-B. d. Pr. Ak. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. 1932, S. LXVIL
Die Handschrift wird ihrem ganzen Habitus nach um die Mitte des 15. Jahrhunderts in einem Frauenkloster der Schweiz von verschiedenen Händen zusammengeschrieben sein; die end- gültige Form, in der uns der Kodex jetzt vorliegt, erhielt er wohl erst in der zweiten Hälfte oder gegen Ende des Jahrhunderts. Die Geschichte des Kodex ist unbekannt.
10.
Heidelberg, Universitäts-Bibliothek, Cod. pal germ. 433. — Ältere Signatur BI.2ra: „CO. 174“, folio, Pap., gut erhalten, doch stark beschnitten, mehrere Wzz. (1. Ochsenkopf Briquet 14727, BL4-24; 2. Turm Br. 15875, Bl. 28-37; 3. Säule Br. 4408 Var. mit einem kleinen Kreis in der Mitte, Bl.39-112 120/1; 4. Buchstabe P Br. 8595, BL 114-118; 5. Ochsenkopf Br. 14725, Bl. 127-151*; 6. Lilie auf Dreiberg u.d. Initialen G MS, fehlt Br., doch vgl. Br. 11935/7, 16. Jahrh., Bl. 2*. 152*), 15.Jahrh (etwa 1450-1470), eine Hand, BL 1*-3* 1-149. 150*-152*, meist Sexternen (erste Lage 13, letzte Lage 6 BIl.), 28,5 x 20cm, Schriftspiegel 21-22 x 14-15cm, zweisp., 34-40 Z., Rubri- zierung u. Initialen (26 geschmückte Initialen an d. Anfängen d. Kap.: Buchstabenkörper mit roter Federzeichnung u. meist in zwei Akan- thusbll. am Rande auslaufend ; Farben blau, violett, grün, rot), jüngerer Einbd. (wie Nr. 26 u 15: Pappbd. mit Schweinsleder), Ma. schweiz.
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden). Literatur: F.Wilken, Gesch. d. Bildung, Beraubung u. Vernichtung d. alten Heidel- berg. Büchersammlungen. 1817, S. 474. A. Ruland, Z. Gesch. d. alten nach Rom entführten Bibl zu Heid. [Sera- peum 17 (1856), eine der S. 217/19 genannten Nrr. 367. 414. 447.] K. Bartsch, Katal d. Hss. d. U.-B. in Heid. 1 (1887), S. 136 £., Nr. 238.
11.
Wien, National-Bibliothek, Cod. 12500 (Suppl 112). — Folio, Pap., gut erhalten, ein Wz. (in versch. Varr., Ochsenkopf Briquet Gruppe 15045-15090), 15. Jahrh. (etwa drittes Viertel), eine Hd (Bla ud von Hd b, BLb von Hd. c), Bl.a. b. c. 1-164. d, Sexternen (letzte Lage Quinterne), Kustoden, 29,4 x 20,5 cm, Schriftspiegel 20,5 x 14,5 cm, zweisp., 37-41 Z, Rubrizierung u. Initialen, alter Einbd. (Holzd. mit dunkelbr. Leder; Blindpressung: in der Mitte ein Rechteck, von einem breiten Blattfries umgeben; in dem Rechteck mit roter Farbe eine ‘3’, am unteren Rande ein Perg.-Streifen, darauf von alter Hd.: „die xxiiij alten‘, beide Einträge auf d. Kopf stehend; Innens. d. Vorderd.: „Re- stauriert im Sept. 1929), Ma. schweiz.
Inhalt:
1. BL a u d Constitutio papae Benedicti XIL super visitationibus, 1335. — Zum Einbd. benutzte Bil, von einer Hd.b des 15. Jahrh. be- schriftet; Reihenfolge des Textes: Bl.d!. d’. a!. a”.
2. BL b Lat. geistl Traktat. — Zum Einbd. benutztes halbes Perg.-Bl., von einer Hd.c des 14. Jahrh. beschriftet.
3. BL1-161 Die 24 Alten (Vorrede — Die 24 Reden — Register).
Literatur:
Tabulae codd. mss. ın bibl. pal. Vind. VII (1875), p. 105.
4%
5.92 —
12.
St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. 984. — Folio, Pap., etwas fleckig, sonst gut erhalten, ein Wz. (in versch. Varr., Ochsenkopf Briquet 15048 Var., 15067 Var., 15093 Var.), 1452, eine Hand, Bl. a. 1-176 (vom Schreiber der Hs. gezählt). 177-180. b, alle BIL von moderner Hd. als Seite 1-364 gezählt, Sexternen, nach S. 364 zwei wohl leere BlL aus- geschnitten, alte Lagenzählung auf d. ersten u letzten Seite jeder Lage von ‘Der erft’ bis ‘xv’, 29x 20,8cm, Schriftspiegel 21-22 x1öcm, zweisp., 38-42 Z., Rubrizierung u. Initialen, Namen am Rande schwarz vorgeschrieben, später mit roter Tinte in den Text eingetragen, alter Einbd. (Holzd. mit dunkelbr. Leder, beschädigt; ger. Blindpressung), Ma. schweiz.
Vor dem Beginn jeder Rede etwa eine halbe oder eine drittel Spalte leer; nur vor der Rede des 12. Alten (8. 110) findet sich eine gleich- zeitige Federzeichnung: der bartlose gekrönte Alte sitzt in einfachem Gewand auf einem durch drei Stufen erhöhten Thron, keine Umrandung; dilettantisch.
Zum Schutz gegen die Heftfäden schmale Perg.-Streifen, die an- einandergereiht teilweise zusammenhängende Reste einer dtsch. Urk. des 15. Jahrh. aus Luzern ergeben. — In.der Urk. werden genannt: Johannes Teller !), Hans Huber, Ulm von Zäziwil (zeczwil) ?), Henslin von Gründeldingen; eine oder mehrere dieser Personen scheinen vor Schultheiß und Rat von Luzern dem Propst und Kapitel des Gottes- hauses St. Michael zu Münster (Beromünster) eine Stiftung gemacht oder einen ähnlichen Rechtshandel vollzogen zu haben. In der Urk. werden ferner als Bürgen oder Zeugen genannt: Ulrich von Herten- stein ®), Johann Konz (Chonfß), Wilhelm von Gündeldingen *), Hugo Weltpeg (?) Bürger zu Luzern. Die Datierung der Urk. ist nicht mehr vorhanden; sie wird zwischen 1420 und 1452 anzusetzen sein).
1) M. Riedweg, Gesch. d. Kollegiatstiftes Beromünster. 1881, S. 487. — Kopp, Beil. z. Jahresber. ü. d. Mittelschule z. Bero-Münster. 1904, S.8. — Th. v. Liebenau, Urk.-Buch d. St. Bero-Münster. I (1906), S. 19.
2?) Riedweg S.413 (P).
s) D. Gesch.-Freund. Mitt. d. hist. Ver. d. fünf Orte. 17 (1861), S.270. — Liebenau I, S. 333, Nr. 281.
4) D. Gesch.-Freund. 17, S. 19; 18 (1862), S. 100. — M. Estermann, D. Stiftsschule v. Bero-Münster. 1876, S. 144. — Riedweg S. 491.
6) E.F.v. Mülinen, Helvetia sacra I (1858), S. 35. — Da das Stift Beromünster 1420 an die Schirmvogtei von Luzern gefallen ist [ Hist.- biograph. Lex. d. Schweiz. 5 (1929), S. 197/9], diese Urk. aber vor „Schultheiß vnd rät ze lucern“ vollzogen ist, wird sie nach 1420 liegen; dazu passen die Daten der gen. Persönlichkeiten, soweit sie nachweisbar sind. Der Einbd. der Hs. ist ebenso alt wie der Kodex, die Urk. also ebenfalls vor 1452 zu datieren.
ar Be
Inhalt:
1. S.3-357 Die 24 Alten (Vorrede — Die 24 Reden — Register).
2. S. 357-361 Auslegung des Paternosters — Die sieben Tugenden des Paternosters — Fünf Gründe, derentwegen das Paternoster gut ist. — Schreiberschluß 8. 361: „Deo gracias. Anno domini MCCCC° 1ij° etc.”
Literatur:
G. Haenel, Catalogi Librorum Mss. 1830, Sp. 720.
G.Scherer, Nachlese stifteanctgall Mess. [ Mitt. z. vaterländ. Gesch. Hrg. v. hist. Ver. in St. Gallen. II (1863), S. 151.]
G.Scherrer, Verz. d. Hss. d. Stiftsbibl. v. St. Gallen. 1875, 8. 372.
Vielleicht darf man aus der eingeklebten Urkunde schließen, daß die Handschrift für einen Chorherren von Münster bestimmt war); jedenfalls ist sie in oder nahe bei Luzern entstanden. Ihre Geschichte ist sonst unbekannt.
13.
Heidelberg, Universitäts-Bibliothek, Cod. Salem. IX, 70. — Ältere Signatur: ‘264’, folio, Pap., an den Rändern wasserfleckig, sonst gut erhalten, zwei Wzz. (1. Ochsenkopf Briquet 14970 Var., BL 2-40. 44-47; 2. Ochsenkopf Br. 15061 Var. u. 15064 Var., Bl.a. 43. 51-164*), 1453, eine Hand (Johannes plebanus in fulgen), Bl.a b. 1-161. 162*-165*, meist Sexternen (Lage 5 Septerne, Lage 6 Quinterne), nach Bl.12 zwei leere, nach BL 163* ein leeres Bl. ausgeschnitten, Kustoden, Perg.-Streifen mit lat. Text zum Schutz gegen die Heftfäden, 29-29,2 x 20-20,4 cm, Schriftepiegel 22-22,3x 14-15 cm, einsp. (BL 160/1 zweisp.), 36-40 Z., ger. Rubrizierung u. Initialen, alter Einbd. (Holzd. mit gelbl.-weißem Leder, verblaßt u. beschädigt), Ma. schweiz.
Gegen die Innens. d. Vorderd. ein Perg.-Bl mit lat. Text des 15. Jahrh. geklebt: Donat. — Gegen d. Innens. d. Rückend. Perg.- Streifen einer dtsch. Urk. geklebt.
Inhalt: Die 24 Alten (Vorrede — Die 24 Reden — Register). — Schreiberschluß BI.161’P: „Explicit liber ifte anno domini 1453 feria quarta ante feftum purificacionis marie per me Johannem plebanum in fulgen‘ (31. Januar 1453).
Literatur:
K. Bartsch, Katal d Hss. d. U.-B. in Heidelberg. 1 (1887), S. 207, Nr. 426.
Die Geschichte der Handschrift ist nicht mit voller Sicher- heit zu rekonstruieren. Als Entstehungsort wird unter den fünf
6) Über Bücherpflege der Chorherren etc. vgl K. A. Kopp, D. Stifts- bibl. v. Beromünster. [Beil z. Jahresber. ü. d. Mittel-Schule z.B. Luzern 1%3 u. 1904.] — Vgl. a P. Lehmann, Mittelalt. Bibl.-Kataloge. II1 (1918), 8. 1-5.
TE RR
Orten, die urkundlich die Namensform Sulgen aufweisen, die im Kanton Thurgau, Bezirk Bischofszell, gelegene Kirchgemeinde in Frage kommen. Einmal legt der Dialekt der Handschrift diese Lokalisierung nahe. Dann enthält die zum Einband be- nutzte Urkunde eine Vereinbarung zwischen „burckart von helm- Storff zü äppißhufen“ und „vlrich fin brüder‘ im Thurgau und den Vogteien „dirrot dem bodenfee‘‘ 1); zwei Bruchstücke der Urkunde sind erhalten, Datum: ‚,... nach jm Sybenden Jare am Samftag nach des hailgen eru...‘“. Wenn die Urkunde mit der “Vogteioffnung von Eppishausen’?) in Beziehung steht, so könnte das Datum mit aller Vorsicht auf den 7. Mai 1407 (?) an- gesetzt werden. — Daß der Schreiber der Handschrift ‘Johannes plebanus’ mit dem 1438 urkundenden Pfarrer aus Sulgen Johann Knüpfel gleichzusetzen ist, ist möglich 3).
Wichtiger ist ein dreizeiliger Besitzereintrag, der auf den Schreibervermerk Bl. 161vb folgt, vollkommen ausgestrichen ist und unter Vorbehalt lautet: ‚„wö dis büch gehört frow // vrfulen von br...berg // geborn von helefank etc.“ Das Wahrschein- lichste ist, daß Pfarrer Johannes die Handschrift im Auftrag einer Frau Ursula schrieb oder sıe ihr als Dedikation zugedachte: der Besitzvermerk ist von seiner Hand. Bei der Undeutlichkeit des Geschlechtsnamens ist man in der Verbindung Sulgen und Ursula zunächst geneigt, an Frau Ursula von Sax, Freiherrin zu Bürg- len und Kastvögtin des Gotteshauses Sulgen, der Tochter Rudolfs von Rappenstein usw., zu denken *). Nach dem frühen Tode ihres Gemahls Albrecht I. von Sax zu Hohensax (1439-1463) leitete sie lange Jahre selbständig die Verwaltung ihres Besitzes. Die Handschrift ist aber bereits 1453 niedergeschrieben, einer Zeit, zu der Albrecht, erst vierzehnjährig, noch gar nicht mit Ursula verheiratet sein konnte. Es ist daher müßig, dieser ‘frow vrfula
1) Hist.-biograph. Lex. d. Schweiz. 4 (1927), S. 136 £.
») A.a.0. 3 (1926), S. 49.
>) K.Kuhn, Thurgovia Sacra. I 2 (1879), S. 154.
%) Kuhn a.a0. 8.149. — J. A. Pupikofer, Frhr. Ulr. v.Sax zu Hohen-Sax. [Thurg. Beitr. z. vaterl. Gesch. 16 (1876), S.47ff.] — J.G. Kreis, Gesch. d. ursprgl. Kirchhöre Sulgen. 1896, S.15-23. — R. Schedler, D. Freiherren v. Sax zu Hohensax. [Neujahrsbll hrsg. v. hist. Ver. d. Kant. St. Gallen. 59 (1919), S. 48.]
u Be
von br...berg’ nachzuspüren, so lange nicht der Geschlechte- name feststeht >).
Frau Ursula war geboren ‘von helefank’. Es scheint of den ersten Blick naheliegend, das auf Ellwangen zu beziehen ; Oester- ley belegt: Elchenwanc Elchenfane Helehenwanc. Die spätere Besitznahme der Handschrift durch das Kloster Salem und die Nähe Sulgens machen es aber wahrscheinlich, an die dem Kloster Salem 1301 von Hermannus Pincerna de Ottelswanc übergebene Besitzung ‘Helwanc’ zu denken €): das jetzige Höllwangen, etwa 4km nördlich von Überlingen. Von hier aus hat die Beziehung zu dem ‘plebanus in fulgen’ etwas Überzeugendes, von hier aus ist es auch verständlich, wenn die Handschrift später, vielleicht beim Tode der an einen anderen Ort verheirateten ‘frow von br...berg’, als Stiftung ins Kloster Salem gelangte. — Im Jahre 1827 kam der Kodex von Salem an die Universitäts- Bibliothek zu Heidelberg ?).
14.
St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. 987. — Ältere Signatur: „S. n. 146.“, folio, Pap., gut erhalten, ein Wz. (in zahlreichen Varianten: Ochsenkopf Briquet Gruppe 14 777-14804; auf d. jüngeren Vor- u. Nach- satzbll. ein Wappen), 1454, eine Hd., 279 Bll. als Seite 1-606 sehr fehlerhaft gezählt, meist Sexternen (Lage 1 Quinterne, Lage 4 sechs, Lage 24 sieben BIl.), nach 8.85 zwei wohl leere BIL ausgeschnitten, nach S.97 fehlt ein BL (Druck 1836, S.7,23-10,21), 28,2-28,5 x 20,5 bis 21,5cm, Schriftspiegel 19x 14-14,5cm, zweisp., 26-30 Z., Rubri- zierung u. Initialen, jüngerer Einbd. (Pappd. mit Schweinsleder), Ma schweiz.
25 Miniaturen. — 1. S.%, etwa 9x6,5cm, der hl. Franziskus, in einer Felslandschaft kniend. empfängt von dem als Seraph über ihm schwebenden Christus die Wundmale; rote Umrandung, blauer Himmel mit Punzen, Hand a. — 2-24. 23 Miniaturen vor den einzelnen Kapitel- anfängen, etwa 10x8cm; rote Umrandung mit ger. Federzeichn. ver- ziert, an den Ecken gold. Rosetten; die Szene spielt in einem stets wechselnden Innenraum, einem Gewölbe mit Säulen, einer Tür, Aus- blick ins Freie etc.; der bärtige, gekrönte Alte in reichem Gewand be- lehrt meist stehend die vor ihm als Jungfrau kniende minnende Seele,
5) Ist an die in Lindau beheimatete Familie von Praßberg, Brasperg zu denken? [Gesch. d Stadt Lindau i Bod., hrsg. v. K.Wolfart. II (1909), 8.123 w ö.]
6) Fr. v.Weech, Cod. Diplom. Salemit. 3 (1895), S. 23
‘) X.Staiger, Salem oder Salmansweiler. 1863, S. 16.
ne
versch. Embleme; auf dem reicheren Bild des ersten Alten die Jahres- zahl ‘1454’ u. zwei Wappen; das Bild des zweiten Alten fehlt nach 8.97, Hand b. — 25. S. 546, etwa 21,5 x 15,3 cm, Anbetung der hl drei Könige in einer Berglandschaft, wohl von Hd.b; Abb. bei Lehmann- Haupt u. Jerchel.
Inhalt:
1. S. 5-83 Leben des Bischofs Johann von Alexandrien, eine freie Ver- deutschung der von Anastasius Bibliothecarius (} 879) gefertigten lat. Übersetzung nach d. griech. Original des Leontios von Neapolis (ca. 5%-668) 1).
2. S.87-544 Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden). — Schreiberschluß S. 544: „Explicit liber. hie han die fier vnd zwaintzig alten ain en vnd ward ufgeschriben am donftag vor letare im liiij Jar‘‘ (28. März 1454).
3. S. 547-602 Johannes von Hildesheim, Die Legende von den hl. drei Königen; kürzende und am Schluß unvollständige Übersetzung aus d. Lat, zw. Kap. 27/28 ein selbständiger Einschub des Verdeutschers S.575: „Hie müs ich etwas fagen von von minnan Sinnen, das ze latin nit gefchriben ftaut...‘“*). — Schreiberschluß S. 602: „Ex- ppliczet liber de iftis tribus magis et regibus in die lün poft Judi- cauit M° CCCC? lüij“ (8. April 1454).
Literatur:
G. Haenel, Catalogi Librorum Mss. 1830, Sp. 720.
G.Scherer, Nachlese stiftsanctgall Mess. [Mitt. z. vaterländ. Gesch. Hrsg. v. hist. Ver. in St. Gallen. II (1863), 8. 151£.]
G.Scherrer, Verz. d. Hss. d. Stiftsbibl. v. St. Gallen. 1875, S. 373 £.
H.S. Denifle, Das geistl Leben. 2. Aufl. (1879), 8.492. — 3. Aufl. (1880), S. XIIL, XXL — 5. Aufl (1904), 8. IX.
H. Brandt, Eine Bilderhs. aus d. Kreise des K Witz. [ Monatshefte f. Kunstwiss. 6 (1913), S. 23. ]
H. Lehmann-Haupt, Schwäb. Federzeichnungen. 1929, S. 96 u. Abb. 43.
Heinr. Jerchel, SpätmittelalterL Buchmalereien am Oberlauf des Rheins. [Oberrhein. Kunst. Jahrb. d. oberrhein. Museen. 5 (1932), S.17-32.] S. 65-67. 76.
1) Den griech. Text edierte H. Gelzer [Samml ausgew. kirchen- u. dogmengesch. Quellenschr. 5 (1893)]; der lat. findet sich bei Migne 73, 8. 337/84 w Acta SS. III (1866), S. 111/31; ferner Potthast, Bibl hist. 2 (1896), S. 1397 f.; Hurter, Nomencl. lit. ® 1 (1903), Sp. 579 £.; Hist. Ze. 61 (1889), S. 1-38,
») Der Text der Hs. stimmt im wesentlichen, von d. Schluß ab- gesehen, zu dem Wiegendruck von Heinrich Knoblochtzer in Straßburg 0. J. (Voullieme, Berlin 2221/2); der lat. Text bei E. Köpke, XXIL Jah- resber. ü. d. Ritter-Ak. z. Brandenb. Progr. 1878; ferner Potthast 1, 8.665 u Hurter 2, 8.653 f.
57 —
In der Handschrift finden sich zahlreiche Einträge, Korrek- turen, Verse von späterer Hand; S.5 ein Eintrag aus dem 16. Jahrhundert: ‚gehört jn das bruder zü fantt Gallen den brüderen‘ und S. 602: „Gehördt dem Bruoderhauß in St. Gallen 1618°,; ferner S.89: „hertzenwiler von Oberberg‘. Dieses “Bruderhaus oder S. Othmarsspital’ zu St.Gallen, wie Scherrer es nennt), scheint auf Abt Othmar I. (720-759), der für die Kranken ein Spital baute, zurückzugehen #); später scheint es eine Art Stift für arme und kranke alte Leute geworden zu sein 5), dessen Versorgung die weltlich gerichteten Stiftsgeist- lichen sich durch Übergabe des Spitals an Laienbrüder zu ent- ziehen suchten 6). Die Laienbrüder, die um 1060 aus Hirsau hierher kamen, scheinen dauernd festen Fuß gefaßt und der Stadt St.Gallen unterstanden zu haben. Jedenfalls muß sich Abt Ulrich von St. Gallen 1480 zugunsten der Stadt „aller Ge- walt über die Layenbrüder und ihr Haus begeben“ und den Kauf Oberbergs durch die Stadt für das Spital genehmigen, den er zuvor verweigert hatte?). Das Spital muß dem Stift für das unweit St. Gallen gelegene Oberberg, Burg und Meieramt, eine Entschädigung zahlen 8). — Wenn auch die Besitzeinträge erst aus dem 16. und 17. Jahrhundert herrühren, so liegt es doch nahe, bereits die Entstehung der Handschrift dem Othmars- spitale zuzuschreiben. Die Miniatur der hl. drei Könige weist ins Bodenseegebiet. Als die Handschrift in späteren Jahrhunderten für das Bruderhaus kein Interesse mehr hatte, mag sie ins Stift gekommen sein, vielleicht unter den Erwerbungen von 1782, die Weidmann erwähnt ?).
Interessant ıst auch die Wahl der Schriften, die sich in dem Bande zusammengefunden haben. Wenn der Herausgeber des Leontios Neapoleos sagt, daß dieser Schriftsteller ‚seine Haupt-
s) A.a 0. 1875, S. 635.
*) Ild. v. Arx, Gesch. d. Kant. St. Gallen. 1 (1810), S.23; nach Leu, Allg. Helvet. Lex. VIII (1754), S. 135 ist es erst im 10. Jahrh. gegründet.
6) G.L. Hartmann, Gesch. d. Stadt St. Gallen. 1818, 8.37.
6) Arx 1, 8. 325 f.
7) Arx 2 (1811), S. 391/5.
°) Hist.-biograph. Lex. d. Schweiz. 5 (1929), 8. 318.
°) Weidmann, Gesch. d. Bibl. v. St. Gallen. 1841, 8. 137.
BEENER. ;(: ERHE
aufgabe darin fand, für das Volk erbauliche Traktate zu schreiben, also ein christlicher Volksschriftsteller im guten Sinne des Wortes‘ sein wollte10), und wenn Goethe über die Legende von den hl. drei Königen des Johann von Hildesheim am 22. Oktober 1819 an Sulpiz Boisseree schreibt: „Genug, ich wüßte kein Volksbuch, neben dem dieses Büchlein nicht stehen könnte‘ !!), so ist es charakteristisch, daß mit diesen ‘Volks- büchern’ das Werk ÖOttos von Passau zusammengebunden er- scheint: das Werk des deutschen Erbauungsschriftstellers stellt sich denen des lateinischen und griechischen Volksschriftstellers unbedenklich an die Seite.
15.
Heidelberg, Universitäts-Bibliothek, Cod. pal germ. 322. — Ältere Signaturen: „c. 177“, „356“ (Bl. 1"), folio, Pap. (Bl.5 u. 6 Perg.), die ersten Bll. etwas beschädigt, sonst gut erhalten, mehrere Wzz (1. Anker Briquet 391 Var., Bl. 2. 3. 7-12. 19; 2. Ochsenkopf in versch. Var. Br. 15054, 15068, 15082/3 Varr., häufig; 3. Ochsenkopf Br. 14680 Var., BL 20-31; 4. Weintraube Br. 12997, Bl. 47-85; 5. \Veintraube Br. 13037 Var., Bl. 294-306. 317), 1457, eine Hand (hans Seiler), BL *1. *2. 1-4 4a 5. 5a 6-24. 24a. 25-359. *360-*362, meist Sexternen, alte Lagenzählung nur in Resten, sonst wohl abgeschnitten, ebenso sind in der 3. u. 5. Lage die ersten sechs Bll. bezeichnet, Blatt- u Lagen- kustoden, 26,5-27x18,5-19cm, Schriftspiegel 21x1l4cm, zweisp.. 24-31 4, Rubrizierung u. Initialen, jüngerer Einbd. (Pappd. mit Schweinsleder), Ma. schweiz. (oberrhein.).
26 Miniaturen, ganzseitig. — 1. Bl. 5’ Johannes auf Patmos, vor einer Felshöhle sitzend mit Ausblick in eine Fluß- u. Berglandschaft; über ihm die Vision der Jungfrau Maria mit dem Jesusknaben; Abb. bei Brandt 1912 u. 1913, Burger, Wegener; Miniatur 1 u. 2 auf Perg., durch ein leeres Pap.-Bl.5a getrennte — 2. BL6' Die Vision des Johannes: der Heilige inmitten der 24 AÄltesten auf grünem Boden- streifen kniend, über ihnen vor blauem und weißem Himmel der thronende Gottvater von himmlischen Heerscharen umgeben in einem Kreis, der von zwei Engeln gehalten wird. — 3-26. Das Bild des je- weiligen Alten vor dem Beginn jeder Rede; Umrandung, Bodenstreifen, Himmel; die monumental-plumpe Figur des gekrönten Alten steht dozierend vor der knienden, um die Hälfte kleineren Gestalt der minnen- den Seele, die als Jungfrau dargestellt ist; landschaftlicher Hintergrund auf dem Bild des ersten Alten (Bl.6’); Abb. des I. w 4. Alten bei Brandt 1913. — Die Miniaturen des 2. bis 24. Alten befinden sich auf einzelnen nachträglich in die Lagen eingeschobenen Pap.-Bll., die aber
10) Gelzer in: Hist. Zs. 61,S.1u 9. ı) W.A. IV 32, 8. 78.
=. 56
dasselbe auch in der Hs. begegnende Wz. 2 tragen; die Gegenseiten der
Bildbll. sind leer. Dieser Gebrauch scheint um die Mitte des 15. Jahrh.
für den Oberrhein charakteristisch: er begegnet auch in der Hs. Nr. 23. Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden —
Dankbarkeit). Der zweite Teil der Vorrede ist fälschlich für den Beginn
der Rede des ersten Alten gehalten. — Schreiberschluß Bl. 359’b:
„... dis gefchach, do man czaltte von gottes geburtte M CCCC vnd
Iij° Jor an fant appolonia tag in der czehen ftund noch mittage; von
mir, hans feiler, wart dis büch us geSchriben Amen“ !) (9. Febr. 1457). Literatur:
Fried. Adelung, Nachr. v. altdtsch. Ged., welche aus d. Heid. Bibl. i. d. Vatik. gekommen sind. 1796, S. 37. 166 f.
E. J. Koch, Compendium d. dtsch. Lit.-Gesch. 2 (1798), S. 307 £., Nr. 7.
F. Wilken, Gesch. d. Bildung, Beraubung u. Vernichtung d. alten Heid. Büchersammlungen. 1817, S. 408 f.
A.Ruland, Z. Gesch d. alten nach Rom entführten BiblL zu Heid. [Serapeum 17 (1856), eine der S. 217/19 genannten Nrr. 367. 414. 447.]
K. Bartsch, Katal. d Hss. d U.-B. in Heid. 1 (1887), S. 77, Nr. 154.
R.Kautzsch, Einleit. Erörterungen z. einer Gesch. d. dtsch. llss.- Illustration im späteren M.-A. [Stud z. dtsch. Kunstgesch. I 3.] 1894, S. 58.
R.Kautzsch, D. Lauber u. s. Werkstatt in Hagenau. [Zentralbl. £. Bibliotheksw. 12 (1895), S. 31 £.]
H. Brandt, D. Anfänge d. dtsch. Landschaftsmalerei im 14. u. 15. Jahrh. [Stud. z. dtsch. Kunstgesch. 154.] 1912, S. 193-195. 205 f., Abb. 40.
H. Brandt, Eine Bilderhs. aus d. Kreise des K. Witz. [ Monatshefte f. Kunstwiss. 6 (1913). S. 18-26.]
M. Escherich, K. Witz. [Stud. z dtsch. Kunstgesch. 183.] 1916, S.127-129.
K.Escher, D. Miniaturen in d. Basler Bibl. 1917, S. 181.
F. Burger, D. dtsch. Malerei v. ausgehenden M.-A. bis z. Ende d. Renaissance. [Handb. d Kunstwiss.] 1919, 8. 498.
H. Wegener, Beschr. Verz. d. dtsch. Bilder-Hss. des späten M.-A. in d. Heid. U.-B. 1927, S. 53-55.
Alfred Stange, Eine oberrhein. Hs. a. d. Mitte d. 15. Jahrh. [ Beiträge z. Forschung. Studien a. d. Antiquariat J. Rosenthal. N. F. 2 (1929), S.37.]
Heinr. Jerchel, Spätmittelalterl. Buchmalereien am Oberlauf d. Rheins. [Oberrhein. Kunst. Jahrb. d. oberrhein. Museen. 5 (1932), S. 17-82.] S.41f. 71.
Werner Fechter, Das Publikum d. mhd. Dichtung. [ Dtsch. Forschun- gen. 28.] 1935, 8. 91.
!) Johannes Seiler. der am 1. Februar 1433 das Berliner Ms. germ. fol.8 ın der Nähe von Basel zu schreiben begann, ist mit dem Schreiber der Heidelberger He. nicht identisch.
= 6
Die Geschichte der Handschrift ist unbekannt. Sie entstand 1457 am Oberrhein, vielleicht in Basel. Wegener (S. VII u. 112) nennt Margarete von Savoyen (gest. 1479) als Vorbesitzerin, ohne einen bestimmten Anhaltspunkt zu haben. Wir kennen die Bibliothek der Margarete nur aus Wegeners Rekonstruktion (nachzutragen wäre noch cpg. 462) ?2); sie mag mit der Bücherei der Pfalzgräfin Mechthild in Parallele zu setzen sein. Über eine Vermutung kommt man in diesem Falle ohne eine erneute Unter- suchung über die Provenienzen der Palatina-Handschriften zu- nächst nicht hinaus. Das Einzige, was man mit Bestimmtheit sagen kann, ist, daß die Handschrift vor 1623 in Heidelberg gewesen sein muß, da sie sich unter Alaccis Beute befand und bis 1816 in Rom verblieb.
16.
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. St. Peter pap. 26. — Folio, Pap., wasserfleckig und abgestoßen, im ganzen gut erhalten, mehrere Wzz. (1. Buchstabe P Briquet 8527, nur Bla; 2. zwei gekr. Schlüssel Br. 3888; 3. Ochsenkopf Br. 14854 Var.; 4. Ochsenkopf Br. 14795 Var., nur BL 77; 5. Ochsenkopf Br. 15242 Var.; Ravensburger Papier), 15. Jahrh. (3. Viertel), zwei Hände (a BL1-95. 124. 127; b. BL 96-123. 125-126. 128-186), Hand a sorglos und dilettantisch, Hand b etwas sauberer, Bl.a b. 1-187, Quinternen, Sexternen, Sep- ternen (zw. Bl 82/83 ein BL ausgeschnitten, keine Textlücke), Kustoden, 30,7 x 22cm, Schriftspiegel 22,5-23,5 x 16,5 cm, zweisp., 29-38 Z., Rubrizierung und Initialen (fehlen seitenlang ganz), keine Bilder, doch vor jedem Kapitelanfang !/, bis ?/, Spalten leer, alter Einbd. (Holzd. mit rot. Leder; gegen die Innens d. Deckel zwei Missalebll., Perg., 15. Jahrh., geklebt), Ma. schweiz.
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden. — Der Schluß, Druck 1836 S. 536,24 ff., fehlt, obwohl noch Raum vor- handen gewesen wäre).
Literatur:
Th. Längin, Dtsch. Hss. [D. Hss. d. Großherzogl. Bad. Hof- u. Landes- bibl. in Karlsruhe. Beil IL] 1894, S. 94, Nr. 113.
E. Ettlinger, Gesch. d. Bibl. v. St. Peter im Schwarzwald. [Zs. f. d. Gesch. d. Oberrheins NF 15 (1900), S. 627.]
E. Ettlinger, D. ursprgl. Herkunft d Hss. [D. Hss. ... in Karlsruhe. Beil. IIL.] 1901, S. 57. 73.
S.-B. d. Pr. Ak. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. 1932, S. LXVIL
2) K. Burdach, Vorspiel I2 (1925), 8. 84.
=ysßf.
Die Entstehung der Handschrift ist unbekannt. Bl. 139v befinden sich einige undeutliche Federproben (von Hand b?): „hanf — hainrich blüm — Cünrat blüm‘“; Bl.ar ebenso: ‚her bainrichi‘‘; sollten sich dahinter Schreibernamen verbergen? — Wir finden die Handschrift dann im Besitz der Benediktiner- Abtei St.Georgen in Villingen (Bl.1r: ‚„Monrij S. Georg.‘), so daß dieses Kloster zeitweilig drei Handschriften der „24 Alten“ besaß (Nr. 33. 50.). In Villingen erwarb 1764 der rührige Abt von St. Peter, Philipp Jakob Steyrer (1749-1795), die Handschrift, Bl.1r: „Emit Philippus Jacobus abbas ao 1764“ 2). Die Bestände von St. Peter waren im Laufe der Zeit durch Feuer fast vollständig zerstört worden, und was St. Peter an Büchern besaß, verdankt es nahezu ausschließlich den Be- mühungen Steyrers, der keine Möglichkeit eines Büchererwerbs unbenutzt vorübergehen ließ. In dem Falle der vorliegenden Handschrift ist es möglich, daß eine Art Tausch zwischen St. Peter und St. Georgen vorliegt; denn Heinecken ?) berichtet von einem Exemplar des Sorgschen Druckes der „24 Alten‘, Augsburg 1480, das nach seinem eignen Augenschein aus St. Peter in Villinger Besitz übergegangen sei: „In der Bene- dietiner Abtey zu Villingen, ehemals St. Peter, welche eine be- sonders schöne zahlreiche Bibliothek hat, befindet sich ein Exemplar mit illuminierten Farben.‘‘ — Die Handschrift wurde bei der Säkularisation 1807 mit den wertvolleren Beständen des Klosters nach Karlsruhe überführt).
17.
Zürich, Zentralbibliothek (Öffentliche Stiftung), Ms. Car D 62. — Folio, Pap., die ersten und letzten Bll und die Ränder fleckig, sonst gut erhalten, ein Wz. (Ochsenkopf Var. von Briquet 15234. 15236. 15237, Ravensburger Papier), 1462, eine Hand (L. Thoman S.), Bl. 1-214, Sexternen (Lage 1 ehemals Septerne, doch vor BLl u 12 je
1) Über Steyrer s. Ettlinger &a 0. und Jul Mayer, Gesch. d. Bened.-Abtei St. Peter a. d. Schwarzw. 1893, S. 149-184; über die Bibl. bes. S. 164/6.
:) C.H. v. Heinecken, Neue Nachr. v. Künstlern u. Kunstsachen. 1 (1786), 8. 265.
s) Ettlinger a.a.O.; Mayer S. 236 £.; W. Brambach, Gesch. u. Be- stand d. Samml [D. Hss. in Karlsr. I.] 1891, S. 24.
- 92 —
ein Bl. ausgeschnitten, keine Textlücke), in den Lagen Perg.-Streifen aus Urkk. u. Hss., doch ohne Zusammenhang, 30,5x21cm, Schriftspiegel 21x13,5-14,5cm, zweisp., 32-35 Z., Rubrizierung und Initialen, vor dem Beginn jeder Rede etwa eine halbe oder dreiviertel Spalte leer gelaseen, alter Einbd. (Holzd. mit dunkelbr. Leder, befleckt u be- schädigt, ger. Blindpressung mit d. Streicheisen, Rosetten etc.; & d. Vorderd. ein altes Perg.-Schild: „Die xxıiij alten“; a d. Innen». d. Rückend. von jüngerer Hd einige lat. Verse), Ma. schweiz.
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden — Dankbarkeit). Die ‘Dankbarkeit’ bricht unvollendet ab, obwohl noch Platz vorhanden gewesen wäre (es fehlt Druck 1836, S. XVI,9-XVILI). In den Überschriften der Reden begegnen die lat. u. dtsch. Eigenschafts- bezeichnungen der 24 Ältesten (s. Beilage III 5). — Schreiberschluß Bl.213Yb: „1462 Inn anno domini Millefimo Quadragintefimo Sexa- gefimo fecundo In feria Quarta poft feftum Sancti Vlrioe Seriptum eft liber ifte. — K [mit einer Krone darüber. ] — ye' lenger’ ye' lieber. — L. Thoman. S“ (7. Juli 1462).
Literatur:
Jak.Werner, Aus Zürcher Hss. 1919, S. 45 £., Nr. IV. — Besprochen von:
Edw. Schröder, Anzeiger £. dtsch. Altert. w. dtsch. Lit. 39 (1920), S. 170.
S.-B. d Preuß. Ak. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. 1932, S. LXVIL
Cunibert Mohlberg, Mittelalterl. Hss. [Kat. d. Hess. d. Zentralbibl. Zürich. I] 1932, S. 152, Nr. 357.
Die Handschrift wird am ehesten in der Nordschweiz, etwa in der Bodenseegegend, entstanden sein. Die Niederschrift ist am 7. Juli 1462 durch L. Thoman S.!) vollendet; der Schreiber hat sich nicht nachweisen lassen ?). — Auf dem gegen die Innenseite des Vorderdeckels geklebten Papierblatt ist ein alter Eintrag, wahrscheinlich ein Besitzervermerk, vollständig ausgekratzt. Die ältere Geschichte der Handschrift ist unbekannt.
Im 17. Jahrhundert gehörte der Kodex dem Züricher Orien- talisten und Kirchenhistoriker Johann Heinrich Hottinger (1620-1667)3), mit dessen Handschriftensammlung er 1736 durch Vermächtnis des Sohnes an die Stiftsbibliothek kam.
1) S. = Scriptor?
») Herr Thoman, Pfarrer zu Hof, der i. J. 1434 den jetzigen Kodex der Wiener Nat.-Bibl. Cod. 2800 (Bl. 148") schrieb, gehört wohl nicht hierher (Hoffmann v. Fall S. 344; Tabulae II, S. 134).
s) Gass in: ADB 13 (1881), S.192£.; ©. Brun in: Hist.-biograph. Lex. d. Schweiz. 4 (1927), S. 2% £.
O2
Diese kam 1835 an die Kantonsbibliothek und wurde 1916 mit der Zentralbibliothek vereinigt t).
18.
St.Gallen, Stiftebibliothek, Cod. 983. — Ältere Signaturen S. 3: „S. on 67“, S.2: „R N°. 69.“, folio, Pap., gut erhalten, drei Wzz. (1. Ochsenkopf Briquet 14395, Lage 1. 15. 16; 2. Ochsenkopf Br. 14821 Var., Lage 2-4. 6. 10. 12. 14-15; 3. Dreiberg Br. 11759 Var., Lage 5. 7-9. 11-13), 1464, eine Hand (fwefter endlin), 183 BIL als Seite 1-343, 345-367 gezählt, meist Sexternen, nach S. 260 ein BL [Textlücke: Druck 1836, S.365,13-368,22], nach S. 288 ein Bl [Textlücke: Druck 1836, S.401,27-417,29], nach 8.367 zwei wohl leere Bil. ausgerissen, Kustoden, 31x 21,5cm, Schriftspiegel 23,5 x 16cm, zweisp., 33-38 Z, Rubrizierung u. Initialen, alter Einbd. (Holzd. mit rot. Leder), Ma. schweiz.
In den zum Schutz gegen die Heftfäden dienenden Perg.-Fälzen im Innern der Lagen ist mit ger. Lücken eine dtsch. Privaturk. vom 18. Nov. 1409 aus St Gallen enthalten, in der Katharina, Heinrich Husammans eheliche Wirtin, mit Einwilligung ihrer Geschwister Ulrich, Heinrich, Konrad, Rudolf, Walter, Jakob, Heinrich, Anna, Elsbeth den aus dem Besitz ihres Vaters Ulrich Appenzeller ab dem Berg erhaltenen Erbteil verkauft an Herman Keller, Ulrich Kellers selig ehelichen Sohn. Ihr Siegel hängen an die Urk.: Johann Pfister, Ulrich ab dem Berg, Lienhard Pauer Bürgermeister zu St.Gallen, Heinrich Husamman; Fürsprech ist Pilgrim Gnümder.
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden). — Schreibereintrag 8.6: „Dif buch ift der fwoftren zu Sand linhart vnd ift gefchriben, volendet am mitwoch vor dem bürtlichen tag vnfer
tember 1464). Literatur: G. Haenel, Catalogi Librorum Mss. 1830, Sp. 720. G. Scherer, Nachlese stiftsanctgall. Mss. [Mitt. z. vaterländ. Gesch. Hrsg. v. hist. Ver. in St. Gallen. II (1863), S. 151.] G. Scherrer, Verz. d. Hss. d. Stiftsbibl. v. St. Gallen. 1875, S. 372. Die Handschrift ıst nach dem Schreibervermerk S.6 und nach einem Eintrag von Hand der Schreiberin auf S.2: „Dyff Büch ift der fweftern zü Sant linhart vor der Stat sant gallen“ ın dem Franziskanerinnenkloster zu St. Leonhard in St. Gallen entstanden. Dialekt und die zum Einband benutzte Urkunde
*) Nach freundlicher Mitteilung des Bibliothekars, Herrn Dr. L. Forrer in Zürich.
RE ‚7 OU SER
bestätigen die Lokalisierung. Als das Kloster im 16. Jahrhundert aufgelöst wurde!), mag die Handschrift an die Stiftsbibliothek gekommen sein, die noch heute 9 Kodizes aus St. Leonhard besitzt 2).
19.
St.Gallen, Stadtbibliothek (Vadiana), Ms. 349. — Ältere Sig- naturen (?): „Ha 38.“, „A. 16.“, folio, Pap., gut erhalten, ein Wz. in mehreren Varr. (Turm Briquet 15873 u. 15875), 1466, eine Hand, Bla 1-208 (ungezählt), Sexternen (letzte Lage 5 Bll., da die 7 letzten leeren Bill. ausgerissen sind), Kustoden, 30 x 21cm, Schriftspiegel 21x 15cm, zweisp., 3l-33 Z, ger. Rubrizierung u. Initialen, alter Einbd. (Holzd. mit rot. Leder, Metallbuckel; zwei Perg.-Bll. sind mit der Schriftseite gegen die Innens. d. Deckel geklebt), Ma. schweiz.
Inhalt: Die 24 Alten (Vorrede — Die 24 Reden). — Schreiberschluß . Bl.208'b: „Anno domini M° CCCC° Ixvj an dem tag, als Coftentzer kirchwyhe ift, ward das Büch ufgefchriben. — In omni tribulacione et anguftia noftra / Succurre nobis, pijffima virgo maria.“
Literatur:
G.Scherer, Verz. d. Mss. u Incunabeln d. Vadian. Bibl. in St. Gallen. 1864, S. 102.
Über die Entstehung der Handschrift läßt sich nur sagen, daß die Niederschrift am 9. September 1466 in der Konstanzer Diözese beendet wurde, ob in Konstanz selbst, ist ungewiß °). Wir werden die Nordschweiz als Heimat ansetzen können. — Die Geschichte des Kodex ist unbekannt.
20.
Stuttgart, Württemberg. Landesbibliothek, Cod. theol et philos. foL 63. — Pap., wasserfleckig u etwas brüchig, mehrere Wzz. (1. Ochsenkopf mit Krone Briquet 14598 und Br. 14599; 2. Dreiberg mit Kreuz Br. Gruppe 11800-11811, nur Bl37-39; 3. zwei gekr. Schlüssel Br. 3888, nur BL 207), 1477, eine Hand (Georg Wölftlin), Bl. 1-216, stets Sexternen, die von alter Hand mit j-xviii bezeichnet sind, 31-31,5 x 22cm, Schriftspiegel 25 x 16-17 cm, zweisp., 29-34. meist 31 Z., Rubrizierung u. Initialen, keine Bilder, alter Einbd. (Holzdeckel mit dunkelbr. Leder; gegen die Innenseite des Vorderd. ein PapierbL
1) E.F.v. Mülinen, Helvetia sacra 2 (1861), S. 227. — Vgl. noch Freib. Diöc.-Arch. 28 (1900), S. 80. 2) Scherrer a.a. 0. S. 637.
°) Der Kirchweihtag, die Dedicatio ecclesiae, scheint in Konstanzer Urkunden zu Datierungszwecken ungebräuchlich gewesen zu sein.
mit lat. Text: Judica VIII 14-35; BL auf der Innens. d. Rückend. mit Federproben des 15. Jahrh. etc.), Ma. schweiz. — Die 17. Lage (Bl. 193-204) ist bereits dem Schreiber in Unordnung geraten, beim Binden ist die Reihenfolge der Bil. völlig zerstört. Die richtige Folge ist: Bl. 194. 193. 202. 196. 197. 198. 199. 200. 201. 195. 204. 203.
Inhalt: Die 24 Alten (Vorrede — Die 24 Reden). — Der Schreiberschluß BI. 216’ lautet: „Jch iörg wölfflin von röttenbach hon dis büch gefchriben minem lieben vnd getrüwen vnd befonndern güten gündern peter rieder von oberndorff ... als man zalt von gottes gebürt dufent vier hunder fübenzig vnd füben jar. — Nun merk, jn dem Jar, do dis büch gefchriben ward, warend wild löff jm land, gorff krieg, my/helung, vnfrid vnd vntrüw jn der welt vnd ward der herczog von burgünne herfchlagen vnd vor Jm vnd nach Jm vnd mit Jm vil tufend tufent menfchen czü töd erfchlagen vnd galt ain malter roken xxx B h!), ain malter vefen xiiij B h, ain viertäl köht?) v Bh — Maria hilff vns.“
Inmitten der Wirren, in denen dem Wunderreiche Burgund durch den Tod seines vierten Herzogs der Untergang bereitet wurde, entstand die Handschrift. Als Ludwig XI. von Frank- reich und Kaiser Friedrich III. 1475 mit Karl dem Kühnen einen vorläufigen Frieden geschlossen hatten, blieben als verbündete Feinde Burgunds Herzog Rene von Lothringen, der elsässische Städtebund, die Schweiz. Die Vorherrschaft hatte Bern. Bern entriß dem Grafen Jakob von Romont seine Besitzungen in der Waadt, dem Hause Savoyen Niederwallis. Karl der Kühne rückte zum Entsatz vor; er erlag den Schweizern im März 1476 bei Grandson. Bei einem zweiten, mächtigeren Vorstoß konnten ihn die verbündeten Eidgenossen und Elsässer im Juni 1476 bei Murten, westlich Bern, völlig schlagen. Karl eilte dem von dem Herzog von Lothringen und den Elsässern besetzten Nancy zu Hilfe. Die Schweiz schickte 8000 Mann Hilfstruppen, durch deren Eingreifen Karl der Kühne am 5. Januar 1477 besiegt und getötet wurde.
Dem weltgeschichtlichen Ausblick des Schreibers entspricht es am ehesten, wenn wir unter den rund 20 nachweislichen Orten
1) schilling pfening.
ı) Zu ‘köht’ vgl. Grimm Wörtb. 5, Sp. 1561 f. — Einen ähnlichen Schreibereintrag vom Tag der Schlacht bei Murten teilt K.A. Kopp mit: Beil. z. Jahresber. ü. d. Mittel-Schule z. Bero-Münster. Luzern 1904, 8.9.
Schmidt, Die 24 Alten Ottos von Passau. 5
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Roeten-, Roethen-, Roettenbach das im Amt Signau in südöst- licher Richtung von Bern gelegene Röthenbach, unweit der großen Emme, als Heimat Georg Wölfflins bestimmen. Die schweizerische Mundart der Handschrift bestätigt diese Loka- lisierung. Wölfflin läßt sich urkundlich ebensowenig nachweisen wie Peter Rieder, der Besteller der Handschrift, der durch die Beisetzung eines Ortsnamens, den in deutschsprechenden Landen ein halbhundert Ortschaften tragen, kaum näher charakterisiert wird; in der Schweiz gibt es kein Oberndorf. Eine Möglichkeit sei wenigstens angedeutet. In der württembergischen Oberamts- stadt Oberndorf am Neckar läßt sich eine Familie Wölflin nach- weisen: Heinrich Wölflin, Bürger zu Oberndorf, urkundet 14183), Jakob Wölflin stiftet für sich und seinen Vater Benedikt zwei Jahrtage in der Kapelle zu u.1.F. in Rottweil*). Lassen wir diese Beziehungen Wölfflin in Röthenbach: Wölflin in Oberndorf: Rieder in Oberndorf gelten, so verträgt sich damit das spätere Auftauchen der Handschrift in der Württemberg. Konsistorial-Bibliothek sehr gut (Bl. Ir unten „Confistorium“). Bei Einführung der Reformation sammelte das Konsistorium Handschriften, die es in den „aufgehobenen oder evangelisierten Klöstern und Stiftern““ vorfand5). Darunter mag auch diese Handschrift gewesen sein. 1776 gelangte die Handschrift auf Geheiß des Herzogs Karl Eugen nach Stuttgart, als das Kon- sistorium seine Bücherschätze an die neugegründete öffentliche Bibliothek abtreten mußte).
Ob die beredte Klage des Schreibers über die „wild löff‘‘ und Teuerung im Lande nur die Feststellung einer Tatsache sein soll oder als eine nicht ungeschickte Variierung üblicher Mahnungen: „Explicit hoc totum, infunde, da mihi potum“, „Finis adest vere, precium vult scriptor habere‘ usw. zu gelten
s) K.J. Glatz in: Neue Mitt. d. archäolog. Ver. zu Rottweil. 1873, 8.72, Nr. 208.
4) H. Ruckgaber, Gesch. d. Frei- u Reichsstadt Rottweil II 1 (1836), S. 334.
6) Chr. F. Stälin, Z. Gesch. u Beschr. alter u. neuer Büchersamml. im Kgr. Würtemberg. 1838, S. 83. — W.v.Heyd, D. Hss. d. Kgl. öff. Bibl. zu Stuttgart. 1. Abt., 1. Bd. (1889/90), S. IIL£.
6) Karl Löffler, Gesch. d. Württ. LandesbiblL [50. Beiheft z. Zen- tralbl. f. BibL-Wesen.] 1923, S. 14.
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hat, bleibe offen. Die Preisangaben haben jedenfalls kultur- geschichtliches Interesse. Zwei Menschenalter vorher (1414) weiß Ulrich von Richental ähnlich hohe Preise aus dem über- füllten Konstanz zu melden: ‚Item den haber, do er allertürest was, do gab man ain malter haber umb xxx ß d. .. Darnach schlüg er ab, das man ain malter gab umb xviij Bd. Do kam so vil haber gen Costentz von frömden koufflüten, das man ein malter haber ward geben umb ain rinischen gulden. Das bestünd also das concilium uß, das man nie kain malter haber türer gab, dan umb ain rinischen gulden. Ain viertal güter roter ärbiß umb ii) Bd. Ain viertal güter wißer ärbis, och umb iiij B d. Bonan, linsi, gersten, und ander zümüß, des alles vand man gnüg und in ainem rechten kouff‘‘?). Die Beispiele ließen sich leicht ver- mehren.
21.
Luzern, Kantonsbibliothek, Hs. Nr. 107. — Ältere Signatur: Mfc. 33. foL, folio, Pap., gebräunt u. eingerissen, im ganzen gut er- halten, ein durchgehendes Wz. (Menschenkopf Briquet 15678 Var., 15679 Var.), 15. Jahrh. (letztes Viertel), eine Hand (Johannes luten- Schlaher), Bl. a-d. 1-129. e-f, BL a-f alte Vor- u Nachsatzblil., meist Sexternen (Lage 6 Quinterne, letzte Lage 11 Bll., da das letzte, wohl leere Bl. ausgerissen ist), Kustoden, 30,2 x 22cm, Schriftspiegel 23,5- 24x 15-16cm, zweisp., 38-47 (meist 43) Z., ger. Rubrizierung u. Ini- tialen, Überschriften in Textura, alter Einbd. (Holzd mit dunkelbr. Leder, beschädigt, Rücken ausgebessert; Blindpressung mit dem Streich- eisen, Lilien- u. Adlerstempel; Vorderd. gebrochen; a d. Innens. d. Rückend. 2 Perg.-Streifen aus einer lat. Bibelhs. wohl des 14. Jahrh., Matth. 28,1-8 u. Daniel 3,3-8 enthaltend), Ma. schweiz.
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden). In der Rede des 2. Alten fehlt der erste Teil (Druck 1836, S. 9,9- 12,13). — Schreiberschluß BI. 129’b: „Johannes lutenfchlaher tunc tempore fcolaris in lucerna“. Danach trug eine Hand des 16. Jahrh. ein: „O lieber her, bis vns gnedig vnd vns vnd hilf vns, das wir dir lernen deienen, dag du gelobt vnd geeret werrdeft iecz vnd iemer ewigklichen amen.“
Literatur:
P. K. Eubel, Gesch d. oberdtsch. Minoriten-Provinz. 1886, S. 256, Anm. 245. S.-B. d. Preuß. Ak. d.Wiss. Phil.-hist. Kl. 1932, S. LXVIL
") Ulr. v. Richental, Chron. d. Constanzer Concils, hrsg. v. M.R. Buck. [Bibl. d. lit. Ver. in Stuttgart. 158.] 1882, 8. 39.
5%
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Die Handschrift ist von ihrer Entstehung im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts bis zur Gegenwart in Luzern nachweisbar. Zwar den Schreiber Johannes Lutenschlaher !) kennen wir nicht; er nennt sich ‘Scolaris’ an der Stiftsschule im Hof zu Luzern ?). Dort scheint man unter den Scholaren das Abschreiben gepflegt zu haben; ein anderer ‘scolaris in Luceria’ schreibt 1465 eine Sammlung von geistlichen Traktaten ab°): es ist Jakob Amgrund, später Schulmeister in Luzern und Verfasser eines deutschen Dramas ‘Das jüngste Gericht’ vom Jahre 1468 #). Vielleicht war er der Anreger für Lutenschlahers Abschrift.
Der vorliegende Text scheint die Billigung des Schreibers gefunden zu haben; Bl.11vb findet sich die Bemerkung von Lutenschlahers Hand: „lis dis büch gern, dz ift dir güt.“ Spätere Besitzer haben sich diese Mahnung zunutze gemacht. Von einer Hand aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts findet sich Bl.dv der Eintrag: ‚jn difem büch ift meng güte ler vnd fölen äli alı ding ünfem heren got zü lob vnd zü eren vnd folt gefchren fin von der liebi, fo heit er gefchribn ‘mine’; fi fit bede güt, wer grgern recht düt amen.““ Eine andere, etwas spätere Hand schrieb Bl.br: „Jtem Der daf büch alf gelefen het, der weyf öpen mengef me den vor hyn, vnd wer güt ..b mengen wüjte, kem ym wol. 1'5°5°1°. Vielleicht von derselben Hand rührt ein Eintrag auf Bl.17r her: „Dif büch ieft fchen.
Zeigen diese Einträge, daß die Handschrift im 16. Jahr- hundert eine Reihe von interessierten Lesern gefunden hat, so nennen andere Federproben und Notizen auch die Namen der Personen, die den Kodex besessen haben. Aus den zahlreichen Kritzeleien von den alten Vor- und Nachsatzblättern sei hervor- gehoben, Bl. fr: ‚„Jtem ich hanf kemer fol mır XXXX Gl...“; „Min frunttlichen gruf vnd alf ef zu vor, lieber brelen [ ?]
1) Über die Familie vgl. Hist.-biograph. Lex. d. Schweiz. 4 (1927), 8. 633.
®) Über die Schulverhältnisse in Luzern im 15.Jahrh. vgl Kaas, Pfyffer, D. Kanton Luzern. [ Hist.-geogr.-statist. Gemälde d. Schweiz. III.] 2 (1859), S. 216 £.; Th. v. Liebenau, D. alte Luzern. 1881, S. 300 £.
3) Ferd. Vetter in: Germania 22 (1877), S. 356. — Jetzt Bern, Stadt- bibl., Ms. Hist. Helv. X 50 (Bloesch, Katal. d. Hss. z. Schweizergesch.
d. StadtbibL Bern. 1895, S. 353). %) Lex. d. Schweiz. 1 (1921), 8. 340.
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Schumacher‘; „von mier bauli haltiman an der hallten min güten guner amen. Jn gots namen“ und „Dem fromen, erfamen vnd wyfen meyfter bauly halltman an der hallten...‘ und der- gleichen mehr. Ein anderer Eintrag, wohl von Paul Haltimann, lautet Bl.fr: ‚So man zallt von Cryftus geburt tuffend fünff- hundert vier vnnd vierzig Jar, Befchach die Schlacht Jm beenund vnnd hamd dis nach gefchriben da Jr läben verloren.‘ Vielleicht bezieht sıch das auf die Schlacht von Cerisola in Piemont, bei der zahlreiche Schweizer für Franz I. von Frankreich kämpften °). — Aus dem späteren 16. Jahrhundert finden sich noch die Namen ‚u. fehyfman“. und „hanf himel ...“ auf Bl.bv und auf derselben Seite die Notiz: „Jtemm ich han gerechnot mit dem fromen vnd wifen ludi fchifman vnd er blibt mir fchuldig fir guldi vnd fünf fchilig vnd ift die rechnung befchächenn vff Sant glärif dag [Januar 13], da man zalt uon criftus geburt dufend vnd fünf hundert [Tilgung] vnd fibiczig und drü iar.“
Es ist nicht gelungen, eine dieser Personen urkundlich nach- zuweisen; wohl aber gehören alle Namen, die genannt werden, bekannten Luzerner Familien an: Schumacher ®), Haltimann an der Halten’), Schiffmann 8) usw. Aus den Einträgen geht also einwandfrei hervor, daß der Kodex ım 16. Jahrhundert in einer Reihe von Luzerner Bürgerfamilien beheimatet war, zahlreich benutzt wurde und sich einer gewissen Wertschätzung erfreute.
In der folgenden Zeit, also wohl zu Beginn des 17. Jahr- hunderts, ist der Kodex in den Besitz des Franziskanerklosters in der Au zu Luzern übergegangen; Bl. Ir ein Besitzereintrag des 18. Jahrhunderts und Bl.bv ein aufgeklebtes Exlibris der- selben Zeit: „Bibliothecae FF. Minorum S. Francifci Conv. Lucernae ad S. Mariam in Augia‘?). Noch bevor das Kloster, eine der ältesten Niederlassungen des Ordens in Deutschland, im Jahre 1838 aufgehoben wurde, traten die Franziskaner ihre
5) E.Im-Thurn uw H.W. Harder, Chron. d. Stadt Schaffhausen. 1844. IV, S. 192; Liebenau S. 38; Lex. d. Schweiz. 2 (1924), S. 526.
e) K. Pfyffer, Gesch. d. Stadt u. d. Kantons Luzern. 1 (1861), S.485, Anm.78; Lex. d. Schweiz. 6 (1931), 8. 25 £.
7) Lex. d. Schweiz. 1 (1921), S. 364 £.
8) Liebenau 9.148; Lex. d. Schweiz. 6 (1931), S. 180.
?) Liebenau S.70/9.
= 0
Bibliothek der Kantonsbibliothek in Luzern ab, wo sich die Handschrift seitdem befindet !°).
22.
Straßburg, Bibliotheque nationale et universitaire, Ms. L germ. 421 2° (Nr. 2397). — Ein Perg.-Bl., von einem Einband losgelöst, Leim- spuren, 15. Jahrh. (2. Hälfte oder Ende), eine Hand, 29,1 x18,8cm, Schriftspiegel 19x 13cm, zweisp., 32 Z., Rubrizierung, Bilder fehlen, Spalten- und Zeilenumrandung, moderner Einbd. (Pappdeckel), Ma. al (wahrscheinlich schweiz.).
Inhalt: Die 24 Alten (Schluß des 9. und Anfang des 10. Alten, = Druck 1836 S. 108, 23-112, 2). Literatur: Ad. Becker, D. dtsch. Hss. d. kais. Univ.- u. Landesbibl. zu Straßburg. 1914, S. 25. Ernest Wickersheimer, Strasbourg. [Catalogue general des mss. des bibliotheques publ. de France. Departements. Tom. 47.] 1923, S. 507, Nr. 2397.
ß) Elsässische Handschriften.
23.
Donaueschingen, Fürstlich Fürstenbergische Hofbibliothek, Ms. 241. — Folio, Pap., starke Bräunungen, Ränder etwas abgestoßen, mehrere Wzz. (1. Buchstabe S Briquet 9038/39 Var.; 2. Ochsenkopf Br. 14684 Var.; 3. Hifthorn Br. 7719 Var.; 4. Ochsenkopf Br. 14175 Var., begegnet nur auf den leeren eingeschobenen Bll.), 15. Jahrh. (Anfang), eine Hand (Fridericus winterlinger Schriber zü Stroßburge), Bl. 1- 134 (moderne Zählung), daneben eine alte Zählung vom Schreiber als Bl. 55-164 (mit Fehlern), Sexternen oder Septernen, sofern nicht BIL fehlen, ausgeschnittene Bll. nach BL 62. 87. 99. 133, keine Textlücken, Bl. 87 besteht nur aus einem schmalen Streifen, alles andere vom Schreiber abgeschnitten, alte Lagenzählung von 1-9, die Bll. der ersten Lagenhälfte als Bl. 1-6, bzw. 7 gezählt, Kustoden, 29,3 x 21 cm, Schrift- spiegel 22,5-23,5x14,5-15cm, einsp., 31-41 Z., Rubrizierung u. Ini- tialen, die oft fehlen, Überschriften in Textura, keine Bilder, alter Einbd. (Holzd. mit hellbr. Leder, beschädigt, zwei Schließen; auf d. Vorderd. außen alter Pap.-Streifen des 15. Jahrh.: „Die xxiij alten //... ortten“ (Anf. d. 2.Z. abgerissen); auf d Rückend. von ders. Hd. auf d. Leder: „... harpfen ...“1); gegen d. Innens. d. Vorderd. das erste BL der ersten Lage geklebt, alte Bl.-Zählung 54; zum Einbd. benutzte Perg.-
10) Pfyffer, D. Kant. Luzern. 1 (1858), S. 301.
1) Liegt eine häufiger begegnende Verwechslung mit den „24 gol- denen Harfen“ des Joh. Nider vor?
ei
Streifen enthalten ein lat. Protokoll des 14. Jahrh.), Ma. südschwäb.- oberrhein.
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden). — Bl. 134’ einige Einträge des 16. Jahrh.: „Item an difem büche fint .C. bletter vnd viiij bleter, die gefchriben fint; die vngefchriben fint nüt gezalt“ usw.
Literatur:
K.A. Barack, D. Hss. d. F. Fürstenberg. Hofbibl. zu Donaueschingen.
1865, S. 208 £.
Der Kodex entstand um 1400 in Straßburg, wie die zahl- reichen Schreibereintragungen bezeugen ?). Der Schreiber Fried- rich Winterlinger selbst ist urkundlich nicht nachweisbar; ob eines „Winterlingers hus‘, das in einer Straßburger Urkunde von 1381 genannt wird, hierher gehört, bleibe offen 3). Fried- rich Winterlinger wird nicht aus Straßburg stammen, da der Dialekt der Handschrift schwäbisch, nicht elsässısch ist.
Der Kodex liegt nicht mehr in der Form vor, in der er von Winterlinger hergestellt wurde. Ursprünglich bildeten die „24 Alten‘ den zweiten Teil einer Handschrift, dessen Blätter fortlaufend von 55-164 vom Schreiber bezeichnet waren; die Lagen zählten von 1-9. Erst später, aber wohl noch in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, erhielt der Kodex die heutige Form. Der erste Teil der Handschrift, Blatt 1-53, wurde entfernt. Vor der Rede jedes Alten wurde je ein leeres Blatt eingefügt; sie enthalten sämtlich das Wasserzeichen 4, das sonst nicht in der Handschrift begegnet; auf der Rückseite der Blätter ist die Zahl des zugehörigen Alten notiert. Die Blätter sollten wohl Miniaturen enthalten, die indes nicht eingetragen wurden ®). Durch die Einfügung dieser Blätter ist die alte Blattzählung des Schreibers zerstört, ebenso die Zählung der ersten sechs oder sieben Blätter jeder Lage. Da diese neuen leeren Blätter fest in den Band miteingeheftet sind, kann auch jetzt erst der Einband
2) Siehe Bl. 4r, 27r, 39r, 43v, 51v, 54v, 59r, 62v, 65v, 76v, 82v, 93v, 114r, 121r, 127v, 133 v.
s) Urk.-Buch d. Stadt Straßb. 7 (1900), S. 569, 20.
“) In dem Gebrauch, ganzseitige leere Bil. für die Miniaturen ein- zufügen, rückt die Donaueschinger Hs. in Parallele zu dem Heidelberger Kodex cpg. 322 (Nr. 15), der 1457 ebenfalls am Oberrhein entstand. Zwischen beiden Hss. bestehen sonst keine Beziehungen.
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hinzugekommen sein, der zu dem Umfang der nunmehr vor- handenen 134 Blätter vollkommen paßt.
Im 16. Jahrhundert war die Handschrift Besitz des Klosters Inzigkofen bei Sigmaringen nach einem Eintrag auf der Innen- seite des Vorderdeckels: „Diß Buech Gehört in die Gemain Teütfch // Liberey Jn dz goczhauß [vnczkoffen].‘‘“ Der Name selbst ist ausradiert, doch wird die richtige Lesung durch die Parallele zu anderen Inzigkofener Handschriften bestätigt). Inzigkofen war ein Nonnenkloster nach der Regel des hl. Augustin, das 1354 gegründet und 1803 säkularisiert wurde ®). Ob die Handschrift sofort bei der Aufhebung des Klosters oder erst später (vielleicht aus Laßbergischem Besitz?) in die Fürst- lich Fürstenbergische Hofbibliothek kam, läßt sich nicht mehr feststellen.
24.
Hamburg, Staats- und Universitäts-Bibliothek, Ms. in scrinio 9. — Ältere Signatur: „Ms. theolog. 1056 fol“, folio, Pap., etwas gebräunt, sonst gut erhalten, mehrere Wzz. (1. Ochsenkopf Briquet 15041/42 Var., Bl.5-24; 2. Ochsenkopf Br. 14929/30 Var., BL 26-107. 135-185; 3. Buch- stabe S Br.9040 Var., BL 109-130), 15. Jahrh. (etwa 1410/20), eine Hand, Bl.a. b. 1-71. 71a. 72-189. c, Sexternen, nach Bl. 189 zwei leere Bll. ausgeschnitten, alte Lagenzählung, 28,5x 20cm, Schriftspiegel 20x13-14cm, zweisp., 31-36 4, Rubrizierung u. Initialen, diese oft mit Fleuronnewerk und Ranken in Federzeichnung am Rande, alter Einbd. (Holzd. mit rot. Leder, Rücken ausgebessert i J. 1921), Ma. els.
26 Miniaturen. — 1. Bl.2’b S. Johannes, 7,5x5,8cm; rote recht- eckige Umrandung, blauer Hintergrund mit Ziselierungen; der Heilige kniet, in rotem Mantel u. grünem Untergewand, mit erhobenen Händen, zu der Vision (Bl.3”) aufblicken — 2. BL3! Die 24 Altesten Gotb anbetend, 20,3x 13,5cm; rote Einfassungslinien, blauer Hintergrund;
5) Vgl. die Hsa der Preuß. Staatsbibl [Degering, Kurzes Verz. d. germ. Hse. 3 (1932), S.373]. — 8. a. Joh. Bolte in: Alemannia 17 (1889), S.1ff. und ZfdA 33 (1889), S. 18£f.; vor allem A. Hauber in: Zentralbl. f. BibL-Wesen. 31 (1914), S. 364-370. — Über die Schreibung des Namens ‘vnezkoffen’ s. Schnell, Hist.-statist. Zs. f. d. beid. Fürstenth. Hohenzollern. 1 (1845), S. 4.
e) K. Th. Zingeler uw W. F. Laur, D. Bau- u. Kunst-Denkm. ı. d. Hohenzollernschen Landen. 1896, S. 219-223. — Die Gründung erfolgte zunächst für Franziskaner-Tertiarierinnen [Freib. Diöc.-Arch. 28 (1900), S.76], doch nahmen die Schwestern bald die Regel des hl Augustin an (Schnell S.5£.).
— 73 —
die Bildfläche ist waagerecht in zwei gleiche Hälften gespalten, die untere Hälfte senkrecht noch einmal geteilt, die obere wird durch die Mandorla Gottes halbiert; in jedem der so entstehenden Bildviertel knien sechs der Ältesten, gekrönt und in weißen Gewändern, Gott an- betend; Gott selbst sitzt in einer Mandorla in der oberen Bildfläche auf einer Bank, segnend u. die Weltkugel haltend. — 3-26. Dar jeweilige Alte vor seiner Rede, etwa 7-8,5x 5,5-6cm; rote Umrandung, blauer Hintergrund mit Ziselierungen; der bärtige u. gekrönte Alte steht in weißem Gewande mit den Händen dozierend; Deckfarbenmalerei.
Zum Schutz gegen die Heftfäden im Innern der Lagen sind Perg.- Streifen verwandt, auf denen sich Teile eines lat. Briefes des General- magisters des Dominikanerordens Raymund von Capua vom 8.Sep- tember 1382 (oder 1386?) finden, den Straßburger Konvent betreffend!); von den Straßburger Predigern werden genannt: Ulrich Löselin ?), Niko- laus Blenckelin ®) und Petrus de Offenburg t).
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden).
Literatur:
Bibliotheca Uffenbachiana universalis collegit Zach. Conrad. ab Uffen- bach. Tom. III (1730), p. 524, Nr. XXX.
Catal. Mss. Codd. BibL Uffenbachianae. 1747, S. 201/2.
R. Münzel, Philologica Hamburgensia. Festgabe f. d. Mitgl. d. 48. Vers. dtsch. Philol. u Schulmänner. 1905, S. 22, Nr. 97.
Der Dialekt und die Iluminierung der Handschrift weisen nach dem Elsaß. Die textlich enge Zusammengehörigkeit mit der Donaueschinger Handschrift (Nr.23) sowie der zum Ein- band benutzte Brief an den Straßburger Dominikanerkonvent legen die Entstehung in Straßburg selbst nahe. Hier wird die Handschrift in einer weltlichen Werkstatt zu Beginn des Jahr- hunderts, etwa zwischen 1410 und 1420, angefertigt sein.
Bald nach ihrer Entstehung, spätestens in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, muß die Handschrift dann rheinabwärts gewandert und nach Köln gekommen sein, wo sie der Berliner Handschrift Nr.85 als Vorlage diente. Hier mag sie der viel-
1) Der Brief ist nicht erwähnt bei B. M Reichert, Registrum litte- rarım Raym. de Capua 1386-1399. [Quell u. Forsch. z. Gesch. d. Dom.- Ordens in Dtschld. 6.] 1911.
2) Prior des Klosters; Urk.-Buch d. Stadt Straßb. 7 (1900), S. 389, 4s. 503, 22. 53. 698, 40. — J. Kindler v. Knobloch, Oberbad. Geschlechterbuch. 2 (1905), 8. 525.
®) Prior des Klosters; Urk.-Buch d. Stadt Straßb. 5 (1896), S. 827, 3. 7 (1900), S. 184, ss.
*) Konventuale; a.a 0. 7, S. 274, 2.
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gereiste Johann Gerhard Meuschen (1680-1743) aufgekauft haben, um sie seinem bibliophilen Freunde Zacharias Konrad von Uffenbach (1683-1734) 1720 zu schenken 5); ein Eintrag seiner Hand Bl.1r lautet: ‚Raro hoc Msto libro celeberrımam instructißimamque Bibliothecam illustris viri Dni. Zachariae C. ab Uffenbach augere voluit d: XXIII. VIILBris. MDCCXX. JG Meuschen. primarius paftor aulicus, Consiliarius Ecclesiasti- cus et Superintendens Hanoviensis.‘‘ Das Uffenbachsche Exlıbris befindet sıch auf der Innenseite des Vorderdeckels: „Ex Libris Bibliothecae D. Zach: Conr: Ab Uffenbach. M.F.“
Als Uffenbach 1729/31 in vier starken Oktavbänden seine Bibliothek zum Verkauf anbot, war auch die Handschrift der „24 Alten‘ darunter, fand jedoch keinen Käufer. Johann Christoph Wolf (1683-1739) ın Hamburg kaufte nur die hebräischen Kodizes, 1735 die große Briefsammlung Uffenbachs. Erst als 1747 die in Uffenbachs Besitz verbliebenen Hand- schriften noch einmal angeboten wurden, kaufte der Bruder Wolf, Johann Christian (1690-1770), den größten Teil der Sammlung und damit auch diese Handschrift). Die große Bücherei der Brüder Wolf ging noch zu ihren Lebzeiten an die Hamburger Stadtbibliothek über.
25.
Colmar, Bibliotheque de la ville, Ms. 261. — Ältere Signatur: „183“, quart (folio), Pap. (Bla b Perg.), etwas angeschmutzt, sonst gut erhalten, ein Wz. (Ochsenkopf, der in mehreren Varr. durch die Hs. geht, Briquet Gruppe 14917-14935), 15. Jahrh. (1. Viertel), eine Hand, Bl.a b. 1-183. 183a 184-191. 193-266 (Fehler der Zäh- lung), stets Sexternen (Lage a u. letzte Lage je 2 BIL; bei der letzten Lage, ursprgl. 6 BIL, sind die vier letzten BlL ausgerissen, der Schluß des Textes fehlt), Kustoden, alte Lagenzählung von j-xxiij, innerhalb jeder Lage alte Blattzählung von 1-12, häufig beim Beschneiden ver-
6) Über Meuschen s. J. Franck in: ADB 21 (1885), S. 538 f. — Aus der großen Lit. über Uffenbach s. R. Jung in: ADB 39 (1895), S. 135/7; ferner seine eigenen Bibliotheks- u. Auktionskataloge; zur Charakteristik s. Bibl. vgl E. Beutler, D. frühhumanist. Komödie. 1927, S. 109. 136.
e) Über die Brüder Wolf s. Bertheau in: ADB 44 (1898), S. 545/8; Jacobs in: ADB 43 (1898), S.761f. — Interessante Einzelheiten über den ‘Fall’ Wolf teilt Lessing in den Kollektaneen z. Lit. mit [ed. Lach- mann-Muncker 15 (1900), S. 259-261.]
u,
loren gegangen, 30 x 20,4 cm, Schriftspiegel 19,3 x 13cm, zweisp., stets
30 Z., Rubrizierung u. Initialen (rot u. blau), alter Einbd. (Holzd. mit
rot. Leder, beschädigt; ger. Blindpressung mit dem Streicheisen), Ma. els.
Bl.1’® Schmuckinitiale S, etwa 9x4cm, blau mit roten Verzie- rungen, darin Christus, zwei singende Engel, S. Johannes schreibend. — 24 Miniaturen, vor dem Beginn jeder Rede, etwa 6-10x6cm; archi- tektonische Umrahmung einen Innenraum umschliel3end, dessen Vorder- wand herausgeschnitten scheint; der Raum wirkt flächig, perspektivische Tiefe fehlt, häufig Halbierung durch eine Säule oder dergl.; Hinter- grund rot oder blau mit ornamentalem Punktmuster, der erste Alte vor einem Teppich, häufig grüner Bodenstreifen; der jeweilige Alte sitzt stets links auf einer Bank oder auf Kissen, dozierend, meist in einen Mantel gehüllt, bärtig, mit Turban oder Kapuze auf dem Haupt, selten gekrönt (1. 13. 17. 19. Alte); rechts steht die gekrönte minnende Seele als Jungfrau in einfachem, weißem (Grewande, blonden Locken; auf den Bildern des 1. bis 10. Alten trägt sie an den Händen Wundmale; leuchtende, kräftige Deckfarbenimalerei.
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden). Schluß fehlt, der Text bricht mit Druck 1836, S. 536, 13 ab; wahrschein- lich wird auch die ‘Dankbarkeit’ vorhanden gewesen sein.
Literatur:
A.-ML-P. Ingold, Les manuscrits des anciennes maisons religieuses d’Al- sace. 1898, S. 54.
Heinr. Jerchel, SpätmittelalterL Buchmalereien am Oberlauf d. Rheins. [Oberrhein. Kunst. Jahrb. d. oberrhein. Museen. 5 (1932). S.17-82.] S.33-35. 74f.
S.-B. d. Pr. Ak. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. 1932. S. LXVIL
Mundart und Ausstattung sichern die Entstehung der Hand- schrift im Elsaß, etwa ın den Jahren 1410 bis 1420. Ob die Handschrift in einer Werkstatt oder in einem Kloster entstand und für wen sie hergestellt wurde, hat sich nicht ermitteln lassen. Zu vermuten ist indes, daß sie zunächst in Laienkreisen be- heimatet war und dann durch Stiftung in ein Kloster überging; denn auf der Innenseite des Rückendeckels findet sich von einer Hand des 15. Jahrhunderts der Eintrag: „wer dis büch vindet dre // Der geb es der Me....!) weder“. Die letzten beiden Worte durchstrichen, ‘der’ in ‘den’ verbessert und von einer zweiten Hand des 15. Jahrhunderts statt dessen hinzugefügt: „von vnder- linden‘. Eine dritte Hand schrieb dann noch den Zusatz: ‚‚wan diß büch ift der von vnderlinden ze colmar“‘. Demnach ist die
1!) Der Name ist nicht mehr zu lesen [ Men’fah??].
=. 76.2
Handschrift, vielleicht durch den Eintritt einer Nonne, bereits im 15. Jahrhundert in das Dominikanerinnen-Kloster Unter- linden in Kolmar gelangt, in dem die Mystik besondere Pflege fand ?). Als das Kloster im Jahre 1792 aufgehoben wurde, wur- den die Bücherbestände in die neubegründete Stadtbibliothek von Kolmar überführt.
Eine Eigentümlichkeit der Handschrift sind Zusätze lateini- scher Quellenzitate von einer ziemlich frühen Hand des 15. Jahr- hunderts, die sich überall.am Blattrand da finden, wo Schrift- steller im Text zitiert werden; diese lateinischen Zusätze finden sich regelmäßig auf Bl.1 bis 45, vereinzelt bis BI. 97, später fehlen sie. Ob diese Eintragungen im Kloster Unterlinden selbst gemacht worden sind, ist doch wohl fraglich; denn wenn die Nonnen zum großen Teil auch Latein verstanden ?), so setzen die beigefügten lateinischen Zitate eine Vertrautheit mit den Originalquellen voraus, die in dem Maße kaum vorhanden gewesen ist. Vielleicht stammen die Einträge von einem vor- gesetzten Ordensbruder. Auffallend bei dieser Feststellung ist nur, daß diese lateinischen Zusätze zum Teil in die Hand- schriften, die aus den Bücherwerkstätten von Diebold Lauber und seinen Vorgängern hervorgingen, Eingang gefunden haben #).
26.
Heidelberg, Universitäts-Bibliothek, Cod. pal germ. 27. — Ältere Signaturen nicht mehr erhalten, folio, Pap., gut erhalten, ein durchgehendes Wz. (1. Dreiberg mit Kreuz Briquet 11682 Var. — Zwei weitere Wzz. begegnen auf alten VorsatzbllL: 2. Löwe Br. 10542 Var., Bl.2*. 167*; 3. Rosette Br. 6597, BL auf d. Innens. d. Vorderd.), 1418, eine Hand, Bl. 1*-2*. 1-166. 167*-168*, Sexternen, je ein ausgeschnit- tenes Bl. in der 1. u. 14. Lage, Kustoden, 37,7 x 27cm, Schriftspiegel
30 x 18-20 cm, zweisp., 33-50 Z, ger. Rubrizierung u. Initialen, neuerer Schweinslederband, Ma. els.
2) P.H. Wilms O.P., D. älteste Verz. d. dtsch. Dominik.-Klöster. [Quellen u. Forsch. z. Gesch. d. Dominik.-Ordens i. Dtschld. 24. Heft.] 1928, S.49f. — A. Waltz, Bibliographie de la ville de Colmar. 1902, S. 90-97.
6) P.H. Wilms O.P., Das Beten der Mystikerinnen [ Quell. u. Forsch. z. Gesch. d Dominik.-Ordens in Dtschld. 11. Heft.] 1916, S.27 ft.
4) S. die Hss. Nrr. 26. 27. 28.
ae
27 Ministuren. — 1. BL 1’ 32x 20cm: rot-weiß-blaue rechteckige Umrandung, die Bildfläche in zwei übereinanderliegende Szenen auf- geteilt, grüner Bodenstreifen, roter Hintergrund; in jeder Bildecke knien sechs, einmal acht gekrönte Jungfrauen mit Wundmalen, weißen Kleider mit roten Doppelstreifen: die minnenden Seelen; in der Bild- mitte eine große Mandorla, in der Christus mit der Weltkugel vor blauem Hintergrund auf einer Bank thront, vor ihm kniet auf einem grünen Bodenstück eine minnende Seele. — 2. BL 2’ 20x 18,5cm: senk- recht geteiltes Bild, links rote Umrandung, blauer Hintergrund, pre- digender Papst auf einer Kanzel; rechts blaue Umrandung, roter Hinter- grund, die zuhörende Gemeinde, auf Bänken u. grünem Bodenstreifen sitzend. — 3. BL 3’? 10x 7,5cm: rote Umrandung, blauer Hintergrund, der Evangelist Johannes, auf einem Stuhl sitzend, schreibt an einem Pult, auf dem Pult ein weißer Adler. — 4-27. Kleinere Miniaturen vor jedem der 24 Kapitel, etwa 10x8cm: rote Umrandung u. blauer Hintergrund oder umgekehrt, grüner Bodenstreifen; der bärtige, ungekrönte Alte in weißem Gewande auf einer Bank sitzend, vor ihm stehend die min- nende Seele, wie Miniatur 1 gekleidet, stets gekrönt und mit Wund- malen, scheint den Alten zu belehren. Abb. des 11. Alten bei Wegener 8.13,
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden -- Dankbarkeit). — Am Schluß der Dankbarkeit statt des Vollendungs- jahres des Werkes (1386) das der Niederschrift des Kodex, Bl. 166°P: „»... der dis büch von dem anevange vntz an daz Ende ... vollebroht het Anno domini Millefimo quadringentefimo decimo octauo finitus oft off Sant valentinus tag“ (14. Februar 1418).
Literatur:
F.Wilken, Gesch. d Bildung, Beraubung u. Vernichtung d. alten Heidel- berg. Büchersamml. 1817, S. 319.
A.Ruland, Z Gesch d. alten nach Rom entführten Bibl zu Heid. [Serapeum 17 (1856), eine der S. 217/19 genannten Nrr. 367. 414. 447.]!)
K. Bartsch, Katal. d. Hss. d. U.-B. in Heidelb. 1 (1887), S.9, Nr. 19.
R. Kautzsch, Notiz über einige els. Bilderhss. [Philolog. Studien. Fest- gabe f. Ed. Sievers. 1896, S. 292, Nr. C1.]
H.Wegener, Beschreib. Verz. d. dtsch. Bilder-Hss. des späten M.-A. i.d. Heid. U.-B. 1927, S. 12£.
Werner Fechter, Das Publikum d. mhd. Dichtung. [ Dtsch. For- schungen. 28.] 1935, S. 91.
Die Handschrift entstammt der von Kautzsch entdeckten und von Wegener näher bestimmten ‘elsässischen Werkstatt von 1) Der Rulandsche Aufsatz ist nur dazu angetan, arge Verwirrung
zu stiften; die Thesen sind von Burdach, Vorspiel I 2 (1925), S. 76 £. energisch zurückgewiesen worden.
u iR
1418’, die wahrscheinlich in Straßburg um 1415/25 tätig war und eine Art Vorläufer der Lauberschen Werkstatt in Hagenau darstellt. Ein Dutzend oder mehr Handschriften sind ihr zu- zuweisen, von denen sich sieben Stück in Heidelberg befinden.
Umstritten ist, wann die Handschrift in die Palatina ge- langte. Burdach ?) nahm bei vorsichtiger Formulierung Erwerb des größten Teiles dieser Handschriften erst im 16. und 17. Jahr- hundert an, während sich Wegener) für gleichzeitige Besitz- nahme aussprach, in diesem Falle also durch den Kurfürsten Ludwig III. (1410-1436). Die Frage kann an einem einzelnen Beispiel nicht behandelt oder gar entschieden werden, verdiente wohl aber noch einmal in größerem Zusammenhange eine Untersuchung.
1623 trat die Handschrift mit ihren Leidensgenossen den Exodus nach Rom an, um 1816 wieder nach Heidelberg zurück- zukehren.
27.
Pommersfelden, Gräflich Schönborn-Wiesentheidsche Biblio- thek, Cod. 2741/320. fol. — Pap., gut erhalten, drei Wzz. (1. Waage Briquet 2423 Var., Lage 1-9. 12-22; 2 Katze Br. 3554 Var., Lage 9. 10-11; 3. Menschenkopf mit Monogramm vergleichbar Br. 15743, BL a-d)!), 15.Jahrh. (um 1420), eine Hand, Bla b. 1-214. c. d, Bil. nicht gezählt (beim Binden abgeschnitten?), meist Quinternen (Lage 1 vier Bll., Textlücke; Lage 11 neun, Lage 22 elf Bil, keine Lücken), bei der ersten Lage fehlen möglicherweise die ersten vier BIl., die viel- leicht das Register und Miniaturen enthielten, und zwei Bll. nach BL 3 (Textlücke Druck 1836, S. 5, 19- 11,23, Schluß der Rede des 1. u Anf. d. Rede d. 2. Alten), so daß sich etwa folgendes Bild ergibt: ursprünglich vorhanden: Bl.[1. 2. 3. 4.] 5. 6. 7. [8. 9.) 10. jetzt noch vorhanden: 1. 2. 3. 4. Perg.-Streifen mit lat. Text zum Schutz gegen die Heftfäden sind später entfernt und nur noch in Leimspuren sichtbar, 36 x26cm, Schrift- spiegel 25,5-27x16-17cm (das Buch ist beim späteren Binden stark beschnitten worden), zweisp., 30-34 Z., Rubrizierung u. Initialen, neuerer Einband (Bibl.-Einbd. des Grafen Lothar Franz v. Schönborn, Anf. d. 18. Jahrh.: Pappdeckel mit br. Leder; a. d. Außenseiten vorn
2) K. Burdach, Vorspiel I 2 (1925), S. 70-99, bes. S. 9 f.
5) Wegener a.a.0. S. VL 11f. 111.
1) Wz. 1 uw 2 finden sich auch in Hoss. der Diebold Lauberschen Werkstatt: Köln, Stadtarchiv, Cod. Wf. 250/251 [ Vollmer, Mat. z. Bibel- gesch. I 1 (1912), 8. 110 wö.].
== 90: =
u. hinten das gräfl. Schönborn-Wiesentheidsche Wappen in Golddruck ?); aus dieser Zeit stammt auch Bl.a-d mit Wz. 3), Ma. els.
25 Zierinitialen zu Beginn der Vorrede u. d. einzelnen Kapitel; häufig rechteckige farbige Umrandung, Buchstabenkörper einfarbig, Fleuronnewerk, Fabeltiere, ornamentale Verzierungen. — 23 Minia- turen, vor dem Anf. jeder Rede (das Bl mit der Miniatur des 2. Alten fehlt), meist quadratisch, die Seitenlänge etwa 8,5-13cm; rechteckige farbige Umrandung, grüner Bodenstreifen mit Gras, roter oder blauer Hintergrund, auf drei Seiten von einem punzierten Streifen eingefaßt; der bärtige, gekrönte Alte sitzt in reicher Tracht, meist von einem Mäntelchen umgeben, auf der linken Bildhälfte auf einer Steinbank oder einem Stuhl und belehrt die vor ihm stehende minnende Seele, die als gekrönte Jungfrau dargestellt ist, mit bloßen Händen und Füßen, an denen Rosettenwundmale sichtbar sind; sie trägt ein einfaches weißes Gewand, das mit roten u. blauen Rosetten gemustert ist.
Inhalt: Die 24 Alten (Vorrede — Die 24 Reden — Dankbarkeit). — Schreiberschluß BI. 214Y@: „ihefu noftra redempcio amor et defyderium. deus creatur omnium homo in fine temporum”.
Literatur:
Bethmann, Altdtsch. Hss. d. gräfl. Schönborn. Bibl. zu Pomm. [ZfdA.5 (1845), S. 371.]
Bethmann, Hss. d Gr. Schönborn. Bibl. in Pomm. [ Arch. d. Ges. f. ä dtsch. Geschichtsk. 9 (1847), S. 539.]
W.Schum, Erfurter Hss. ın auswärtigen Bibliotheken. [ Mitt. d Ver. £. d. Gesch. u. Alterthumsk. von Erfurt. 6 (1873), S. 264.]
P. Lehmann, Mittelalt: Bibl.-Kataloge Dtschlds. u. d. Schweiz. 2 (1928), S.231, 4 32; 239, Z. 28.
S.-B. d Pr. Ak. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. 1929, S. LXXL
Die Handschrift entstand um 1420 ım Elsaß. Der Text der Handschrift hängt aufs engste mit dem der Heidelberger Hand- schrift cpg.27 (Nr.26) zusammen: beide werden einer gemein- samen Vorlage entstammen. Der cpg.27 wird der sog. „Elsässischen Werkstatt von 1418“), einer Art Vorläufer Diebold Laubers, zugeschrieben. Soweit nach dem gegen- wärtigen Stand unserer Kenntnisse sich etwas Sicheres aus- machen läßt, werden wir auch die Herstellung der Pommers- feldener Handschrift derselben Werkstatt zuweisen dürfen.
2) Siebmachers Wappenbuch 2. Bd, 1. Abt (1856), S. 21 f., Taf. 15; 1. Abt. (1858), 8. 3, Taf. 3. — J. Theele, D. Hess. des Bened.-Kl. S. Petri zu Erfurt. [48. Beiheft z. Zentralbl. f. Bibl.-Wesen.] 1920, S. 38.
5) R. Kautzsch in: Festgabe f. E. Sievers. 1896, S. 292. — H. Wege- ner, Beschr. Verz. d. dtsch. Bilder-Hss. ı. d. Heidelb. U.-B. 1927, S. 12.
see, AR
Für wen die Handschrift hergestellt wurde oder wer ihr erster Besitzer war, wissen wir nicht. Auf BIl.214v befindet sich ein Eintrag etwa aus dem beginnenden 16. Jahrhundert: „Diß buche ift der Carthufer bruder vor Erffurd // dene ys [verbessert aus ‘ift’] mann vmb gotes willen widder geben.‘ Wie die Kartause Salvatorberg bei Erfurt in den Besitz der Handschrift gelangte, ist unbekannt. Indessen hat der Erwerb der Handschrift bei dem Bibliotheksgroßbetrieb der Erfurter Kartause nichts Auffälliges; finden sich doch sogar Hand- schriften aus Durbon und der Grande Chartreuse, aus Italien und Skandinavien vor*). In dem Katalog der Kartause, der an 850 Handschriften aufzählt, ist die Handschrift nicht genannt. Das kann darin seinen Grund haben, daß der Kodex als deut- sches Erbauungsbuch der Laienbrüderbibliothek zugeordnet war und als solcher in dem’ Katalog der eigentlich wissenschaftlichen Werke nicht mitaufgeführt wurde; es kann aber auch der Zu- fall mitspielen, da in dem Katalog die Blätter, die die deutschen Bücher verzeichneten, fehlen 5).
Die Kartause wird die Handschrift etwa zwei Jahrhunderte hindurch besessen haben. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts fand sıe das Interesse des Mainzer Erzbischofs Graf Lothar Franz von Schönborn (1655-1729, Erzbischof seit 1695), der die Hand- schrift in Besitz nahm und sie wie die übrigen Manuskripte seiner Bibliothek uniform binden ließ 6). Die gräfliche Biblio- thek, die sich zuerst im Schlosse Gaibach in Unterfranken be- fand, wurde im Jahre 1821 nach Schloß Weißenstein bei Pom-
«) P. Lehmann, Erfurter Bibliotheken i M.-A. [Erf. Bibl.-Ges. 1. Jahresber. (1925), S. 21.]
5) P. Lehmann, Mittelalt. Bibl.-Katal. Dtschlds. u. d. Schweiz. 2 (1928), S. 235, 40 ff.
6) Über die ‘bibliophilen’ Neigungen des Erzbischofs s. W. Schum, Beschr. Verz. d. Amplon. Hss.-Samml. zu Erfurt. 1887, S.XLV. — Theele a.a. O. S. 57; H. Schreiber, D. Bibl. d. ehem. Mainzer Kartause. [ 60. Beiheft z. Zentralbl. f. Bibl.-Wesen.] 1927, S.172f. — Vgl. ferner Bockenheimer in: ADB 32 (1891), S.276f.; W.Sensburg, D. bayer. Bibl. 1926, S. 136/8. — K. Wild, Loth. Fr. v. Schönborn. [Heidelb. Ab- handl. z. mittl. u. neueren Gesch. 8.] 1904 enthält nichts für unsere Zwecke.
PR.
mersfelden, südlich von Bamberg, überführt, wo der Kodex heute aufbewahrt wird.
28.
Berlin, Preuß. Staatsbibliothek, Ms. germ. 2° 81. — Pap., gut erhalten, mehrere Wzz. (1. zwei gekr. Schlüssel Briquet 3858 Var., durch die ganze Hs. durchgehend; 2. Dauphin surmont6 d’une fleur de lis Br. 5892 Var, nur BL69; 3. Anker Br. 373 Var., nur Bl. 283), 15. Jahrh. (um 1430), eine Hand (identisch mit dem Schreiber der Engelberger Hs., Nr. 30), Korrekturen einer anderen Hand, Einträge Sudermanns, BIl.1-282. 283*-289*, meist Sexternen, ausgeschnittene Bil. zw. BL 161/2, 235/6, 278/9 je eins, doch entstehen keine Textlücken, 28 x 21 cm, Schriftspiegel 21 x 14-15cm, zweisp., 29-32 Z., Rubrizierung und Initialen, alter Einbd. (Holzd. mit gelblich-weißem Leder), Ma. els.
26 Miniaturen: 1. Bl. 1Y ganzseitig, 21,5 x 13,8cm: Christus thro- nend, unter ihm die 24 Ältesten und der hl. Johannes, in einer Mandorla; Abb. bei Wegener. — 2-26. 25 Miniaturen der Alten vor dem Register und den einzelnen Kapiteln, etwa 10 x6cm: die bärtigen und gekrönten Alten, auf grünem Bodenstück in rechteckiger Umrahmung vor ab- wechselnd rotem u. blauem Hintergrund stehend; Abb. des 5. Alten bei Wegener.
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden — Dankbarkeit).
Literatur:
R. Kautzschh D. Lauber u. s. Werkstatt in Hagenau. [Zentralbl. £. Bibliothekswesen. 12 (1895), S.76.]
H. Degering, Kurzes Verz. d. germ. Hss. d. Pr. Staatsbibl. I (1925), S.10.
H.Wegener, Beschr. Verz. d. Miniat. u. d. Initialschmuckes i. d. dtsch. Hss. bis 1500. 1928, S. 30 £.
Wolfg. Stammler, Prosa d. dtsch. Gotik. [Lit.-hist. Bibl. Bd.7.] 1933, S. 50-52, Nr. 29; 8.137 uw 143.
Die Handschrift stammt aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau. Sie befand sich noch zwei Jahrhunderte später in Straßburg in der Bibliothek Daniel Sudermanns (Eintrag Bl. 1r: ‚„Sudermans‘‘), der einige Stellen daraus für seine „Har- monia oder Concordantz‘‘ (1613) exzerpierte!). Durch den An- kauf eines Teiles der Sudermann-Bibliothek durch den Großen Kurfürsten kam der Kodex nach Berlin.
1) S. darüber: Drucke der „24 Alten“, Anthologien, Sudermann 1613. — Zu Sudermanns Leben s. das dort angeführte Programm von Schneider; Lebensnotizen seiner eigenen Hand, die Jahre 1550-1583 betreffend, in dem Berliner Ms. germ. 8° 35, Innens. d. Rückend.
Schmidt, Die 24 Alten Ottos von Passau. 6
29.
Schlettstadt (Elsaß), Bibliotheque Municipale, Ms.69. — Folio, Pap., wasserfleckig u. angeschmutzt, im ganzen gut erhalten, ein Wz. (Krone in mehreren Varr., Briquet 4626 Var.), 1430, eine Hand (Jacop leistenmacher), Bl.a-g. 1-169. h-t, BL1-169 als Seite 7-344 gezählt, meist Sexternen (Lage 3 elf, Lage 7 zehn, letzte Lage vier Bll.), S. 152 Kustode, sonst wohl stets abgeschnitten, alte Lagen- zählung von ij-xiij (fehlerhaft), 28,4 x 20,3cm, Schriftspiegel 21-22 x1löcm, zweisp., 31-39 Z., Rubrizierung u. Initialen (von S.119 ab nur noch selten), moderner Einband (weißes Ziegenleder, reiche Blind- pressung; 1930 in Straßburg eingebunden), Ma. els.
24 Miniaturen. — 1. S.12, ganzseitig, 22x 15cm, Christus am Kreuz; schmale grüne rechteckige Umrandung, grüner Bodenstreifen mit Gräsern, Knochen etc.; ın der Mitte am Kreuz Christus, von dem viele Blutstropfen herabfallen, zur Seite die beiden Schächer; dem linken zieht ein Engel, dem rechten ein Teufel die Seele in Gestalt eines nackten Menschen aus dem Munde; unter dem Kreuz zur Linken Maria und Maria Magdalena, zur Rechten Johannes und ein anderer Heiliger, wohl S. Jacobus mit der Pilgermuschel (Abb. bei Jerchel). — Spalte S.162 fehlt, auf den oberen 10cm wird sich wahrscheinlich ein Bild des schreibenden S. Johannes Evangelista befunden haben. — Zwischen S. 16/17 ein Bl. fehlend, darauf das Bild des ersten Alten — 2-24. 23 Miniaturen vor den Reden des 2 bis 24. Alten, etwa 9-11x6,7cm; rotgestrichelte rechteckige Umrandung, grüner Boden- streifen mit Gräsern, Blumen etc., leerer Hintergrund; der bärtige, gekrönte Alte steht in einfachem Gewand und Mantel meist links, die vor ihm kniende minnende Seele belehrend, die als ungekrönte, blond- lockige Jungfrau in einfach fließendem Gewande dargestellt ist; auf jedem Bild ein Spruchband mit der Nummer des jeweiligen Alten: „Jch ander alte lere dich mynnende fele“ usw.; lavierte Federzeichnung.
Bl.a-g moderne, S. 7-10 alte Vorsatzbll, die fehlenden alten Vor- satzbll. S. 1-6 wahrscheinlich zum Ausbessern benutzt; S. 15/16 fehlt die äußere Spalte mit dem Schluß des Registers und dem Anfang der Vor- rede; zwischen S. 16/17 fehlt ein BL, das den Schluß der Vorrede und den Beginn der Rede des ersten Alten enthielt, der Text setzt erst mib Druck 1836, S.2,3 ein; S. 17/18 fehlt ebenfalls die äußere Spalte mit Text aus der Rede des ersten Alten; S. 15/16 u 17/18 sind mit altem. Pap. der Hs. in neuer Zeit ausgebessert; Bl.h-i alte, BLk-o. q. s-t neue Nachsatzbll.; nach S. 344 scheint ein leeres Bl. entfernt zu sein — Zw. BLou gein altes, ursprgl. gegen die Innens. d. Rückend. geklebtes Perg.-Bl.p (27,5x 20,2cm); a. d. Vorders. einige Federproben u. Ein- tragungen: „Jch Jacop leiftmacher“ etc.; Bl. p’ eine dtsch. Priv.-Urk., wohl vom Ende des 14. Jahrh., 23 Z., Schluß fehlt, Zweck daher nicht klar ersichtlich; Aufzählung eines Besitztums von 27 Ackern, vielleicht als Testament oder Vermögensfestlegung; sämtliche Besitzungen liegen
bei Molsheim, westl. von Straßburg; an Orten begegnen: Dachstein, Molsheim, Rimuntheim, Ernolsheim, Loubegasse (?); fast alle genannten Familien begegnen in Straßburger Urkunden: Buckenheimerin (die Be- sitzerin der Acker), Rüdiger, Nordewin, Götzeman, Löselin, Schaffener, Storcke, Engeslich, Stubenweg, Rosheim, Waffeler, Knebelin, Giessen u. einige andera — Zw. Bl. q u. sein altes, ehemals gegen die Innens. d. Vorderd. geklebtes Perg.-Bl.r (23x21cm), das a. d. Vorders. den Anf. einer lat. Urk., wohl vom Ende des 14. Jahrh., enthält, 26 Z., Schluß fehlt; genannt werden „Conradus holften presbyter et fummiffarius ecclefiae Sanctorum petri et Mihahelis Argen.“, Lauwelin, Ebersheim (nordöstl. Schlettstadt) u. einige a; BL r’ leer bis auf ein aufgeklebtes Exlibris: Schlettstadter Löwenwappen mit der Aufschrift „Ex lıbris Bibliothecae Selestadiensis, A. T. Pr. Vatin, Am. Biechy, Ad. Müntz curantibus An. Dom. MDCCCXLI J. B. Pennarum aedile restauratae“ 1).
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden — Dankbarkeit). — Schreiberschluß S. 344%: „Dis büch wart volbraht vnd vs gefchriben von mir Jacop leiftenmacher, ein Schümacher zü Sleczjtat, vf fjonnendag früge zwifchent der ftunden fechs vnd fübenen aller nehst nach Bartholomei in dem ior, do man zalt von der gebürte crifti tufent vier hundert vnd xxx ior. Gedenckent och min durch got.“
Literatur:
Manuscrite de la bibliotheque de Schlestadt. [Catalogue general des mss. des bibliotheques publ des departements. III (1861), S. 576 £.]
Jos. Geny, Gesch. d. Stadtbibl. zu Schlettstadt. [In: Die Stadtbibl. zu Schlettstadt. Festschrift von J. Geny u. G. C. Knod. 1889.] 1, S. 27 £.
A.Peltzer, Dtsch. Mystik w dtsch. Kunst. [Studien z. dtsch. Kunst- gesch. 21. Heft.] 1899, S. 120 f. 123).
Jos. Sauer, Mystik u Kunst unter besonderer Berücksichtigung des Oberrheins. [Kunstwiss. Jahrb. d. Görres-Ges. 1 (1928), S.3-28.] S. 26.
S.-B. d. Preuß. Ak. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. 1931, S. LXXVIL
Heinr. Jerchel, Spätmittelalterl. Buchmalereien am Oberlauf d. Rheins. [Oberrhein. Kunst. Jahrb. d. oberrhein. Museen. 5 (1932), S. 17-82.] S.47-49. 71. 79 f.; Abb. 18.
Die Handschrift wurde am 27. August 1430 von dem Schuh- macher Jakob Leistenmacher in Schlettstadt vollendet. Die Illuminierung wird kaum von ihm selbst herrühren, sie verrät eine geübte Hand.
Als Beleg für die Verbreitung der Mystik in Bürgerkreisen ist die Handschrift nicht ohne Interesse, wenn sich auch die
1) Zu dem Exlibris vgl. Geny, Gesch. d. StadtbibL S. 67. 2) Zur Beurteilung des Peltzerschen Buches vgl. das treffende Urteil Dvofaks (Ges. Aufa z. Kunstgesch. 1929, S. 176 Anm.).
6*
Ze. BA ==
Schlüsse, die Peltzer aus dieser Tatsache zieht, nicht ganz werden aufrechterhalten lassen. Denn nach den urkundlichen Zeug- nissen wird man Leistenmacher kaum anders als einen Raufbold bezeichnen können, dem das Messer schnell zur Hand war. Sein Vater 3), Henselin Leistenmacher aus Sulgen, erwarb 1385 das Bürgerrecht zu Schlettstadt; auch er war Schuhmacher. Sein Sohn muß im Jahre 1407 wegen "messerzucken’ ein halbes Jahr die Stadt verlassen +). Im Jahre 1419 muß er eines nicht näher bezeichneten Rechtshandels wegen fünf Jahre ‘über Rin’5); es scheint sich um eine Familienzwistigkeit gehandelt zu haben: er muß sich verpflichten ‚sinre frowe weder laster noch leit zü tünde‘‘, sein Bruder kommt ins Gefängnis ®). Ohne Zusatz eines Vornamens, aber wahrscheinlich auf Jakob Leistenmacher zu beziehen ist ein Rechtsfall “unzuhteger worte wegen’?) vom Jahre 1433, dessentwegen er schließlich ‘sinen leptagen duß’ bleiben muß, also Schlettstadt nicht mehr betreten darf®). Weitere Nachrichten über ihn fehlen.
Die Handschrift ist seit ihrer Entstehung in Schlettstadt verblieben. Sie eignete später der Pfarrbibliothek bei der St. Georgskirche, aus der im Jahre 1841 durch die Vereinigung mit anderen Schlettstadter Büchereien die Stadtbibliothek her- vorging.
30.
Engelberg, Stiftsbibliothek des Benediktinerklosters, Cod. 239. — Ältere Signatur: „Sarner Msc. No. 1“, folio, Pap., etwas fleckig, sonst gut erhalten, zwei Wzz. (1. Hifthorn Briquet 7766; 2. Buchstabe M Br. 8326, nur Bl. 26. 45. 167), 15. Jahrh. (etwa 1430/40), eine Hand, Bl.a. 1-238. 239*, Sexternen (Lage 1 u 12 Septerne, Lage 19 Quinterne), je ein ausgeschnittenes Bl. nach BL 27. 217. 238, keine Textlücke,
®) Daß Henselin der Vater Jakobs ist, wird stillschweigend an- genommen, obwohl es in den Urkunden nicht ausdrücklich vermerkt ist.
*%) Schlettstadter Stadtrechte. Bearb. v. Jos. Geny. [[Oberrhein. ‚Stadtrechte. 3. Abt.: Elsäss. Rechte. I. Zweite Hälfte. 1902.] 8.514. 596, Nr. 37.
56) Die Verbannung über den Rhein galt der bloßen Verweisung aus dem Stadtgebiet gegenüber als schwerere Strafe, s. J. Krischer, D. Ver- fassung u. Verwaltung d. Reichsstadt Schlettstadt ı M-A. 1909, S. 81.
6) Schlettst. Stadtrechte S. 636, Nr. 277/8.
‘) Über den Begriff der ‘ Unzucht’ s. Krischer S. 80.
8) Schlettst. Stadtrechte S. 639, Nr. 295.
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Zu Bd
Kustoden (meist abgeschnitten), 30,5 x 20-21 cm, Schriftspiegel 22-22,5x13,5cm, zweisp., 31-35 Z, Rubrizierung u Initialen, alter Einbd. (Holzd. mit hellem, stark nachgedunkeltem Leder, ger. Blind- pressung), Ma. ela.
25 Miniaturen. — 1. BL3’Y Johannes auf Patmos, ganzseitig; der Heilige sitzt auf einem grünen Bodenstück, schreibend, zum Auge Gottes (?), von dem Strahlen ausgehen, aufblickend;; vor ihm der Adler auf einem Buch, rechts u. links je ein Felsen u. ein Baum. — 2-25. Der jeweilige Alte vor jedem der 24 Kapitel, etwa 9,5-12,5 x 5,5-7 cm; rote rechteckige Umrandung, blauer, von gelben Punzen eingefaßter Hinter- grund, grüner Bodenstreifen, auf dem der bärtige, gekrönte Alte in weißem Mantel dozierend steht; Stil der Lauber-Werkstatt.
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden — Dankbarkeit).
Literatur:
P. Ben. Gottwald, Catal. codd. mss. qui ass. in bibl. mon. O.S.B. Engel- bergensis. 1891, S. 181. S.-B. d. Pr. Ak. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. 1931, S. LXXVIL
Die Handschrift entstand in der Werkstatt Diebold Laubers ın Hagenau. Das bezeugt die Iluminierung und die Ausstattung des Kodex, das geht vor allem aus der engen Textzugehörigkeit. zu der Berliner Handschrift Nr. 28 hervor; wahrscheinlich sind beide Kodizes von der Hand desselben Schreibers gefertigt.
Der Auftraggeber der Handschrift und ihre anfänglichen Schicksale sind unbekannt. Später eignete sie dem Benedik- tinerinnenkloster S. Andreas Ap. in Engelberg, das 1615 nach Sarnen in Obwalden verlegt wurde!), wie aus dem Eintrag Gottwalds auf der Innenseite des Vorderdeckels hervorgeht: „Eigenthum des löbl. Frauenklosters St. Andreas in Sarnen, bis 1615 in Engelberg. 31.X.1887. P.B.G.‘“ Darunter von jüngerer Hand: „1923 durch Kauf in das Eigentum des Bene- diktinerklosters Engelberg übergegangen.“ Doch muß sich die Handschrift schon längere Zeit vorher wieder in Engelberg be- funden haben.
31.
*San Marino (California), Henry E. Huntington Library and Art Gallery, HM 10822). — Folio, Pap., 1431, eine Hand, oberdtsch.
1) E.F.v. Mülinen, Helvetia sacra. 2 (1861), S. 71/3. 88 f.
:) Den Hinweis auf die Hs. verdanke ich Herrn Geheimrat Adolph Goldschmidt in Berlin. — Für nähere Mitteilungen über den Kodex bin
Bastarda, 320 Bl., etwa 28x 23,5cm, Schriftspiegel etwa 19x 13cm, zweisp., 22-27 Z, Rubrizierung u. kalligraph. Initialen, neuer Einband (Halbpergament), Ma. ela.
22 Miniaturen, vor dem Beginn jeder Rede, etwa 9-9,5 x 6,5-7cm; rechteckige farbige Umrandung, Bodenstreifen, einfarbiger Hintergrund mit Punktverzierungen; der bärtige Alte in einfachem, schleppendem Ge- wand oder Mantel, meist gekrönt, doch auch mit kolossalem Federhut oder dergl., steht dozierend vor der ebenfalls gekrönten, als Jungfrau dargestellten minnenden Seele, welche die Hände vor der Brust gekreuzt neben ihm steht; lavierte Federzeichnungen (Bl. 71° u. 79" ohne Farbe).
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden — Dankbarkeit). — Schreiberschluß Bl. 320'°: „Anno xxxi Jor etc.“
Die Handschrift entstand im Jahre 1431 im Elsaß. Nach Mundart, Text und Miniaturen gliedert sie sich der elsässischen Gruppe der ‚24 Alten‘ ein, ohne einer der bekannten Werk- stätten mit Sicherheit zugewiesen werden zu können. — Die Geschichte der Handschrift ist unbekannt, Besitzereinträge fin- den sich nicht. Bevor der Kodex in die 1919 gegründete Huntington Library gelangte, war er im Besitz von Baer.
32.
Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. 2704 [72. Aug. fol.]. — Folio, Pap., gut erhalten, ein Wz. (Buchstabe P in mehreren Varianten: 1. Briquet 8605 Var., Bl. 1-14; 2. Br. 8543 Var., Bl. 15-17; 3. Br. 8566 Var., Bl 26-188), 1465, eine Hand (Jacop von Mittelhuß), Bl.a 1-190. 192, Sexternen (Lage 1 Septerne), nach BL 190 uw 192 je ein leeres Bl. ausgeschnitten, Kustoden, 29,6 x 21,3 cm, Schriftspiegel 21-22x16-17cm, zweisp., 26-39 Z, Rubrizierung u. Initialen, alter Einbd. (Holzd. mit dunkelbr. Leder, z. T. bloß liegend, beschädigt, ger. Blindpressung), Ma. els.
13 Miniaturen. — 1. BLa’ in einem Kreis stilisierter Baum mit Rosettblüten u. einem Allianzwappen, das auf der oberen Hälfte der Seite noch einmal wiederkehrt: links Wappen derer zu Mittelhausen, von Gold und Schwarz fünfmal geteilt, rechts Wappen derer zur Magd, goldene Lilie in Schwarz. — 2-13. Miniaturen des jeweiligen Alten vor der Rede des 1. bis 12. Alten, später vor jeder Rede ein leerer Zwischen- raum, aber keine Bilder, etwa 8-11,5x5-8cm; meist rote rechteckige Umrahmung, Hintergrund u. Boden fehlen fast stets (gelegentlich Fliesen oder oliver Bodenstreifen mit stilisierten Rosettbäumen), darin steht der bärtige, gekrönte Alte in pelzverbrämtem Mantel; lavierte Federzeich- nung, schmutzige Farben, Dilettantenarbeit.
ich Herrn H.C. Schulz in San Marino verbunden, der auch einige Photo- graphien freundlichst übersandte.
—_ 837 —
Auf den Innenseiten d. Deckel zum Einbd. benutzte Perg.-Streifen einer dtsch. Priv.-Urk. aus Straßburg 1412, die einen Einigungsvertrag über Grundbesitz derer von Bergheim und von Achenheim enthält; auf der einen Seite begegnen Hans von Bergheim !) und Frau Minnelin ®), ferner Walther von Bergheim sein Großvater ®) und Frau Minne Juden- breterin selig seine Großmutter *), Hug von Bergheim sein Vetter selig; auf der anderen Seite stehen die Grafen von Achenheim 5), vielleicht ge- hört ‘Frau Margrete ihre Tochter Johans von Sollen’ zu dieser Partei; bestätigt wird der Vertrag von Ulrich Gosse €) und Hans von Mummen- heim ?). — Auf d. Innens. d Rückend. ferner ein Pap.-Streifen mit dem Rest eines Briefentwurfs aufgeklebt, von einer Hd. des 15. Jahrh. (von Mittelhausen selber geschrieben?) ; darin begegnen der Ort Geispolsheim (sw. von Straßburg) u. die Namen Keiß und Johannes Meiger. — BL 192’ ein Briefentwurf von einer Hd. des 16. Jahrh., der beginnt: „Minen frint- lichen gruß zü vor, lieber Gangolff‘“ und schließt: „... Spar dich gefunt. fridrich grof von lynyngen, Dumher wff dem hoen ftiff.“; genannt wird noch ein ‘endriff’.
Zum Schutz gegen die Heftfäden im Innern der Lagen verwandte der Buchbinder Perg.-Fälze, die zusammengelegt ein lückenhaftes Doppelbl. aus einer Hs. des Barlaam u Josaphat von Rudolf v. Ems ergeben. Das Bl. besteht aus Poarg., wahrscheinlich quart, zweisp., 30 Z., Verse abgesetzt, bei Abschnitten kl rote Initialen, wohl noch d. 13. Jahrh. angehörig, Ma. wohl al (els.). Das Bruchstück bildet das 1. u 8. BL einer Lage und umfaßt nach der Pfeifferschen Ausgabe (Dichtungen d. dtsch M.-A. 3. Bd. Lpz. 1843) die Verse 268,38-271,35 und 289,39-292,36. Auf jeder Spalte fehlen 7 Zeilen Die Reihenfolge der Streifen nach den Lagen der Hs. ist: Lage 7. 11. 1. 12. 15. 13. 2. 16. 6. Die übrigen Perg.-Fälze sind leer oder anderer Herkunft,
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden —
1) Die Bergheims sind ein bekanntes els. Adelsgeschlecht, s. J. Kind- ler v. Knobloch, Oberbad. Geschlechterbuch. 1 (1898), S. 54-58. — Ein Johans von B. zeugt 1370, Urk.-Buch d. Stadt Straßb. 5 (1896), 8. 675, 20.
2) Ob Frau Minnelin v.B. mit Frau Minne Judenbreterin gleich- zusetzen ist, bleibt ungewiß; sie ist 1346 bezeugt als Gattin des Walter v.B., Kindler 2, S. 212.
3) Urk.-Buch d Stadt Straßb. 7 (1900), S. 528 f.
*) Urk.-Buch. d. Stadt Straßb. 6 (1899), 8. 665, 18; 7, S.582, 31; 8. 792, 22.
5) J. Kindler v. Knobloch, D. gold. Buch v. Straßb. 1 (1885), S. 8-10.
°%) Ammeister u. Altammeister v. Straßb., s Urk.-Buch d. St. Straßb. Bd 6 u 7. Register.
‘) Bürger u. Schöffe zu Straßb., s. Urk.-Buch d. St. Straßb. 7, 8. 841,7.
8 —
Dankbarkeit. — Der zweite Teil der Vorrede fälschlich als Beginn der Rede des ersten Alten bezeichnet). — Schreiberschluß BL 1%'!b: „wer dis büch gefchriben hat. Jch Jacop von Mittelhuß habe dis büch der xxiüj alten von eime andern büche usgefchriben mit fliffe ... vnd han ein halp jar daran gefchriben vnd wart volebroht uff den nehften donerftag vor Symon vnd Judas tag, der heyligen zwölffbotten, jn dem jore, do man zalt noch der geburt Jesu chrifti M CCCC vnd Ixv jor“ (24. Oktober 1465). Literatur: O.v. Heinemann, D. Hss. d. herzogl. Bibl. zu Wolfenbüttel. II 3 (1898), S. 377. S.-B. d. Pr. Ak. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. 1932, S. LXVIL
Die Handschrift entstand 1465 wahrscheinlich in Straßburg, geschrieben von Jakob von Mittelhausen, dem Angehörigen eines bekannten elsässischen Adelsgeschlechts. Im Zusammen- hang mit dem im zweiten Briefentwurf genannten ‘hoen Stiff’ ist das Wahrscheinlichste eine Gleichsetzung mit einem Jakob von Mittelhausen, der 1478 Pfarrer ın Morschweiler, 1481 und 1511 Vikar am Hohen Stift Straßburg, 1492 und 1511 capellanus hospitalis Arg., 1493 Pfarrer in Gimbrett, 1508 Propst in Neuweiler war und 1511 gestorben ist®). Freilich steht dem das Allianzwappen Bl.av entgegen, das neben dem Mittelhausenschen Wappen das derer zur Magd, einer Straß- burger Familie, enthält?). Vielleicht aber schrieb Jakob von Mittelhausen das Buch nicht für sich selber, sondern für ein anderes im Laienstande befindliches Mitglied seines Ge- schlechtes.
8) J. Kindler v. Knobloch, D. gold. Buch v. Straßb. 2 (1886), S. 201; ders., Oberbad. Geschlechterbuch. 3 (1919), S. 9. Wappen: Siebmacher II 10 (1871), S.15, Taf. 17. — Ist die Gleichsetzung richtig, so würde ein anderer Jacobus Mittelhus, Ord. Fr. Minor., wohl nicht hierher ge- hören; der Name dieses Franziskaners ist in einer Schrift: “Collecta contra opponentem fibi Fratrem Johannem Wurmberger, ejusdem Ordinis’ überliefert, von der es zwei nicht mehr erhaltene Hss. gab: zu Straßburg [J.J. Witter, Catal codd. mss. in bibl. s. ord. Hierosoly- mitani Argentorati ass. 1746, p. 49: Cod. D. 104, Nr. 9] und Zwiefalten [K. Löffler, D. Hss. d Kl. Zwiefalten. (Arch. f. Bibliographie, Buch- u. Bibl.-Wesen. Beih. 6.) 1931, S. 97, Nr. 230].
®) Von den Familien, die eine goldene Lilie in Schwarz im Wappen führen, ist nur die zur Magd eine Allianze mit den Mittelhausen ein- gegangen, 8. Kindler, D. gold. Buch v. Straßb. 2, S. 200. 472; 1, S. 182£.
„380,
Nach dem zweiten Briefentwurf Bl.192v befand sich der Band später im Besitz eines Grafen Friedrich von Leiningen, in dem wir wohl einen um 1436 geborenen Sohn des Grafen Rudolf von Leiningen zu erblicken haben 10). Graf Friedrich war 1452 Domherr zu Straßburg und kommt 1455 auch als Dombherr zu Trier vor. Die Handschrift war also in den Kreisen des elsässischen Adels beheimatet, ehe sie der bibliophile Herzog
August d.J. von Braunschweig im 17. Jahrhundert für seine Bibliothek erwarb.
y) Schwäbische Handschriften.
33.
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. St. Georgen LXIV. — Folio, Pap., Ränder abgestoßen, angeschmutzt, Schriftfeld im ganzen gut erhalten, mehrere Wzz. (1. Ochsenkopf in mehreren Var. Briquet Gruppe 14610-14684, Bl.5-45; 2 Ochsenkopf Br. 14930/2, nur auf dem später zugefügten Bl. 38; 3. Glocke Br. 3953. 3970, Bl. 47-206; 4. Glocke Br. 3958 Var., Bl. 207-229), 1383, drei Hände (a. Bl. 1-37. 39-46; b. Bl. 38, später zugefügt; c. BL 47-226, eraffimus hemelig. — Mit Hand c beginnt das Glocken-Wz.), BL 1-230 (junge Bleistiftzählung, die hier allein berücksichtigt ist; daneben eine alte Zählung vom Schreiber in roten römischen Ziffern, bei Bl. 101 und 201 jeweils wieder mit ‘j’ be- ginnend: Bl. 3-81. 81. 82-88. 90-116. 116. 117-141. 143-221. 221. 223-224; die ersten beiden Bll. fehlen, sonst Fehler der Zählung, die letzten Bll. ungezählt), meist Sexternen (Lage 1 fehlen die ersten beiden Bll.; Lage 10 und 11 Septernen), vom Schreiber als Lage 1-xviiij) ge- zählt, Kustoden meist abgeschnitten, 29,5 x 21 cm, Schriftspiegel 22,5-23 x 14,5-15,5cm, zweisp., Hd. a 32-38, Hd. c 27-33 Z., Rubrizierung und Initialen, bei Hd.c Spaltenumrandung, alter Einbd. (mehrere über- einandergeklebte Perg.-BlL, außen Schweinsleder, ohne Versteifung; die Perg.-Bll. teilweise mit Urk.-Entwürfen beschriftet), Ma. oberrhein.
24 Miniaturen: 1-23. Zeichnungen der einzelnen Alten vor den Kapitelanfängen (das Bild des ersten Alten fehlt), etwa 8-12 x 6-7,5cm; die bärtigen, gekrönten Alten stehen mit vor der Brust gefalteten Hän- den in langen, fallenden Gewändern, die die Füße verdecken, vor ein- farbigem, rot, blau oder oliv getuschtem Ilintergrunde, der gelegentlich mit Tintenstrichen umrandet ıst; die Gestalt des Alten ist ausgespart, Haar u. Krone laviert, die Zeichnung ganz auf kräftige Kontur gestellt; die Zeichnung des 11. Alten (Bl. 38"b) aus dem alten Bl. ausgeschnitten
ı0) Ed. Brinckmaier, Genealog. Gesch. des Hauses Leiningen 1 (1890), S.260, Nr. 141. — Ein S. 257, Nr. 135 genannter Domherr Graf Friedrich paßt zeitlich weniger hierher.
— 9 —
und auf das neue Bl. aufgeklebt, das Bild des 13. Alten zw. BL 93/4 ein- gebunden. — 24. Bl. 226" Der Schreiber, auf olivem Grasstück mit lanzettförmigen Gräsern, in modischer Tracht, kniend betet die Jungfrau Maria an, die über ihm auf einer Steinbank mit dem Jesuskinde sitzt; darunter von Hemeligs Hand: „Got grütz dich, maria, götliche wunne vnd götliche funne vnd inniger fpiegel vnd überfchouwerin in der ewigen Säilikait vnd ain lieht in der hailigen drüvaltikait en gottes namen. Amen.“
Inhalt: Die 24 Alten (Auf den fehlenden ersten beiden Bill. befand eich die Vorrede, das Bild und der Anfang der Rede des ersten Alten bis Druck 1836, S.2,19. — Die 24 Reden — Register). — Zahlreiche Ver- besserungen des Schreibers; Korrekturen einer Hand des 16. Jahrh., wohl nach einem Druck der „24 Alten“ vorgenommen. — Bi. 120 kleiner und stark beschnitten, doch keine Textlücke. — Schreiberschluß BL 225Y-226': „ffinto libro fit laus prae Gloria christus [!]. Dis büch geSchriben wart do, yn dem iar do man zalt alfo, Nach gottes gebürta dz ift war, Drüzehen hundert vnd in dem Ixxxüi e iar. — [BL 2267] an dem nehften durfttag Nach dem hailigen phingfttag — Durch era/fimus hemelig hant von rotwil genant. Orate pro erafimo“ (14. Mai 1383). — Auf die Innens. d. Rückend. eine beschnittene deutsche Perg.- Urk. A des 14. Jahrh. geklebt, in der Cristine Hemmerlin und ihr Sohn Erasmus!) ein Gut zu Epfenhofen (Kreis Villingen) und zu Sundheim (Kreis Offenburg) verkaufen; genannt werden ferner Eberhart Löseli burger ze Vilingen, Nicklaus Messerer 2), Berhtold Winckeler, Johans Blezzen, Cunrat den Bogk 3), Cunrat Haggen *), Johans Bäsgi und die Orte Villingen und Freiburg. — Die BllL des Vorderdeckels sind jetzt auseinandergelöst und bestehen aus 2 Perg.-Urkk. u. einem Perg.-Falz. Das äußere Umschlagsbl. enthält eine Rottweiler Verkaufsurk. B. dtsch., 14. Jahrlı., in der Heinz Häsche, Heinrich der Wirt:) und ein Domini- cus®) genannt werden. — Das zweite Perg.-Bl.C des vorderen Um-
1) ‘Erasmus Hemmerli’ urkundet 1381 u. 1383, e K. J. Glatz, Re- gesten z. Gesch. d. vorm. Reichsstadt Rottweil In: Neue Mitt. d. archäolog. Ver. z. Rottw. 1873, S. 45, Nr. 107; S.49, Nr. 121.
?) Ein Nicklaus Messerer begegnet 1357-1366 im Urk.-Buch d. Stadt Straßburg. 7, S. 249, 10; 360, 22. 39. — Ob hierher gehörig?
3) Er urkundet 1371 (Glatz S.35 f., Nr. 74); 1384 (S. 50, Nr. 124); 1385 (S. 51, Nr. 128).
ı) Bürgermeister v. Rottweil 1386 (Urk.-Buch d. St. Straßb. 6, S.178, 2).
6) ‘Von Würt’, altes Geschlecht in Rottweil: v. Langen, Beitr. z Gesch. d. Stadt Rottw. a. N. 1821, S. 397 £.
6) Sollte etwa ‘Dominicus Wirt’ gemeint sein, der 1406 auch noch in einer anderen Rottweiler Urk. begegnet: s. die Hs. Nr. 35, Perg.- Streifen b u. Anm. 6?
ı
schlages enthält ebenfalls eine dtsch. Kaufurk. aus Rottweil vom J. 1381,
in der die Namen Nicklaus ?), Eberhart Löseli von Villingen ®), Dietrich
Rocke von Rottweil und ein Bürgermeister zu Villingen, außerdem die
Ortsangabe ‘ze friburg in der ftat’ begegnen.
Literatur:
Th. Längin, Dtsch. Hss. [D. Hss. d. großherzogl. bad. Hof- u. Landes- bibl. in Karlsruhe. Beilage IL] 1894, $. 16 f.
E. Ettlinger, D. ursprüngl Herkunft d. Hsa. [D. Hass. ... in Karlsruhe, Beilage III.] 1901, S. 52. 56.
S.-B. d Kgl. Ak. d. Wiss. Berlin 1913. I, S. 120.
Heinr. Jerchel, SpätmittelalterL Buchmalereien am Oberlauf d. Rheins. [Oberrhein. Kunst. Jahrb. d. oberrhein. Museen. 5 (1932), S. 17-82.] S.19f. 24 £. 71. 77.
Nach Schriftcharakter, Dialekt und Miniaturen ist dıe Hand- schrift am Oberrhein entstanden ‚durch eraffimus hemelig hant von rotwil genant‘, also nicht in Rottweil, da sonst der Zusatz ‘von rotwil genant’ keinen Sinn hätte. Doch wird der Ent- stehungsort kaum weit davon entfernt liegen, wie auch die Mundart des Schreibers a beweist. Die der Innenseite des Rückendeckels eingeklebte (wohl Rottweiler) Urkunde A nennt die Orte Villingen und Freiburg. Nun finden sich in einigen Handschriften der Basler Universitäts-Bibliothek (Ms. A.LU.1 u.5), die am Ende des 14. Jahrhunderts in Freiburg entstanden, eine Anzahl Miniaturen, die im Stil völlig zu denen der Kaıls- ruher Handschrift passen : derselbe Glasmalereistil, eine mit dem Pinsel gezogene starke Umrißzeichnung und geringe Innen- schraffur, die in charakterıstische Häkchen ausläuft, dieselben lanzettförmigen Gräser, dieselben Modemerkmale°). Wenn sich der Entstehungsort der Handschrift auch nicht mit völliger Sicherheit nachweisen läßt, so bietet sich doch Freiburg als der Ort, auf den verschiedene Merkmale hindeuten.
Die Handschrift hat öfter den Besitzer gewechselt, doch bleibt die Entstehungsgegend auch weiterhin ihre Heimat. Bl.226r am unteren Rande findet sich derEintrag: „H v Rotten- ftain 1561‘, ein Besitzer, der sich nicht weiter nachweisen läßt.
?) Ist vielleicht ‘Nicklaus Messerer’ gemeint? — S. Urk. A u Anm. 2.
°) S. Urk. A
») K. Escher, D. Miniaturen ı d. Basler BiblL 1917, 8.96-99, Nr. 148; S. 107-111, Nr. 152 u Taf. 28/9. 32/4.
91 —
— Im 17. oder 18. Jahrhundert finden wir die Handschrift im Besitz des Benediktinerinnenklosters Amtenhausen (Kreis Kon- stanz) 1%); schon damals müssen die ersten beiden Blätter gefehlt haben, da der Vermerk ‚„Ambtenhaufen‘“ auf Bl.1r (alte Zäh- lung Bl. iij) eingetragen ist. Amtenhausen war Filialkloster von St. Georgen, dessen Äbte, ähnlich wie die von St. Peter, eifrig bestrebt waren, die durch den dreißigjährigen Krieg gerissenen Lücken ihrer Bibliothek wieder zu ergänzen !!). So ist es nicht erstaunlich, daß sich der Kodex, wie die Signatur aufweist, bei der Säkularisation unter den St. Georgener Beständen befand und mit diesen 1807 nach Karlsruhe wanderte.
34.
Lindau i.Bodensee, Stadtbibliothek (Heimatmuseum), Ma. P I 25. — Folio, Pap., erste u letzte Lage beschädigt, Blattränder ab- gestoßen etc., sonst gut erhalten, zwei Wzz. (1. Ochsenkopf ohne Augen u. Schnauze, fehlt bei Briquet; 2. zwei Kreise mit Kreuz etc., Br. 3134), 1416/17, eine Hand (clauf ftockar goltSchmid ze vlme), Bl. 1-22. 25-268. 268 a. 269-275 (alte Zählung vom Schreiber), meist Sexternen (Lage 2 Quinterne, Lage 21. 22 Septerne; d. erste BL d. ersten Lage gegen d. Innens. d. Vorderd. geklebt; Bl. 23. 24 fehlen, keine Textlücke, enthielten die Bll. Bilder?; d. letzte BL d. letzten Lage fehlt), Lage 3-23 fort- laufend als Lage a-x bezeichnet, die ersten beiden Lagen heben sich deutlich davon ab (= Nr.2), Lage 2 ‘fecundus’, 29,5 x 22cm, Schrift- spiegel 20,5-22x 14,5-15,5cm, zweisp., 32-43 Z., Rubrizierung u. Ini- tialen (Bl. ir. 257. 26°. 2267. 252" kalligraphische Randverzierungen aus roten u. blauen Ornamenten, dilettantisch), alter Einbd. (Holzd. mit rot. Leder, beschädigt, Rücken neu; ger. Blindpressung; a. d. Vorderd. das Wappen der Stadt Lindau in Golddruck wohl des 18. Jahrh.: elf- blättrige Linde mit Wurzeln, darunter ‘'B L’)!), Ma. schwäb.
Die Hs. entstand nicht in der Reihenfolge, in der sie später ein- gebunden wurde; eine Reihe von Datierungen ergibt folgendes Bild: 1. Nr.6 (Lage 20-21) beendet am 14. Juni 1416; 2. Nr. 3 (Lage 3-19) beendet am 10. August 1416; 3. Nr. 2 (Lage 1-2) begonnen am 29. Sept. 1416, beendet am 1. Nov. 1416; 4. Nr. 4 (u. 5?) (Nachtrag auf leeren Bll. d. Lage 19) 1. Mai 1417. Die übrigen Stücke sind undatiert.
10) Ed. Christ. Martini, Gesch. d. Klosters u d. Pfarrei St. Georgen. 1859, 8.69. — Ettlinger a a. O. S. 56.
11) W. Brambach, Gesch. u. Bestand d. Samml. [D. Hss. ... in Karls- ruhe. L] 1891, S.24. — Ettlinger $. 43-56.
1) Siebmacher I, IV 1 (1885), S. 21, Taf. 40.
22.309; u
Inhalt:
1. Innens. d. Vorderd. Altes Inhaltsverzeichnis von Hd. d. Schreibers mit Blattangabe.
2. BL 1-16’ Apokalypse des Johannes, dtsch. Prosa; BL 1": „Diff büch ward angevangen an fant michels aubent anno dominiMCCCCxvjia..“; Bl.16’: „Diff büch ward erfvllet an aller hailgen aubent vnd haut gefchriben clauf ftockar der goltfchmid ze vlme. do was ich alt Sechs vnd fechfzig iar. anno domini M° CCCC’xvj.“
3. BL 25-221 Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden). — Bl. 221°: „Dis buch ward erfüllet an Sant Laurencien aubend in dem tufent vier hundert vnd fechfzechenden iaur vnd haut gefchriben claus ftockar der goltfchmid von vlme. do was ich in dem Ixvj iaur, do ich diff büch fchraib.“
4. BL 222’-224" Heinrich von Hessen zu Wien, Prophezeiung über das zukünftige Unheil der Welt (1401), dtsch. Prosa 2). — BL 224F: „Jtem difB wart gefchriben an dem maigen tag in dem vierzechen hundergoften jär vnd där näch in dem xvij jäar vnd hat gefchriben CläS Stockar der goltfchmid ze vlme.“
5. BL 224'-225" Dtsch. Traktat von einem anfangenden, zunehmenden und vollkommenen Leben.
6. BL 226-251 Marquard von Lindau, Die zehn Gebote. — BL 251°: „Dis büch wart erfüllet an fant benedicten tag anno domini MCCCCxvj anno vnd hät gefchriben clauf ftockar Der goltfchmid ze vlme. do was ich alt Ixvj iaur.“
7. BL 2527-275” Von einem christlichen Leben, dtsch. Prosa; die ein- zelnen Teile dieses Traktates berühren sich aufs engste mit denen in der Berliner Hs. germ. fol. 19 (Nr.7), BL 228 ff. (s.d.): Von einem christl. Leben (Berlin Stück 4), Die Goldwaage der ewigen Stadt Jerusalem (Berlin St. 5), Die 15 Stück u. die Zeichen des göttl Lichts (das.), Von Ordnung göttl Liebe (das.), Von der Einrichtung eines christl. Lebens (fehlt Berlin), Von einem geistL Kloster nach der Lehre St. Bernhards (Berlin St. 8), Auslegung des geistl Klosters (fehlt Berlin), Vom Paternoster (Berlin St.6. 7), Von den sieben Zeiten Christi (Berlin St. 9), Gebete zu den sieben Zeiten Christi (Berlin St. 10). — Der Schluß fehlt, der letzte Traktat bricht un- vollständig ab = Berlin Bl. 252’, Z 24.
Die Handschrift ist 1416 zu Ulm von Claus Stockar (geb. 1350) geschrieben, der Goldschmied und Münzmeister der
3») Wohl kaum Heinrich von Hessen zugehörig; zwei weitere Bei- spiele dem H.v. H. auch nur fälschlich zugeschriebener Prophezeiungen angeführt bei: F.W.E. Roth, Zur Bibliographie des Henricus Hem- buche de Hassia dictus de Langenstein. [2. Beiheft z. Zentralbl £. Bibl.- Wesen.] 1888, 8. 19, Nr. 9.
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Stadt Ulm war und im Jahre 1404 Pfleger des Münsterbaues. Er gehörte einer alten Familie in Ulm an; Nachkommen von ıhm, der Goldschmied Felix Stockar und seine beiden Schwestern Apollonia und Agatha, machten 1468 für den Münsterbau eine Stiftung ?). Wir erkennen in Stockar einen religiös interessierten Laien, der zu den angesehenen Bürgern seiner Stadt zählte und sich in älteren Jahren aus persönlicher Neigung dieses Er- bauungsbuch zusammengeschrieben hat. — Spätestens ım 16. Jahrhundert muß sich der Kodex dann in Lindau befunden haben, ohne daß sich sagen läßt, auf welchem Wege er dorthin gekommen ist. Ein jüngerer Eintrag auf Bl.2ra lautet: „Herr Bürgermaifter Anthonj Rämen feeligen Erben, Jnn die Canzlei [durchstrichen] Liberey verordnet.‘‘ Soweit wir unterrichtet sind, hat es nur einen Anton Rem gegeben, der in den Jahren 1551/52 und 1588/92 Bürgermeister von Lindau war. Schon sein Vater Anton d. Ä. spielte als Stadtammann eine bedeutende Rolle und gehörte zum Patriziat Lindaus; er war Mitglied der Binderzunft. Anton Rem d.J. tritt in den Kämpfen und Ver- handlungen zwischen der Stadt und Kaiser Karl V. einerseits und dem Fürstenbund andrerseits hervor, seine Persönlichkeit läßt sich aber nicht genauer umreißen *). Wann die Stiftung an die Stadtbibliothek erfolgte, ist unsicher. Der Schrift nach gehört der Eintrag am ehesten ins 18. Jahrhundert. Dann könnte man die Schenkung mit den Bestrebungen des Pfarrers Riesch (1720-1749) oder mit der Neuaufstellung der Bibliothek unter dem Chor der Dreifaltigkeitskirche (1749) zusammenbringen ; dadurch wurde das Interesse an der Stadtbibliothek neu geweckt, und viele Bücherschenkungen folgten5). Heute befindet sich die Handschrift ‚unter den im Heimatmuseum aufgestellten Büchern der Stadtbibliothek‘ 6).
5) A. Weyermann, Neue Nachr. v. Gelehrten u. Künstlern aus Ulm. 1829, S. 528; HL Bazing u. G. Veesenmeyer, Urkunden z. Gesch. d. Pfarr- kirche in Ulm. 1890, S. 102, Nr. 231.
*) Gesch. d. Stadt Lindau ı B., hrsg. v. K.Wolfart. 1909, passim (8. Register); 8. bes. I 1, S. 318. 366-380. II, S. 120. 323 £.
5) Gesch. d St. Lindau I 2, S.152f.; 163 u.ö. — W.Sensburg, D. bayer. Bibl. 1926, S. 53.
6) Nach freundlicher Mitteilung des Stadtbibliothekars, Herrn Pfarrer Christ. Haffner.
3.
Stuttgart, Württemberg. Landesbibliothek, Cod. theol. et philos. fol.144. — Pap. (nur Bla Perg.), stockfleckig u. angeschmutzt, ein Wz. in mehreren Varr. (Ochsenkopf Briquet 15211-15213), 1427, zwei Hände (a. BL 1-16"; b. 16”-169 Petrus Rappen), BL a. 1-100. 102-108. 110-132. 135-169 (Blattzählung am unteren Rande von Hand des Schreibers; 5 Bill. ausgerissen; BL 101 [Druck 1836 S. 331, 4-333, 28]; Bl. 109 [S. 354, 20-357,18]; BL 133/134 [S. 425, 16-431, 18]; BL 170 [letztes Bl. d. 14. Lage, wohl leer]), ursprgl. stets Sexternen (letzte Lage ursprgl. Septerne), die Lagen vom Schreiber als primus-149 be- zeichnet, Kustoden, im Innern u. Äußern der Lagen fast stets Perga- mentstreifen zum Schutz gegen die Heftfäden aus verschiedenen Urkk. stammend, 30x 21,5cm, Schriftspiegel 23 x 15,5-16cm, zweisp., Hd.a 36-42, Hd.b 32-36 Z, Rubrizierung u. Initialen, keine Bilder, alter Einbd. (Holzdeckel mit rot. Leder), Ma. schwäb.
Inhalt: Die 24 Alten (Register — Vorrede — Die 24 Reden). — Schreiberschluß Bl. 1692: „[ fin Jitus eft liber ifte per me petrum Rappen vel Rümellin de herrenberg morans Rotwile illo tempore videlioet anno ab incarnacione Domini Millefimo quadrigentefimo vigefimo feptimo Jn feria fexta proxima ante corporis crifti hora decima ante meridiem. etc.“ (13. Juni 1427). — Darunter ein Besitzervermerk von 1467: „Jtem diß büch haut geben die higgellerin vnfer lieben fröwen vnd den fröwen zü hufen. Darumb fo fond die fröwen begön ain Jaures hanfen higgellern vnd ellin higgellers finer frouwen in der wöchen nach vnfer fröwen tag als [y zü himel für. Anno etc. Ixvij.“ — Zum Einband mehrere Ur- kundenentwürfe benutzt: a) Bl.a’” Testament des „pfaffen hainrich göcz von Rotwil, kilcherre ze Spaichingen‘, Rottweil 1426. (Auf BL a’ Ein- trag des 15. Jahrh.: „Jtem ain büch haift Bellial“?) — b) Pergament- streifen, die die 10.-12. Lage außen umgeben, bilden den Schluß einer dtsch. Privaturk., Rottweil 1406 Mai 12. — c) Auf dem Streifen, der die 13. Lage außen umgibt, von Hd. des 15. Jahrh.: „Jtem die häggin z8 harthufen.“
Nach der Notiz Bl.169va stammt der Schreiber Rappen aus der im württembergischen Schwarzwaldkreis nordwestlich von Tübingen gelegenen Oberamtsstadt Herrenberg, morans Rotwile 1427. Die Lokalisierung der Handschrift in Rottweil wäre auch ohne den Schreiberschluß gesichert: die Mehrzahl der Zeugen, die in den zum Einband benutzten Urkunden be- gegnen, lassen sich in der einschlägigen Literatur in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts nachweisen. Die Namen
we SO, ee
Bollert), Engelfried 2), Freiburger), Schappel *), Canzler 5) Wirt), Hagg”) führen in die angesehenen Rottweiler Bürger- familien, die Bürgermeister, Ratsherren, Ratsgesandte der Stadt stellten. Die Urkunde Bl.ar ist von Hand a der Handschrift geschrieben. Der Schreiber a, vielleicht auch Petrus Rappen werden also 1426/27 vielleicht im Dienste der Stadt, vielleicht im Dienste eines Gerichts in Rottweil tätig gewesen sein.
In wessen Auftrag Rappen die Handschrift schrieb, ist nicht gesagt. Jedenfalls stiftete eine “Higgellerin’ vierzig Jahre nach der Niederschrift zum Gedächtnis für „Hanfen vnd Ellin Hig- gellerin‘‘ den Kodex in das ‚„inclusorium ad b.virginem‘“ zu Hausen ob Rottweil®). 1387 war diese Klause zunächst für drei Schwestern, die Brigittinen waren, in Hausen, südwestlich von Rottweil, gegründet worden. 1455 nahmen die Schwestern die Regel des hl. Dominikus an. 1525 wurde ihr Domizilium in die Stadt verlegt und mit anderen Klausen zu einer Samnung vereinigt, die bis 1802 bestand. Der Kodex wird sich dann unter
1) Der in der Urk. gen. Bürgermeister von Rottweil Hans Boller urkundet 1428 (K.J. Glatz in: Neue Mitt. d. archäolog. Ver. z. Rottw. Jahresber. 1873, 8.79, Nr. 227); 1430 (8.81, Nr. 235); 1436 ($S. 86, Nr. 252).
2) Der Ratsgeselle Itel Engelfried vertritt 1433 die Stadt (Glatz S.85, Nr. 247).
®) Ein Jakob Freiburger urkundet 1384 (Glatz S.49, Nr. 123); Hans F. 1436 (Glatz S.86, Nr. 253); ferner Langen, Beitr. z Gesch. d. Stadt Rottweil 1821, S. 362.
*) Über Lienhart Schappel s. H Ruckgaber, Gesch. d. Frei- u Reichsst. Rottw. II 2 (1838), S. 139 £.
6) Dietrich der Canczler, Burgermaister ze Routwil: Glatz S.62, Nr. 167; Langen S. 358.
6) In d. Urk. genannt Dominicus Wirt: Langen S. 397f.; Zs. £. Gesch. d. Oberrheins 30 (1878), S. 191, Nr. 81. — Vgl. a. Hs. Nr. 33, Anm. 6. j
*) Eine Rottweiler Familie Hagg bei Langen S.365f. — Über Harthausen 8. Beschr. d. O.-A. Rottw. 1875. S.168. 318; Glatz 8.33, Nr. 64; S. 137, Anm. 36; Zs. Oberrhein. 30, S. 184, Nr. 37.
8) Langen S.300-304. — Ruckgaber II 1 (1836), S. 225-256. — Beschr.d. O.-A. Rottw. S.428-435. 282 f. — Zs.Oberrh.30, S.206, Nr. 160. — Freib. Diöc.-Arch. 29, NF 2 (1901), S. 83; vgl a. 8. 80. — Fr. Thudi- chum, Gesch. d. Reichsst, Rottw. [Tüb. Stud. f. Schwäb. u. Dtsch. Rechtsgesch. IL Bd., 4. Heft, Nr. 8.] 1911, S. 28.
u 07 —
den bei der Säkularisation auch aus Rottweil einlaufenden . Klosterhandschriften befunden haben und im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts über Ellwangen nach Stuttgart gewandert sein ?).
36.
Augsburg, Staats-, Kreis- und Stadtbibliothek, 2° Cod. 155. — Pap., ein Wz. (Ochsenkopf Briquet 15232/3), 1432, eine Hand, Bl. 1- 236. 237*-238*, Sexternen (bei der letzten Lage sind die zwei letzten Bil. abgeschnitten), zweizeil. Kustoden in umrandetem Rechteck, 29,5 - 30 x 21-21,5cm, Schriftspiegel 21-22x15-16cm, zweisp., 28-40, meist 31 Z., Rubrizierung und Initialen, zu Überschriften Textura verwendet, keine Bilder, doch vor jedem Kapitel !/, bis !/, Spalte leer, alter