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Qroot,lJniversismus

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Die hauptsächlichsten Werke De Groot's

Les Fetes annuellement celebrees ä Emoui (Amoy). Etüde con- cernant la Religion populaire des Chinois. Zwei Bände 4». 832 Seiten. Erschienen in den Annales du Musee Guimet, 1886.

Le Code du Mahayana en Chine. Son influence sur la vie monacale et sur le monde laique. Herausgegeben von der Kön. Akademie der Wissenschaften zu Amsterdam, 1893. Imp. 8". 276 Seiten.

Sectarianism and Religious Persecution in Cliina. A page in the History of Religions. Herausgegeben von der Kön. Akademie der Wissenschaften zu Amsterdam, 1903 1904. Zwei Bände Imp. H^, 595 Seiten.

The Religious System of China. Its ancient forms, evolution. history and present aspect. Manners, customs and social institutions connected therewith. Sechs Bände Imp. 8», 1468 und 1341 Seiten.

UNIVERSISMUS

DIE GRUNDLAGE DER RELIGION UND ETHIK, DES STAATSWESENS UND DER WISSENSCHAFTEN CHINAS

VON

J. J. M. DE GROOT

PROFESSOR DER SINOLOGIE AN DER UNIVERSITÄT ZU BERLIN

MIT 7 BILDERN

BERLIN 1918 VERLAG VON GEORG REIMER

Meiner Mutter und dem Gedäclitnis meines Vaters gewidmet

lOSilO?

Vorwort.

Vorliegendes Werk bezweckt, die Grundlage von Chinas Reli- gion und Ethik, von seinem Staatsv^esen und seinen Wissen- schaften zu bestimmen und zu erklären. Es gründet sich auf das Studium alter und neuer chinesischer Schriften und bringt als unentbehrliches Beweis material in wortgetreuer Übersetzung Auszüge daraus, zwar in möglichst beschränkter Anzahl, die jedoch beliebig stark hätte vermehrt werden können.

Auf die Reformen, welche in den letzten Jahren in China eingesetzt haben, habe ich absichtlich keine Rücksicht genommen, in der Absicht, nur ein kulturgeschichtliches Bild zu entwerfen, das auch, falls die Reformen ihren Fortgang nehmen und so- gar das Alte völlig stürzen sollten, für die Wissenschaft der Kultur der Menschheit Wert haben mag. Ich gebe mich dabei der Hoffnung hin, daß dieses Bild weitere sinologische Arbeit zur Vertiefung unserer Kenntnisse des Geisteslebens Chinas er- leichtern und das dazu erforderliche richtige Verständnis chi- nesischer Schriften fördern möge.

Zur Erhöhung der Deutlichkeit sind die den chinesischen Textauszügen und Ausdrücken beigefügten Übersetzungen in kleineren Buchstaben gedruckt. Die Übersetzungen sind wort- getreu und keine Paraphrasierungen.

Über die angewandte Transkription der chinesischen Schrift- zeichen sei folgendes bemerkt:

Diö Buchstaben haben im allgemeinen den Wert der hoch- deutschen. Das s ist scharf; s entspricht deutschem seh, und somit ist ts = tsch ; z = französisches j : e ist das tonlose e (wie in Bezirk). Aus ng (wie in singen) darf g nicht herausklingen.

Auch in den Diphthongen ai, ao, ei, ia, ie, io, iu, oa, oi, ou, ua, ue, ui, üe, behält jeder Buchstabe seinen deutschen Wert, jedoch ohne mit besonderer Betonung ausgesprochen zu werden, weil jedes chinesische Wort einsilbig ist. Ao lautet also w^ie au; ia etwa wie ja; ua ungefähr wie wa; ei aber nicht wie in Eis.

Der Spiritus asper * gilt als Zeichen scharfer Aspiration.

Ein Haken ' am Ende eines Wortes bezeichnet einen ver- schluckten Endkonsonanten k, p oder t, wodurch das betreffende Wort kurz ausgesprochen wird.

Karwoche des Kriegsjahres 1918.

Berlin-Lichterfelde. De Groot.

Inhaltsverzeichnis.

beite

Einleitung i

Universismus, die gemeinschaftliche Grundlage des Taoismus, Kon- fuzianismus und Buddhismus. Stiftung des einheitlichen chinesischen Reiches und die Organisation seines Staatswesens und seiner Staats- religion unter der H an -Dynastie.

Erstes Kapitel.

Das Tao, die Ordnung des Weltalls 5

Das Tao des Weltalls und das Tao des Menschen. Weltseele und Menschenseele. Universistischer Animismus, Polytheismus. Poly- dämonismus. Die Gespensterwelt und ihre Wirksamkeit. Däraonismus. eine der Grundlagen der Ethik. Das Tao als Schöpfer. Die drei Erzväter des Universismus.

Zweites Kapitel.

Das Tao des Menschen 22

Das Tao ist Güte, und die menschliche Natur ist deshalb gut. Die fünf natürlichen Haupttugendeu. Die dem Weltall entlehnten Lebeusregeln, Bräuche und Riten. Die konfuzianischen heiligen Schriften, die Wegweiser für das menschliche Tao. Orthodoxie und Ketzerei, Intoleranz und Verfolgung. Besitz des Tao ist Vollkom- menheit, Heiligkeit und Göttlichkeit. Erwerbung des Tao durch Nach- ahmung des Weltalls und Anpassung an dasselbe. Unparteilichkeit, Ge- rechtigkeit, Selbstlosigkeit. Willfährigkeit. Nachsicht, Milde, Selbstver- leugnung, Leidenschaftslosigkeit. Tugend und Heiligkeit, erworben durch Kenntnis der heiligen Schriften. W u - w e i oder Quietisraus, Spon- taneität.

Drittes Kapitel.

Vollkommenheit, Heiligkeit, Göttlichkeit r,{\

Vollkommenheit in Tugend ist Heiligkeit oder Göttlichkeit. Die Merkmale der Heiligkeit: Allmacht, Zauberkraft, Unverletzlichkeit. All- wissenheit u. a. Heiligkeit durch Kenntnis und Weisheit. Die heiligen Schriften die Grundlagen des Staatswesens und der Ethik. Weisheit und Tugend der Kaiser. Die Heiligen des Konfuzianismus. Vollkommenheit durch Zügelung der Leidenschaften. Heiligkeit und Göttlichkeit des regierenden Kaisers. Seine unbeschränkte Gewalt.

Inhalt. VII

Viertes Kapitel. Seit«

Heiligkeit durch Askese und Absonderung von der Welt. Lebensverlängerung, Exorzismus, Heilkunde . 86

Heiligkeitsaskese und Erlösung. Taoistische Weise und Ein- siedler. Taoistisches und buddhistisches Klosterleben. Verlängerung und Verewigung des Lebens durch Tugend und Weisheit. Exorzistische Zauberkraft. Atemregulierung zur Verlängerung des Daseins und zur Förderung der Gesundheit. Universistische Krankheitslehre, Heilkunde und Arzneilehre. Paradiese der Unsterblichen.

Fünfte s Kap itel.

Die taoistische Kirche und ihr Götterkult 127

Polytheistischer Naturismus. Anthropotheismus und Anthropolatrie. Ahnenverehrung. Die taoistische Theogonie. Die Gründung der tao- istischen Kirche. Ihre Geistlichkeit und der Kreis ihrer Wirksamkeit. Tempel und Tempelchen. Hausaltäre.

Sech stes Kapitel. Der Götterkult des Konfuzianismus (I) I4i

Die große Opferstätte des Himmels. Kaiserliches Opfer des Wintersolstitiums für den Himmel, die kaiserlichen Ahnen. Sonne, Mond und Sterne. Regenopfer und andere Zeremonien.

Siebentes Kapitel.

Der Götterkult des Konfuzianismus (II) 187

Die große Opferstätte der Erde. Das kaiserliche Opfer des Somraersolstitiums für die Erde, die kaiserlichen Ahnen, die Berge, Flüsse und Meere. Opferstätte und Opfer für die kaiserlichen Ahnen und für die Götter des Bodens und der Feldfrüchte.

Achtes Kapitel. Der Götterkult des Konfuzianismus (III) 228

Opferstätte und Opfer für Sonne, Mond und Sterne, für die Schutzgötter des Ackerbaus und die Schutzgöttin der Seidenzucht. Die Pflugzeremonie des Kaisers und der Reichsbehörden ; die Maul- beerblätterzeremonie der Kaiserin. Tempel und Opfer für die Kaiser der vergangenen Dynastien, für berühmte Staatsdiener aller Zeiten und für die kaiserlichen Lehrmeister.

Neuntes Kapitel.

Der Götterkult des Konfuzianismus (IV) 269

Tempel und Opfer für Konfuzius und die Heiligen und Weisen seiner Schule. Kaiserliche Predigten. Staatliche Verehrung der Tu- gendhaften und Weisen im ganzen Reich. Opferstätte und Opfer an Wolken, Regen, Wind und Donner, an Berge, Meere und Gewässer des ganzen Reiches. Tempel und Opfer für den Planeten Jupiter und andere Zeitgötter.

VIII Inhalt.

Zehntes Kapitel. Seit«

Der Götterkult des Konfuzianismus (V) 283

Tempel und Opfer für die Götter der Heilkunde, für den Kriegs- gott, für den Schutzgott der klassischen Studien, für den Nordpol des Himmels, für den Feuergott, für die Götter der Kanonen und der Stadtmauern, für den Gott des Berges des Ostens, für Drachen und andere Wassergottheiten, für die Erde und den Verwalter von Bau- werken, für Götter der Ziegelöfen, Tore und Kornkammern, für beson- dere in den Provinzen verehrte Gottheiten, für die Koryphäen der Staatsdienerschaft, für die unversorgten Seelen der Toten. Idolatrischer und ritualistischer Charakter der Staatsreligion.

Elftes Kapitel.

Kalendrische Lebensführung. Der Kalender. Zeit- deutung . 303

Die menschliche Notwendigkeit, in Übereinstimmung mit dem jährlichen Kreislauf des Universums zu leben. Das heilige Buch der Weisungen für die Monate. Lebensführung, die dem Lauf der Zeit nicht entspricht, als Ursache von Weltkatastrophen. Handbücher und Schriften für eine zeitgemäße Lebensführung.

Die Pflicht der kaiserlichen Regierung, für eine richtige Zeit- rechnung Sorge zu tragen. Der Staatskalender, seine chronomantische Rolle und zeremonielle Herausgabe. Volksalmanache.

Zwölftes Kapitel.

Mantik des Universums 83i

Beobachtung und Deutung der ungewöhnlichen Naturerscheinungen zur Bestimmung und Beseitigung der Fehler im T a o der Menschheit. Beobachtung des Himmels und der Himmelslichter; Astrologie. Deu- tung von Wind, Regen, Donner, Blitz usw. Ungewöhnliche Erschei- nungen in den Teilen der Erde und im Menschen-, Tier- und Pflanzen- ieben. Die Mittel zur Ratpflege der Weltseele oder der Götter.

Dreizehntes Kapitel.

Geomantik .%4

Wolmstätten, (iräber und Tempel sollen unter günstigen Einflüssen des Universums gelegen sein. Die Geomantik und ihre Professoren. Die fünf Weltelemente und andere universistische Faktoren. Geoman- tische Literatur und Systeme. Fung Sui der Gräber, Tempel und Klöster. Die Zukunft des Universismus und seiner Wissenschaften.

Sach- und Wortregister 385

EINLEITUNG.

China besitzt; wie allgemein bekannt, drei Religionen: den TaoismuS; den Konfuzianismus und den Buddhismus. Man wendet jedoch auf sie das Wort an: ^^^ *, han san W e i j i , d.h. es (China) umfaßt drei (Religionen), und doch sind diese nur eine. Es fragt sich, ob man diese eine Religion, in der die drei genannten enthalten sein sollen, genau bestimmen kann.

Man könnte annehmen, jener Satz wolle einfach aus- drücken, daß die drei Religionen sich in einer einzigen ver- schmolzen hätten. Allein, wenn das der Fall wäre, dann würden sie aufgehört haben, als drei zu existieren, während tatsächlich noch jede für sich getrennt besteht.

Man könnte ferner den Satz so auslegen, daß jeder Chinese sich gleichzeitig zu allen drei ReHgionen bekennt. Zweifellos dürfte an einer derartigen Religionsvielheit, der das Chinesen- tum ergeben ist, etwas Wahres, sogar viel Wahres sein. Dennoch bliebe die Frage unaufgeklärt, warum drei verschiedene Re- ligionen sich in den Köpfen oder Herzen des Volkes als eine einzige darstellen sollten.

Eine dritte Erklärung, welche die Einheit der drei Re- ligionen nur als Ausdruck dessen auffaßt, daß China ein Land von höchst bemerkenswerter und vorbildlicher Toleranz sei, beruht auf Irrtum. Diese vermeintliche Toleranz ist und war vielmehr stets eine Legende, wie ich an der Hand von geschicht- lichen Quellentexten, kaiserlichen Gesetzen und Erlässen in

De Groot, Universismus. 1

einem besonderen Werke über Sektenwesen und religiöse Ver- folgung in China ^ nachzuweisen versucht habe.

Offenbar ist das Problem nicht durch bloße Mutmaßungen, sondern allein durch genaue Untersuchungen zu lösen. In Wirk- lichkeit sind die erwähnten drei Religionen Aste eines gemein- samen Stammes, der seit uralten Zeiten bestanden hat; dieser Stamm ist die Religion des Universums, des Weltalls, seiner Teile und seiner Erscheinungen. Universismus, wie ich sie von jetzt ab bezeichnen will, ist die eine Religion Chinas; die drei oben genannten Religionen aber bilden nur ihre integrierenden Bestandteile. Deshalb fühlt sich auch der Chinese gleichmäßig heimisch in ihnen, ohne durch widerstrebende und einander unverträgliche Dogmen beschwert zu sein.

Es war im Zeitalter der H a n - Dynastie, zwei Jahrhun- derte vor und zwei nach Christi Geburt, als sich der ur- sprüngliche Stamm in die beiden Aste des Taoismus und Kon- fuzianismus gabelte, während ihm gleichzeitig als dritter Ast der Buddhismus aufgepfropft wurde. Tatsächlich hat damals der Buddhismus seinen Weg nach China gefunden, und zwar in der universistischen Form, genannt Mahajäna, die sein Fortbestehen auf dem ursprünglichen Stamme ermöglichte. Auf diese Weise stellen sich die drei Religionen tatsächlich als die drei Aste eines gemeinsamen Stammes dar, als einheitliche Re- ligion. Ein merkwürdiges Zusammentreffen ist es, daß der wichtigste Zeitraum in der Entwicklungsgeschichte der chine- sischen Religion, der Zeitraum ihrer Dreiteilung, mit der Ent- stehung des Christentums zusammenfällt.

Der Buddhismus als aufgepfropfter Bestandteil des chi- nesischen Religionssystems kann vorläufig außer Betracht bleiben, während unsre Aufmerksamkeit in erster Linie dem Taoismus

^ Sectarianism and Religious Persecution in China, veröffentlicht durch Äie Königliche Akademie der Wissenschaften zu Amsterdam, 1903—1904.

und KonfuzianismuS; als den natürlichen Abzweigungen des alten Universismus, gewidmet sein soll.

Dieser Universismus war selbst Taoismus; die beiden Aus- drücke sind synonym. In der H a n - Zeit wuchs ein neuer Zweig hinzu, ohne jedoch neue religiöse Lehren hervorzubringen. Das war der Konfuzianismus, die Staatsreligion, bestimmt, von nun ab der wichtigste Bestandteil des chinesischen Religionssystems zu werden. Vom Grrundsatz der Unduldsamkeit beherrscht, hat er die Lebensfähigkeit des Buddhismus untergraben und dem Taoismus die Möglichkeit abgeschnitten, sich überwiegende Geltung zu verschaffen.

Das chinesische Reich wurde als einheitliches Ganze im 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung geschaffen. Damals vernichtete ^ier gewaltige Kaiser Si Huang, dessen Reich von ^ Ts'in seit dem 9. Jahrhundert vor Chr. den Nord- westen des heutigen China beherrschte, das bunte Staaten- gemisch, das sich bis dahin um den Sitz der höheren asiatischen Kultur, um die Wiege eines Konfuzius und Menzius gruppiert hatte, das Stammland uralter Weisen und Herrscher, von denen zu singen die chinesische Sagenwelt nie müde geworden ist. Aber die T s *^ i n - Dynastie hielt sich nicht lange genug, um das enorme Reich, das ihrer Söhne größter geschaffen hatte, im Inneren auszubauen und auszugestalten. Nach wenigen Jahren der Herrschaft brach sie zusammen und machte dem ruhmvollen Hause Han Platz, das sich seitdem bis ins 3. Jahrhundert unsrer Ära auf dem Throne behauptet hat. Die Regierungs- zeit dieser Dynastie bezeichnet den endgültigen Triumph des Klassizismus oder Konfuzianismus und ebensogut der univer- sistischen oder taoistischen Weltanschauung in China. Denn die politische Verfassung, welche damals die mit dem Ausbau des jungen Reiches betrauten Gelehrten und Staatsmänner aus- arbeiteten, wurde in natürlicher und planmäßiger Weise völlig

auf den Anschauungen und Präzedentien der älteren Zeiten

1*

aufgebaut; wie sie in den schriftlichen Urkunden überliefert wurden, soweit diese dem Schicksal der Verbrennung ent- gangen waren, das ihnen in einem Anflug von Cäsarenwahn S i H u a n g zugedacht hatte. Hand in Hand mit diesem gigan- tischen Organisations werke wurden die Überreste der alten Urkunden gesammelt, wiederhergestellt, ergänzt und erläutert. So entstand eine klassische Literatur und eine archaische Staats- verfassung, die, seitdem von Dynastie auf Dynastie vererbt, bis auf den heutigen Tag fortlebt. Die religiösen Elemente der klassischen Schriften wurden hierbei mit in jene Staatsverfassung hineinverwoben, da alles und jedes, was die Schriften enthalten, als heiliges Vermächtnis der Vorfahren galt und dementsprechend befolgt werden mußte. Mit anderen Worten, diese rehgiösen Elemente der klassischen Schriften wurden die StaatsreHgion. Diese Religion ist demnach jetzt volle zweitausend Jahre alt. Ihre Wurzel, der Universismus, reicht selbstverständlich viel tiefer in die Vergangenheit hinab als die Schriften, mittels derer die universistischen Gedanken der Nachwelt überliefert sind. Der Ursprung des Universismus verliert sich völlig im Dunkel der Menschheitsgeschichte.

Die religiösen Elemente und Grundsätze, die in den klassi- schen Schriften enthalten sind und bis auf den heutigen Tag die Elemente und Grundsätze für den Konfuzianismus darstellen, bildeten also zugleich auch die uralten Grundanschauungen des Universismus oder Taoismus, so daß demgemäß die klassischen Schriften die Bibel sowohl des Konfuzianismus als auch des Taoismus sind.

Unsre Aufgabe ist es nun, diese Grundanschauungen zu betrachten und an ihnen das Wesen der ostasiatischen Religion alter und neuer Zeit zu erkennen.

Erstes Kapitel.

Das Tao, die Ordnung des Weltalls.

Universismus ist Taoismus. In der Tat bildet seinen An- gelpunkt das ^ Tao, was Bahn oder We^ bedeutet, nämlich die Bahn oder den Weg, worin sich das All bewegt; Tao heißt in diesem Sinne die ganze planmäßige Anlage und Da- seinsäußerung des Universums, sein Leben und Wirken, die Gesamtheit aller seiner regelmäßig wiederkehrenden Erschei- nungen, kurz die Natur, den Gang des Alls, die natürliche Weltordnung. Im engeren Sinne bedeutet Tao hauptsächlich den regelmäßig wiederkehrenden Umlauf der Jahreszeiten in seinem ewigen Wechsel von Werden und Vergehen, Wachstum und Absterben; es deckt sich demnach mit dem Begriff der schöpferischen und zerstörenden Zeit.

Seit unvordenklichen Zeiten sinnt der Mensch nach über die Tatsache seiner gänzlichen Abhängigkeit von den gewaltigen Einflüssen der Natur. Schließlich ist er zu der Überzeugung gekommen, daß, um glücklich zu sein, es darauf ankomme, so vollkommen wie möglich im Einklänge mit dem unendlichen All zu leben. Weicht daher menschliche Handlungsweise von jenem allmächtigen Tao ab, so ist ein Konflikt die unaus- bleibliche Folge, in dem der Mensch als unendlich schwächerer Teil mit zwingender Notwendigkeit unterliegen muß. Diese Er- wägungen haben den Menschen dazugeführt, auf dem Wege philo- sophischen Nachdenkens die Wesenseigenschaften des Tao zu erforschen und gleichzeitig die Mittel ausfindig zu machen, durch

die man jene Eigenschaften selbst erlangen und seine Hand- lungsweise danach einstellen kann. Mit anderen Worten, der Mensch erblickte im All ein belebtes Wesen, das mit unwider- stehlicher Kraft ihm seinen Willen aufzwingt, und versuchte nun diesen Willen zu ergründen, um sich ihm in schlichter Demut zwecks Vermeidung unheilvoller Konflikte anpassen und unterwerfen zu können.

Dieses philosophische System ist offensichtlich darauf an- gelegt, die ganze Sphäre menschlichen Daseins und Tuns zu umfassen. Tatsächlich zeigt es sich uns als ein System von Regeln, Bräuchen und Sitten, die auf Beobachtung, Deutung und Nachahmung der Natur beruhen und in einer Unzahl von Vorschriften das ganze Verhalten des Menschen in seinem pri- vaten, häuslichen und öffentlichen Leben normieren, wobei sie sogar politische Einrichtungen und staatliche Gesetze in ihren Bannkreis ziehen, und zwar alles dies zu dem einen großen Zweck: Volk und Regierung der wohltätigen Einflüsse der Natur teilhaftig zu machen, und umgekehrt die schädlichen Einwirkungen der Natur von ihnen fernzuhalten.

Seit alten Zeiten bezeichnen die Chinesen selbst dieses philosophische System als ^5^ Zön Tao oder Tao des Menschen, im Unterschied zum Tao des Universums, dessen getreue Nachbildung es zu sein bestimmt ist. Dieses universelle Tao aber teilt sich wiederum zweifach, als ^ ^ T*^ien Tao oder Tao des Himmels und als i^J ^ Ti Tao oder Tao der Erde. Selbstverständlich gilt das Tao des Himmels als das mächtigere von den beiden, da der Himmel es ist, der durch Sonnenwärme und Regen die alljährlichen Schöpfungsvorgänge in der Natur hervorruft. Demgemäß betrachten die Chinesen den Himmel als ihre höchste Gottheit. Für einen Gott, der über der Welt stände, einen Weltenschöpfer, einen Jehovah, AUah ist in ihrem System kein Platz. Schöpfung ist nach chinesischer Auffassung einfach die alljährliche Wiedererneuerung der Natur,

das spontane Werk von Himmel und Erde, das sich durch jede Umwälzung des T a o von neuem vollzieht.

Der Name T a o ismus, mit dem wir gewöhnlich das genannte System bezeichnen, ist also durchaus zutreffend gewählt, und es besteht kein Grund, ihn aus unserem religionswissenschaft- Hchen Wortschatz zu bannen. Gebrauchen doch die Chinesen selbst die Ausdrücke ^ ^^ Tao Kiao, Tao -Lehre, und^^ P^ Tao Mön oder ^^ Tao Kia, Tao-Schule.

Betrachtung des Weltalls und seiner Gesetze führte in China keineswegs zu richtiger Naturforschung, noch zu einer Entthronung all der Gottheiten, von denen man die Natur bis in ihre kleinsten Teile belebt glaubte. Die universistische Welt- anschauung hat sich infolgedessen alle Zeiten hindurch be- hauptet, und zwar insbesondere in der konservativen, klassischen Form, die unter dem Namen Konfuzianismus bekannt ist. Ich erwähnte bereits (S. 4), daß die universistischen Grundlehren in den klassischen Büchern enthalten sind, die man als heilige Bibeln sowohl des Konfuzianismus wie des Taoismus anzusehen hat. Unter diesen Büchern genießt den Ruhm der höchsten Heilig- keit das ^ Ji', und zwar deshalb, weil in ihm die eigent- lichen Urlehren des ganzen Systems geschrieben stehen. In seinem dritten Anhang, der die Bezeichnung ^ ^ hi Ts6, d. h. angehängte Ausführungen, trägt, und dessen Urheberschaft von zahlreichen chinesischen Gelehrten Konfuzius selbst zu- geschrieben wird, findet sich das Universum beschrieben als ein lebendiger Organismus, genannt ^ ^ t'ai Ki', d. h. höchster Gipfel oder Allerhöchstes. Dieses Allerhöchste hat die ^ ^ Hang I, zwei Ordner, hervorgebracht, unter denen ein Welt- seelen- oder Weltodempaar zu verstehen ist, genannt ^ J a n g und (^ Jin. Diese zwei vertreten die männliche und weibliche Seele des Weltalls und werden dementsprechend einerseits mit der befruchtenden Himmelskraft, Wärme und Licht identifi- ziert, anderseits mit der vom Himmel befruchteten Erde, mit

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Kälte und Dunkel. In dem erwähnten dritten Anhang (I) des Ji' lesen wir: ^ ^ ^ ^ i^ ®^ ^ ^ M M^M

^k ^^ nn ^^L und somit besteht (wirkt) in den Wandlungen des Welt- alls das Allerhöchste, das die zwei Ordner erzeugt, welche die vier Ge- staltungen (Jahreszeiten) hervorrufen.

Es sind die beiden Urkräfte J a n g und J i n, die zusammen das T a o bilden, denn ausdrücklich sagt der dritte Anhang zum Ji': ' [^ ' |J^ ^^ gS ^g , das Jang und das Jin des Universums, die heißen Tao. In der Tat besteht ja der Lauf der Natur oder der Weltordnung in einer alljährlich sich wiederholenden, all- mählich wechselnden Verschmelzung von Wärme und Kälte, wodurch die vier Jahreszeiten und die Vorgänge des Werdens und Vergehens in der Natur Zustandekommen. Diese Vorgänge heißen in der Sprache der alten und neuen chinesischen Philosophie^ Ji^, d. h. Wechsel oder Wandlungen; j^ ^ ^ g^ >ä^ die Vorgänge der Erzeugung und Wiedererzeugung sind es, die Ji' heißen, so lautet es wiederum im dritten Anhang (I) des Ji'; daher auch der Titel dieses heiligen Buches. In den Wandlungen offenbart sich das Tao, weshalb bei chinesischen Schriftstellern das Tao häufig bezeichnet wird als (^ [^ ^ Mj, die kreisenden Wandlungen von Jin und Jang, oder als ß^ (^ ^p ^fe, der wechselnde Kreislauf von Jin und Jang, oder als 1^ j^ ^^ ^y ; ^^® Wandlungen von J i n und Jang. Am häufigsten umschreiben alte wie neue Schriftsteller das Tao des Weltalls mit dem Ausdruck |^ ^ /J^ 5M ^a ? ^^^ "^on Jin und Jang.

Unter dem menschlichen Tao ist, wie schon erwähnt (S. 6), eine bestimmte Lebensführung zu verstehen, die dem Tao von Himmel und Erde nachgebildet und dazu bestimmt sein soll, den Menschen glücklich zu machen. Das menschliche Tao ist ein Gebot des Umstandes, daß des Menschen Leben und Tod völlig vom Uni- versum abhängen. Diese Abhängigkeit wird nachdrücklich durch jenen klassischen Glaubenssatz betont, wonach der Mensch seine eigene Lebenskraft den beiden Weltseelen Jin und Jang entlehnt

und demnach ein Erzeugnis dieser beiden Mächte ist, und ferner auch durch die Tatsache bewiesen, daß der menschliche Körper aus den gleichen Elementen zusammengesetzt ist wie die Welt. So lesen wir denn im |g L i K i, der umfangreichen Sammlung von klassischen Büchern, im Buche |[§ )|| Li Jun (III): A{^

i~f -^ ^y ^L ifii ' ^^^ Mensch ist ein Erzeugnis des segensreichen Wirkens von Himmel und Erde, der Vermählung von J i n und J a n g, der Vereinigung eines K w e i mit einem S ö n, der feinen Einflüsse der fünf Elemente. Sonach denkt sich die alte chinesische Philosophie die Menschenseele als eine Zusammensetzung aus einem J^ Kwei und einem J0 Sen, also aus zwei Seelen, deren eine dem Jin oder der Erde, die andere dem Jang oder dem Himmel ent- stammt.

Man braucht in dem erwähnten umfangreichen heiligen Buch, das bis auf den heutigen Tag die chinesische Denkweise in den Bannkreis seiner Lehren zwingt, nicht lange nach weiteren Stellen zu suchen, welche hinsichtlich der chinesischen Vor- stellung vom Dualismus der menschlichen Seele und ihrer nahen Beziehung zum Weltall Aufschluß geben. So steht im Buche ^ ^ T s i I im zweiten Abschnitt geschrieben : ^ ^ 0 ^

mz&^h^.m^^m^z^^.'^^mmm ZM^oM^äi^n.Mß^^m±.itzmk.'W

Tsai Ngo sagte: „Ich habe die Worte Kwei und S6n gehört, aber ich verstehe nicht ihre Bedeutung." Konfuzius erwiderte: „Der Atem (K'i) stellt die Fülle des Sen dar, und das Po' die Fülle des Kwei; die Ver- einigung von Kwei und Sön ist das höchste Ergebnis der Lehre. Alle lebenden Wesen müssen sterben, und das, was beim Tode zur Erde zurück- kehren muß, heißt Kwei; Knochen und Fleisch modern in der Tiefe und werden unmerklich Staub; der Atem (K'i) aber erhebt sich in die Höhe und wird zu strahlendem Licht."

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Dieser wichtige Satz und der ihm vorangehende stellen das grundlegende Dogma der taoistischen und konfuzianischen Seelenlehre dar. Sie lehren, daß die beiden Weltseelen, das Jang und das Jin, eine Unzahl von Einzelseelen bilden, die je nachdem SSnoderKwei sind. Die Sön kennzeichnen sich durch Licht, Wärme, Zeugungskraft, Leben und weitere Eigen- schaften des Jang; die K w e i durch Dunkel, Kälte, Unfrucht- barkeit, Tod, die Beschaffenheit des Jin. Die Seele des Menschen wie die eines jeden Lebewesens besteht aus einem Sön und einem K w e i ; die Verschmelzung beider hat seine Geburt, ihre Loslösung seinen Tod zur Folge, wobei der Sön zum Jang oder Himmel, der K w e i zum J i n oder der Erde zurückkehrt. Wie Himmel und Erde ist des Menschen Körper aus den fünf Elementen zusammengesetzt. Der Mensch bildet also einen we- sentlichen Bestandteil des Universums, einen Mikrokosmus, der spontan aus und in dem Makrokosmus entstanden ist. Natür- lich ist der S S n die Hauptseele des Menschen, da sie für ihn Sitz des Verstandes und Lebens bedeutet, während der Kwei die entgegengesetzten Eigenschaften in sich vereinigt. Im lebenden Menschen entspricht der Atem oder K '' i seinem S ö n.

Dieses klassische System einer universistischen Seelenlehre ein anderes ist niemals in China entstanden versteht also unter Jang einen höchsten universellen Sön, der, mit Leben und Zeugungskraft ausgestattet, sich selbst in eine Unzahl von Einzel-sön spaltet und mit diesen die verschiedenen Lebewesen der Welt beseelt; es versteht anderseits unter Jin einen uni- versellen Kwei, der sich gleicherweise in Myriaden von Einzel- kwei teilt und von denen jedes in irgendeinem Lebewesen dessen zweite Seele bildet. Demnach ist Schöpfung ein bestän- diges Ausströmen einzelner Jang- und Jin- Atome, und Tod ihre Resorption. In diesem Schöpfungsprozeß liegt die höchste und hauptsächliche Offenbarung des Tao. Er erfolgt, da das Tao spontan wirkt, durch die Atome von selbst. Diese Teile,

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die Sön und Kwei, sind unendlich an Zahl. Die Welt ist von ihnen überall durchsetzt und durchdrungen, sie beleben jedes Wesen, selbst Gegenstände, die Abendländer gewöhnlich als tot ansehen. Ein § Ö n wird im allgemeinen als guter Geist, als Gottheit angesehen, weil er dem segenbringenden Jang ent- stammt; ein Kwei dagegen als böser Geist, als Dämon, Teufel, weil er vom Jin ist. Da es keine höhere Macht über dem Tao gibt, so kommt alles Gute in der Welt nur von den §ßn, alles Übel nur von den Kwei.

Daß dieser Glaube schon im ältesten China vorgeherrscht hat, davon legt das Ji' Zeugnis ab und verleiht demselben, ver- möge seines Gewichts als heiliges Buch, bis auf den heutigen Tag unumstößliche, dogmatische Kraft. In dem schon auf S. 7 angeführten dritten Anhang (I) sagt es an drei verschiedenen Stellen: fljl ^ ^jtf ooo ^BZ-'iMZM llooo 1$ M

sind allgegenwärtig. Sie sind es, die das unergründliche Werk von Jang und Jin verrichten. Das feine Odempaar (des Universums) erschafft die Wesen; die dahinflutenden Hun (oder San) erzeugen die Wandlungen (in der Natur), und durch diese erkennt man Tun und Wesen der Kwai und Sön.

Wie aus andrer klassischer Stelle hervorgeht, war von der Allgegenwart der Kwei. und SSn und ihrem Wirken in jedem Schöpfungsvorgang ein Konfuzius nicht minder über- zeugt wie wohl jeder andre Denker seiner Zeit. Er sprach, dem 410 Tsung Jung(16)zrfolge: M^W ZMM^ ^

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gnende Wirken der Kwei und §6n! Wir schauen nach ihnen, doch sehen sie nicht, wir lauschen nach ihnen, doch hören sie nicht; sie wohnen in allen Wesen, und diese können sich nicht von ihnen losmachen. Sie machen, daß alles Volk unter dem Himmel fastet, sich reinigt und große Feiertracht anlegt, und ihnen so seine Opfer darbringt; dann gleich einem

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Ozean scheinen sie ihm zu Häupten, scheinen sie ihm zur Rechten und Linken zu sein.

Auf Grund der angeführten Dogmen läßt sich voraussetzen^ daß das chinesische KeUgionssystem ein universistischer Animismus ist. Das System ist überdies, da man sich das Weltall mit zahllosen Sön und Kwei belebt vorstellt; poly- theistisch und polydämonistisch. Gottheiten sind beispiels- weise die Sen, die den Himmel, die Sonne, Mond und Sterne beleben, den Wind, Kegen, Wolken, Donner und Blitz, Feuer, Erde, Seen, Berge, Flüsse, Steine, Tiere, Pflanzen und alle möglichen andren Gegenstände; Gottheiten sind insbesondere auch die S ö n Verstorbener. Was nun die Welt der Dämonen betrifft, so spielen diese nirgends auf Erden eine so große Rolle wie in China. Überall schwärmen die Kwei einher. Nirgends ist der Mensch vor ihnen sicher. Besonders gefährlich sind sie des Nachts, wenn sich die Macht des Jin, dem die Dämonen angehören, am stärksten erweist. Sie haschen nach den Seelen Lebender, so daß diese erkranken oder sterben. Ihre Be- rührung verursacht am Körper Beulen und Geschwüre. Geister von schlecht bestatteten Toten treiben in den Wohnungen un- heimlichen Spuk und beruhigen sich nicht eher, als bis die Leichen von neuem und in geziemender Weise beerdigt sind. Schwärme von Dämonen versetzen nicht selten ganze Ort- schaften und Landstriche in Aufregung und machen die Be- völkerung fassungslos. Geister scharen, zu Fuß oder Roß und in kriegerischer Rüstung, ziehen nachts am Himmel einher, rauben Kinder, stehlen Zöpfe harmloser Bürger, verbreiten Seuchen und Tod, zwingen die heimgesuchte Bevölkerung, sich mit Gonggetöse und Trommellärm, mit Bogen und Pfeil, Schwert und Speer, mit Fackelschwingen und Anzünden von Scheiterhaufen zu verteidigen. Die chinesische Literatur ist überreich an Geistererzählungen, die beim Volk indes nicht als Fabeln, sondern als wahrhafte Geschichten angesehen werden.

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Konfuzius selbst unterschied drei verschiedene Klassen von Dämonen: solche, die auf Bergen und in Wäldern, die in Gewässern und in der Erde hausen. Die Berggeister können durch ihre bloße Anwesenheit Dürre und dadurch Mißwachs, Teuerung, Hungersnot verursachen das bedeutet in China unter Umständen den Tod von Hunderttausenden. Wie chro- nische Plagen pflegen sie China von Zeit zu Zeit heimzusuchen. Wasserdämonen sind meist die Geister Ertrunkener. Sie locken mit List die Menschen in Gewässer und Sümpfe oder verursachen bei Schwimmenden Muskelkrampf. Die Erdgeister werden in ihrer Ruhe gestört, wenn die Menschen den Erd- boden aufgraben oder schwere Gegenstände bewegen. Sie rä-. chen sich dann, indem sie dem Embryo im Mutterleib Schaden zufügen.

Zahlreich sind im Reiche der Gespenster die Tiere vertreten. China hat seine Werwölfe, vor allem seine Geistertiger, die in Menschengestalt rasen. Füchse und Füchsini].en, Wölfe, Hunde und Schlangen schleichen sich mit Vorliebe und zu unsittlichen Zwecken in die Kreise menschUcher Gesellschaft ein, in Gestalt reizender Mädchen und schöner Frauen. Oft verschlingen sie die Opfer ihrer Lust, auf jeden Fall machen sie sie krank, besessen, verrückt. Regelmäßiges Unheil bringen über die Menschen alle möglichen Tierarten, selbst Vögel, Fische und Insekten, besonders, wenn sie menschHche Gestalt annehmen. Diese endlose Wand- lungsmöglichkeit zwischen Menschen und Tieren und umgekehrt kennzeichnet am besten den gewaltigen Einfluß, den der Uni- versismus auf die chinesische Volksanschauung ausübt, denn nach dieser Aufikssung sind Menschen wie Tiere in gleicher Weise von demselben J a n g und J i n belebt, aus denen sich das T a 0 des Weltalls zusammensetzt. Eine weitere Folge dieser An- schauung ist auch der Glaube, daß gewisse Bäume, Sträucher, Pflanzen und andre Gegenstände ihre Seelen ausschicken, um den Menschen Schaden zuzufügen.

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Das cliinesische Volk sieht also die Welt, in der es lebt ringsum von gefährlichen, Unheil stiftenden Geistern wimmeln. Das ist keineswegs ein bloßer Aberglaube, der etwa noch in Ammenmärchen spukt, sondern ein Grundsatz der univer- sistischen Weltanschauung, der in den Augen der Chinesen ebenso unumstößlich ist wie die Tatsache, daß es in der Welt ein J i n gibt. Die K w e i sind innerhalb dieser Weltordnung als Spender von Unheil tätig und üben in dieser Rolle einen wichtigen Einfluß auf des Menschen Geschick aus, ebenso wie umgekehrt die SSn als segnende, glückbringende Geister auf- treten. Doch Jang ist hoch erhaben über das Jin, so hoch wie der Himmel, der dem Jang entspricht, über die Erde, welche zum J i n gehört. Der Himmel gilt deshalb als höchster Sön oder Gott und ist Meister aller bösen Geister. Hieraus hat die chinesische Theologie das Dogma entwickelt, daß ohne Ermächtigung oder wenigstens stillschweigende Einwilligung des Himmels kein Teufel einem Menschen Leid zufügen darf. Dieses Dogma ist durchaus klassisch, da es sich bereits im ^ Su, (im Buche ^g^ T'ang Kao des 18. Jahrhunderts v. Chr.) und im Ji' (im ersten Teil des ersten Anhangs, der die Be- zeichnung ^ T'uan trägt) ausgesprochen findet. Dort steht beziehungsweise geschrieben: ^ ^ JÜS ^ j|S *^, des Himmels Tao bringt Glück über den Guten und Unheil über den Schlechten, und Ä W W ^tt ffii ifiS ^K' ^^® Kwei quälen den von seinem Ich er- füllten, aber die Sön beglücken den Selbstlosen.

Der Glaube an die Existenz böser Geister bildet den Hauptbeweggrund zur Anbetung und Verehrung des Himmels, der dadurch veranlaßt werden soll, die rächenden Kwei in Schranken zu halten. Die Jang entsprossenen Sön sind die natürlichen Feinde der Kwei, die dem Jin angehören, denn zwischen Jang und Jin herrscht ewiger Kampf, der sich in dem beständigen Wechsel von Tag und Nacht, Sommer und Winter, Hitze und Kälte offenbart. Zweck der Religion in China

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ist, göttlichen Schutz gegen die bösen Geister zu erlangen, z. B. dadurch, daß während der Opfer die Götter selbst zu den Menschen herabsteigen und durch ihre furchtgebietende Ge- genwart die bösen Geister verjagen. Der chinesische Götter- kult ist ein Flehen um Glück; Glück aber ist die Abwesenheit des Unglücks, das die Dämonen verhängen; sonach bedeutet dieser Kult die Bekämpfung der Dämonen mit Hilfe der Götter.

Der Glaube an eine Welt böser Geister, die mächtig in das menschliche Schicksal eingreifen, ist mehr als nur eine Grundlage der chinesischen Religion; er ist auch eine der Hauptstützen der öjffentlichen Moral.

Das T a 0 oder die Weltordnung, d. h. der jährHche Kreis- lauf von J a n g und J i n, zeichnet sich durch vollkommene Un- parteilichkeit oder Gerechtigkeit gegenüber allen Menschen aus. Durch die Sön verteilt der Himmel Segen unter die Guten, und durch die Kwei Strafe unter die Schlechten. Deshalb gibt es in dieser Welt nur für den Guten Glück.

Schon das ^^ Tso Tä'uan, dieses berühmte klassi- sche Buch, das einem Konfuziusschüler zugeschrieben wird und deshalb dogmatische Autorität genießt, enthält klare Belege für den Glauben, daß die bösen Geister mit Ermächtigung des Himmels berufen sind, Strafen über die Menschen zu verhängen. Es besagt auch, daß die Geister, je nach der Führung der Herrscher, ganze Reiche und Völker segnen oder züchtigen, sie gedeihen lassen, wenn der Herrscher Tugend übt, und ihren Untergang herbeiführen, wenn er böse und schlecht ist. Ge- schichten von Segen oder Fluch bringendem Eingreifen der Geister bringt die chinesische Literatur alter und neuer Zeit in großer Anzahl. Sittenlehrer haben von solchen Geschichten ganze Bände gesammelt, um mit ihnen die Volksgesittung zu heben und zu fördern.

Zahlreich sind anderseits die Berichte von Geistern, die Lohn spenden aus Erkenntlichkeit für geleistete gute Dienste.

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Kaiserliche Truppen erringen Siege mit Hilfe von Geister- scharen; die in der Schlacht mitkämpfen. Auffallend häufig begegnet man in der Literatur Fällen, in denen Seelen der Toten diejenigen belohnen, die sich ihrer mangelhaft oder gar nicht bestatteten leiblichen Überreste angenommen haben; und hiermit kommt die hohe Bedeutung zum Ausdruck, die der Toten- pflege nicht nur als Zweig menschlicher Wohltätigkeit, sondern auch als Gegenstand staatlicher Gesetzgebung beigemessen wird. Grabschänder haben stets die Rache der Seelen erfahren müssen, deren Ruhe sie gestört hatten. Durch hunderte von Erzählungen, die teilweise noch aus der guten alten Zeit stammen, aufrecht erhalten, beherrscht der Glaube an das rächende Auftreten der Geister bis auf den heutigen Tag alle Schichten des chinesischen Volkes.

Die Vorstellung, daß jederzeit unsichtbare Wesen in das Leben des Menschen eingreifen können, übt entschieden einen günstigen Einfluß auf die öfi'entliche Moral in China aus. Man sieht sich gezwungen, Respekt für das Leben der Mitmenschen zu zeigen und Schwache und Kranke mit zarter Rücksicht zu behandeln. Dieser Sinn für Barmherzigkeit und menschliche Anteilnahme erstreckt sich sogar auf Tiere, denn auch diese besitzen Seelen, die Lohn oder Rache verhängen können. Aus der gleichen Ursache schreckt der Mandarin in China auch vor zu krasser Anwendung ungerechter Justiz zurück, weil die un- gerecht behandelte Partei sich nicht selten dadurch in einen rächenden Geist verwandelt, daß sie einfach Selbstmord begeht.

In hundertfacherweise bestätigt sich die Rache der Geister. So ist es möglich, daß der feindliche Dämon in den Körper seines Opfers steigt und es dahin bringt, in einem Zustand geistiger Verwirrung seine Schuld zu bekennen, so daß es irdischer Justiz verfallen muß. Oder der Geist bemächtigt sich des Körpers seines Feindes und macht ihn krank oder wahnsinnig; er läßt ihn auch nach langen Leiden und Seelenqualen sterben oder treibt

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ihn zum Selbstmord. Auch Armut kann durch eine Schuld des Betroffenen und einen Racheakt der Geister verursacht sein; und als grausamste Züchtigung gilt es, wenn einer seine männ- lichen Nachkommen verliert, da ihm dann niemand bleibt, der ihn im Alter schützen und nach dem Tode durch Bestattung und Grabopfer vor Elend und Hunger bewahren kann.

Da der höchste Ehrgeiz jedes Chinesen seine Zulassung zu der bevorzugten Klasse der Mandarinen ist, so findet man in der Liste der Belohnungen, die dankbare Geister zu verleihen vermögen, ganz vorn an der Spitze, Erfolg in den berühmten Staatsprüfungen, die Zutritt zu den Amtsstellen verschaffen. In Erzählungen aus alter und neuer Zeit finden sich zahlreiche Fälle, wo Kandidaten durch die Hilfe von Geistern ihre Prüfung bestanden. Andererseits schreibt man die Schuld am Examens- pech häufig der Einmischung rachsüchtiger oder grollender Geister zu. Stets kommt es bei den Prüfungen vor, daß unter der Masse von Kandidaten dem einen oder anderen, wenn er in seiner Prüfungszelle eingeschlossen sitzt, infolge nervöser Aufregung unwohl wird und er wohl gar stirbt oder Selbstmord begeht; derartige Zwischenfälle sehen die Chinesen regelmäßig als die Tat rächender Geister an.

Menschlichkeit und Mitgefühl, die sonach auf selbstischer Furcht vor Strafe und Hoffnung auf Belohnung beruhen, mögen zwar in unseren Augen nur geringen sittlichen Wert haben, aber dennoch muß ihr bloßes Dasein in einem Land, dessen Kul- tur die Menschen noch wenig gelehrt hat, das Gute um seiner selbst willen zu tun, als Segen begrüßt werden. Eine Moralität, die auf Dämonismus aufgebaut ist, also auf einer Grundlage, die wir als nichtig und hohl verachten, als unwahres und aber- gläubiges Erzeugnis tiefster Unwissenheit verwerfen, beansprucht zweifellos die Aufmerksamkeit jedes Forschers menschlicher Kul- tur. Sie ist jedenfalls mehr als eine bloße sinologische Kuriosität. Mit Rücksicht auf ihr mehr als zweitausendjähriges Bestehen

De Groot, Uniyersismus. ^

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und auf den gewichtigen Rückhalt, den sie in dem universistischen System besitzt, bildet sie ein bedeutsames Phänomen in der Kulturgeschichte der Menschheit. Wie dem auch sei, Tatsache bleibt, daß Chinas Dämonenglaube trotz der Hinfälligkeit seiner Grundlage bis auf den heutigen Tag in Ostasien zur Bändigung schlechter menschlicher Triebe ganz Unschätzbares geleistet hat.

Schon im klassischen Zeitalter haben sich Chinas Denker der Spekulation über das Tao des Universums hingegeben, jedoch immer im Rahmen des Vorstellungskreises, den wir be- reits skizziert haben. Die Lehre des Ji"*, wonach das Tao oder das Jang und Jin sich aus dem t ai Ki' (s. S.7), dem „Allerhöchsten" (etwa unserm Chaos entsprechend ?), entwickelt hat, ist von den chinesischen Weisen aller Zeitalter als unum- stößliches, heiliges Dogma übernommen worden; und da nun das Jang und das J i n mit dem Himmel und der Erde gleich- gestellt werden, so überrascht es nicht, daß bedeutende Phi- losophen den Standpunkt vertreten, daß das organisierte Weltall spontan durch das Tao geschaffen wurde und das Tao von aller Ewigkeit im Chaos existierte. Einige Stellen im ^ ^ ^ Tao Te' King des Philosophen y^'^ Lao Tsö, die sich mit diesem Problem befassen, lauten folgendermaßen:

^ *& :e M. ^ ==g. ^ i^ :e # !)• I- Tao (dem

„Weg" des Weltalls) sollt ihr wandeln es ist nicht ein gewöhnlicher Weg; seinen Ruhm sollt ihr rühmen der ist kein gewöhnlicher Ruhm. Als das Tao noch keinen Ruhm (unter den Menschen) hatte, war es sthon des Himmels und der Erde Anfang, und seit es diesen Ruhm hat, ist es die Mutter (Genitrix) gewesen von allem, was besteht.

Weiter: # ^ ^ Ü :S ^, ^ # J^ :5t 4). Ich

weiß nicht, wessen Kind es (das Tao) ist, denn es war schon, ehe der kaiserliche, mit Sternbildern geschmückte (Himmel) war.

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^ Ä:^^^ ^0^ (§25). Es war einmal etwas aus dem Chaos Gebildetes da vor dem Entstehen von Himmel und Erde. Still war es und gestaltlos; selbständig war es und zeigte keine Veränderung; es kreiste rund umher von nichts gefährdet. Ihr sollt es als die Mutter von Allem betrachten, das es unter dem Himmel gibt. Seinen Namen kenne ich nicht ;_ geschrieben heißt es ^g T a o.

In den Schriften des Philosophen ^-^Tsuang Tsö lesen wir den Satz: ^ %/ ?^ ^^ Ä^ ^ ffi| ig^ ;^ ^jf

^^.RBummz^o'^wjffn^!^ (Kap. 12).

Im allerersten Anfang war nichts; im Nichts war das noch ruhmlose (Tao), aus dem das All entstand. Das All war dann da, aber hatte noch keine Gestalt. Das, wodurch die Wesen die Möglichkeit ilires Entstehens und Bestehens erlangten, nenne ich die Kraft (Te* des Tao); im Gestaltlosen entstand durch sie eine Trennung (in Jang und Jin), und weil diese ohne Unterbrechung fortdauerte, war, was ich Leben nenne, da. Sie (Jang und Jin) verharrten in Bewegung und erzeugten dadurch (immerfort) die Wesen.

In den Schriften von ^-^KuanTse (Buch 14, bezw. Kap. 40) finden wir klipp und klar ausgesprochen, daß ^ ^ ^C ^^J ^^^ Tao Himmel und Erde geboren hat.

Diese drei alten Philosophen verdienen es, Propheten des Taoismus genannt zu werden, weil neben den klassischen Büchern es in erster Linie ihre Schriften sind, die über den Ursprung und die Entwickelung des Universismus Aufschluß geben. Lac

TsÖ's Tao Te' King oder heiliges Buch vom Tao und dessen Tu- genden oder Eigenschaften ist auch außerhalb Chinas wohlbekannt, weil es oftmals, auch durch Personen, die gar nicht chinesisch konnten, in europäische Sprachen übersetzt worden ist; diese Aus- zeichnung verdankt das Werk dem Umstände, daß seine ge- naue Wiedergabe in europäischer Sprache höchst schwierig, ja faßt unmöglich ist, und sogenannte Übersetzungen sich somit auf

ihre Richtigkeit so gut wie gar nicht prüfen lassen. Nach herr-

2*

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sehender Ansicht war L a o T s e ein Greis, als Konfuzius lebte. Tgtiang Ts6 oder ^^ Tsuang T so u lebte in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts vor Christi Geburt. Seine Schriften sind, ebenso wie das Tao Te'King, von Legge^ dem meisterr haften Übersetzer der konfuzianischen Bücher, ins Englische übertragen worden. Das Werk des Kuan Tse ist umfangreicher als die Schriften Lao Ts6's und Tsuang TsS's zusammen- genommen. Es enthält in der Hauptsache die Darstellung einer ethischen und politischen Philosophie auf universistischer Grund- lage. Der Verfasser ^'f^}' Kuan T§ung oder ^ ^1

t=9

Kuan I-wu lebte angeblich im 7. Jahrhundert vor Christi Geburt, so daß sein Werk, falls es damals wirklich entstanden sein sollte, Zeugnis dafür ablegen würde, daß der Taoismus bereits in der frühesten Periode zuverlässiger ostasiatischer Geschichte existiert hat. Indes enthält es oiSfenkundig um- fangreiche Beiträge von fremder Hand; doch selbst, wenn es später geschrieben sein sollte, etwa zur Han-Zeit, so bleibt es eine wertvolle Quelle für unsere Kenntnisse vom alten Taoismus und höchst wertvoll auch als Kommentar und Ergänzung zu den Schriften des Lao und Tsuang. .

Die Schriften der drei Philosophen haben einen entschei- denden Einfluß auf die Entwickelung des Taoismus zu einer selbständigen Religion ausgeübt. Maßgebend sind sie vor allem für die Lehre geworden, daß der Mensch sich und sein Be- nehmen dem Tao des Weltalls und dessen Eigenschaften an- passen soll. Da die Richtlinien, die sie in dieser Beziehung angeben, aus heiliger alter Zeit stammen, so sind sie immer hoch verehrt worden und werden als Grundlagen für das ethisch - religiöse System angesehen, das den Namen „menschliches Tao" (s. S. 6) führt. Jedoch sind die Werke nie als lieiHge Bücher des Konfuzianismus anerkannt worden. Der Grund für diese Ausschließung ist noch unbekannt; einstweilen müssen wir uns mit der Annahme begnügen, daß sie erfolgte, weil die ge-

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nannten Werke nicht von Konfuzius oder seinen Schülern stammen. Diese Frage verdient nähere Untersuchung, da diese Ausschließung kennzeichnend ist für die Spaltung des ursprüng- lichen universistischen Glaubens in einen taoistischen und einen konfuzianischen Zweig (vgl. S. 3 f.). Vom Augenblick dieser Spaltung in der H an- Zeit an, haben die Schriften von Lao, Tsuang und Kuan zusammen mit einigen anderen von ge- ringerer Bedeutung eine Rolle für sich gespielt als Bibeln des Taoismus, jedoch brüderlich Seite an Seite mit den Bibeln des Konfuzianismus.

Zweites Kapitel.

Das T a 0 des Menschen.

Wie in dem vorigen Kapitel gezeigt wurde^ ist die Grund- lage der chinesischen Philosophie und Religion das treibende, lebende, schöpferische Universum, der Gang der Natur, die Weltordnung, genannt Tao oder „Weg". Es wurde ferner darauf hingewiesen, daß dieses Tao sich kundtut in der Um- wälzung der Zeit, insbesondere in jedem Umlauf der Jahres- zeiten, wie er durch die Wechselwirkungen des Jang und des Jin oder der hellen und dunklen, bezw. warmen und kalten Weltseele hervorgerufen wird. Weiter wurde das große univer- sistische Dogma betont, daß der Mensch das Produkt dieses Weltseelenpaares ist und gleichfalls eine Doppelseele besitzt, nämlich als Bestandteil des Jang einen S ö n und als Bestand- teil des Jin einen Kwei. Der Mensch ist sonach ein Stück des universellen Tao; sein Werden und Vergehen, sein ganzes Dasein richtet sich nach dieser Weltordnung.

Diese Fundamentalsätze bilden bis auf den heutigen Tag den Ausgangspunkt für die konfuzianische und taoistische Lehre von der rechten Lebensführung des Menschen. Diese soll sich in Übereinstimmung mit dem Tao des Universums be- finden; daher ihr Name „menschliches Tao" (S. 6). Das Ji (hi TsS, I) enthält einen Satz, aus dem die ganze Bedeutung einer derartigen Übereinstimmung hervorgeht:

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das Jin des Alls und das Jang- des Alls, die heißen das Tao; was aus demselben hervorgeht, ist das Gute (^ San); was es schafft, ist die menschliche Natur (>b{: Sing).

Das Tao ist somit die Quelle des Guten, alles Segens, das summum bonum. Das Tao kann nur gut sein, darin stimmen alle Philosophen überein, weil unter seinem Einfluß das wohl- tätige Zusammenwirken von Himmel und Erde erfolgt, das alle Wesen entstehen läßt und unparteiisch mit gleichem Wohlwollen erhält; diese Schöpfergüte ^ San bildet die höchste Eigen- Schaft (^ Te') des Universums. ^^Zi^WiB^^

die höchste Eigenschaft von Himmel und Erde ist Schöpfung, sagt das Ji' (hi TsS, II). Auch lesen wir in diesem heiligen Buch: 5^ iHli ^ rfil -ß§ '^B?l rLt ^4* ? Himmel und Erde werden erregt (durch das Tao), und dann entstehen durch Umbildung die zehntausend Wesen

(T'uaD,ii). ^mmnf^.mAmwmi^ni^'

Himmel und Erde nähren die zehntausend Wesen; der Heilige nährt seine Vortrefflichkeit und läßt sie den zehntausend Wesen zukommen (T U a n, I )

Da des Menschen Seele ein Teil von Jang und Jin ist, die das Tao bilden, so folgt, daß ihre Beschaffenheit, d. h. des Menschen Charakter oder Natur, sein ^^ Sing, von Natur gut ist. Das Ji' sagt:

"(^ >g, jg i^ ^^ das Tao des Himmels schafft

^U f^, >52i

die Wandlungen der Natur, welche für jedermann Charakter und Leben

zurechtmachen (T'uan, I). 5^ ^ 13! OL ffil ^ ff ^ Ä 4* ^0^'^^^oM.B^Zf^' Hi»-"«! und Erde haben ihre Lage, und inmitten von ihnen vollziehen sich die Wandlungen. Sie schaffen die Natur der Wesen und erhalten sie fort und fort. Das ist die Lehre zum Verständnis des Tao (hi T S Ö, I).

Das Ji' entwickelt diese Lehre weiter, indem es dar- legt, daß die menschliche Natur vier Grundeigenschaften umfaßt, die aus den vier höchsten Eigenschaften des Himmels hervorfließen. Wenn wir die erste Seite des genannten heiligen Buches aufschlagen, so finden wir die Worte: ^ 7C "^ ^Ij^?

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der Himmel ist schöpferisch, alldurchdringend, freigebig und unerschütter- lich. Und im vierten Anhang zum J i \ der den Titel ^ "^ Wön Jon trägt, steht geschrieben: TC^^^Sifc^^

m^moß,^mz^^Anf-]^m^B

Schöpfungskraft ist die Hnupteigenschaft der natürlichen Güte; der Edle verkörpert Menschenliebe fT~t Zön) und kann dadurch zum Höchsten unter den Menschen werden. Alldurchdringend ist die Gesamtheit des Vor- trefflichen; der Edle vereint soviel Vortrefflichkeit, daß sie den Lebens- regeln und der guten Lebensform (|[jp L i) entspricht. Freigebigkeit ist die harmonische Vereinigung der Lebenspflichten; der Edle wirkt so wohl- tätig auf die Wesen, daß er die Lebenspflichten (^^ I) harmonisch vereint. Unerschütterlichkeit ist die feste Grundlage alles Tuns; der Edle ist un- erschütterlich fest, deshalb kann er Werke vollbringen. Der Edle verfährt nach diesen vier Eigenschaften; deshalb spricht (das heilige Buch) von schöpferisch, alldurchdringend, freigebig und unerschütterlich.

Diese vier Haupteigenschaften, die der menschlichen Natur innewohnen und den Haupteigenschaften des Himmels entlehnt sind, werden in dem chinesischen Ausdruck 'i^ Sang, die unvergänglichen (Eigenschaften), zusammengefaßt; sie gelten als so ewig und unveränderlich wie der Himmel selbst. Die vierte wird allgemein mit ^ Tsi, Wissen, gleichgesetzt, weil nur das Wissen, die Mutter der Weisheit, zu festen Taten führt. Zusammen stellen die vier „unvergänglichen Eigenschaften" das „Tao des Menschen" dar. Sie bildeten immerund bilden noch heute die Quintessenz der konfuzianischen Sittenlehre, Hand in Hand damit das Dogma, daß der Mensch von Natur gut (äan) ist. Allerdings gab es in der klassischen Zeit Philosophen, die dieses „von Natur Gutsein" der Menschen in Abrede stellten und die Meinung vertraten, daß der menschliche natürliche Charakter ein Gremisch von gut und böse sei, wobei je nach der Erziehung das eine oder andre überwiege. Ja, ein

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Weiser des 3. vorchristlichen Jahrhunderts, ^ St Silin Iluang, behauptet sogar die völlige Verderbtheit der dem Menschen angeborenen Natur. Aber alle diese Meinungen wurden in China endgültig verurteilt und in die Region der Irrlehre verbannt; zuerst durch den großen ;^-^MöngTs6; den Altmeister der konfuzianischen Schule, dessen Schriften unter die klassischen Bücher eingereiht wurden, sodann auch durch Konfuzius' Enkel ^l ^ K'ung Ki' oder ^fL "^ Ä K'ung TsÖ-sö, den berühmten Verfasser des Tsung Jung, (S. 11); das ebenfalls zum Range eines klassischen Buches er- iioben ist und mit folgenden bedeutungsvollen Worten anhebt:

der Himmel bestimmt, das ist des Menschen Natur (Sing); der menschlichen Natur folgen, das ist das Tao (des Menschen); Pflege dieses Tao, das heißt Unterweisung. So wurde die Lehre von der menschlichen An- passung an das Universum von einem der größten Meister der konfuzianischen Schule zur Grundlage des konfuzianischen Er- ziehungssystems erhoben.

Wie die chinesische Philosophie übereinstimmend lehrt, ist die wichtigste der vier natürlichen Haupttugenden Beobachtung der iü^ L i; d. h. der Lebensregelu; der Gesetze für das Benehmen, wie sie die klassischen Schriften aus der heihgen Zeit der Vor- ahnen überliefert haben. Die Li regeln das Verhalten des Menschen zum Einzelnen, zur Familie, Gesellschaft und Staat, zu den Ahnen und Göttern, kurz das ganze menschliche Tao; sie enthalten mithin zahlreiche religiöse Bräuche und Riten. Wie Konfuzius und seine ersten Schüler mit Nachdruck erklärten, sind die Li das Mittel, vermöge dessen der Mensch sich dem Tao des Himmels überhaupt nur angleichen kann, was zu seinem Leben unbedingt notwendig ist; überdies stammen die Li, gemäß einem Ausspruch des großen Weisen, unmittelbar vom Himmel und Weltall, d. h. sie beruhen völlig auf der Natur. Demgemäß kann kein Staat, keine Dynastie, ja keine

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Familie ohne Li existieren. Dieses Dogma erhebt die konfu- zianische Lehre ganz von selbst zu einer Staatslehre und Staats - religion, die auf dem T a o beruht, und deren Aufrechterhaltung Sache der jeweils regierenden Dynastie ist. Selbstverständlich ist diese Auffassung durch und durch klassisch; wir finden sie in einem der Bücher des Li Ki, dem Li Jun (s. S. 9), in folgender Weise zum Ausdruck gebracht:

^^^ffii lEiÖi (Kap. I). Konfuzius sprach: „Fürwahr, die Li sind es, durch die die alten Herrscher das Tao dos Himmels in Empfang nehmen konnten, um über die Leidenschaften der Menschen zu regieren. Darum, wer die Li verliert, der muß sterben, wer sie aber erworben hat, der wird leben. Denn im' Buch der Lieder ( «sp^R^ Öi King) steht: „Siehe die IRatte, sie hat ihre Gliedmaßen; es gibt aber Menschen ohne Li; Menschen ohne Li, müssen sie nicht alsbald sterben (wie eine Ratte ohne Glied- maßen)?" Das kommt daher, weil die Li im Himmel wurzeln, sich über die Erde verbreiten, sich auf böse und gute Geister verteilen und sich erstrecken auf Totentrauer und Opfer, auf Bogenschießen und Wagenlenken, auf Mann- barkeitsfest und Eheschließung, auf Audienzen und Empfang von Gesandt- schaften. Darum nimmt der Heilige (der Herrscher) die L i und tut sie der Welt kund; dann vermag sein Haus, das über alles unter dem Himmel regiert, die Welt in Ordnung zu halten." *

^ i^ ^ ^ (Kap. IV). Das ist 80, weil die L i im großen AU wurzeln, das sich in Himmel und Erde teilt, die drehend Jin und Jang bilden, welche die Wandlungen (der Natur) hervorbringen und so die vier Jahreszeiten schaffen, deren Ordnung die Kwei und Sön bildet. Was (dieser Gang der Welt) herabsendet, ist das Schicksal ; die Verwaltung des Schicksals aber liegt beim Himmel.

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AW^o iikmmAM93imzr-'^]üBaL.

i^BmMM-CAßi'^^^m. (Kap. IV). De., halb ist die richtige Deutung der Li der Menschheit höchster Grundsatz. Sie sind es, vermöge deren die Menschen die Fügsamkeit lehren, die Ein- tracht pflegen, und die dadurch der Menschen Haut mit dem Fleische, ihre Muskeln mit den Knochen fest zusammenhalten.^ Die Li sind das Haupt- prinzip, durch das den Lebenden Erhaltung, den Toten Bestattung, den Geistern und Göttern Verehrung zuteil wird; sie sind die große Bresche zum Ver- ständnis des himmlischen Tao und zur Befolgung der menschlichen Natur. Darum darf in der Regierung eines Heiligen (eines Herrschers) die Erkenntnis der Li keine Grenzen haben, denn wann auch immer ein Reich vernichtet wurde, ein Herrscherhaus herabsank, ein Volk zugrunde ging, stets war schuld daran, daß man die Li preisgegeben hatte.

Das Tao des Universums, aus dem das Tao des Menschen entspringt, beherrscht also gemäß konfuzianischer Anschauung das gesamte menschliche Leben. Man kann sagen, das menschliche Tao bedeutet einen pflichtgemäßen Wandel des Menschen in Übereinstimmung mit den Lebensbedingungen, in die ihn das Tao des Weltalls, das ihn erschuf und unter seinem allmächtigen Einfluß leben läßt, von Natur gestellt hat. Man könnte auch sagen, das menschliche Tao, das sich durch die vier natürlichen Haupttugenden des Menschentums äußert, ist der „Weg", in dem der Makrokosmos den Mikrokosmos wandeln läßt, der Weg menschHcher Gesittung im allgemeinen. Das Wort Tao bedeutet demgemäß rechtes Verhalten, auch die wahren Regeln für Leben und Rehgion, die guten Grundsätze; in allen diesen Bedeutungen wird es in den klassischen Schriften gebraucht. Bis auf den heutigen Tag ist Tao in China die Bezeichnung fast alles dessen, was des Menschen höheres Wesen ausmacht. Seit der Han-

1 Ohne Li herrschte gewiß unaufhörlich Zwist und blutiger Kampf-

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Dynastie sind die konfuzianischen; klassischen Schriften die Grundlage der chinesischen Gesittung und Politik gewesen. Diese Tatsache kennzeichnet sie gleichzeitig als taoistische Schriften. Tatsächlich sind sie seit jeher von der Regierung und den geistigen Führern der Nation als einziger Wegweiser für das menschliche T a o angesehen worden. Sie sind es, die das Volk lehren, wie seine ältesten und darum heiligsten Vorfahren ge- dacht und gehandelt haben, was sie für Lebensgrundsätze und politische Anschauungen hatten, sie, die „Vollkommenen oder Heiligen" (^ Sing), die besser als irgend jemand wußten, was das T a o sei, weil sie schon lebten, als es zuerst unter die Menschen kam, ja weil sie an seiner Begründung selbst teil- genommen haben. Einfachste Logik zwingt daher zu sklavischem Gehorsam gegenüber diesen konfuzianischen Schriften und macht sie zu Bibeln, nach denen sich Glauben und Leben des Einzelnen wie der Gesamtheit, der Familie wie des Staates zu richten haben. Die Lehren, die in diesen Schriften enthalten sind, bilden das, was wir als Konfuzianismus kennen. Der Konfn- zianismus kann also nur die allein richtige Lehre sein, weil es nur ein Tao, nur eine Weltordnung gibt und nur einen Satz von heiligen Büchern, die diese Ordnung unter den Menschen verkünden; jede andere Religion oder Sittenlehre muß im Wider- streit mit dem Universum selbst stehen und deshalb für Staat und Menschheit verhängnisvoll sein. Weisheit und Politik in China versagen demnach, abgesehen vom taoistischen Konfa- zianismus, bezw. konfuzianischen Taoismus, jedem Glauben oder Sittensystem die Existenzberechtigung. Nur das Tao zeigt die Wahrheit und den Weg zum rechten Leben; es ist sogar der Schöpfer alles Guten wie überhaupt aller Dinge. Über dem Tao, der treibenden Kraft des Weltalls, gibt es nichts Höheres, noch neben ihm ein Gleiches. Deshalb ist außer der Lehre des Tao kein Raum für irgendwelche andre sittliche, religiöse oder politische Anschauungen. Sollten aber

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andersgläubige Anschauungen und Lehren, die nicht auf den klassischen Schriften beruhen, aufkommen, so müssen sie un- bedingt irreführeiid, ketzerisch, schädlich, verderblich sein, und jeder Staatsmann von wahrhaft aufrechter konfuzianischer Ge- sinnung ist verpflichtet, für ihre gänzliche Ausrottung und Vernichtung Sorge zu tragen. Und zwar soll er sie bereits im Keime zerstören, bevor sie an Ausdehnung gewinnen und Ver- wirrung unter den Li stiften, diesen allumfassenden Regeln und Geboten wahrer menschlichen Gesittung, die allein imstande sind, des Menschen Denken und Tun in völligem Einklang mit der Ordnung des Weltalls zu erhalten.

Diese Grundanschauungen erklären uns vollständig die Tatsache, daß die klassischen Bücher in China die einzigen Schriften sind, die stets bei den Gebildeten, Gelehrten und Staatsmännern höchstes Ansehen genossen haben. Man versteht nun, warum diese klassischen Bücher als Basis aller Kultur und Bildung gelten, und warum die gründlichste Kenntnis ihres Inhaltes stets den hauptsächlichsten, ja den einzigen Gegenstand in jenen weltberühmten Prüfungen gebildet haben, die in China den Weg zum Beamtentum öffnen. Es ist jetzt klar, warum dort die Worte „Gelehrter" und „Staatsmann" gleichbedeutend mit „Konfuzianer" sind. Die Schriften außerhalb des Gedanken- kreises der Klassiker sind entweder neutral, dann entgehen sie der Beachtung der gelehrten und politischen Welt und gelten als gerade gut genug für zweit- und drittklassige Geister, die gern müßigen Beschäftigungen nachgehen; oder aber sie atmen einen von den klassischen Schriften abweichenden Geist, dann gelten sie als irrlehrig, ketzerisch, sittUch gefährdend, staats- feindlich. Man nennt sie dann: ^ $^ pu'-king, unklassisch; ^ jE pu'-tsing oder ^^ pu*-tuan, unrichtig oder nicht orthodox; ^ siö oder *^ j in, sittlich gefährdend; auch: ^^ tso Tao, linkes oder minderwertiges Tao, und ^ fe i Tuan, vom Richtigen abweichend; also heterodox.

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Stets war in dieser Welt der Dogmenglaube die Ursache von Unduldsamkeit und Verfolgung. Hätte es in China anders sein können? Sicherlich nicht. Tatsächlich findet man die konfuzianische Lehre im Verein mit dem Staat, der ihr ja völhg angepaßt ist, von jeher von geradezu fanatischer Feindschaft gegen jede religiöse und sittliche Richtung erfüllt, die sich nicht als rein klassisch darstellt, und gegen jede Lehrmeinung, die nicht auf den konfuzianischen Schriften beruht. Kreuzzüge gegen falsche Lehren predigt schon das Su (s. S. 14), eins der heihgsten unter den heiligen Büchern, in den ^ ^ §^, Ratschlägen von dem Großen, eine Sammlung von politischen Lehrsätzen vom heiligen Stifter der ^ H i a - Dynastie, der im 23. Jahrhundert vor unsrer Zeitrechnung lebte. Dieses wichtige Dokument, das, seit es in der H an- Zeit entdeckt wurde, als eines der Hauptpfeiler der Staatsverfassung Chinas gegolten hat, sagt kurz und kräftig: -^ ^ ^ ^, wirf fort, was sie ist, und zaudere dabei niclit. Konfuzius selbst, der allerheihgste der Heiligen Chinas, predigte die Verfolgung der Ketzerei für alle Zeit, denn dem heihgen Buche g^ ^ Lun zufolge (H, 16)

befahl er: J^ ^ ^ jJj^ ^ Äf W ifii B ' ^^®^^* ^^® Irrlehre an, denn sie ist das Schädliche und Gefährliche! Auch Möng Tsö legt die Ver- folgung der Ketzerei allen künftigen Geschlechtern als dringende Pflicht ans Herz. Ausdrücklich bezeichnet er mit Ketzerei alles, was von den Lehren des Konfuzius oder noch älterer Weisen abweicht. Die Schriftkundigen, einschließlich der Mandarinen, die ja mittels der Staatsprüfungen aus den Kreisen der Schrift- kundigen ausgewählt werden, sind also natürlicherweise stets als Verfolger der Irrlehre aufgetreten, denn sie sind es, die das auf der konfuzianischen Lehre beruhende chinesische Staats- wesen aufrechterhalten. Die Masse des gewöhnlichen, ungelehrten Volkes ist von konfuzianischem Fanatismus frei. Sie liefert die Opfer und Märtyrer für den blutgetränkten Altar eines intole- ranten Beamtentums.

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Aus dem Gesagten geht hervor; warum der chinesische Staat notwendigerweise auch die christliche Religion und den Islam, den Buddhismus und dessen zahlreiche Sekten verfolgen mußte. Gegen die Werbetätigkeit, die Ausübung ihrer religiösen Gebräuche, die Abhaltung ihrer Andachten seitens dieser Re- ligionsgemeinschaften ist häufig mit Erdrosselung, Bambusprügeln und Verbannung eingeschritten worden. Besonders streng war die religiöse Verfolgung unter der Mantschu-Dynastie. Hunderte von kaiserlichen Erlässen sind überliefert, die sich auf Sekten- verfolgung beziehen. Zahlreiche Aufstände von Sekten wurden, wie aus solchen Erlässen hervorgeht, mit Zustimmung des Throns durch grausamste Verfolgungen hervorgerufen und dann unter Strömen von Blut erstickt. Ausführliche Mitteilungen über diesen Gegenstand bietet mein zweibändiges Buch „Sectarianism and Religious Persecution in China".

Da alles Gute (San), alle Tugenden und Segnungen (f^ Te') aus dem Tao des Weltalls hervorgehen, so bedeuten die viel gebrauchten Ausdrücke ^ ^ te' Tao, Erwerbung von Tao, und ^^ j iu Tao, Besitz von Tao, Erwerbung und Be- sitz höchster Tugend, sittlicher Vollendung und höchsten Glücks, alles Dinge, die aus dem menschlichen Tao erfolgen, d. h. aus einer Lebensdisziplin, welche völligen Einklang mit dem Tao des Weltalls, insbesondere mit dem Tao des Himmels, erstrebt. Im Tao Te'King, dem „Buch des Tao und seiner Eigenschaften«, lesen wir: ^MiMM. *^ M ^ A (^ ^9).

das Tao hat niemanden, der ihm besonders nahe steht, sondern ist stets mit dem guten (san) Menschen. '^ ^^ffU^M^ r^l^RB

<2 ^ jfi) J[^ ^ 1^ 38); geht dem Menschen das Tao verloren, so verliert er auch dessen Segnungen oder Tugenden (Te'), demnächst die Menschenliebe (Zön), dann die Lebenspflichten (I) und die Lebensregeln

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(Li, 8. S. 25); Verlust der Li hat das Schwinden der Treue und Zuver- lässigkeit zur Folge und ist also der Anfang zur Anarchie.

Wer das Tao gänzlich gewonnen hat, ist demnach ein vollkommener Mensch^ ein Heiliger. Nun vollzieht sich, wie uns schon bekannt ist (S. 11), das Wirken des Tao des Weltalls durch die Sön oder guten Geister, Gottheiten, welche Unter- teile des Jang, der himmlischen Weltseele, sind. Es ist dann eine logische Folgerung, daß der Mensch, der das Tao besitzt, ebenfalls ein Sen, eine Gottheit ist. Daher heißt sein Tao auch jjitp ^M^ SSn Tao, göttliches Tao oder Tao des Gottseins. Uns allen ist dieses Wort aus der japanischen Religion bekannt als Seh int o; tatsächlich besteht der Taoismus seit jeher im Land der aufgehenden Sonne. Der Ausdruck § e n Tao stammt aus dem heiligen Ji', und zwar aus der folgenden Stelle des ersten Anhangs (T'uan, I): ^ ^ :^ JÜI ^ WS H ^ 1^

i^MABW Miß it ra ^ T ^; <>- «-«g« «J-

Herrscher) betrachtet das Sön Tao des Himmels und die nimmer fehlende Regelmäßigkeit der vier Jahreszeiten, und ergründet auf diesem Sön Tao seine Lehre, durch die alles unter dem Himmel sich ihm unterwirft. Dieser klassische Satz hat das chinesische Regierungssystem für alle Zeiten durch und durch beeinflußt. Er gab den Staatslenkern die Gewißheit, daß Gehorsam und Frieden im Lande herrschen müssen, solange das Volk getreu im Tao erzogen wird, und sie haben deshalb durch die Pflege der klassischen Schriften die Lehre des Tao hochgehalten mit all der Ehrfurcht, die man den heiligen Ahnen der Vorzeit und ihren in den klassischen Büchern enthaltenen Geboten schuldig ist.

Besitz des Tao erhebt also den Menschen zu einem Zu- stand von Macht und Glück, der Göttlichkeit oder Heiligkeit ist. Mit größtem Nachdruck wird diese Lehre ebenso in den klassischen Büchern wie in den Schriften der Philosophen Lao Tsö und Tsuang Tsö verkündet; sie ist also Gemein- besitz des Konfuzianismus ebenso wie des Taoismus, wie im

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nächsten Kapitel näher klargestellt werden wird. Über die Macht und Herrlichkeit des Menschen, der seine Lebensführung dem Tao entsprechend gestaltet, ergeht sich das Ji' in folgenden schwungvollen Wendungen (WßnJßn): ^~h^ K

iij^ .lld . O der große Mensch ! seine Eigenschaften sind eins mit Himmel und Erde, seine Klarheit eins mit Sonne und Mond, sein Wandel eins mit den vier Jahreszeiten, sein Wohl und Wehe eins mit den Kwei und Sön. Er geht dem Himmel voran (d. h. er paßt sich ihm rechtzeitig an), und darum ist der Himmel nicht wider ihn; er folgt dem Himmel nach, während er sich ehrerbietig nach den vier Jahreszeiten richtet, und darum ist abermals der Himmel nicht wider ihn ; um wieviel weniger die Menschen, um wieviel weniger die Kwei und Sön.

Konfuzius selbst hat, wie Tsuang Tse (Buch 10, bezw. Kap. 31) berichtet, seinen Jüngern ausdrücklich erklärt, daß nur ein Taoist bestehen, glücklich sein und Vollkommenheit er- langen kann: KM,^'^'^ Zff^ ^ ^o ^M -^Z

^n,nz^^o%^mzm^Mzmj&o

ifeäC S^ ->^ )^ 'S ^ J^ ^- >^' ^^® ^®"^ '^^^ entstehen die zehn- tausend Wesen. Alle Wesen, die das Tao verlieren, sterben; die es finden, leben. Wer in seinen Taten wider das Tao handelt, geht zugrunde; wer das Tao befolgt, hat gänzlichen Erfolg. Deshalb ist das Verharren im Tao von den Heiligen als das Höchste geschätzt.

Unter den Mitteln, die seit alters als wirksam angesehen werden, um des Menschen Einssein mit dem Tao und dem- gemäß sein Gottsein zuwegezubringen, hat Nachahmung des Tao immer an erster Stelle gestanden. Sich benehmen wie das Weltall ist Anpassung an das Weltall, und da dieses im höchsten Grade vortrefflich ist, so ist seine Nachahmung Tu- gend. Diese Anschauung wird im Ji' mehrfach vertreten. Da

De Groot, Universismus. 3

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heißt es z. B.: ^«Ä, ^^J^g 51^ J. (^ Siang, IK "tajMiHj. HH^^ (T'uan, I). Der Lauf des

Himmels ist ein fester Lauf; der Edle läßt daher nie ab, sich selbst zu festigen. Wenn das Haupt (des Herrschers) über die zehntausend Wesen herausragt, dann herrscht in den zehntausend Ländern» Ruhe. Das will sagen, der Herrscher muß, da er den Himmel vertritt, zwecks Aufrechterhaltung von Ansehen und Würde genau so uner- schütterlich und ehrfurchtgebietend sein wie der Himmel. Dann wird er seine Staaten genau so in ruhigem Gleichgewicht halten, wie der Himmel vermöge seiner Unerschütterlichkeit das Gleich- gewicht der Erde aufrechterhält.

Die schöpferische Kraft des Weltganzen äußert sich in den alljährlichen Schöpfungsvorgängen der Natur, die durch die Wechselwirkungen von J a n g und J i n zuwege gebracht werden. Dieses Kräftepaar, das Tao, verteilt den Reichtum der Schöpfung ohne Ansehen des Einzelnen mit völliger Unparteilichkeit über die Welt. Unparteihchkeit (^ Kung) in der Regierung ist demnach eine selbstverständliche Pflicht der Herrscher; Partei- lichkeit (!^ -^ ^ pu'kung Tao) gilt als Verletzung des Weltgesetzes, stört somit das Tao und muß deshalb unweiger- Hch im Staate Verwirrung stiften. Kuan Tsö schrieb:

MM^l^^^^i^M^^M (B"''!» 20, bezw. Kap. 64).

Der Himmel ist gerecht und unparteiisch und ohne Selbstsucht; ob schön oder häßlich, alles überdeckt er. Auch die Erde ist gerecht und unparteiisch und hat keine Selbstsucht; deshalb trägt sie das Kleinste ebensogut wie das Größte.

-tÖiO^^IL^T^-tfe (Buch 13, bezw. Kap. 37).

Der Heilige gleicht dem Himmel, der uneigennützig und unparteiisch alles überdeckt; er gleicht der Erde, die unparteiisch alles trägt. Selbstsucht ist es, die Verwirrung bringt im Reich, das unter dem Himmel ist.

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^]^^^ (Buch 10, bezw. Kap. 30). Ein Herscher, der das Tao besitzt, schafft mit natürlicher Güte (San) und Weisheit Gesetze und handhabt sie nicht mit Rücksicht auf seine eigenen Interessen; ein Herr- scher ohne Tao aber gibt die Gesetze, die er eben geschaffen hatte, preis und handelt mit Selbstsucht. Wenn der Höchste der Menschen seine eigenen Gesetze preisgibt und zur Förderung seiner eigenen Interessen handelt, dann wird seinen Ministern Förderung ihrer Selbstsucht als Gerechtig- keit gelten.

n%^, ÄlJ ^ # * ^ (B^ch 20, bezw. Kap. 64).

Wenn des Himmels Tao befolgt wird und also Gerechtigkeit entsteht, dann werden Fernstehende zu Verwandten. Wird aber das Tao des Himmels preisgegeben und eine selbstsüchtige und parteiische Regierung geführt, dann ist Feindschaft sogar zwischen Mutter und Kindern.

>\ ^ "f ^ ^ (Buch 4, bezw. Kap. 11). Darum sage ich, damit Ströme befruchtenden Segens gleichmäßig die zehntausend Wesen netzen : der Heilige (der Herrscher) reiht sich als Dritter dem Himmel und der Erde an.

Es geht aus diesen Lehrsätzen hervor; daß in der For- derung der Unparteilichkeit gegenüber den Untertanen inbe- griffen ist, daß der Herrscher gegen sich selbst unparteiisch {^), d. h. völlig frei von EigenHebe und Eigennutz (^) sei. Selbstlosigkeit gilt denn auch ebenso als eine Haupteigenschaft des Universums, worüber wir im Tao Te' King (§7) lesen:

^m.miAo^mf)i;mmmM.^mm^

Der Himmel ist ewig und die Erde ist ewig. Der Grund für des Himmels und der Erde Ewigkeit ist, daß sie nicht für sich selbst leben ; deshalb sind sie auch imstande, ewiglich Leben zu schaffen. Darum stellt der Heilige sein persönliches Interesse zurück, und dennoch behauptet es den ersten Platz; er behandelt seine Person als außerhalb seines Interesses liegend,

3*

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und doch bleibt sie ihm wohlbehalten. Ist nicht seine Selbstlosigkeit die Ursache, daß er sein eigenes Wohl vervollkommnet?

Der Gang des Weltalls vollzieht sich in völliger Ordnung. Warum? Weil die Teile des Weltalls nicht zusammenstoßen. Und warum das? Weil ihre Bewegungen gegenseitig j||§ sun,

willfährig, sind.

Willfährigkeit ist demnach gleichfalls eine wichtige Herr- schertugend, die zur Aufrechterhaltung der Staatsordnung uner- läßlich ist. Ihr Vorhandensein ist politisches Dogma und wird in den konfuzianischen wie taoistischen Schriften mit besonderem Nachdruck gefordert. Im Ji' lesen wir:

11 A ja li m. m mmmmmm (T'ua„, d.

Himmel und Erde bewegen sich mit Willfährigkeit, deshalb geschehen im Laufe von Sonne und Mond keine Fehler, noch Abweichungen im Gange der vier Zeiten. JVenn der Heilige (der Herrscher) sich gleichfalls mit Will- fährigkeit regt, dann sind seine Strafgesetze lauter, und das Volk unterwirft sich ihm.

i^Mi^M^^ ^^ \fa 0 fj (W6n J6n). Ist nicht der Erde Tao ihre Willfährigkeit? Sie empfängt des Himmels Kraft, und die Jahreszeiten bewegen sich in ihrer Bahn. Augenscheinlich will es diese Lehre der Willfährigkeit, daß Herrscher in weitem Maße dem Volkswillen und der Volksstimmung Rechnung tragen sollen. Sie wendet sich gegen stumpfsinnige Tyrannei und dürfte den Namen j|§ */p Sun Tai, Regierung durch Willfährigkeit; er- klärlich machen, der bekanntlich als Bezeichnung für die Re- gierungsperiode des ersten Mantschukaisers gewählt wurde. Im Zusammenhange mit neueren Reformbestrebungen, die Chinas Neugestaltung auf verfassungsrechtlicher Grundlage wünschen, ist jedenfalls eine bemerkenswerte Tatsache, daß in China bereits seit uralten Zeiten „Willfährigkeit" als politischer Grundsatz der Regierung anerkannt ist.

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In den Schriften des Kuan Tsß wird mit größter Be- stimmtheit versichert, daß die Regierungsweise der ältesten heiligen Kaiser sich durch peinliche Befolgung des großen Ge- setzes der Willfährigkeit hervortat. Da heißt es (Buch 10, bezw. Kap. 30):

^mmzmmom^m-mzm.m^ni^A zmommmmmA^\^m'mjfnmM^ '^'Zf)\mo:k.^mmmn-mom^'^-

m ^^ yr ^* ^^^ ^^^ ersten Herrscher unter dem Himmel lebten, richtete sich das Volk nach ihren göttlich leuchtenden Tugenden ; daß sie vortrefflich herrschten, lag also am Volke. O, hätten sie volksfremden Rat gehört, dann würden sie unweise regiert haben; so aber hörten sie auf volksgeistigen Rat und darum waren sie heilig. Sie hatten die hohen Tugenden eines T'ang und Wu (alte, berühmte Kaiser), dennoch fügten sie sich dem, was das Volk in der Straße sprach. Deshalb zeigt sich der weise Herrscher will- fährig gegen die Stimmung der Menschen ; er unterdrückt seine leidenschaft- liche Natur und geht aus von dem, was sich in den Gemütern des Volkes ansammelt. Die ersten Herrscher waren von Natur gut und deshalb mit ihrem Volke ein Leib und eine Seele. Weil sie ein Leib und eine Seele mit dem Volke waren, darum konnte sich ihr Haus durch sich selbst, ihr Volk durch sich selbst erhalten, und in der Tat w^ar das Volk nicht zu Übeltaten bereit.

Und Lao Tse sprach (Tao Te' King, §49):

mXMn^^'.B'SKi^^'l^^i^' Der Heilige (der Herrscher) hat keine unveränderliche Gesinnung, sondern macht die Ge- sinnung der hundert Stämme des Volkes zu seiner eigenen.

Daß jedes Herrschers Pflicht darin bestehen soll, seine Untertanen mit einer Regierung zu beglücken, die sich ihrem Wollen und Begehren willfährig erweist, verlangt mit besonderem Nachdruck auch das Li Jun, das in einer willfährigen Regierung die Voraussetzung zu dem Staatsideal erblickt, dessen Kennzeichen

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Eintracht und Friede, Sicherheit und Glück der Bürger sind. Eine derartige Regierung hat nach Ansicht dieser heiligen kon- fuzianischen und taoisti sehen Schrift die Folge, daß der Mensch bei Lebzeiten nicht hungert, beim Tode anständig bestattet wird und als Geist oder Gottheit gebührende Verehrung genießt. Mit großartigem Erfolge übten die ältesten Herrscher Willfährig- keit in der Regierung, und dem war es zu danken, daß die Bevölkerung nicht durch Hunger, übermäßigen Regenfall, Dürre und Seuchen litt; denn des Himmels Tao war mit ihnen, und so hatte die Erde genügend befruchtendes Wasser und verschloß nicht ihren Reichtum. Wörtlich heißt es in diesem Buche auf dem letzten Blatt:

^oiik^ i<^Mt^ Z-M^mn m :f B^

mn tfa z- -k, nm m, mm ^ m.mm z-

Die absolute Willfährigkeit ist es, durch die den Lebenden Ernährung, den Toten Bestattung und den Geistern Opferdienst auf ewig gesichert wird. Wenn Mühseligkeiten sich überall hoch auftürmen, ohne daß sie Kümmernis schaffen; wenn sie sich mit einem Male geltend machen, ohne Verwirrung zu stiften, oder allmählich herantreten und dennoch nichts Übles ausrichten ; wenn sie schwer zu begreifen sind und dennoch begriffen werden, üppig emporschießen, aber Lücken lassen; wenn sie nacheinander herantreten und dennoch ihr Ziel verfehlen, tätig sind, jedoch nicht schaden dann kommt es daher, daß das höchste Maß der absoluten Willfährigkeit herrscht.

m. \ii m z^m ^ )\\.r-mm ^ ^ ^ m m ^ m^ooom^^M^moiikm:^¥^^mzpi. ^mmmw^mzmo^^r^'^^Mi.i^r^

m,mm^^m.%m >% m z $\i m w "^ n

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^ i^ M )lR O itt ^ Ä "tÖi ^^^° besteht, wenn die Weisheit sich durch Willfährigkeit zeigt, die Möglichkeit, sich gegen Gefahren za schützen. Deshalb zeigten die heiligen Herrscher ihre Willfährigkeit dadurch, daß sie Bergvolk nicht in Tälern, Inselbewohner nicht auf dem Festlande wohnen ließen und somit verhinderten, daß ihnen Übles widerfuhr. Auch bei der Inanspruchnahme der Kräfte des Volkes übt^n sie unbedingt Will- fährigkeit. Infolgedessen gab es keine Plagen durch Wasser, Dürre und Insekten, unter dem Volke mithin keine unheilvollen Mängel und keine durch böse ^Geister verursachten Krankheiten. Und deshalb versagte ihnen der Himmel sein Tao nicht, die Erde nicht ihre Schätze, die Menschheit nicht ihre Liebe; der Himmel sandte also seinen befruchtenden Tau hinab, die Erde öffnete ihre süßen Quellen, die Berge brachten (Holz und Metall für) Geräte hervor, der Huang-ho ein Pferd mit Zeichnungen (auf dem Rücken); Phönixe und Einhörner hielten sich im Gebüsch bei den Vor- städten auf, Schildkröten und Drachen in den Teichen der Paläste; die Eier der Vögel und die Jungen der Vierfüßler konnte man zu seinen Füßen liegen sehen. Das alles hatte keine andere Ursache, als daß die Herrscher der ersten Zeiten es vermochten, die Lebensregeln (Li) derart zu pflegen, daß dadurch die Beachtung der Menschheitspflichten (I) allseitig durch- drang, und daß sie die Anpassung ('jg) derart in sich verkörperten, daß auch die Willfährigkeit allseitig durchdringen konnte. Das war das Wesen der Willfährigkeit.

Die Lehre von der Willfährigkeit; die also hohe klassische Autorität besitzt, hat immer eine große Rolle im politischen System Chinas gespielt. Es ist tatsächlich ein bemerkenswerter Zug der chinesischen Regierungsweise, daß man dem Volke in seinem privaten und sozialen Leben so große Freiheit wie nur irgend angängig einräumt. Es liegt da eine Politik das Gehen- lassens vor, die vielen Reibungen und deren verhängnisvollen Wirkungen aus dem Wege geht. Dieser Politik entsprechend werden kaiserliche und andere Verordnungen erlassen, ohne daß man auf ihrer strikten Befolgung besteht. Di^e Erscheinung könnte in einem so autokratischen Lande wie China befremden, erklärt sich aber unschwer durch die große Lehre, daß Über- einstimmung mit der Weltordnung das höchste Gute ist.

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Willfährigkeit schließt natürlich Nachsicht, Duldsamkeit, Milde, Selbstlosigkeit, Selbsverleugniing und ähnliche Tugenden in sich. Besonders großes Gewicht wird auf die zwei letzt- genannten, die in Selbsterniedrigung, Selbstpreisgabe übergehen, im alten taoistischen Schrifttum gelegt, wo sie als Haupteigen- schaften des Universums gelten. Man gibt sie dort mit den Zeichen j^ (gleich ^) Tsung oder ^ Hü, Leere, wieder.

Dem Tao Te' King zufolge sprach Lao TsS:

l>XmAm^%iK.m'k)&^iK(^ 34). Da» große Tao durchdringt alles, und die zehntausend Wesen können nur entstehen und leben infolge seiner Unterstützung; keinen verweigert es diese, und wenn es ein Segenswerk vollbringt, beansprucht es nicht dessen Eigentum. Liebend ernährt es die zehntausend Wesen, und doch macht es sich nicht zu ihrem Herrn. Ewig war es ohne selbstsüchtiges Verlangen, und doch soll sein Name in den kleinsten Dingen gepriesen sein. Die zehntausend Wesen nehmen ihre Zuflucht zu ihm, und doch macht es sich nicht zu ihrem Herrn; preist es also und verherrlicht es! Darum haben sich die Heiligen niemals selbst groß gemacht und doch gerade dadurch ihre Größe zustande bringen können.

^m^M,^m^M,mm^^ 10 ^nd § 2).

Das Tao erzeugt die Wesen und erhält sie; es läßt sie entstehen und ent- sagt dennoch ihrem Besitz; es macht sie, und doch verzichtet es auf sie; es ist ihnen allen überlegen und übt dennoch keine Herrschaft über sie aus. Das nenne ich seine geheimnisvolle Tugend, ein Schafl*en unter Ent- sagen, ein Schaffen unter Verzicht! Desgleichen, wenn Du ein Werk voll- bracht hast, sei nicht darauf versessen, ja wahrlich sei es nicht, dann wird es gerade darum ^ie von Dir weichen.

^ (^) rfÜ ffi :S ^ ^ M 4). Das Ta« ist leer (tsung), und daher kommt es wohl vor, daß diejenigen, die es üben, nicht von ihrem Ich erfüllt sind.

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^ M;.^ ^, # %^^ZMi(^ ^)- Hast du etwas Verdienstliches verrichtet und verfolgt dich der Menschen Lob, so ziehe

dich zurück, denn das ist des Himmels Tao. Senken sich nicht Sonne, Mond und Sterne, nachdem sie geschienen haben, zum Unter- gang? Nimmt nicht der Mond ab, nachdem er voll gewesen? Läßt nicht die sommerhche Wärme nach, nachdem sie die Pflanzenwelt zur Reife gebracht hat?

± # ^ ;?[Co tK # füllt/ ffij ^ ^ E ^ A

^ )^ ^O jlStSC ^ ^ ^ ^)- I^ie hohe natürliche Güte (San) gleicht dem Wasser. Es ist die gute Natur des Wassers, daß es den zehn- tausend Wesen Nutzen bringt und sich darauf ohne Widerstreben mit der (niedrigsten) Stelle zufrieden gibt, die alle Menschen verabscheuen. Es kommt deshalb dem Tao sehr nahe.

TZ.Wiit^,äi^B^nzommmA^±

Das, wodurch die Ströme und Meere die Könige der hundert Täler (deren Tribut sie in Gestalt der Bergflüsse empfangen) sein können, ist, daß sie von Natur einen tieferen Platz als jene einnehmen. Der Heilige (der Herr- scher), der über dem Volke stehen will, muß sich ihm darum in seinen Worten unterwerfen, und wenn er dem Volke vorangehen will, seine Person hinter ihm zurückstellen. Auf diese Art hat der Heilige seinen Platz oben, und doch fühlt das Volk keine Last; er hat seinen Platz an der Spitze, ohne daß das Volk Schaden nimmt. Freudig drängt ihn darum alle Welt an die Spitze und wird seiner nicht überdrüssig. Weil er nicht um den Vorrang streitet, darum ist für alle Welt keine Möglichkeit, gegen ihn zu streiten.

Die vorstehende Anschauungsweise findet noch ganz be- sonderen Rückhalt am heiHgen Ji', wo dem von seinem Ich erfüllten Bestrafung, dem Selbstlosen Belohnung durch das Tao und dessen Stellvertreter, die guten und bösen Geister, zugesagt

Ä S* W M ffii üo A i;^^ M ffii $f Ät iT\ian, I).

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Des Himmels Tao tut dem Glück des von seinem Ich Erfüllten Abbruch und vermehrt das Glück des Selbstlosen. Der Erde Tao verwandelt das Glück der Selbstsüchtigen und überströmt den Selbstlosen mit Segen. Die bösen Geister fügen dem Selbstsüchtigen Leid zu, die guten Geister spenden dem Selbstlosen Glück. Des Menschen Tao besteht darin, den von seinem Ich Erfüllten zu verabscheuen und den Selbstlosen zu lieben (vgl. S. 14).

Und; wie das heilige Su in den „Ratschlägen Jü's des Großen" (s. S. 30) überliefert, war es im 23. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung der weise Staatsmann ^^ J i ' , der seinem kaiserUchen Herrn vorhielt, \^ ^^ ^^M ^^^^7^% ig j daß der von seinem Ich Erfüllte Leid auf sich beschwört, dem Selbst- losen dagegen vermehrtes Glück zuteil wird, und daß dies dem Tao des Himmels entspricht.

Zahlreich sind die Aussprüche, die das TaoTe'King den Tugenden der Willfährigkeit und Selbstverleugnung als Quellen so manchen Segens widmet. Wir lesen da z.B.:

ffi MiJ ^.;& MiJ Äooo Ä ja ig A m -. :]i»

■ffi^ ^^ ^^ 22j. Was sich krümmt, erhält sich unversehrt; was sich bückt, wird aufrecht stehen. Der Grund, weshalb der Heilige das All um- faßt und dadurch das Vorbild ist für die Menschheit unter dem Himmel, ist der: er zeigt sich nicht, daher sein Licht; er besteht nicht um seiner selbst willen, daher sein Glanz; er kämpft nicht für sein Ich, darum seine ver- dienstvollen Taten; er hat kein Mitgefühl für sein Ich, darum seine Über- legenheit. Ja, wahrlich, da er nach nichts strebt, strebt niemand in der Welt gegen ihn.

^.^mm^mo^^^Kit.n^ (§67).

Alle Welt sagt, ich sei groß, und dennoch erscheine ich minderwertig. Ja, fürwahr, gerade \yeil man wirklich groß ist, hat man den Anschein der Minderwertigkeit. O, ich besitze drei köstliche Dinge, die ich festhalte und

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wertschätze; das eine ist Sanftmut, das zweite Sparsamkeit, dag dritte Scheu vor Vorrang in der Welt. Durch Scheu vor Vorrang in der Welt vermag man sich die Mittel zu verschaffen, um das Leben zu verlängern; allein heutzutage gibt man seine Zurückhaltung preis und strebt nach Vorrang, und die Folge ist, daß man stirbt!

Selbstlosigkeit, Selbstentäußerung, Selbstauslöschung alle diese Eigenschaften sind in dem Ausdruck „Leere" (s. S. 40) in- begriffen, welche Eigenschaft der Untugend des „von sich Er- flllltseins" ({^ und ^, „Vollheit", s. S. 41, 42) gegenübersteht. Leere bedeutet in diesem Sinne auch soviel wie Wunschlosigkeit und Leidenschaftslosigkeit. Um leer wie das Tao des Himmels zu werden, muß der Mensch dem Beispiel des Himmels folgen und jede Vorliebe und Abneigung preisgeben; er muß in einem Zustand völliger Gleichgültigkeit und Unerregbarkeit leben. Wenn er keinen Wunsch mehr hat, nicht einmal mehr nach Wissen und Kenntnis, dann erlöst er sich von sich selbst, wird Nichts. In diesem Zustand völHger Leidenschaftslosigkeit und Teilnahmlosigkeit wird der Mensch vollkommen rein, so rein wie der Himmel selbst. Es ist der Philosoph Kuan Tsö, der diese stoische Weltanschauung mit Vorliebe predigt als den Weg, der zur Grottwerdung führt, zur Befreiung von allem Irdischen, zur Verschmelzung mit dem unendlichem Tao des Alls, und damit, da das Tao ewig ist, zur Verlängerung der Existenz. Im 13. Buch seiner Schriften, bezw. Kap. 36, lesen wir:

ist nicht fern, und doch ist sein Erreichen schwer. Entleert sich der Mensch von Begierden, dann wird Göttlichkeit fÖön, s. S. 11) einkehren und in ihm verweilen; fegt er aus sich das Unreine (die Begierden), dann wird die Göttlichkeit in ihm bleiben. Leersein und Nichtssein, Unkörperlichkeit oder Stofflosiffkeit nenne ich Tao. Der Himmel ist leer, die Erde ist still,

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und sie streben also nicht. Werft euer Ich weg und schweiget, dann wird göttliche Klarheit dadurch in euch erhalten bleiben. Wer die Schweigsam- keit und Regungslosigkeit gründlich versteht, der versteht das Grundgewebe des Tao. Der Edle ist friedlich und zufrieden, ist regungslos, verwirft Wissen und absichtliche Handlungen.

1* ^o IUI ^ M Ä -IfeoooM B,z-Bwimz-^-

Zwischen Leerheit und dem Menschen liegt nichts, und dennoch erlangt nur der Heilige das Tao der Leerheit; deshalb sagte ich, daß Leerheit und Mensch eng nebeneinander liegen und trotzdem einander nur mit Mühe finden. Was den Menschen bei Lebenszeit bestimmt, ist sein Lebensäther ()p| Tsing). Entäußert er sich seiner Begierden, dann wird die Leerheit ihn gänzlich durchdringen; ist er ganz von ihr durchdrungen, dann ist er still und ruhig; ist er still und ruhig, dann hat er Lebensäther; wer Lebens- äther besitzt, der steht unabhängig (vom irdischen Stoff). Unabhängig wirkt er lichtspendend, und wer Licht spendet, ist ein Gott (Sen). Göttlichkeit ist das höchste Gut. Darum sage ich, machen wir uns nicht rein (von sinnlichem Verlangen), so wird Göttlichkeit nicht in uns wohnen.

mm^m^o m^mmwimM.m a m m mM.^o^zM,m.^mmo^mr-Momm

Leerheit ist Inhaltslosigkeit. Darum sage ich, wenn du das Wissen aufgibst, was kann dich dann noch verleiten, nach etwas zu streben! und wenn du inhaltslos geworden bist, was solltest du noch für Zwecke verfolgen! Bist du aber ohn« Streben und ohne Zwecke, dann bist du frei von Sorge. Von Sorge befreit aber, bist du wieder am Ausgangspunkt, beim Leersein. Des Himmels Tao ist Leere, und zwar weil er unkörperlich ist. Infolge seiner Leere ist er unerschöpflich. Infolge seiner Unkörperlichkeit treibt ihn nichts von seiner Stelle. Da ihn nichts von seiner Stelle vertreiben kann, durchströmt er ewig unveränderlich die zehntausend Wesen.

Fassen wir die hier gepredigte Lehre kurz zusammen. ^ Hü, Leere, gleichbedeutend mit */1^ oder _j^ Tsung (s.S. 40)

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man

oder ^ 1^ Wu-tsang, Inhaltslosigkeit, ist ein Zustand, den m^ durch Unterdrückung alles sinnlichen Verlangens, aller Begierde (^ Ju') und I^eidenschaft erlangen kann, und ist dasselbe wie i^ K^'i-tsi, Entäußerimg vom Wissen, Unbewußtwerdung) sie be- deutet auch dasselbe wie ^ ^ Wu-wei, Regungslosigkeit, ^ Tsing; Stille und Kühe, ^ ^ Pu'-jöu, Schweigsamkeit, »[^ T ien, Friedlichkeit, sanfte Seelenruhe, ^^ Jü, Genügsamkeit, ^J^ Wu-li, Sorgenfreiheit, und endlich ^ Kie', Reinheit. J^etztere Eigenschaft veranlaßt naturgemäß die Sön, die guten Geister- kräfte des schaffenden und segnenden Alls, in die Person des Reinen einzukehren; dessen eigene Sen- Seele wird dadurch be- ständig durch die verwandten Kräfte des Alls gestärkt und immer kraftvoller; das Sön gewinnt in ihm die Oberhand über das KörperHche, Stoffliche; seine Person tritt schließlich ein in den Zustand der ^ ^ Wu-hing, Unkörperlichkeit oder Stofflosigkeit, des ^ Wu, Nichtsseins, und er Verschmilzt mit dem Tao. Sein y^ Tsing, Lebensäther, entzieht ihn nun dem Bereich aller schädHchen Einflüsse, macht ihn :j(^ jj^ Tu^'-li', unabhängig; damit aber wird er zu einem innerlich zugehörigen Unterteil der lebendigen Weltseele J a n g, und mit ihrer lebenspendenden Leuchtkraft ausgestattet wird er ein i^ Jl||^ ming S6n, Licht- spendender Sön oder Gott. Praktisch aufgefaßt, schreibt diese Er- lösungs- oder Heiligkeits-Askese in erster Linie vor, daß man Wu-wei oder „Regungslosigkeit" und Wu-jSnoder „Schweig- samkeit" übe, die durch Leidenschaftslosigkeit, sanfte Seelen- ruhe, Genügsamkeit und Sorgenfreiheit erzeugt werden und umgekehrt aus diesen hohen Eigenschaften von selbst hervor- gehen. Dem Wu-wei und Wu-jön ist in der Tat, wie wir gleich sehen werden, im System die Hauptrolle zugewiesen. Lao Tse ist nunmehr leicht zu verstehen, wo er, dem Tao Te' King zufolge, sprach :

ÜJ^@^^IP^(§ ^^)- Erreicht den allerhöchsten Grad der Leere; wahret die Unerschütterlichkeit euerer Stille und Ruhe!

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s ^ ^^. r^M.nm.m ^vr^ ^ iio ä t^ s a

^Ij fltt Jf yj§ 3). Keinen Wert auf Fähigkeiten legen, hält das Volk von Bestrebungen ab; keinen Wert auf schwer zu bekommende Waren legen, hält das Volk von Räubereien und Diebstählen ab; nicht auf das Begehrens- werte das Auge richten, läßt den Sinn nicht in Verwirrung geraten. Der Heilige regiert deshalb das Volk derart, daß er dessen Sinne leer macht, aber seine Bäuche füllt, seinen Willen schwächt, jedoch seine Knochen stärkt. Stets sorgt er dafür, daß das Volk ohne Wissen und ohne Begierden ist; und die Wissenden läßt er es nicht wagen, ihr Wissen zur Geltung zu bringen. Wird so die Regungslosigkeit (Wu-wei) gepflegt, dann bleibt nichts der guten Regierung entzogen.

Dieses universistisch- ethische System, dessen Wesen die angeführten Textauszüge uns klar vor Augen stellen, ist die einzige Ethik, über die die alte chinesische Literatur Aufschluß gibt. Man kann daher nicht umhin, anzunehmen, daß ein anderes System überhaupt nicht existierte, denn hätte es existiert, würde sich das zweifellos in der alten Literatur bemerkbar gemacht haben. Wie wir gesehen, enthüllen uns nicht bloß die Schriften der drei Philosophen Lao, Tsuang und Kuan, sondern auch die klassischen Schriften der konfuzianischen Schule die Grundlagen des Systems. Diese Schule ist es vornehmlich gewesen, die es bis auf diesen Tag als das einzige wahre System aufrecht erhalten hat. Allein den Lehrsatz, daß ebenso wie die Leidenschaften auch das Wissen zu verwerfen und zu unterdrücken sei, hat der Konfuzianismus sich nicht zu eigen gemacht. Er hat sogar entschieden Stellung dagegen genommen und die Pflege des Wissens als eines der Hauptmittel betont, durch die der Mensch zur Vollkommenheit und Heiligkeit ge- langen kann. M6ng Tsö, der zweite Altmeister der Schule, setzte das Wissen (^ oder :^ Tai) mit dem vierten der großen Grundzüge der menschhchen Natur gleich, welche (s. S. 24)

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der Himmel selbst allen Menschen mit der Seele (SSn) einge- pflanzt hat, also mit der „Unerschütterlichkeit", die den Menschen in den Stand setzt, Gutes, Nützliches und Tüchtiges zu leisten. Er nennt diese vier Haupttugenden die vier i]§^ Tuan oder Grundeigenschaften und schreibt:

^Kll^^^a^^^tira^^^ (Das Buch ^

^ -B: Kung-SUn Ts^ou, 1,6). Der Mensch hat diese vier Grund- eigenschaften wie er seine vier Gliedmaßen besitzt. Da sie alle vier in uns anwesend sind, soll Wissen sie alle entfalten und zur vollen Ent- wicklung bringen.

(Buch ^ -^ Kao Ts6, I, 6). Menschenliebe, Pflichterfüllung, Le- bensregeln und Wissen sind uns nicht von außen eingegossen; wir haben sie fest zu eigen.

Da somit durch Menzius, den größten Apostel der kon- fuzianischen Lehre, der Menschheit die gebieterische Pflicht ans Herz gelegt war, samt den drei andern Hauptvermächtnissen des Alls auch das Wissen zu pflegen, war Anlaß zu einer Spaltung in der einen, alten Lehre gegeben; denn der Kon- fuzianismus war nunmehr gezwungen, den Hauptzweck des menschlichen Daseins im Studium seiner einzig wahren, klassi- schen Lehre zu erblicken. Sollte das Problem der Trennung des Universismus in Taoismus und Konfuzianismus einmal Ge- genstand einer eingehenden Untersuchung werden, dann wird man also die Rolle der Kardinaltugend des Wissens dabei nicht als Hauptfaktor in diesem Prozesse übersehen dürfen. Es ist jedoch zu beachten, daß in der Wirklichkeit vielleicht nicht einmal von Preisgabe des Wissens die Rede gewesen ist. In der Tat bedeutet ^ T s i nicht ledigHch Wissen, sondern auch Bewußtsein, Gefühl, Empfindung; und es können also die tao- istischen Philosophen unter K'i-t§i, Preisgabe der Empfindung,

Indifferentismus, verstanden haben, der dem Begrift* der Leiden-

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schaftslosigkeit und anverwandten Tugenden ziemlich gleich- kommt. Es läßt sich auch schlechterdings nicht behaupten, daß sich die alten Philosophen des Tao, so fern wir sie durch die chinesischen Schriften kennen lernen, durch Unwissenheit oder Dummheit ausgezeichnet haben.

Hinsichtlich dex Lehre der Regungslosigkeit (Wu-wei), der Stille und Ruhe (Tsing) und der Schweigsamkeit (Pu'-j en) bestand für die Konfuzianer auf Grund der klassischen Schriften überhaupt kein Anlaß zu einer von den Taoisten abweichenden Anschauung. Dieser Quietismus war stets Gemeingut beider philosophischer Systeme. Die Betrachtung des Alls führte freilich unabweisbar zur allgemeinen Anerkennung der Tatsache, daß die Natur ihr segenspendendes Werk der Erzeugung und Er- haltung leidenschaftslos verrichtet, daß ihr gewaltiges Wirken sich gemächlich und ruhig ohne Anstrengung vollzieht, ohne Reibung, Geräusch und äußere Kundgebung. Das Tao ist demnach keine treibende Kraft, die alle Bewegungen und Er- scheinungen des Weltalls veranlaßt, sondern die Gesamtheit dieser Bewegungen und Erscheinungen selbst, kein Handelndes, sondern der gesetzmäßige Gang der Natur. Lao Tse sagt (TaoTe'King, §25): A ^ *&. J* S ^. ^ ^ i!»

^g JT« H WC . Der Lenker der Menschen ist die Erde, der Lenker der Erde ist der Himmel, der Lenker des Himmels ist das Tao, und der Lenker des Tao ist die Spontaneität. Und im Ji' (hi Ts6, I) lesen wir:

Wandlung (der Natur, die jährliche Schöpfung, das Tao) vollzieht sich gedankenlos und regungslos, in stiller Schweigsamkeit und ohne Handlung. Ist sie rege geworden, dann durchdringt sie alles Wirken unter dem Himmel, und wie sollte sie das erreichen, wenn sie nicht unter dem Himmel die höchste Göttlichkeit (Sön) wäre?

Durch Spontaneität soll sich also auch das Tao des Menschen kennzeichnen, insbesondere das des Herrschers, der die Verkörperung der Vollkommenheit sein soll. Sein Leben

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darf nur von unbewußten Triebkräften geleitet sein; keine Vor- sätzlichkeit und keine Willenskraft soll sein Handeln bestimmen, also auch keine Unternehmungslust. Er soll keine Triebkraft ausüben und keineswegs dem natürHchen Gang der Dinge Zwang antun. Kuan Tsö lehrt:

mmm,iiicmz^r-miSiioooA±m±mm.

m^W^.^B^MWl^^ (Buch 13, bzw. Kap. 36).

Wu-wei, das nenne ich Tao; Preisgabe (der Persönlichkeit), das nenne ich Tugend (Te*); es besteht also nichts, das Tao und Te* voneinander trennt, und somit machen diejenigen, die beide lehren, zwischen beiden keinen Unterschied. Die Herren der Menschheit regieren im Jin (d. h. auf der Erde); das Jin ist still, und darum sage ich, daß sie, wenn sie rührig und rege sind, ihren Thron verlieren.

^ ^ ^ ü . ra i^ ^ (iS) T ffi m #J ^ > #

^ll^i^^llTBnll^JlIc (B«ch 10, bezw. Kap. 26).

Weil der Himmel sich nicht rührt und dennoch die vier Jahreszeiten ab- wechselnd von ihm auf die Erde herabkommen, so daß die zehntausend Wesen sich entwickeln können, so rührt sich auch der Fürst nicht, und dennoch kommen seine Regierungsbefehle regelmäßig herab, so daß die zehntausend Beschäftigungen der Menschheit erfolgreichen Verlauf nehmen.

^ ^ ^ *^ (Buch 1; bezw. Kap. 5). Der, welcher ohne Regung ist, ist der Kaiser.

In der gleichen Bahn der Anschauung bewegt sich auch Lao Tsö im Tao Te' King:

TN" H ru ^'*^)* ^^^ "^^^ ^^^ immer ohne Regung, und nichts ist, was es nicht schuf. Wenn Fürsten und Könige die Regungslosigkeit wahren können, dann vollzieht sich die Entwicklung der zehntausend Wesen von selbst.

I^Ml^^^M^ 63). übe die Regungslosigkeit, be- schäftige dich mit Untätigkeit.

n^B^^.nMi^m.mzxm.mmn

De Groot, Universismus. 4

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Ä^^,:i^>£j[^J|l^~F(§ 48). Durch Studium vermehrt sich täglich das Wissen, aber durch Übung des Tao verringert sich alltäglich die Tätigkeit; sie verringert sich mehr und mehr, und so wird die Regungs- losigkeit erreicht. Ist man regungslos, dann gibt es nichts, was man nicht vollbringt. Die Regierung (^ffi( = Vg) der unter dem Himmel liegenden Welt soll stets mit Untätigkeit geführt werden; kommt es dabei zu Tätigkeit, dann läßt sie sich nicht in genügendem Maße durchführen.

Hier vernehmen wir also, daß der Besitz von Wu-wei den Menschen mit der gleichen Allmacht ausstattet, wie sie das Tao des Weltalls besitzt. Natürlich kommt diese menschliche Allmacht hauptsächlich den Herrschern des Reiches zu, die nächst Himmel und Erde die höchste Stelle im Universum einnehmen. Lao Tsö sagt weiter:

Wer die Welt unter dem Himmel zu beherrschen begehrt und sie mit Tätigkeit regiert es wird ihm, meiner Ansicht nach, nicht gelingen. Die Welt unter dem Himmel ist ein Ding, das mitSßn beseelt ist und soll also nicht mit Tätigkeit regiert werden; denn wer sie mit Tätigkeit regiert, richtet sie zugrunde, und wer sie fest angreift, greift fehl.

ein Herrscher den Beistand des Tao gebraucht, dann tut er der Welt keine Gewalt mit Waffen an.

^y ^*)- Darum spricht der Heilige: „Ich habe die Regungslosigkeit und mein Volk schafft sich also selbst seine Bildung; ich bevorzuge die Stille und Ruhe, und das Volk geht von selbst den richtigen Weg; ich bin ohne Tätigkeit, und das Volk wird von selbst reich; ich bin ohne Be- gierden, und das Volk gelangt somit von selbst zur Reinheit."

Besonders hoch preist auch Tsuang Ts6 das Wu-wei. Und was Konfuzius anbetrifft, der selbst wie jeder andere Denker seiner Zeit ein guter Universist war, so ist er über diese Allmacht verleihende Naturtugend ebenso sehr des Lobes voll. Dem Lun zufolge (XV, 4) sprach er:

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B^ lE^lSflfiiB^- "^''"^^ ®-^ "^^^* ^"" (-3' •^''^^''^'- '^or Chr.), der mit Wu-Avei regierte? O, wie verfuhr er denn? Er verschaffte sich selbst Ehrfurcht und schaute (von seinem Thron) genau nach Süden, das war alles!"

Dagegen legt eine Stelle inTsuang Tse's Schriften die Vermutung nahe, daß Konfuzius durchaus kein fanatischer An- hänger des Wu-wei war. Diese Stelle (Buch 1, bezw. Kap. 2) lautet:

K'ü-ts'io* Tsö fragte den Ti'ang-wu Ts6: „Ich hörte den Meister (Konfuzius) vom Heiligen sprechen, der bei der Erfüllung seiner Aufgabe keiner Tätigkeit nachstrebt, noch auf Vorteil aus ist, der sich nicht gegen Schaden wehrt, noch Freude daran hat, etwas zu erstreben, der unbewußt nach Tao strebt, schweigsam ist, aber doch spricht und beim Sprechen doch schweigsam ist, und der auf diese Weise außerhalb des Staubes und Schlammes wandelt. Der Meister selbst betrachtete das als sinnloses Gerede; ich aber erachte das als ein Benehmen, das dem herrlichen Tao entspricht.

Wie aus dieser Textstelle hervorzugehen scheint, wurde die auf gleiche Stufe mit der Regungslosigkeit gestellte Schweig- samkeit in dem Sinne aufgefaßt, daß der wahre Taoist es auch verschmäht, wirksam als Lehrer und Prediger aufzutreten. Tsuang spricht diesen Gedanken auch in den folgenden Worten aus:

^BZ^^^fSIf^ (B-lch 4' ^ezw. Kap. 11). Der Unter- rieht des großen Menschen gleicht dem Schatten des Körpers, dem Wieder- hall des Tons: er erteilt nur auf Befragen Bescheid, gibt dann aber alles her, was er im Herzen hat.

>S ^i (Buch 7, bezw. Kap. 22). Fürwahr, der Wissende übt die

4*

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Schweigsamkeit, die Redenden sind die Unwissenden; deshalb erteilt der Heilige nur Lehren, die mit Schweigsamkeit zusammengehen. Auch im Tao Te' King (§56) begegnen wir dem Lehrsatz, daß der Wissende schweigsam, der Redner unwissend ist.

Ferner lesen wir in Tsuang Tse's Schriften:

(Buch 5, bezw. Kap. 12). Die ^yelt mit Regungslosigkeit regieren, das heißt himmlisch; sie mit Regungslosigkeit belehren, das nenne ich Tugend.

i<m^-i^MM^^Z$%^ (Bi«!» ''> ^e^^- Kap. 22).

Himmel und Erde besitzen die höchste Vollkommenheit, und doch sprechen sie nicht davon. Die vier Jahreszeiten haben ihre leuchtenden Gesetze, und doch reden sie nicht darüber. Die zehntausend Dinge haben ihre voll- kommenen Charakterzüge, und doch halten sie darüber keine Reden. Darum übt der Übermensch die Regungslosigkeit und der AUerheiligste die Untätig- keit, und das bedeutet, daß sie den Blick auf Himmel und Erde (als ihr Vorbild) richten.

Der großen Tugend der Schweigsamkeit, welche der Mensch dem Weltall entlehnen kann und entlehnen soll, hat Konfuzius selbst durch eigenes Wort und Vorbild auf immer in seiner Schule eine feste Stelle gesichert. Im Lun Jil (XVII, 19) steht nämlich geschrieben :

T -fsr iiio j-0, ^ i^ w^. PI it ff 1. H i^

£fl ^^ . ^^ 4ffl' ^ ^t. Konfuzius sagte: „Ich begehre zu schweigen." Als dann aber (sein Schüler) Tsö-kung erwiderte: „Wenn der Meister nicht redet, was werden seine Jünger dann den Nachkommen zu überliefern haben?" da sprach der Weise: „Sagt denn der Himmel etwas? und trotz- dem nehmen die vier Jahreszeiten ihren Lauf, und die hundert lebenden Wesen entstehen! Sagt der Himmel etwas?"

Man kann sich schwerlich der Überzeugung entziehen, daß der große Grundsatz des Wu-wei einen geradezu be-

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herrschenden Einfluß auf die Geister des alten China ausübte, wenn man sieht, daß Lao Tse sogar so weit geht, alles bewußte Streben nach Vervollkommnung, Heiligkeit und Kenntnis zu verurteilen. In diesen Worten ermahnte er die Fürsten 19) :

A/' X-\ . Laßt ab vom Heiligsein, gebt das Wissen preis, und das Volk wird hundertfachen Segen davon haben. Laßt ab von der Menschen- liebe, gebt die Pflichterfüllung auf, und das Volk wird seinen kindlichen Gehorsam und seine barmherzige Gesinnung verdoppeln. Laßt ab vom Klug- tun, gebt es auf, euere Interessen zu fördern, und nirgends wird es mehr Aufrührer und Räuber geben. Ich meine, diese drei Lehrsätze enthalten so viel, daß die Schrift nicht ausreicht, um es auszudrücken.

Natürlich können wir solche Lehrsätze wörtlich nehmen und darin nichts geringeres sehen als einen Angriff gegen drei der vier höchsten Tugenden, die der Himmel selbst der Mensch- heit eingepflanzt hat, und damit eine Auflehnung gegen die Grundpfeiler des ganzen alten, heiligen Sittengebäudes. Indes wäre diese Auffassung, wonach also die taoistisohe Lehre gegen ihre eigenen Ideale Sturm laufen würde, ganz verfehlt. Offen- bar handelt es sich hier lediglich darum, daß die Aufforderung zur Übung des erhabenen Wu-Avei, mittels dessen das Tao seinen Segen in die Welt ausströmen läßt, hier auf die Spitze getrieben wird : sogar bei der Pflege der höchsten Naturtugenden sollen Mensch und Fürst von bewußtem Streben frei bleiben. Übereifrigen Schriftgelehrten des Konfuzianertums bieten aber solche Textstellen eine Handhabe, um Lao Tsö als Urheber eines Ketzertums schlimmster Art zu brandmarken.

Auch die folgenden Worte des Philosophen Tsuang (Buch 4, bezw. Kap. 11) wollen in dem schon angedeuteten, nicht buchstäblich zu nehmenden Sinn verstanden sein:

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ist zügelloser Hang am Äußerlichen. Die Sucht nach Vernunft sie führt zu unzüchtigem Hang am Schall. Die Sucht nach Menschenliebe sie schafft Wirrwar in der Tugendübung. Die Sucht nach Pflichterfüllung (I) sie bedeutet Auflehnung gegen die natürlichen Gesetze. Die Sucht nach Erfüllung der Lebensregeln (Li) sie führt zu Künstlichkeit. Die Sucht nach Musik sie führt zu Unsitten. Die Sucht nach Heiligkeit sie führt zu künstlicher Fertigkeit. Sucht nach Wissen sie führt zu Haar- spalterei. Wenn die Menschen unter dem Himmel diese acht Leidenschaften ihrer Natur nicht unterdrücken, so wird alles unter dem Himmel in Un- ordnung geraten, denn die ganze Welt wird beginnen, sie derartig bis aufs äußerste zu schät&en und zu pflegen, daß alle Welt irre wird. Der Edle wird darum, wenn möglich, die fünf in ihm verborgenen (Tugenden) nicht äußerlich entfalten, und seiner Vernunft keinen Vorzug gönnen; er wird sich regungslos verhalten wie der Vertreter eines Toten (bei Opfern), aber sein Drache (seine segnende Majestät) wird sich zeigen; er wird in Schweigen versunken sein, und sein Donner wird dröhnen; seine Götterkraft wird wirken, und der Himmel wird bei ihm bleiben; während er in Ruhe und Wu-wei verweilt, werden die zehntausend Wesen wachsen und gedeihen. Was weiter bliebe ihm zu tun, um die Welt in Muße zu regieren?

Auch hier wird also verkündet; daß Leidenschaftslosigkeit und Wu-wei, und zwar beides sogar bei der Ausübung mensch- licher Tugenden, einem Herrscher spontan den Weg zur Macht bahnen müssen. Das Gute soll gemächlich gepflegt, entfaltet und gespendet werden, ohne Streben, ebenso wie es in der Natur geschieht. Wie in ihr, sollen die guten Werke des Menschen spontan, unwillkürlich erfolgen. Außerdem noch sagt T s u a n g :

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^^ tfil ^.^ (B^ch 4, bezw. Kap. 11). Der Heilige blickt auf zum Himmel (als seinem Vorbild), aber versucht nicht, ihm nach- zuhelfen; er vollendet sich in Tugend, aber ohne sich dabei anzustrengen; er ragt im Tao hervor, aber unabsichtlich.

^ ^ ^ ^ ^ -^ (Buch 6, bezw. Kap. 16). Die Alten pflegten das Tao so, daß sie ihre Kenntnis durch Seelenruhe (T'ien, s.S. 45) nährten, aber doch ihr ganzes Leben lang nichts taten zur Verwendung ihrer Kennt- nis; ich nenne das: das Wissen gebrauchen zur Erhaltung der Seelen- ruhe. Wenn Kenntnis und Seelenruhe sich so im Menschen vereinen und gegenseitig erhalten, so sprießen aus seiner Natur Eintracht und Ordnung. Wahrlich, seine Tugend ist Harmonie, sein Tao ist Ordnung; seine Tugend ist allumfassende Menschenliebe; sein Tao ist allordnende Pflichterfüllung.

Drittes Kapitel.

Vollkommenheit, Heiligkeit, Oöttliclikeit.

Das Wesen der alten chinesischen Religion und Philosophie läßt sich nach allem, was in den beiden ersten Kapiteln über ihren Ursprung und ihre Entwicklung darzulegen versucht wurde, kurz dahin bestimmen:

Des Menschen gute Eigenschaften oder Tugenden (^ T e') und die Art und Weise, diese spontan zu erwerben, bilden das T a 0 des Menschen. Die menschlichen Tugenden wiederum sind ein Ausfluß der vortrefflichen Eigenschaften des Weltalls; unter ihnen stehen die vier Haupttugenden (*^ Sang) voran, die den vier Haupteigenschaften des Himmels entsprechen, und auf denen des Menschen natürliche gute Beschaffenheit (^ San), Sein innerer Trieb und Charakter ('^ Sing) beruhen. Der Keim zu diesen vier guten Eigenschaften liegt von Anfang an in des Menschen Seele (fj/Üjl S ö n), die einen Teil des ^ J a n g bildet; dieses Jang umfaßt alles Warme, Lichte, Lebendige des Weltalls und ist mit dem Himmel identisch. Entwickelt und gefördert werden die himmlischen Eigenschaften des Menschen durch Nachahmung des Weltalls, insbesondere durch Befolgung dessen ^^ Wu-wei, das heißt, durch ein spontanes, unreg- sames, ruhevolles Verhalten, zu dem man durch Unterdrückung oder Beherrschung der Leidenschaften gelangt; man beobachtet ja, wie das Tao, der Weg des Weltalls, dieser Quell alles Guten, sein segensreiches Werk der Schöpfung und Erhaltung spontan,

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ohne bewußte Anstrengung vollbringt, und folgert daraus, daß auch der Mensch in seinem Handeln spontan, regungslos, ohne Streben sein soll, um vollkommen, d. h. dem Tao gleich zu werden. Eine andere philosophische Richtung, die konfuzianische, stellt über- dies zur Vervollkommnung des Menschen ein weiteres Erforder- nis, nämlich Wissen (Tsi ^), insoweit dies auf der Kenntnis der alten heiligen Bücher beruht. Das in den vorstehenden Sätzen Gesagte vermittelt uns den einzigen wirklichen Schlüssel zum Verständnis der chinesischen Weltanschauung von der ältesten Zeit bis auf den heutigen Tag. Einmal im Besitze dieses Schlüssels, dürfte es abendländischer Forschung auch nicht be- sonders schwer fallen, sich in Chinas philosophischer, ethischer und religiöser Literatur zurechtzufinden.

Das ideale Ziel der menschlichen Vervollkommnung ist also völlige Angleichung an das Tao des Himmels. Erreicht wird dieses Ziel durch beständige Höherentwicklung der Jang- seele, des S e n, bis zu dem Ergebnis, daß diese Seele den hundert- tausenden von S S n oder stofflosen Wesen, von denen das Welt- all erfüllt ist, vollkommen gleich wird. Der Mensch ist dann in dem Zustand, den wir Heiligkeit oder Göttlichkeit nennen dürfen. Die ältere taoistische Literatur bezeichnet diesen mit dem Ausdruck ^ tsen, echt, und im Tao Te'King (§54) finden wir diesen Satz: 'fif' ^ ^ :§'^ Ä ^ ^^; wer (das Tao) an seiner Person pflegt, dessen Tugend ist Echtheit. Anderweitig, vor allem im Tsung Jung, dem klassischen konfuzianischen Buche, das sich hauptsächlich mit taoistischer Vervollkommnung beschäftigt, wird Heiligkeit auch mit dem Zeichen |^ Ts'ing, das Wirklichkeit bedeutet, wiedergegeben. Außerdem findet sich in sämtlichen alten Schriften das Zeichen ^ sing für denselben Begriff. Die genannten drei Ausdrücke sind also gleichbedeutend. Als weiteres Synonym kommt noch das Zeichen jj^ sön, gött- lich, hinzu, da nach chinesischer Meinung Heiligkeit und Gött- Hchkeit ein und dasselbe ist.

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Was sich die Chinesen unter Heiligkeit vorstellen, dafür enthält die alte Literatur zahlreiche Angaben. Folgende Zitate mögen zur Beleuchtung genügen. Bei Tsuang Tse lesen wir:

:^BMM^MZS.A (B^^h lO, bezw. Kap. 33).

Wer sich nicht vom Echtsein entfernt, den nenne ich einen Übermenschen.

m^^mz^^o:^mz-mz-mmA

(Buch 10, bezw. Kap. 31). Echtsein bedeutet das Höchste an Lebens- äther und Wirklichkeit (Ts'ing). Ohne diesen Lebensäther und ohne diese Wirklichkeit kann man auf andere Menschen nicht wirken.

Der Philosoph ^\^ Liu Ngan, der im 2. Jahrhundert vor Chr. lebte, sagt (j^^ ^!| ^ Hung Lie' Kiai, Kap. 7): J^gg ^y^^ i^^^ ^ ^. Der Mensch, der echt zu nennen ist, ist der, dessen Natur (Sin^) mit dem Tao im Einklang steht.

Was sind nun, den alten Schriften zufolge, die Merkmale der HeiHgkeit oder GöttHchk^it?

Wir haben gesehen (S.44), daß, nach Kuan Tse, Heiligkeit den Besitz der gleichen Klarheit verschafft, die dem J a n g und dem Himmel eigen ist; ferner (S. 50), daß, Lao Tsö zufolge, durch Wu-w ei oder Regungslosigkeit erlangte Vollkommenheit den Menschen unwiderstehlich und allmächtig macht. Natürlich schließt Heihgkeit auch alle Tugenden in sich, die nur je ein Mensch auf Erden erlangen kann. Tsuang TsS sagt (Buch 10, bezw. Kap. 31):

ffl^ ^ . Wenn Echtheit in des Menschen Charakter herrscht, dann dient er seinen Eltern mit Liebe und kindlicher Unterwerfung und seinem Fürsten treu und unerschütterlich.

Weiter sagt Tsuang Tsß (Buch 3, bezw. Kap. 6):

4g, pE" |H^. Was ist ein Heiliger? Es ist der, der den Heiligen der Ur- zeit gleicht; sie erklommen Höhen, ohne schwindlig zu werden; sie schritten ins Wasser hinein, ohne naß zu werden; sie traten ins Feuer, ohne heiß

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zu werden. Wir wissen es, daß man so wird, wenn man nur hoch genug steigt, um die Macht dazu dem Tao zu entlehnen.

Hierin liegt klar ausgesprochen, daß der taoistische Heilige dem Tao, das er besitzt, übermenschliche, magische Gewalt ent- lehnt. Die großartigen Fähigkeiten solcher Gottmenschen be- schreibt Tsuang Tsö folgendermaßen (Buch 1, bezw. Kap. 1):

Miik^i Zlh^ntH AM Mo mM^üim,

nmmmm^mmzith^mmm<i^r^m mm^mmoooZA^^Mzm.i^mm ^mr>m.A¥^^m.±\iim,m^mom

^ ^ ^. Im fernen Ku-sö -Gebirge wohnen Gott-Menschen. Sie haben Fleisch und Haut wie Eis und Schnee; sie gleichen Jungfrauen an Fein- heit und Zartheit. Sie essen keine der fünf Feldfrüchte, sondern schlucken Wind und trinken Tau. Sie fahren auf Wolken mit fliegenden Drachen als Gespann jenseits der vier Meere einher. Durch Verdichtung ihrer Gotterkraft vermögen sie die lebenden Wesen vor Krankheit und Seuche zu bewahren und alljährlich das Korn reifen zu lassen . . . Kein Wesen kann diese Menschen verletzen ; eine Flut, die bis an den Himmel steigt, kann sie nicht ertränken; Gluthitze mag Metall und Felsen schmelzen, den Erdboden und die Gebirge versengen, aber sie empfinden die Hitze nicht. Ihres Wesens Staub und Spreu allein reicht aus, um Leute vom Schlage Jao's und Öun's daraus zu formen und zu gießen. Was wollen sie mit stofflichen Wesen zu schaffen haben!

An einer anderen Stelle (Buch 1, bezw. Kap. 2) bei Tsuang Tse findet sich folgende Verherrlichung der Heihgen:

^nmm.m^nmm^mmzii^on^m

%MQi^l(a i^MWZ^^O Der höchste Mensch ist ein Gott (Sön)! Ein Feuermeer mag ihn umlodern, es kann ihn nicht heiß machen; die Fluten des Huang-ho und Han mögen vereisen, er kann nicht frieren; rasende Donnerkeile mögen die Berge spalten, Sturmwinde

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die Meere erschüttern, ihn können sie nicht schrecken. 80 vermag er auf Wolken und Luft einherzufahren, auf Sonne und Mond zu reiten jenseits der vier Weltmeere. Weder Tod noch Leben können irgendeinen Wandel an «einem Selbst vollziehen, geschweige denn Brutstätten schädlicher Einflüße.

Ein andermal läßt T s u a n g einen Weisen folgenden Vers sprechen: JlS* *3t> M^i^tl . )It II fl? "1 (Buch 5,

bezw. Kap. 12). Die, welche höchste Götterkraft besitzen, gleiten auf dem Licht einher, so daß sie mit ihrer Gestalt darin erlöschen und ver- schwinden; das nennen wir ihre weithinstrahlende Leuchtkraft.

Andre taoistische Philosophen stimmen gleichfalls in diese Verherrlichung der Heiligen ein.* Bemerkenswert ist unter an- derem, was ^ll^*^ Ho' Kuan Tsß, der vermutlich im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte, in folgenden Worten von ihnen sagt:

^^rnzmoMiMZ-iiicm^mz (Kap. ni

Der Heilige entsteht nach Himmel und Erde, und dennoch kennt er ihren Ursprung; er vergeht vor Himmel und Erde, aber er kennt ihr Ende. Das Tao umhüllt ihn, darum kann er solche Dinge wissen und ermessen.

mAm:n^^^nim9si^mziiomr- ^mmmmi^zmoi^^n^^'mm'^z

m'Mmm-^zmoZ-^mmmmm.^z ±0 ^ 3g^ Ä im }g ifii mm äMo :r-^^^m m

Des Heiligen Kraft gleicht nicht der des Himmels und der Erde, aber er kennt ihr Wirken. Sein Atem gleicht nicht Jang und Jin, doch vermag er ihnen Gesetze vorzuschreiben. Er kommt den zehntausend Wesen an Zahl nicht gleich, doch kann er ihnen allen ein richtiger Führer sein. Er vereinigt zv.ar in sich nicht alles Vortreffliche der Menschheit, dennoch vermag er das Gute emporzuheben, die Fehler nachzuweisen. Er gleicht nicht dem Tao an reichen Segnungen, und doch vermag er es zu überragen. Er gleicht nicht den Göttern an strahlendem Glanz, dennoch vermag er über

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sie Herr zu sein. Er ist nicht unsichtbar wie die Kwei und Sßn, und doch vermag er ihre Geisterkraft zu entfalten. Er besitzt nicht die Festig- keit von Metall und Stein, und doch vermag er ihre Härte durch Glut an- zugreifen. Er besitzt nicht die Regelmäßigkeit eines Vierecks oder eines Kreises, und doch vermag er diese Formen zu konstruieren.

Es läßt sich jetzt nach allem sagen, daß in der Meinung der ältesten und wichtigsten Vertreter der universistischen Weltanschauung ein taoistischer Heiliger übernatürliche Fähig- keiten und Weisheit besitzt, vermöge derer er übernatür- liche Wirkungen hervorbringen kann. Er ist allmächtig, all- wissend, allgegenwärtig, ein Gott über den Göttern. Er ist auch unverletzlich. Diese Unverletzlichkeit war vermutlich nicht allzu buchstäblich gemeint. Denn es konnte unmöglich verborgen bleiben, daß auch hervorragende Taoisten sterben mußten; ihre Gräber dürften allgemein bekannt und häufig besuchte Wall- fahrtsstätten gewesen sein. Tsuang selbst (Buch 7, bezw- Kap. 19) erwähnt einen gewissen ^ ^^ Tan-pa, der in einer Felsengrotte nur von Wasser lebte und noch im siebzigsten Jahre die Jugendfrische seiner Wangen besaß, bis ein Tiger kam und ihn verschlang. Doch fügt er hinzu, ^^ ^ ^ ft ffij j!^ Ä Ä ^1*, dieser Pa hatte sein inneres Wesen gepflegt, und der Tiger ver- schlang nur die äußere Hülle. Und der Philosoph ^ ^ Han Fei, der im 3. Jahrhundert vor Chr. lebte, bemerkt in seinem Werk (Kap. 1, § 3), gelegentlich der Aufzählung einer Reihe guter Taoisten, die sämtHch hingerichtet wurden:

M!| ^ ^ S^ oft ife Wiewohl diese Menschen Vortrefflichkeit und Heiligkeit besaßen, vermochten sie dennoch weder dem Tode, noch körper- licher Verstümmelung und Schändung zu entgehen; wie kommt das? Nun, ich Einfältiger kann es schwerlich erklären.

Sterben müssen also große Taoisten freilich, wohl aber vermögen sie besser als andere Menschen lebendrohenden Ge- fahren zu widerstehen. Liu Ngan(Hung Lie'Kiai, Kap. 2) schrieb :

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■^ ?y -ffj . Wenn die große Kälte gekommen ist, und Eis und Schnee sich niederlassen, dann erkennen wir die Unverletzbarkeit des Nadel- und Blattwerks von Fichten und Zypressen. Und wenn man Schwierigkeiten aus dem Wege räumen, Gefahren trotzen muß, wenn Schrecken sich vor uns auf- tun, dann erkennen wir, daß der heilige Mensch sein Tao nicht verliert.

Für die Erforschung der Geschichte alter Religionen dürfte es von ziemlichem Werte sein, zu wissen, daß man in Asien zu einer Zeit, die weit vor der christlichen Hegt, bestimmte Vorstellungen von Heiligkeit und Göttlichkeit, sowie von der übernatürlichen Zaubermacht, die der Besitz beider verleiht, gehabt hat. Chinesischen Quellen allein aber ist es zu danken, daß man diese Vorstellungen mit Gewißheit als Ausfluß einer uralten universistischen Weltanschauung zu erkennen vermag.

Wie im vorhergehenden Kapitel gezeigt wurde, zählt zu den vier Urtugenden, die der Himmel jedem Menschen als Ele- mente seiner natürlichen Veranlagung eingepflanzt hat, und deren Pflege zur Heiligkeit führt, das Wissen (Tsi), auch als Un- erschütterlichkeit bezeichnet, weil diese das Wissen gewähr- leistet. Es ist nun zu beachten, daß die konfuzianische Lehre auf das Wissen ein ganz besonders hohes Gewicht legt und sich damit in Gegensatz zu der Lehre der Taoisten stellt, die, von dem großen universistischen Grundsatz der „Leere" ausgehend, Kenntnis und deren Verwendung verwerfen.

Dieser Gegensatz zwischen der konfuzianischen und tao- istischen Lehre erhielt sein entscheidendes Gepräge durch Ts6-s6, den Enkel des Konfuzius, der, wie wir auf S. 25 gesehen haben, sein klassisches Werk, das TsungJung, mit dem Satze einleitet, daß die Pflege des Tao gleichbedeutend sei mit Unterweisung. Dieser Gedanke einer „Vervollkommnung durch Unterweisung hat den Konfuzianismus zu dem entwickelt, was die Chinesen

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mit dem Ausdruck "^^ Zu Kiao, Lehrsystem oder Religion der Gelehrten, bezeichnen. Diesem System verdankt China seine gesamte wissenschaftliche Bildung, und diese Bildung wurzelt also es kann nicht nachdrücklich genug betont werden im Universismus.

Die Hauptmittel zur menschlichen Unterweisung, die einzig zuverlässigen Führer des Menschen zum Tao, sind nun nach konfuzianischer Anschauung lediglich die klassischen Schriften (s. S. 28). Sie sind es, die seit der H an- Zeit, als sich die konfuzianische Lehre zum herrschenden System entwickelte, bis auf den heutigen Tag stets und ständig von den führenden Klassen des Volks als das ausschließliche Evangelium für die gesamte Menschheit angesehen worden sind, also auch als einzige politische Grundlage, auf der sich Staat und Gesell- schaft aufbauen müssen, wenn die Regierung gleich dem All ewig dauern, und das Volk wahrhafte Beglückung genießen soll.

Mit den klassischen, heiligen Büchern Chinas ist der Name Konfuzius (551 479 v. Chr.) untrennbar verknüpft. Einige nennen die Chinesen J^^ King, andere ^ Su. Sicher sind sie nicht sämtlich von Konfuzius geschrieben; sie entstammen teils einer früheren, teils einer späteren Zeit. Wirklich von ihm soll nur ein King verfaßt sein, das ^^ Ts'^un Ts^iu, die Annalen, nämlich in der Hauptsache die des Staates ^ L u, wo er lebte und lehrte; sie enthalten kurze Notizen über die Jahre 722 481. Drei andere King soll Konfuzius, dem allgemeinen Glauben nach, ledigUch kompiliert haben. Es sind dies das ^ Si, die Lieder, das Mj Ji', die Wandlungen, und das ^f Su, die Geschichtsbücher; letzteres ist eigentlich eine Sammlung von 30 Büchern verschiedener Art, von denen die zwei ersten über _^ Jao und ^ Sun, die beiden heiligen Herrscher des 24. und 23. Jahrhunderts v. Chr., handeln, und das letzte sich auf einen Fürsten des 7. Jahrhunderts bezieht. Das besonders umfang- reiche fünfte King, das nffl §ß Li Ki, Schriften über die Lebens-

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regeln, besteht aus 46 Büchern; es werden darin Konfuzius und seine Schüler häufig erwähnt, und es scheint demnach zum großen Teil aus Überlieferungen und Aussprüchen zu bestehen, die von ihm herrühren. Klassisch und heilig sind auch drei umfang- reiche Erweiterungen und Kommentare desTs'un Ts'iu, nämlich das ^ -^ Tso Ts'uan, Berichte des Tso, das ^ ®Ä Ku'-liang Ts'^uan, Berichte des Ku*-liang, und das ^B^-Ä Kung-jang Ts'uan, Berichte des Kung-j an g; ferner das ^ 1^ Tsou Kuan, Beamtentum von Tsou, dem Fürsten- hause, dessen Herrschaft vom 12. bis in das 3. Jahrhundert V. Chr. gedauert hat; endlich das ^ jjj^ I Li, Lebensregeln, eine Sammlung von Schriften über Zeremonien bei verschie- denen feierlichen Gelegenheiten.

Was die sogenannten vier Su anbetrifft, so stammen diese fast gänzlich von Schülern des Konfuzius. Sie enthalten haupt- sächlich Aussprüche, Gespräche, Lehrsätze und Lebensregeln des Meisters, vorwiegend ethischen und philosophischen Charakters. Ihre Titel lauten: g^ ^ Lun Jü, Besprechungen; (^ )^ Tsung Jung, Methode der Mitte (??); "^ ^ T'ai Hio*, das allerhöchste Studium, und ;^ -^ Meng Tsö, Menzius. Das Tsung Jung und das T'^ai Hio' sind eigentlich Bücher des Li Ki. Im engeren Sinne gibt es also 14 heilige Bücher, im weiteren aber 86.

Man ist also berechtigt, an Stelle von Konfuzianismus auch die Ausdrücke Klassizismus, Taoismus oder Universismus zu setzen. Der Konfuzianismus allein ist orthodox, da es im Weltall nur ein Tao gibt und also nur eine Reihe wahrer, klassischer Schriften, die dieses Tao unter der Menschheit predigen und aufrecht erhalten. Die überherrschende Stellung hat der Konfu- zianismus bis auf den heutigen Tag in China zu wahren gewußt. Und somit steht daselbst das ganze Erziehungs- und Unterrichts- system, von den Elementarschulen angefangen bis zu den höchsten Staatsprüfungen, die zum Staatsdienst den Zugang eröffnen, sowie

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das ganze Staatswesen Chinas auf der breiten Basis, die Taoismus oder Universismus heißt.

Der Kaiser ist naturgemäß der oberste Führer der Nation auf dem Wege, der „T a o der Menschheit" heißt. Um diesen hohen Auftrag des Himmels zu erfüllen, muß er die Te' oder segensreichen Eigenschaften und Tugenden des T a o im höchsten Grade in seiner eigenen Person vereinigen, auf daß er durch seine Regierung sie für die Menschenwelt in Segnungen verwandle. Es ist klar, daß er diese Eigenschaften und Tugenden durch klassische Studien sich aneignen und zur Entfaltung bringen muß, und so von selbst der höchste Lehrer des Menschtums und der gelehrteste Mensch der Welt werden soll. Selbstverständlich sollen seine Minister und Staatsbeamte, die Mithelfer zur Er- ledigung dieser höchsten Aufgabe, ^ In, klassische Gelehrte, sein, Muster und leuchtende Sterne des konfuzianischen Wissens, die tüchtigsten aller, welche die Staatsprüfungen bestehen und also durch und durch vertraut sind mit dem Inhalt der klassischen Schriften, kurz, sie müssen die weisesten und besten unter den Menschen sein. Nur wenn sie das Tao oder dessen Te' selbst besitzen, können sie für die Menschheit die richtigen Führer sein auf dem Wege zur Tugend und zum Glück und somit dem Volke Frieden, der Regierung Stabilität, der Dynastie den' ewigen Besitz des Thrones sichern. Diesem Grundgedanken hat Konfuzius selbst, nach dem L u n J ü (II, 3), in folgenden Worten Ausdruck verliehen:

Menschen im Tao durch euere Tugenden (Te') und organisiert sie mittels der Lebensregeln (Li), dann wird es Anspruchslosigkeit (= ^ Bescheiden- heit, = Leidenschaftslosigkeit, Leerheit) besitzen, und mithin wird Ordnung herrschen.

Ganz ausschheßlich befaßt sich der kurze Text des T'ai Hio', des allerhöchsten Studiums, mit der Pflicht der Herrscher, ihre durch Studium erworbenen universistischen Tugenden zur Ver-

De Groot, Universismus. ^

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vollkommnung des Volks anzuwenden und so zum beiderseitigen Wohl zu verwerten. Wir lesen in dieser klassischen Schrift:

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allerhöchsten Studiums besteht darin, daß (der Herrscher) glänzende Eigen- schaften und Tugenden (Te*) klar scheinen läßt; es besteht ferner darin, daß er dadurch das Volk erneuert, und darin, daß es demzufolge im Zu- stande der höchsten natürlichen Güte (San) verweilt. Versteht er es, das Volk (auf diese Weise) in diesen Zustand zu versetzen, dann wird Stabilität herrschen; herrscht Stabilität, dann kann er sich still und schweigsam (tsing) verhalten; übt er Stille und Schweigsamkeit, dann kann Friede und Ruhe herrschen; herrscht Friede und Ruhe, dann kann er sich um (seine und des Volks) Interessen kümmern und wird dadurch seine Zwecke zu er- reichen imstande sein.

In diesem etwas mystisch aussehenden Lehrsatz tritt die quietistische Lebensauffassung des Taoismus klar zutage. Lesen wir doch ganz deutlich, daß das Gute (San), welches von Natur dem Menschen eigen ist, sich unter dem segensvollen Einfluß der hohen sittlichen Vervollkommnung, welche die Staats- lenker sich durch Studieren aneignen, soweit entwickeln soll, daß das Volk sich von ihnen mittels Wu-wei und Schweigsam- keit regieren läßt und der Herrscher also seine Zwecke erreicht, das heißt, unwiderstehlich und allmächtig ist. Folgen wir jetzt wieder dem T'ai Hio', das unmittelbar danach die Wichtig- keit des Studiums für die Herrscher nochmals betont und dabei erklärt, daß es sie zur Heiligkeit führt:

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Alle Dinge haben eine Wurzel und einen Gipfel, alle Sachen ein Ende und einen Anfang; wer richtig versteht, was zuerst kommt und was folgt, der nähert sich dem Tao.

Die Alten, die da trachteten, die glänzenden Eigenschaften und Tugenden in der sich unter dem Himmel erstreckenden Welt klar scheinen zu lassen, beabsichtigten damit vor allen Dingen, für ihr Reich eine gute Regierung zu schaifen. Aber um ihr Reich gut zu regieren, stellten sie die Regelung ihres Hauses voran. Der Regelung ihres Hauses ließen sie die Pflege ihres eigenen Wesens vorangehen. Um ihr eigenes Wesen zu pflegen, machten sie zuerst ihr Gemüt wahr (tsing, orthodox). Um ihr Gemüt wahr zu machen, begannen sie zunächst ihre Gesinnung „wirklich" (ts'ing, heilig) zu gestalten. Und um „wirklich" in der Gesinnung zu werden, ent- wickelten sie ihr Wissen bis zum'äußersten. Diese Entwicklung des Wissens bis zum äußersten bestand in der Erforschung der Dinge.

Also erfolgt klipp und klar aus den heiligen Büchern, daß die Kaiser ihr klassisch -taoistisches Wissen bis zum äußersten entwickeln müssen (^ ^) und den klassisch- taoistischen Lehren gemäß ihr Haus einrichten und ihr Reich regieren sollen. Es ist somit in China stets hohes Staatsprinzip und unumstößlicher Brauch gewesen, jungen Kaisern und Thron- erben eine ganz besonders gewissenhafte Ausbildung in der Lehre der klassischen Schriften angedeihen zu lassen. Nicht wenige unter den Kaisern haben einen hohen literarischen Bildungsgrad besessen und auch tatkräftig zur Förderung der Wissenschaft beigetragen, indem sie große Gelehrten-Kom- missionen einsetzten, welche die klassischen Bücher, sowie die geschichtlichen Überlieferungen der Dynastien und andere Haupt- werke, mit Erläuterungen und Kommentaren versehen heraus- geben mußten. Zahlreiche Meisterwerke der chinesischen Ge- lehrsamkeit von oft riesenhaftem Umfange verdanken dieser staat- lichen Tätigkeit ihre Entstehung;^ im Palast selbst besorgten

^ Viele findet der Leser in meinem Aufsatz „Sinologische Seminare und Bibliotheken" erwähnt; S.Abhandlungen der Kön. Preuß. Akademie der Wissenschaften, 1913.

5*

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kaiserliche Druckereien Prachtausgaben davon. Unter den Kaisern der letzten Dynastie, deren Regierung in dieser Be- ziehung besonders fruchtbar war, stehen an der Spitze die Namen lÜft Sing Tsu (K'ang-hi) und ^ ^ Kao Tsung (K'iön-lung). Das gewaltigste Zeugnis solchen kaiserlichen Unternehmungsgeistes ist das "^ ^ ^ ^ ÄJ^ Ku-kin

T'u Su Tsi'-ts'ing, Vollständige Sammlung von Schriften der Vergangenheit und der Gegenwart; dessen Anfertigung Sing Tsu anordnete, und das 1725 unter seinem Nachfolger abgeschlossen wurde. Es ist an Umfang das größte Werk, das in der Welt existiert. Es enthält in planmäßigei' Anordnung nahezu die ge- samte Wissenschaft, über die China verfügt, und entspricht somit in seiner Anlage so vollständig wie möglich der Forderung des Tai Hio', daß der Herrscher bestrebt sein soll, sein eigenes Wissen und das seiner Staatsdiener zur äußersten Entfaltung zu bringen.

Wenn es der höchste Beruf des Herrschers ist, das ganze Menschtum an T a o oder dem Weltall entlehnter Vollkommenheit zu überragen, so folgt von selbst, daß das Weltall, oder viel- mehr der Himmel, der das Weltall umfaßt und beherrscht, den Thron nur dem Menschen anvertraut, der solche Vollkommenheit besitzt anderseits aber der Mangel solcher Vollkommenheit unweigerlich den Verlust des Thrones nach sich ziehen muß. In der Tat finden wir diese Lehre in den heiligen Büchern klar ausgesprochen, und somit ist sie seit alters her ein Axiom und Dogma gewesen. Im Su wird im ^ Ä, dem Buche von Sun, von Sun gesagt:

Weil seine verborgenen Tugenden (Te*) droben sich kundgaben, darum wurde er mit dem Thron beauftragt. Er erfüllte selbst mit Sorgfalt die fünf Grundpflichten, und darum konnten diese auch von anderen befolgt werden. Und im Tsung Jung (XVII) sagt Konfuzius von diesem heihgen Herrscher:

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^.'jü^n^n.d^^n^^.iii^m^ #000 1^

"i^ Wi ^ ^J^^ ^ ^ ' ^^^^® Tugenden (Te') machten ihn zu einem Heiligen, und er ward deshalb der Ehre würdig, Sohn des Himmels zu sein. Wegen seiner höchsten Tugenden mußten ihm Thron, Glück, Ruhm und lange Lebensdauer zuteil werden. Also muß derjenige, welcher die höchsten Tugenden besitzt, der Vollmacht des Himmels teilhaftig werden.

Gleichfalls; wie im Su das Buch über „die Ratschläge des großen Jü" (s. S. 30) uns lehrt, verdankte dieser Stifter der Hia-Dynastie im 23. Jahrhundert v. Chr. den Thron aus- schließlich seiner hohen Vollkommenheit. Sein Ratgeber ^^ Ji' sprach zu ihm:

^ # ^. ^ ^ ra 1^. :)i» ^ T # !>-- Tugenden, o Kaiser, wirkten überall hin; du warst dadurch heilig, du warst göttlich und also den Militär- und Zivilaufgaben gewachsen. Der kaiserliche Himmel nahm es wahr und schenkte dir seine Vollmacht; somit ist jetzt alles, was zwischen den vier Meeren liegt, dein Eigentum, und du bist Herr über alles, was unter dem Himmel ist.

Und an ^fc^ T'ai-kia', den Nachfolger des ^ T'ang, des Grründers der j^ Sang -Dynastie, richtete, dem Su zu- folge, um 1753 V. Chr. sein großer Ratgeber "^ ^ I-jiii folgende Worte:

^ Jp^ffi (Buch ^^ T'ai Kia, III).

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Der Thron, den der Himmel verleiht, ist ein Thron der Mühsal! Aber hast du Tugend, so wird Ordnung sein; bist du jedoch ohne Tugend, so wird Verwirrung herrschen! Ist deine Regierung mit dem Tao in Einklang, dann wird fürwahr alles gedeihen,

Ist deine Tugend von Bestand, dann schützt sie deinen Thron; ist sie ohne Bestand, so werden dir die neun Besitztümer (Provinzen des Reichs) verloren gehen. Als die Herrscher des Hauses H i a nicht länger imstande waren Tugend zu üben, die Götter höhnten und das Volk grau- sam unterdrückten, da entzog ihnen der kaiserliche Himmel seinen Schutz ; sein Auge wanderte über die zehntausend Gegenden der Welt, um einen zu finden, dem er als Inhaber seiner Vollmacht seine Weisungen erteilen könnte; sein Blick suchte nach einem, der Tugend vom ersten Grade be- saß, um ihn zum Herrn über die Götter (S ö n) zu machen. Nur ich selbst und (dein Vater) T'ang besaßen zusammen den ersten Grad der Tugend und konnten deswegen des Himmels Wohlwollen genießen; und so kam es, daß er die leuchtende Vollmacht des Himmels empfing, mithin Inhaber der Herrschaft über die neun Besitztümer ward und den Kalender von H i a änderte. Es war nicht Parteinahme des Himmels für unser Haus Sang; 0 nein, er stand lediglich dem zur Seite, der an Tugend der allererste war. Auch war es dem Hause Sang nicht um die Gunst des niederen Volkes zu tun, sondern das Volk suchte Zuflucht bei dem Ersten an Tugend. Wenn deine Tugend vom ersten Grade ist, dann wird keine deiner Handlungen unglücklich verlaufen ; ist sie aber vom zweiten oder dritten Grade, so wirst du in keiner deiner Handlungen glücklich sein. Fürwahr, Glück und Un- glück kommen nicht zufällig über die Menschen; o nein, der Himmel sendet ihnen Unheil und Heil herab gemäß ihren Tugenden.

Jetzt .hast du, Thronfolger, in Demut die himmlische Vollmacht über- nommen; erneuere deine Tugend; ist das von Anfang bis Ende dein erster Zweck, dann wirst du sie sogar alltäglich erneuern. Die Regierungs- beamten werden sich dann nur vortreffliche Eigenschaften aneignen, und deine nächste Umgebung zur Rechten und zur Linken wird ihnen darin

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gleichkommen ; die Minister werden dann nach oben hin für die Erwerbung von (deinen) Tugenden, nach unten hin für das Volk leben.

Diesen Sätzen, welche klassisch sind und deshalb für die Kaiser Chinas immerdar heiliges Evangelium waren, liegt offen- sichtlich diese Auffassung zugrunde: spontan wie das Tao des Himmels, verbreitet die Person eines heiligen Kaisers, der die Eigenschaften oder Tugenden des Tao besitzt, seine Segnungen über die Menschheit. Auf Grund dieser selben Lehre hob Kon- fuzius, wie wir auf S. 51 gesehen haben, ausdrücklich hervor, daß die vortreffliche Regierung des großen Sun aus nichts anderem bestand, als daß er seine Person zum Gegenstand höchster Ehrfurcht machte und dann ohne Tätigkeit, ohne Ein- mischung in praktische Regierungsgeschäfte, also im Zustande des Wu-wei, auf dem Thron saß. Wu-wei ist demnach un- trennbar mit persönlicher Vollkommenheit oder Heiligkeit ver- knüpft, und Einfluß und Macht, sogar Allmacht, sind lediglich die natürlichen Folgen, die aus Wu-wei hervorgehen (s. S. 50). Es ist also durchaus verständlich, wenn Konfuzius sagt (Lun Jü, n, 1):

Wer durch Tugend die Regierung führt, der gleicht dem Polarstern: der steht unbeweglich an seinem Platze und wird deshalb von der Masse der (umkreisenden) Sterne geehrt.

Da taoistische Tugend das Ergebnis der Vertiefung in die Weisheit der heiligen Schriften ist, so ist in chinesischen Augen jeder, der sich mit dem Studium dieser Schriften befaßt, bereits auf dem Wege zur Vollkommenheit. Wer sehr weise und tugend- haft ist, der ist in der Sprache der klassischen und nicht- klassischen alten Schriften, ^ h i Ö n, und wird ein ^ -^ Kiün Tse genannt, was soviel bedeutet wie fürstliche, edle Person. Und wer die höchste Stufe der Weisheit und Tugend erreicht, also Heiligkeit besitzt, ist, wie wir gesehen (S. 57), täßn,

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tä'ing oder sing, ein Sen oder Gott. Es versteht sich von selbst, daß solche heilige Personen in erster Linie die Männer sind, die das Tao des Menschen auf Erden stifteten, also die ältesten Herrscher der chinesischen Überlieferung, die ^ ^ Fu'-hi, f^^ Sön-nung, ^ Huang, Jao, Sun, wie auch der große Jü, der die Hia- Dynastie gründete; sie alle, so glaubten die Chinesen jeder Zeit, verdankten ihren Thron von Himmels Gnaden lediglich nur ihrer hohen Vollkommenheit im Tao. Heihg ist natürlich auchT'ang, der Gründer der Sang- Dynastie, sowie dessen Ratgeber I-jin, denn man weiß es ganz bestimmt aus des letzteren eigenem Munde durch das §u (s. S. 70), daß beide die höchste Tugend besassen, und T*^ang auch gerade auf Grund seiner Vollkommenheit durch den Himmel zum Kaiser erkoren wurde. Endlich sind auch heihg die beiden Stifter der ^ Tsou-Dynastie (12. Jahrh. v. Chr.), ^ W6n und "^ Wu, denn sonst wäre auch ihnen nicht der Thron vom Himmel anvertraut. Es ist fast unnötig zu sagen, daß unter allen Heihgen Chinas Konfuzius die erste Stelle einnimmt. Ist ihm und seiner Schule doch die großartige Schöpfung der heihgen klassischen Bücher zu danken, durch welche die Mensch- heit die Lehren und Taten der Heiligen und Ahnen uralter Zeit kennen lernen kann, und die ihr also der einzige und un- schätzbare Wegweiser zur Weisheit und Tugend sind. Überdies sind durch die klassischen Schriften Aussprüche seiner Jünger überliefert, die ausdrücklich seine Heiligkeit bekunden. Wir lesen nämlich in Menzius (Buch ^^^ Kung-sun Ts'ou, I, 2),

Ts6-kung sprach: „Du studierst immerzu ohne Überdruß: das ist der Be- weis, daß du weise bist. Du unterrichtest, ohne müde zu werden; das zeigt, daß du Menschenliebe hast. Menschenliebe und dazu Weisheit o Meister, du bist heilig." Und Jiu-zo* sprach: „Ein Heiliger überragt seinesgleichen

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wie hohe Halme (? Garben?) niederes Gras (Stoppeln?); aber seit der Ent- stehung" des Volks hatte noch niemand eine höhere Vollkommenheit als Kon- fuzius." In der großsprecherischen Hymne, die sein Enkel Tsö-sß Konfuzius im Tsung Jung widmet, nennt er ihn ^^ Tßi- sing, den überheiligen; das ist in China der gebräuchhche Ehren- titel des großen Weltweisen geblieben bis auf den heutigen Tag.

An Heiligkeit kommt nach Konfuzius sofort der Mßng Ts6; der Verfasser des umfangreichen klassischen Buches, das als Titel seineA Namen führt und an Weisheit und Lehren der Alten ganz besonders reichhaltig ist. -Ihn pflegt man daher als S5 ae .i^ Sing, den zweitgrößten Heiligen, ZU bezeichnen. Heihg sind auch die drei größten Jünger des Konfuzius: ^[^ Jon Hui, "^-^ Tseng Tse und K'ung Ki' oder Tsö-sß (s. S. 25), der angebliche Verfasser des Tsung Jung. Die übrigen Jünger des Meisters gelten entweder als Kiün TsS (S. 71) oder bloß als Z u. Gelehrte (S. 65).

Wie im zweiten Kapitel schon aus vielen Textstellen klar hervorgegangen ist, findet in den alten Schriften der Ausdruck Sing, Heiliger, SO häufig Anwendung auf Herrscher, daß man zu der Annahme gelangen muß, daß Sing in der klassischen Zeit überhaupt als eine allgemeine Bezeichnung für Herrscher gilt. Diese Annahme entspricht auch durchaus der chinesischen Aufikssung; denn man. sagt sich, wen der Himmel überhaupt auf dem Throne duldet und schützt, der muß in sich schon den allerhöchsten Grad von Weisheit und Tugend vereinigen. Kuan Tse (Buch 18, bezw. Kap. 57) schreibt: ^^ M A

-{g^; der Sohn des Himmels ist ein heiliger Mensch. Und in den

Schriften von Ho' Kuan Tse (Kap. 10) lesen wir: Jl ^^ M^^^^W^^^'^ derjenige, der der Höchste ist an Weisheit und Tugend (Hi6n), ist der Sohn des Himmels; die nächstfolgenden an Weisheit und Tugend sind seine drei ersten Minister.

Bis auf den heutigen Tag läßt der Himmel ständig einen Heiligen in des Reiches Hauptstadt thronen, dessen himmlischer

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Auftrag es ist, das Tao des Himmels zu dem Tao der Menschen umzugestalten, und zwar durch eine Regierung, welche sich getreu an die Weisheit der alten heihgen Bücher hält, ferner durch sein persönliches vollkommenes Verhalten und durch die ständige Kundgebung seines heiligen Willens. Darum heißen seine Befehle ^^ sing Tsi, heilige Weisungen, seine Erlasse ^^ sing Jü, heilige Befehle, USW.

Der Heilige, der vollkommene Mensch, besitzt natürlich eine vollkommene S ö n oder Seele, d. h. seine Seele, sein Geist gleicht an Art völlig den sonstigen S ö n oder Gottheiten, deren Gesamtheit das Jang des Weltalls ausmachen; mit anderen Worten, er ist selbst eine Gottheit. Diese Anschauung findet sich in den klassischen Schriften ausdrücklich bestätigt. Men- zius (Buch ^ii^ Tsin Sin, H) sagt: Üffil^'^^:^^

j^gBJjlffl; wessen Heiligkeit man nicht begreifen kann, der ist ein Gott.

Ganz besonders befaßt sich mit dem Wesen der Heiligkeit und des Heiligen das Tsung Jung. Da steht geschrieben:

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mMz.mmz.nnzi^^^)-

Heiligkeit ist das Tao des Himmels, heilig werden und heilig machen das Tao des Menschen. Zur Heiligkeit gelangt man nur ohne Anstrengung; man erlangt sie nur unbewußt, und wer das Tao ohne Streben erreicht, ist der heilige Mensch. Man wird dadurch heilig, daß man das Gute erwählt und dann fest am Guten hält, (zu diesem Zwecke) umfassende Studien darüber macht, es durchforscht und danach fragt, sorgfältig darüber nach- denkt, es vernunftgemäß prüft und ernsthaft übt.

m^Tmmi^mitommzM:nmM

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In dieser Welt kann nur der Überheilige (wie Konfuzius) andere zn höherer Bildung bringen. Das Tao des Überheiligen ermöglicht es ihm, die Zukunft zu kennen. Wenn das Herrscherhaus seiner Blütezeit entgegen- geht, so erscheinen bestimmt gute Vorzeichen, böse dagegen, wenn ihm der Untergang bevorsteht. Solche Vorzeichen lassen sich durch Schafgarbe oder durch die Schildkröte erkennen, oder durch außerordentliche Zuckungen an den vier Gliedmaßen; aber wenn Schlimmes oder Gutes kommen wird, so weiß solch ein Heiliger das eine sowohl als das andere im voraus. Aus diesem Grunde ist der Überheilige den Göttern gleich.

tw m, # :s ii ifco -^ ^1» ft ^ i: m 2ö).

Der Heilige ist der, welcher sich von selbst vollkommen macht; sein Tao ist das Tao der Spotaneität. Aber nicht bloß vervollkommnet der Heilige sich selbst spontan, sondern er vervollkommnet auch die lebenden Wesen dadurch. Sich' selbst vervollkommnet er aus Liebe zur Menschheit, und andere Wesen durch seine Weisheit, denn diese Menschenliebe und diese Weisheit sind die Tugenden (Te*) seiner Natur (Sing). Sein Tao ist also ein Tao, das sowohl nach innen (auf ihn selbst) wirkt als nach außen (auf andere).

Wer so ist, der kann unwahrnehmbar bleiben und doch seinen Ein- fluß offenbaren; er kann, ohne sich zu rühren, Umwälzungen hervorrufen, und ohne sich zu regen Werke vollbringen.

Gewaltig ist des Heiligen Tao! Ist es nicht ein Meer der Meere? Den Zehntausenden von Wesen und Dingen verleiht es Werden und Er- halten. Bergesgleich gipfelt seine Erhabenheit im Himmel. Unermeß- lich ist seine Größe! Die dreihundert Hauptzeremonien für das mensch- liche Zusammenleben, die dreitausend Regeln für das Benehmen warten, bis der Mensch erscheint (der dieses Tao besitzt), um dann in Wirkung

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zu treten. Und deshalb sage ich: ohne die (Pflege der) höchsten Tugend (Te') wird das Tao nicht Wirklichkeit ! Und darum ist für den KiünTse das höchste Ziel, daß seine Natur sich Tugenden aneignet und sein Tao also im Studium besteht; er dehnt dieses Studium möglichst weit und er- schöpfend sogar bis in die feinsten Kleinigkeiten aus; dadurch führt er seine Intelligenz zum höchsten Höhepunkt hinauf und bewegt sich dann auf dem Wege zum Tsung Jung.

Die Bedeutung dieses Ausdrucks pfl ^ Tsung Jung, der auch dem ganzen heiligen Buche als Titel beigelegt wurde, ist unsicher und Gegenstand vielen Streits im Gelehrtentum gewesen. Zumeist wird er in seiner buchstäblichen Bedeutung „Anwendung der Mitte" aufgefaßt, ohne daß es den Ge- lehrten gelungen ist, die Bedeutung dieser „Mitte" in befrie- digender Weise klarzustellen; nach dem allgemeinen Glauben soll sie eine Art seelischen Gleichgewichts vorstellen. Jedoch obenstehender Auszug zeigt klar, daß sie die Vervollkommnung andeutet, zu welcher die Entwicklung der Tugend und der In- telhgenz den Menschen bringt, also den Zustand, der zur Heilig- keit führt oder schon die Heihgkeit selbst, das Tao, ist; des- halb ist gewiß die Frage berechtigt, ob diese „Mitte" oder pjl Tsung nicht das auf S. 40 erwähnte */1^ oder ^ Tsung, also schlechthin die Naturtugend der „Leere" oder Leiden- schaftslosigkeit von L a o T s 6 und Tsuang Tsö vorstellt, die ebenfalls zur Heiligkeit führt oder diese selbst ist. In der Tat steht es deutlich und klar im Tsung Jung (§1) geschrieben:

TzmM:i^om^m.^i«i^M.n<^'^M

Der Zustand, in dem Freude und Zorn, Leid und Vergnügen noch nicht er- weckt sind, heißt pQ Tsung; sind sie erweckt, und wird trotzdem ihre Bezwingung erzielt, dann heißt das Harmonie. Tsung ist das große Prin- zip dieser Welt, und Harmonie ist das alles durchdringende Tao der Welt. Führt man das Tsung und die Harmonie bis zum höchsten Grade hinauf, dann werden Himmel und Erde fest an ihrer Stelle bleiben, und da-

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durch werden die zehntausend Wesen uni Dinge geschaffen und erhalten!

Wenn also, wie wir hier lesen, Täung das Ruhen der Lei- denschaften bezeichnet und so hohe sittliche Kraft verleiht, daß sie das Universum in seiner schöpferischen Bahn zu halten vermag, dann können wir fürwahr nicht umhin, darin die T s u n g oder Leerheit zu erkennen, die große taoistische Natur- tugend, die den Menschen zur Heihgkeit und Allmacht führt. Und angesichts der Tatsache, daß die Bücher für das Studium und die Pflege des Tao der Heiligkeit die klassischen Bibeln des Konfuzianismus sind, und unter diesen das Tsung Jung kräftiger als alle anderen die taoistische Lehre der Vervoll- kommnung und Göttlichkeit, der Allwissenheit und übernatür- lichen Macht vertritt, welche durch die taoistischen Tugenden der Spontaneität, Leidenschaftslosigkeit und Regungslosigkeit erreicht werden, da kann es uns keineswegs verwundern, daß gerade dieses Tsung Jung unter den klassischen Büchern sehr hoch angeschrieben ist, und daß seinem Verfasser eine Stelle unter den vier Heiligen der konfuzianischen Schule zu- erkannt ist.

Also erkennt die Lehre des Konfuzius, ebensowohl wie der Taoismus oder Universismus, die Einschränkung und Ruhe der Leidenschaften als das große Hauptmittel zur Erreichung des Tao der Tugend, Weisheit und Macht. Das Tsung Jung verbreitet sich jedoch nicht über die Art und Weise, wie diese Einschränkung geschehen soll. Aber in einem anderen klassi- schen Buch, dem uns bekannten Li J u n, ist ein System darüber aufgestellt, das von Konfuzius selbst herrühren soll. Wie wir schon auf S. 26 gesehen haben, erklärte dieser Weise, daß die Herrscher in alter Zeit vom Himmel selbst das Tao in der Gestalt von Lebensregeln oder Li empfingen und mittels der- selben die Leidenschaften der Menschen beherrschten und re- gelten. Damit ist eine strenge Durchführung dieser heiligen, klassischen L i im sittUchen, religiösen, häuslichen und sozialen

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Leben der chinesischen Regierung als hohe Pflicht für alle Zeit auferlegt. Und so war immer das Ministerium der L i, das seit verschiedenen Jahrhunderten den Namen jj^ ^ L i P u führt, von selbst eines der allerwichtigsten Staatsinstitute und unter den zwei letzten Dynastien das vornehmste der sechs Pu. Ebenso wie die Li selbst, ist es eine Institution des Uni- versismus.

Aber nicht bloß durch die Li und die Tugenden, welche sie erzeugen, soll, dem Li Jun zufolge, die Zügelung der Leidenschaften erreicht werden. Noch eine Reihe anderer Tu- genden muß man zu diesem Zwecke pflegen und üben. Im 2. Kapitel lesen wir:

zAmoooMAzmm^ä'tm.i^-^m.m

Welches sind die menschlichen Leidenschaften? Es sind Freude, Zorn, Leid, Angst, Liebe, Abscheu, Begierde. Da bedarf es erst keines Studiums, daß diese Sieben ihre Macht ausüben. Welches sind nun die menschlichen Pflichten? Es sind Vaterliebe, Unterwürfigkeit und die anderen Pflichten des Kindes gegenüber den Eltern; Sanftmut des älteren Bruders gegenüber den jüngeren, Folgsamkeit des jüngeren Bruders gegenüber den älteren; Pflichtgefühl des Mannes gegenüber der Ehefrau, Gehorsamkeit seitens der Frau ihrem Manne gegenüber; Wohlwollen der Älteren gegenüber den Jüngeren, Willfährigkeit der Jüngeren gegenüber den Älteren; Menschen- liebe des Fürsten, Treue des Untertans; das sind die zehn Pflichten der Menschen. Der Heilige (der Herrscher) regelt die sieben Leidenschaften, indem er die zehn Pflichten fördert, indem er Treue und Folgsamkeit pre- digt, Eintracht pflegt, Sanftmut und Nachgiebigkeit hochhält, dagegen Zwist und Raub aus der Welt schaff't. Wie soll er jedoch diese Aufgabe voll- bringen, wenn er die Li außer Acht läßt?

SchließHch spricht eins der Bücher des Li Ki, das ^ Jo Ki, Schriften über Musik, im 1. Kapitel die Forderung aus, die Leidenschaften mit Hilfe der Musik zu bändigen:

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^^^ffiiÄ>^^>SjE'tfc' ^^® früheren Herrscher re- gelten die Li und die Musik, und die Menschen bezwangen infolgedessen ihre Leidenschaften. Sie lehrten mittels der Li und der Musik das Volk, seine Vorlieben und Abneigungen im Gleichgewicht zu halten und in die wahre Richtung des menschlichen Tao zurückzukehren.

Da der Kaiser heilig ist, ist er ein Gott, und seine Re- gierung ist daher eine göttliche. Er ist aber viel mehr als ein gewöhnlicher Gott, denn wir haben im Su gelesen (S. 70), daß der Himmel, als er T ' a n g für den Kaiserthron erkor, ihn zum W$i §ön Tsu, zum Herrn der Götter, machte. Also hat der Kaiser, infolge eines unumstößlichen klassischen Dogmas, eine Stelle über den Göttern inne, und kein anderer Gott steht über ihm außer dem Himmel, seinem Vater und der Erde, seiner Mutter, deren Zusammenwirkung er, wie jedes lebende Wesen, seine Entstehung verdankt.

Dieser Lehre entsprechend, trifft der Kaiser die Ent- scheidung darüber, welche Götter Verehrung genießen sollen. Er ernennt neue, erteilt ihnen Ehrennamen, erhöht ihren Rang, oder setzt sie ab und verbietet ihre Verehrung. Die Rache der betroffenen Götter braucht er hierbei nicht zu fürchten, denn auch des mächtigsten Gottes Macht ist nichts im Vergleich zu der des Himmels, nach dessen allerhöchstem Willen der Sohn des Himmels die Herrschaft über alles, was unter dem Himmel ist, ausübt, es sei denn, daß er sich infolge Vernachlässigung der kaiserlichen Pflichten oder Verlust seiner Tugenden den Schutz des Himmels verscherzt. Die chinesischen Geschichts- bücher aller Zeiten enthalten viele Beispiele, daß Mandarine als Vertreter der kaiserlichen Macht sogenannte '^ JJiß Jin So, ketzerische Opferstätten, zerstört haben, wobei die Götterbilder zer- trümmert, die Tempel niedergerissen und sogar die Priester ge- prügelt wurden. Man liest auch von Fällen, wo diese Maß-

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nahüien auf direkten kaiserlichen Befehl in der Hauptstadt des Reichs vollzogen wurden. Häufig genug werden solche Fälle erwähnt, um die Annahme zu rechtfertigen, daß sie im Laufe der Jahrhunderte an der Tag^ordnung gestanden haben.

Genau wie ein ältester Sohn im gewöhnlichen Leben Ver- körperung und Fortsetzer der Seele, des Geistes und des Willens seines Vaters ist, so ist jeder Kaiser die Verkörperung des himmHschen Ta o. Der Titel ^-^ T'iönTse, Sohn des Himmels, den die Kaiser bereits seit den ältesten uns bekannten Zeiten tragen, besagt daher, daß der Kaiser nicht nur von Himmels Gnaden, sondern auch als Verkörperung der Seele des Himmels das ganze Weltall regiert.

Wohin dieses rehgiöse und politische Dogma notwendiger- weise weiter führen muß, läßt sich leicht verstehen. Wenn der Kaiser seine taoistischen Obliegenheiten gründlich erfüllt, indem er sich dem T a o des Himmels anpaßt und ihm nachahmt, und vermöge seiner hierdurch erlangten Tugenden so gut und er- folgreich regiert, daß das Volk glücklich lebt, dann ist er all- mächtig wie das himmlische Tao selbst und thront himmel- hoch über seinen Ministern und der Menschenwelt als Mittler, durch den das Tao des Himmels seinen Segen auf die Welt überströmen läßt. Kuan Tsö schrieb:

ffii ^ W iS il ^ "^^ (Buch 10, bezw. Kap. 30). Das Tao ist dasjenige, wodurch der Höchste das Volk leitet. Somit entstrahlen die segenspendenden Wirkungen (Te*) des Tao der Person des Fürsten; seine Befehle und Anordnungen übertragen dieselben auf den Reichs Verwalter; von diesem werden sie als Amtspflichten dem Beamtentum auferlegt; die Aufgabe des Volkes besteht wiederum darin, im Einklang mit den An- ordnungen der Beamten, seine Arbeit zu verrichten. Ein Herrscher, der im Besitze des Tao ist, weiß seine Tugenden (T e') in der wahren

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Richtung wirken zu lassen und durch sie das Volk zu regieren, ohne daß dabei von Weisheit, Macht, Verstand oder Vernunft die Rede zu sein braucht.

^ S ^ T ffo^ ^ ^ i;, ^ T ^W# rfij3E

-tfco#^:Si:. Ä*^g^ (B^ch 1, bezw. Kap. 2).

Wer die ganze Welt als Fürst regieren will, aber das T a o des Himmels verliert, dem wird das Regieren der Welt nicht gelingen. Hat er sich aber das T a o des Himmels angeeignet, dann wird dieses Werk ganz wie von selbst vonstatten gehen.

z.mmmm^ZoiikB.Mi^^^AM

^>l:5R^ÄA^# (B-ioli 20, bezw. Kap. 64).

Das Volk folgt demjenigen, der das Tao besitzt, gleichwie der Hungrige vor allen Dingen Speise, der Frierende Kleidung, der unter Hitze Leidende Schatten sucht. Wer das Tao besitzt, zu dem nimmt das Volk seine Zu- flucht; wer aber ohne Tao ist, den läßt das Volk im Stich. Deshalb sage ich: wen das Tao verläßt, zu dem kommt niemand; zu wem aber das Tao gekommen ist, den verläßt niemand.

Die gleiche Lehre ist im Tao T e ' King in dem folgen- den Vers ausgesprochen :

Wer am höchsten Vorbild (am Tao) festhält, zu dem geht alle Welt; geht sie zu ihm, dann ist sie außer dem Bereich des Bösen und genießt größte Ruhe und Frieden.

^3E^il^^.|l#I#i«(§ 32). wenn ein Fürst es (sein Tao) zu wahren vermag, dann werden die zehntausend Wesen von selbst sich zu ihm begeben.

Das S u überhefert verschiedene Ermahnungen, die an re- gierende Kaiser gerichtet wurden und die sich nur aus der ge- schilderten Anschauung heraus verstehen lassen. So sprach im 23. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zum großen J ü sein Ratgeber Ji' (Ratschläge des Jü): g M ^> i^ "T* W itt

^ ^ ; handle niemals wider das Tao und erwirb dir dadurch den De Groot, Universismus. 6

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Schutz, den das Lob des Volks gewährt. Fünf Jahrhunderte später, nach dem Sturz der Hia-Dynastie, empfing T 'ang, der Gründer des neuen Herrscherhauses, von einem Minister eine Reihe Er- mahnungen, die mit dem folgenden Rat schloß (Buch ^PJJ J^

;^f^, Ansprache des Tsung-hui): ^M^^^W^"^^^

Achte und ehre das T a o des Himmels, und für alle Zeiten wirst du (deinem Hause) die Vollmacht des Himmels sichern. Um 1323 v. Chr. sprach zum Kaiser ^~J^ Wu-ting einer seiner Minister (Buch g^ ^ JuS'-ming, II): 59 J^ $ ^ ^ ^, der weise Herrscher nimmt ehrfurchtsvoll das T a o des Himmels in Empfang und handelt in Einklang mit demselben. Schließlich seien noch die Worte erwähnt, die ein Minister an den Kaiser Wu, den ersten Herrscher des Hauses Tsou, richtete (Buch Jß^ LüNgao): ^> ]?X ^

^^ ^^ IM ^";fö>, laß deinen Willen in friedlichem Einklang mit dem T a o, deine Worte in Übereinstimmung mit dem T a o sein.

Eine vortreffliche und feste Regierung bedeutet also nach chinesischer Auffassung die Herrschaft des Tao des Himmels auf Erden; . daher gebrauchen die klassischen und, anderen Schriften, wenn von guter Regierung die Rede ist, den Ausdruck H '^ S' ®^ herrscht T a o im Staate, und umgekehrt |^ fß^ ^, es mangelt an Tao im Staate. Das T a 0 konzentriert sich also zu- nächst in der Person des Herrschers, dessen Thron sich nur infolge dessen durch die Unterstützung des Himmels aufrecht erhalten kann ; vom Herrscher soll es auf die Beamtenschaft übergehen, das heißt, er soll ihr Weisungen und Befehle erteilen, die bloß dem Tao der heihgen Bücher entsprechen, und die Beamten sollen mittels dieser Weisungen eine segensreiche Verwaltung über das Volk führen. Auf diese Weise richtet sich alles nach dem "^ ^, dem großen Vorbilde der Natur, die auch durch die Mittlertätigkeit der Erde die Segnungen des Himmels den lebenden Wesen spendet, und somit sagt Kuan Tsö (Buch 15, bezw. Kap. 45):

O ! der Herrscher vertritt den Himmel, die Beamtenschaft die Erde, und das

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Volk stellt die ganze lebendige Welt dar. Wenn die Regierung genau so dem Weltall gleicht, dann wird alles, was lebt und atmet, sich ebenso schweigsam dem Kaiser und seinen Mandarinen unterwerfen wie der schöpferischen und alles ernährenden Wirkung des Himmels und der Erde das ist das unerschiltter- liche Gesetz des Tao des Menschen, so unerschütterlich wie die Tatsache, daß das Weltall aus Himmel, Erde und lebenden Wesen besteht.

Weiter folgt aus dieser universistischen Staatsauffassung, daß dem hohen Träger des himmlischen Tao der unbedingte Gehorsam der gesamten Erde gebührt. Es spielen also nach chinesischer Auffassung andere Herrscher außer dein cliiiiesischen Kaiser nur die Rolle von Vasallenfürsten oder Siiittl *...L^i.n; sogar die mächtigsten Herrscher des Abendlandes sind dem Kaiser von China Gehorsam und Untertänigkeit schuldig, und wenn sie das nicht einsehen, liegt es wohl daran, daß sie weder das Tao des Weltalls, noch das Tao der Menschheit kennen. Nichts- destoweniger ist die absolute Oberhoheit des Sohnes des Himmels über die ganze Welt das höchste Grundprinzip der chi- nesischen Staatsphilosophie, und sie ist eine Oberhoheit, genau so absolut wie die Oberhoheit des Himmels im Weltall, der sich die Erde und alles, was sie trägt und gebärt, bedingungslos unterwirft.

Dem Staatsprinzip der unbeschränkten kaiserlichen Ge- walt gab Kuan Tsö in den folgenden Worten Ausdruck (Buch 15, bezw. Kap. 45):

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Jeder ist in seine amtliche Stelle eingesetzt, um auf die Befehle des Fürsten zu warten; wie könnte es da Staatsdienern oder Männern aus dem Volke einfallen, daß jeder nach eigenem Belieben seine private Will- kür herrschen ließe! Darum bleibt von Schuld und Strafe jedermann frei, der nach dem Willen des Herrschers handelt, auch wenn er diesem dadurch Unheil zufügt oder ihn gar zugrunde richtet; wer aber nicht nach den Be- fehlen des Herrschers handelt, der verdient Todesstrafe, sogar wenn er Er- folge erzielt hat, die im Interesse des Herrschers sind. Daher müssen die Untertanen ihren Vorgesetzten dienen, wie das Echo der Stimme entspricht; daher müssen die Staatsdiener dem Gebieter dienen, wie der Schatten dem Körper folgt; wenn so die Vorgesetzten befehlen und die Untertanen ihren Befehlen nachkommen, und die Staatsdiener sich nach dem Benehmen des Herrschers richten, so ist das das Tao der Regierung.

Diese dem Himmel entlehnte kaiserliche Autokratie ist tatsächlich ohne Grenzen und Einschränkung. Besonders klar kommt sie im Grundsatz zum Ausdruck: ^ ^ 7^ ^ ^, der Sohn des Himmels ist Eigentümer von allem, was unter dem Himmel ist. Seine Beamten und Untertanen sind tatsächlich seine Sklaven; ihr Leben, Hab und Gut sind sein Eigentum, und er darf dem- gemäß nach Belieben jederzeit ihre Besitzungen sich aneignen. Hunderttausende von Menschen mußten in allen Epochen der chinesischen Geschichte auf kaiserlichen Befehl Frohndienste leisten auf diese Weise entstanden Chinas Paläste, Festungen, Mauern und Wälle, Tempel und Altäre der Staatsreligion und Grabdenkmäler. Bis zum jetzigen Augenblick herrscht in China ein System der Besteuerung, das unseren Ansichten nach, mehr oder weniger auf Erpressung und Konfiszierung hinauskommt. „Squeeze" nennen die Ausländer in China dieses System, ohne indes den durchaus berechtigten universistischen Gedanken zu begreifen, der ihm zugrunde liegt.

Aus den universistischen Voraussetzungen ergibt sich auch, daß für den Chinesen zwischen der himmlischen Person des Kaisers und allen übrigen Menschen, selbst den höchsten und ersten Ministern, ein gerade so ungeheurer Abstand liegt wie zwischen Himmel und Erde. Wenn immer Minister, und

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seien es die höchsten, in Gegenwart des Kaisers erscheinen, Befehle von ihm in Empfang zu nehmen oder ihm Glückwünsche darzubringen haben, so sind sie genau wie der gemeinste Un- tertan des Reiches verpflichtet, die höchste Huldigung darzu- bringen, die China kennt, und die gleichzeitig auch die Form der Götterverehrung ist, nämlich den dreifachen Fußfall, ver- bunden mit dem neunfachen Stirnaufschlag, dem K'o-tVo. Diesen ungeheuren Abstand kann der Kaiser durch seine Gnade über- brücken, grundsätzlich soll er aber gewahrt bleiben, denn so will es das T a o der Welt.

So stellt sich die kaiserliche Regierung Chinas dar als höchstes Institut des Tao der Menschheit, als eine Schöpfung der Weltordnung, als eine Maschine, die dazu bestimmt ist, die Menschheit mittels weiser Maßnahmen und Gesetze im Tao zu leiten, in der allein richtigen Bahn, in der sich das Universum selbst bewegt. Die Bibeln dieses Regierungssystems sind die klassischen konfuzianischen Bücher, die als das Erzeugnis der universistischen Weltanschauung gelten; und auch aus dieser Tatsache ergibt sich, daß die konfuzianische Regierung Chinas, wie sie seit der Han-Zeit existiert hat, eine universistische Re- gierung ist.

Viertes Kapitel,

Heiligkeit durch Askese und Absonderung ron der Welt. LebensYerlängerung, Exorzismus, Heilkunde.

Aus den klassischen Büchern des Konfuzianismus und den Schriften der Erzväter des Taoismus haben wir in den beiden vorhergehenden Kapiteln eine Reihe von Textauszügen angeführt, die in voller Klarheit zeigen, daß in dem langen Zeitraum, welcher diese Dokumente hervorgebracht hat, eine starke Neigung zur Askese vorherrschte. In der Tat war der Zustand der Vollkommenheit, Heiligkeit oder Göttlichkeit nur zu erreichen durch Loslösung von Leidenschaften, Begierden und Wünschen, durch Gleichgültigkeit gegenüber der Lust und Last des Daseins, durch Quietismus und Regungslosigkeit; notwendig mußte das zur Absonderung von der menschlichen Welt führen.

Auf einem der vielen Blätter, wo T s u a n g T s 6 die hohe Bedeutung der Leerheit, der Stille, des Wu Wei usw. bespricht, durch die auch J a o und Sun allervortrefflichst regierten, lesen wir (Buch 5, bezw. Kap. 13): ÜJijit ^ M M ^ M U M

j 1 1 i)K J^ -^ HB ; aus diesem Grunde ergaben sich (der Pflege des Tao) die Si, welche zurückgezogen lebten und müßig an Flüssen und Seen, auf Bergen und in Wäldern herumirrten. Also gab CS im alten China Einsiedler und Klausner; jedoch Tsuang erklärt nach- drücklich, daß auch ohne Absonderung von der Welt Heiligkeit

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zu erlangen sei, wenn nur der Mensch, in getreulicher Befol- gung des T a 0 des Weltalls, , davon Abstand nimmt, seine Tu- genden und Vortrefflichkeiten, seine Person und seine Weisheit wissentlich und wohlbewußt zu zeigen. Wir lesen nämlich in Buch 6, bezw. Kap. 16, des Nan-hua täön King:

ffij ^bJ-lfc.^ Ü Ä ^ tfij^H-tfc- Das Tao hat gar keinen Anlaß zur Erstrebung eines hohen Platzes bei der Menschheit, und somit liat auch die Menschheit keine Ursache, sich (durch tätige Anstrengung) zum Tao emporzuarbeiten. Also verbirgt der heilige Mensch, auch wenn er nicht in Bergwäldern wohnt, seine Tugenden, und weil seine Tugenden verborgen bleiben, braucht er nicht seinePerson zu verstecken. Die Menschen, welche die Alten „S i der Verborgenheit" nannten, die haben keineswegs ihre Person in der Verborgenheit gehalten, aber sie haben sich auch nicht hervorgedrängt; ihren Mund haben sie zwar nicht geschlossen, aber sie haben sich auch nicht geäußert; ihre Weisheit haben sie nicht versteckt gehalten, jedoch sie haben sie auch nicht zur Schau gestellt.

Tsuang Tse selbst führte das zurückgezogene Leben, das er in seinen Schriften erwähnt. Der große Geschichts- schreiber ^ il| ^ Se-ma Ts'iön des 2. Jahrh. v. Chr. schreibt im ^ Si Ki (Kap. 63) folgendes von ihm:

mm^m^mw.mmmm.mz.mi>i

zm'¥^omi^zmm.^B^mi>xAis: m.nmz^M'^nMm.M'^n^o'f-M ^.mnn.n^mmnmz^^^.Mi^

^ ffl * ^Jf ^o ^ ^ :?i ti: . « '^ ^ ^^ 1 '^«"■^ ^'«'

von Ts'u hatte von der großen Weisheit und Tugend Tsuang Tsou's gehört und sandte einen Boten zu ihm mit reichen Gescheuken, um ihn zu holen und ihm die Anstellung als Reichsverweser zu versprechen. Aber Tsuang Tsou lachte und sprach zum Boten: „Hast du allein nie den

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Ochsen gresehen, der für das Opfer im Vorstadtgelände bestimmt war? Jahre- lang wird er gefüttert, dann mit seidengestickten Decken behängt und in den großen Ahnentempel geführt; doch wenn die Zeit des Opfers gekommen ist, dann mag er wohl wünschen, lieber ein vereinsamtes Schwein zu sein; aber kann dieser Wunsch in Erfüllung gehen? Gehe rasch fort von mir, damit nichts (Stoffliches) mich besudle ; wohl will ich mich (wie ein Schwein) im schlammigen Graben gemütlich ergehen, aber keineswegs mir vom In- haber eines Reiches Zügel anlegen lassen. Bis an mein Lebensende werde ich jedes Amt von der Hand weisen und so gemächlich meinem eigenen Willen folgen."

Die Schriften des TsuangTse bieten uns auch wissens- werte Einzelheiten über die Art und Weise, wie die Heiligkeits- sucher die Erlösungsaskese übten. Wir lesen da im Buch 3, bezw. Kap. 6:

AZM:mmmAZ:^,^mmmz.}»:m M^nmA^oZ-m.iiimAZMi^mA

Z^i'^S^o

Nan-po'-tsö-kwei sprach zu Nu -jü: „Herr, du bist so alt an Jahren, und doch ist deine Hautfarbe wie die eines kleinen Kindes, wie kommt das?" Die Antwort lautete: „Ich habe das Tao gelernt!" Da fragte Nan- po'-tsö-kwei: „Kann man das Tao erlernen?" Da erwiderte jener: „Ja, ja, das kann man, jedoch du bist nicht die dazu geeignete Person. Der Po'-liang-k'i, der hatte die Begabung der Heiligen, allein nicht ihr Tao; ich dagegen besitze das Tao der Heiligen, jedoch nicht ihre Begabung, und ich hatte Lust daran, ihn das Tao zu lehren, denn wäre dies nicht eine schöne Gelegenheit, ihn wirklich zu einem Heiligen zu machen? Aber dem war nicht so, so leicht es auch ist, vermittelst des Tao der Heiligen einen, der die Begabung der Heiligen besitzt, zu belehren.

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„Also überwachte ich ihn und ich belehrte ihn, und in drei Tagen war er imstande, sich der Welt, die unter dem Himmel liegt, zu entäußern. Nachdem er sich dieser Welt entäußert hatte, überwachte ich ihn abermals, und nach sieben Tagen hatte er sich des Stofflichen entäußert. Außerhalb des Stoffs angelangt, überwachte ich ihn von neuem neun Tage, und da konnte er aus seinem lebenden Dasein heraustreten. In diesem Zustande vermochte er alles mit der Klarheit des Morgenlichts zu durchschauen. Im Besitze dieser morgenhellen Sehkraft konnte er sich unabhängig von allen Dingen sehen; so selbständig geworden, gab es für ihn keine Vergangenheit und keine Gegenwart mehr; über Vergangenheit und Gegenwart erhaben, vermochte er in einen Zustand einzutreten, in dem er nicht tot war und auch nicht lebte. Er hatte also das Leben getötet, und war dennoch nicht tot; er lebte das Leben und lebte dennoch nicht; er war ein stoffliches Wesen, das alles tat und mit jedermann in Verkehr war, und doch war alles für ihn zunichte geworden, und doch brachte er alles zustande. Dieser Zustand heißt Ml ^^ ,von der Ruhe umschlungen', eine Umschlungen- heit, der die Vollkommenheit folgt".

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Darauf sprach Nan-po'-tsö-kwei: „Hast du selbständig das Tao gelernt?" Die Antwort war: „Ich lernte es vom Sohne des Fu-mo*; dieser lernte es vom Enkel des Lo'-sung, und dieser lernte es von ... es folgen hier acht weitere Namen von Personen, die einander das Tao übertrugen.

Diese Zeilen sind äußerst lehrreich. Sie besagen, daß vöUige Loslösung vom stofflichen Dasein sich durch die Be- arbeitung und Belehrung eines Meisters zustande bringen ließ,

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d. h. durch Unterwerfung des eigenen Geistes unter den des Meisters, also durch Hypnose. Der Taoist, der diese Kunstbe- arbeitung durchgemacht, verlor am Ende jedes Bewußtsein vom Dasein einer stofflichen Welt, jeden Begriff von Zeit; in Selbst- vergessenheit versunken, der Sinneswelt entrückt, unempfindlich gegen äußere Eindrücke, weder tot, noch lebendig, befand er sich in einer höheren Sphäre leidenschaftsloser Ruhe, im Zu- stande eines Sehers, mit allmächtiger Zauberkraft begabt. Die Geheimkunst war das Eigentum von Eingeweihten, die sie einander übertrugen. Den stoischen Charakter dieser Erlösungs- askese zeigt uns auch noch der folgende Lehrsatz, den wir gleichfalls bei Tsuang Tsö finden (Buch 4, bezw. Kap. 11:

^Wc ^^ zM- Schüler, bleibt doch regungslos, die stoffliche Welt wird schon von selbst sich entwickeln. Werft euren Leib ab, speit eure Vernunft aus, vergeßt eure Beziehungen zu der Materie, macht euch g<änzlich dem unbe- grenzten Äther gleich, macht euch frei von euren Gefühlen und löst eure Seele (Sön) auf; seid nichts und habt keine zeitliche Lebensseele!

Diese Erlösungs- und Heiligkeitsaskese mit einem so transzendentalen, außer- und überweltlichen Ideal spielte gewiß nicht bloß im Hirn einer kleinen Anzahl Träumer und Denker eine theoretische Rolle. Hätte sie nur beschränkte Kreise um- faßt, gewiß würden wir dann nicht in den klassischen und anderen alten Schriften vergebhch nach Überresten anderer Theorien und Denkweisen über Vervollkommnung und Seligkeit suchen. Nun sind wir zu der Annahme gezwungen, daß über- haupt nur ein einziges katholisches System dieser Art bestand, welches das ganze denkende Element des alten China umfaßte und auch sicherlich eine Anzahl von Zeloten erzeugte, welche die Disziplin des Systems in Einsamkeit praktisch befolgten. Tsuang hat uns zweimal diese Asketen als 3t ^ ^ vorgeführt (S. 86 u. 87), ein Wort, das den Begrifi" eines „Weisen" entspricht,

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und bis zum heutigen Tag ist ^ ;j:; Tao §i, Weise des Tao, zur Andeutung der taoistischen Geistlichkeit der gebräuchlichste Ausdruck geblieben. Auch imTao Te' King werden sie er- wähnt, wo wir lesen:

lassen sich Weise der besten Sorte im Tao unterrichten, dann übep sie es eifrig. Mittelmäßige Weise, die das Tao lernen, behalten es oder lassen es verloren gehen. Aber werden Weise der niederen Sorte im Tao unterrichtet, dann verlachen sie es laut; würden aber diese Leute es nicht verlachen, dann wäre es nicht wert, als Tao betrachtet zu werden.

Wimm.mmzi^mo9hm^,m^mzm

■^W^ wC ^^ ■^' -Diejenigen der Urzeit, welche die Fähigkeit besaßen, Weise zu werden, hatten bis in die allerkleinsten Feinheiten eine Einsicht in das Mysteriöse, die so tief ging, daß wir es zu begreifen nicht imstande sind. Ja wahrlich, das geht über unseren Begrifif, und deshalb bin ich ge- zwungen, nur ihr Aussehen zu schildern. Sie glichen einem, der im Winter einen Strom durchwatet, einem, der vor seinen vier Nachbarn bangt, als ein Fremdling unter ihnen weilt, verschwommen wie hinwegschmelzendes Eis und doch fest wie solides Holz, breit und geräumig wie ein Flußtal, wie trübes Wasser, dessen Schlamm sich absetzt. Wer vermag es, seinen Schlamm abzusetzen? derjenige, der sich vermittelst Ruhe und Stille langsam reinigt. Und wer* vermag es, Ruhe zu haben? der seine Handlungen über einen laugen Zeitraum verteilt und hierdurch sein Leben verlangsamt. Wer sich diese Lebensdisziplin (Tao) sichert, der hat das Verlangen nicht, von sich selbst erfüllt zu sein (s. S. 43); und fürwahr, ist man nicht von sich selbst erfüllt, dann vermag man, sich zu verdecken und weiter nichts Tätiges mehr zu leisten.

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Eine solche Beschreibung des leidenschaftslosen Asketen, der, der Welt entfremdet und von ihr losgelöst, scheu, ver- einsamt, empfindungslos, ohne Beschäftigung oder Beruf, ver- lassen dasteht, gibt Lac Tse von sich selbst im Tao Te' King (§20):

m.nmf^mo^^^^m.m^^Mito^A w^m.mnmm.i^monmMMAt^n

^^^"Sr. Alle Menschen gehen ihrem Vergnügen nach, , ziehen dahin, wo ein großer Ochse (dem Himmel, der Erde oder den Ahnen) geopfert wird, und besteigen Aussichtsterrassen im Frühling, während ich allein dastehe, ohne mich durch irgend etwas zu äußern einem Kinde gleich, das noch nicht einmal lächeln kann (^^ = 0^)' ^^^ lehe, wie es die Umstände wollen, wie einer ohne Heim. Alle andern haben mehr als sie brauchen, ich aber stehe vereinsamt da, wie ein verlorenes Wesen. Mein Herz ist das eines dummen Menschen! alles ist mir so vage und verschwommen. Die Menschen aus dem Volke haben einen klaren Geist, während in mir allein Dunkelheit herrscht; sie sind scharfsinnig, während in mir allein alles Trübsal ist. Ich werde umhergeschleudert wie auf hoher See; ich treibe hin und her, ohne Ruhestätte. Alle Menschen haben ihre Beschäftigungen, nur ich allein bin dazu nicht geschaffen und bin dem Paria gleich. Ganz abseits stehe ich von den anderen Menschen, aber mir ist fes das höchste Gut, mich von meiner Mutter (dem Weltall, dem Tao) zu nähren.

Auch von Se-ma Ts'ien erfahren wir, daß Lao Tsö von der Welt abgeschieden lebte. Dieser schreibt (Si Ki; Kap. 63):

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^

Konfuzius war nach Tsou gereist, um Lao Tsö über die Lebens- regeln (Li) zu befragen. Dieser sprach: „Ihrer Lehre nach wird, wenn der Mensch mit seinen Gebeinen verwest ist, nur seine Lehre übrig bleiben; ferner soll der Kiün Tsö (wie ein Großer) im Wagen fahren, wenn er dazu Gelegenheit hat, dagegen, wenn er die Gelegenheit nicht findet, wie eine verwehte Wüstenpflanze umherirren. Ich aber habe gelernt, daß der gute Kaufmann seine Habe tief versteckt, und sich so den Anschein gibt, als besitze er nichts, und daß ebenso der Kiün Tsö, der voller Tugend ist, sich den Anschein der Dummheit gibt. Wirf deinen Hochmut und deine vielen Bestrebungen fort, und deine Prahlsucht und dein ungezügeltes Wollen solche Dinge sind für deine Person ohne Vorteil. Das ist alles, was ich dich zu lehren habe."

Konfuzius ging und sprach zu seinen Schülern: „Wir wissen es, daß Vögel fliegen, Fische schwimmen, Vierfüßler laufen; laufenden Tieren kann man Netze stellen, schwimmenden Schlingen legen, für fliegende Tiere mit Zwirn versehene Pfeile machen. Aber was den Drachen anbetrifi't, so können wir es nicht fassen, wie er auf Wind und Wolken zum Himmel auf- steigt. Heute haben wir Lao Tsö gesehen; ist der nicht wie ein Drache?"

Lao Tsö übte das Tao und dessen Tugenden (Te*); für seine Schule war das Hauptbestreben, sich selbst verborgen zu halten und keinen Ruf oder Namen zu haben. Lao Tsö war ein Kiün Tsö, der in der Ver- borgenheit lebte.

Bekanntlicli war Konfuzius ein Staatsdiener seines Heimat- landes ^ Lu, und also, wie auch aus den harten Worten hervorgeht, welche Lao ihm sagte, gewiß kein Eiferer für

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eine strenge asketische Lebensführung; am allerwenigsten ein Einsiedler. Dennoch gibt die bloße Tatsache, daß er eine lange Reise machte, um Lao Tsö ehrfurchtsvoll zu besuchen, uns zu denken, zumal wir noch dazu durch das Tsung Jung, das sein eigener Enkel, der heilige Tsö-sö, schrieb, erfahren, daß er selbst das Prinzip der Zurückgezogenheit als besonders verdienstKch lobte. Wir lesen da:

^ il :2 . # ^ :S S: ^. tfii 1 (§§ 11 «nd 12). di« v«.

borgenheit zu suchen und da Wunderwerke zu verrichten, so daß die Nach- kommen davon zu erzählen haben, solche Dinge tue ich nicht! Der Kiün Tsö wandelt im Tao, und auf halbem Wege ihn zu verlassen, das kann ich nicht! Der Kiün Ts6 hat seinen Halt am Tsung Jung (s. S. 76); sich aus der Welt zurückziehen und sein Wissen verborgen halten, ohne darüber Bedauern zu empfinden, o, das kann nur der Heilige. Das Tao des Kiün Tsö spendet, aber er hält sich verborgen.

H"Ü0#^:S^:^tffii;fP(§ 33). Das Tao des Kiün Tsö ist verborgen, dennoch glänzt es alltäglich; das Tao des geringen Menschen aber ist sichtbar, vergeht jedoch von Tag zu Tag. Das Tao des Kiün Tse ist die Gleichgültigkeit, und deshalb wird er desselben nie überdrüssig.

Folgender, im Lun (Kap. 8, § 13) erwähnter Aus- spruch von Konfuzius weist auch darauf hin, daß Sucher des Tao sich menschlicher Gesellschaft fern zu halten pflegten:

sagte: „Wer mit Ernst und Folgsamkeit das Tao der natürlichen Güte (San), das vor Sterben schützt, zu erlernen wünscht, begibt sich nicht in einen Staat, der gefährdet ist, und wohnt nicht in einem Staat, wo Wirren herr- schen. Wenn Tao in der Welt herrscht, dann tritt er zum Vorschein; ist aber kein Tao da, dann hält er sich verborgen.

I

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Wo die heiligen Bücher selbst uns solche Aussagen von Konfuzius vorlegen, da betrachten wir gewiß mit minder mißtrauischem Auge ein Blatt inTsuang's Schriften (Buch 3, bezw. Kap. 6), das uns schildert, wie ermutigend Konfuzius seinem Jünger, dem heiligen Jon Hui, entgegenkam, der sich durch Abtötung der Sinne und des stofflichen Daseins, ja sogar durch Abwerfung der vier ewigen universistischen Grund- tugenden der eigenen Schule (s. S. 24) zur Heiligkeit ausbildete:

mBmM.B,m^A^,mis.mm^oB, m 9 « Ä 0 . 0 ^ ^ . 0 ^ :g ^ o # Ä

Jon Hui sagte: „Ich mache Fortschritte" 5 und als Tsung-ni (Konfuzius) fragte: „Was meinst du damit?" sprach er: „Die Menschenliebe und das Pflichtgefühl sind mir schon aus dem Gedächtnis geschwunden". „Das ist gut", erwiderte Konfuzius, „aber du bist noch immer nicht am Ziel".

Eines anderen Tags besuchte er wieder den Meister, und sprach: „Ich habe wieder Fortgang genommen und denke nicht mehr an die Le- bensregeln und Musik". „Das ist ja gut", war die Antwort, „aber das Ziel ist noch nicht erreicht".

An einem anderen Tag besuchte er nochmals den Meister, mit der Mitteilung: „Ich hinwieder weiter vorgeschritten, und sitze und vergesse". Jetzt ging Tsung-ni einen Schritt auf ihn zu und fragte: „Was soll da« heißen, sitzen und vergessen?" Und nun sprach Jon Hui: „Meine Gliedei lasse ich herabhängen, meinen Verstand stoße ich von mir, ich verlasse mein stoffliches Wesen, werfe mein Wissen fort, und gleiche mich so der großen Vernunft (des Weltalls) an; das nenne ich sitzen und vergessen". Hierauf sagte Konfuzius: „Der großen Vernunft bist du angeglichen und also hast du keine Begierden mehr; umgewandelt, hast du nicht mehr die

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ewigen Tugenden; dann aber übertrifft deine Weisheit und Tugend (Hien) wirklich die des K'iu (Konfuzius); ich bitte also, (als Schüler) dir folgen zu dürfen".

Die alte universistische Heiligkeitsaskese ist also durch die klassischen Bücher in das konfuzianische System hinein- getragen worden. Sie gibt sich in diesen Schriften häufig kund; es sei hier nur auf eine besonders lehrreiche Stelle hingewiesen. Eins der" vielen klassischen Bücher, die im Li Ki enthalten sind, trägt den Titel ^ ^ Ju6^ Ling, Weisungen für die Monate. Angeblich ist es vom Staatsmanne § ^ J^ Pu'- wei, einem Minister des Kaisers Si Huang, verfaßt, trägt aber an vielen Stellen deutliche Zeichen, daß es aus viel älterer Zeit stammen muß. Es enthält Vorschriften und Regeln gemäß dem Monat, welche der Sohn des Himmels, seine Gemahlin, seine Beamten und sein Volk befolgen sollen, und ist also ein Wegweiser für das T a o der Menschheit, welches dem schöpfe- rischen Tao des Weltalls, das heißt dißm jährlichen Umlauf der Jahreszeiten, angepaßt sein soll. In diesem merkwürdigen Buch finden wir auch Folgendes:

^^ ■rar^J. Im Mittsommermonat endet das Länger werden der Tage; Jin und Jang ringen dann miteinander, da liegt die Grenze zwischen Vergehen und Entstehen.^ Dann fastet der Kiün Tse; in seiner Wohnung muß er sich verstecken, sich nicht regen, Gesang und Geschlechtsverkehr aufgeben, und niemand darf zu ihm eintreten. Den Genuß von schmackhaften Speisen soll er einschränken; würzende Zutaten darf er sich nicht bringen lassen; seine Begierden soll er zügeln und sein Gemüt und seinen Atem beruhigen.

^ Jin ist das Prinzip der Dunkelheit, der Kälte und des Absterbens; Jang ist Licht, Wärme, Entstehung. Jin fängt also bei der Sonnenwende, die in den zweiten Monat des Sommers fällt, Jang zu bekämpfen an und setzt den Streit fort, bis Jang bei der Wintersonnenwende gänzlich unterworfen ist.

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Die Beamtenschaft soll ihr Werk in der Stille verrichten und keine Straf- urteile vollstrecken.^

^C ?^ t^\ 9^ hA pi?* ^™ Mittwinterraonat endet das KUrzerwerden

der Tage, Jin und Jang ringen dann miteinander, und das Leben beginnt dadurch zu keimen. Nun fastet der Kiün Tse; in seiner Wohnung soll er sich verbergen, die Begierden des Fleisches ruhen lassen, Gesang und Ge- schlechtsverkehr abweisen, seine Begierden bezwingen, seinem Körper und seiner Natur Ruhe geben; sein Werk verlangt er in Stille zu verrichten.' Tsuang Tsö stellte sich die universistische Askese als uralt vor, denn, wie wir auf S. 103 ausführlich lesen werden, schildert er uns den mythischen Kaiser Huang, wie er sich drei Monate lang in die Einsamkeit zurückzog und sich da von einem weisen Einsiedler, der auf dem Gipfel eines Berges Auf- lösung im Weltall suchte, unterrichten ließ. In den heihgen und anderen alten Schriften ist von Absonderung von der Welt unter den Bezeichnungen ^,8? Tun, ^^ T^un, ^ Ji' und ^ Jin öfters die Rede, und wenngleich sich dabei nicht immer klar ergibt, daß das universistische Prinzip im Spiele ist, so läßt sich, wenn wir dessen Einfluß in Abrede stellen, diese Erscheinung schwer erklären. In großer Anzahl werden taoistische Asketen und Einsiedler in der Literatur der Han Zeit und der ersten darauf folgenden Jahrhunderte erwähnt und beschrieben. Viele sollen im klassischen Zeitalter, ja sogar in der frühesten, mythischen Periode gelebt haben. Gewiß ist vieles hieran Fabel und Erfindung; nichtsdestoweniger erscheint es im großen und ganzen allzu klar als Überlieferung aus einer wirklichen goldenen Zeit der taoistischen Askese. Und so stellt uns die chinesische Literatur die Beschreibung eines ganzen Parnaß von heiligen und halbheiligen Übermenschen

1 Man sehe auch das § ß^ ^ ^ Lü-Si Ts'un TsMu, „Lü (Pu*-wei)'s Jahresbuch", Kap. 5, § 1. » Ebenda, Kap. 11, § 1. De Groot, üniversismus.

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zur Verfügung, von denen viele alle Zeiten hindurch bis auf diesen Tag überall im großen Reiche ihre Tempel besessen haben, wo ihnen Verehrung, Anbetung und Opfer dargebracht wurden. Diese Hagiographie bietet für das Studium alter Reli- gionen viel nützliches Material, das ganz besonders ermöglicht, tiefer die Charakterzüge des asketischen Lebens zu erforschen, durch welches fromme Taoisten das T a o zu gewinnen trachteten.

In dieser Heiligenliteratur werden die Einsiedler und As- keten durchweg mit den auf S. 57 vorgebrachten Ausdrücken bezeichnet, zumeist aber durch das Zeichen f[|j Si6n, oft auch '^ geschrieben. Es ist aus ^, Mensch, und pj? Berg, zusammen- gesetzt und mag vielleicht also das Leben an abgeschiedenen, unbewohnten Orten bedeuten; ebensowohl aber kann der Be- standteil |_L( , der San ausgesprochen wird, bloß die phonetische Rolle im Zeichen spielen. Weder beiLao und Tsuang, noch bei Pu'-wei und in den Klassikern ist mir das Zeichen je begegnet, und es ist demnach wahrscheinlich erst seit dem 3. oder 2. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch.

Von diesen SiSn, auch vielfach Sön, Götter, oder f\^ f[l4 §en Sien, göttliche Sien, genannt, wird erzählt, daß sie in Höhlen und Grotten lebten, oder auch in Hütten auf den Feldern, an Seegestaden und Flußufern, sogar in Baumwipfeln; daß sie an der umgebenden Natur, an Wald und Feld ihre Freude hatten und in vertrautem Verhältnis zu wilden Tieren, zu Vögeln und Fischen standen. Wiederholt heißt es, daß sie sich in der Lehre der Reinheit des Lao Tsö übten, woraus sich schließen läßt, daß dieser Heilige vermutlich schon sehr früh als Erzvater der Taoisten galt. Oft soll der Ruf von der Voll- kommenheit solcher Einsiedler ans Ohr eines Fürsten, mitunter sogar des Kaisers gedrungen sein, die sie daraufhin an ihren Hof eingeladen und ihnen die höchsten Beamtenstellen an- geboten hätten, um durch den gewaltigen Einfluß ihres Tao das Volk zu vervollkommnen. Natürlich hätten sie diese An-

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geböte fast immer ablehnend beantwortet und vorgezogen, ihr ruhiges Leben bis zu einem außergewöhnlich hochbetagten Ende zu führen. Bemerkenswert ist, daß in vielen Fällen be- richtet wird, wie sich um einen solchen Einsiedler zahlreiche Jünger scharten, und ftwar mitunter so viele, daß aus der Ein- öde seiner Klause ein belebtes Dorf wurde. Man hat demnach in diesen Einsiedlerklausen, welchen der Name 7^ ^ T s i n g S ö, Hütten zur Verfeinerung, nämlich der Seele durch T a 0 oder Tugend, beigelegt ist, die Urform für die in späterer Zeit, besonders während der T'^ang-Dynastie, so häufig erwähnten taoistischen Klöster oder ^ Kuan zu erblicken, welche Ge- legenheit zur vollen Ausübung der Erlösungsaskese boten. Die rechte Entfaltung eines eigentlichen taoistischen Klosterwesens wurde jedoch durch das Eindringen des Buddhismus verhindert. Bekanntlich fand der Buddhismus seinen Weg nach China während der Han-Zeit, vielleicht sogar etwas früher. Vor allem war es das Mahayäna des Buddhismus, d. h. „der große oder breite Weg" zur Erlösung, das in China eindrang und alle lebenden Wesen, selbst Tiere und böse Geister, durch mehrere Stufen der Besserung leitet, bis sie den höchsten Grad der Heiligkeit erreichen, den Zustand der Buddhas oder Licht- götter, die Auflösung im allgemeinen Nichts (Nirwana). Dieser breite Weg konnte beschritten werden, indem man sich einem gewissen religiösen Leben unterwarf, das zum großen Teil in Fleischabtötung bestand. Demnach herrschte zwischen dem buddhistischen Mahayäna und der Lehre vom Tao des Menschen, die ja gleichfalls die Unterdrückung der Leiden- schaften und Sinne, das völHge Einswerden mit dem All pre- digt, eine auffallende innere Übereinstimmung. Man kann ge- radezu sagen, daß der Buddhismus bei seinem Eintritt in China den Weg bereits durch den Taoismus geebnet vorfand. Er übernahm sogar das Wort Tao, Weg, um damit seinen eigenen Weg zum Heil zu bezeichnen. Anderseits griff der Taoismus

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zu der naheliegenden Erklärung, daß der Buddhismus in Indien von niemand anders als Lao Tsö selbst verkündet worden sei, der zu diesem Zwecke eine Reise nach dem Westen unter- nommen hätte, von der er aber niemals zurückgekehrt.^ Die Verschmelzung beider Systeme wurd« wesentlich gefördert durch den universellen und synkretistischen Charakter des Mahayäna, der um des großen Zieles willen, alle Wesen zu erlösen, von dem Gesichtspunkte ausging, daß eine Vermehrung der Mittel zu diesem Ziel nur erwünscht sein könne, und daher mit vollendeter Toleranz dem Tao der Taoisten innerhalb seiner eigenen Lehre bereitwillig Raum gönnte.

Als sich dieser Verquickungsprozeß vollzog, hatte die fremde Religion das Klosterleben im heiligen Lande ihres Be- gründers schon zu hoher Blüte entwickelt. Da sie die Regeln und Gebräuche dieses Lebens bereits fix und fertig mit sich einführte, so wurde eine weitere Ausgestaltung des taoistischen Klosterwesens überflüssig; der Weg zur Heiligkeit und Erlösung, der durch die buddhistischen Klöster führte, erwies sich in der Tat als breit genug für alle Menschen. Allerdings hat sich nebenher unter dem Einfluß des buddhistischen Vorbildes noch ein spezifisch taoistisches Klosterleben entwickelt, und so sind in China friedlich Seite an Seite buddhistische und taoistische Klöster zu finden, die letzteren allerdings in erheblich geringerer Zahl. Bei dem großen Wettbewerb um das Werk der Erlösung ist mithin allezeit bei weitem der größte Ertrag an Erlösten durch die Kirche des Sakiamuni abgeliefert.

Das Bestreben, auf dem Weg oder Tao des Alls und der Menschheit, mit oder ohne Loslösung von Welt und Stoff

^ Meines Wissens erscheint diese Erzählung zum ersten Male in dem auf S. 92 f. zitierten Lebensbericht des Lao Tsö im 63. Kapitel des Si Ki. Sie mag- vermutlich in der H an -Zeit als Mittel zur Verbreitung des Buddhis- mus erdacht worden sein.

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die Göttlichkeit zu erreichen, wurde stets besonders gefördert durch die Überzeugung, daß es auch zur Verlängerung des Lebens führt, und das irdische Dasein sich somit von selbst zu einem langsamen und gelinden Übergang in die Ewigkeit des Universums gestaltet. In der Tat ist das Tao der Weg der Tugend, Tugend ist Verfeinerung (5^ T s i n g) oder Ver- vollkommnung der Seele (Sön), und die Seele ist die Lebens- kraft; die Schlußfolgerung muß also lauten: Tugend verbessert und vermehrt, erhöht und erstärkt die Lebenskraft, verlängert deshalb das Leben, bis es endgültig in die Göttlichkeit und Allmacht übergeht.

Diese Anschauung ist natürlich alt und wird im Tao Te' King 30) in diesen Worten ausgesprochen: ^ ^ ^ij

^\ Ä Bm -^ S^^ -7* ^i ^ ^' ^^®^" ^^® Wesen nach den Lebensjahren voller Kraft altern, so kommt es daher, daß sie kein Tao haben , denn alles, was ohne Tao ist, nimmt ein frühzeitiges Ende. Wir lesen auch im ^Ar^/jJaiE ^^ Tai Li Ki, den Schriften des älteren Tai über die Lebensregeln, einem Buche, welches etwa ein halbes Jahrhundert v. Chr. von ^^ Tai Te' verfaßt

wurde: ^^ W) fU'' BM:. ^ MM, W! Z^ mM.

P^ ^ ja Ü, S ^ Wn :y; # 81); -ä«' Herrscher muß

beim Handeln sich ans Tao halten und auch im Ruhezustand sich nach dessen Grundzügen richten; tut er das nicht, dann ist er selbst die Ursache seines vorzeitigen Todes und daß er kein hohes Alter erreicht. Die Lehre, ein langes Leben ist der Tugend Lohn, hat sich auch im Konfuzianismus völlig als heiliges Dogma eingebürgert; denn, wie wir auf S. 69 gesehen haben, steht es im Tsung Jung geschrieben, daß nach der eigenen Erklärung des Kon- fuzius der heilige Sun seiner Tugend nicht bloß Thron, Reich- tum und Ruhm, sondern auch ein langes Leben verdankte. Gewiß wird das Dogma immerhin zur Aufrechterhaltung und Förderung des sittlichen Lebens in China Nützliches geleistet haben, zumal ein langes Leben daselbst allezeit zu den aller-

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größten Segnungen gerechnet wurde, welche in den Bereich der menscfhlichen Hoffnungen fallen.

Die Überlieferung von Menschen, die durch die Pflege des Tao eine Verlängerung ihres Lebens erzielten und am Ende sich auflösten in der Ewigkeit des Alls, reicht ohne Zweifel in sehr frühe Zeiten zurück. Tsuang schildert uns einen solchen, an den der heilige Kaiser Huang aus der my- thischen Vorzeit sich um Belehrung wandte, und ersann dazu die folgenden Zeilen, die uns in die Theorie der Heiligkeits- askese seiner Zeit einen interessanten Einblick gewähren (Buch 4, bezw. Kap. 11):

mm^o'^z^'i^o-

Neunzehn Jahre lang war Kaiser Huang Sohn des Himmels gewesen, und seine Befehle hatten den Gang der Welt, welche unter dem Himmel liegt, bestimmt, als er von Kuang-ts'ing vernahm, der oben auf dem K'ung-tung wohnte. Da machte er sich auf, ihn zu besuchen, und sprach zu ihm: „Ich habe gehört, daß du, mein Weiser, das höchste Tao er- gründest, und möchte mich unterfangen, dich über die Verfeinerung (^Fm Tsing) zu befragen, die der Besitz des höchsten Tao verleiht; ich wünsche nämlich mir die Verfeinerung des Weltalls anzueignen, auf daß ich im- stande sei, das Wachstum der fünf Feldfrüchte zu fördern und so mein Volk zu ernähren. Auch möchte ich Macht über Jin und Jang ausüben und so mir alles Lebende folgsam machen. Was soll ich beginnen, um diese Ziele zu erreichen?"

Mm'f'B,mmw:m^!i^ZM^.m^)i

'^'^^mzm^.^mi^^r-.mmi^mm mm.M^z^mmmm.BMZit^^mM^o

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ts'ing- erwiderte: „Die Belehrung-, welche du verlangst, bezieht sich also auf rein stoffliche Angelegenheiten, und die Macht, welche du dir wünschest, richtet sich gegen stofflichen Verfall und Tod, und zwar weil, während du die Welt regierst, die Wolken bereits, bevor sie sich noch genügend ver- dichtet haben. Regen herniedersenden, und also die Gewächse und Bäume ihre Blätter fallen lassen, bevor sie gelb geworden sind, so daß das Licht von Sonne und Mond mehr und mehr ödes Land bescheint. Du bist also ein berechnender Mensch mit dem Herzen eines Schlaukopfs bist du es also wert, daß ich dich über das höchste Tao belehre?"

Und Kaiser H u a n g zog ab. Er warf die Regierung der Welt von sich, baute sich eine alleinstehende Hütte, schlief da auf nacktem Stroh und verweilte in ihr drei Monate lang. Dann machte er sich abermals auf, um den Weisen zu besuchen. Kuang-ts'ing lag darnieder, mit dem Haupt nach Süden gewandt. Gehorsam und unterwürfig kroch der Kaiser Huang auf den Knien zu ihm hin, beugte sich mehrmals und machte Stirnaufschläge; dann sagteer: „Ich habe vernommen, daß du, mein Weiser, das höchste Tao durch und durch erforscht hast; ich unterfange mich, dich zu fragen, wie ich über meinen Leib herrschen soll, auf daß er ewig bestehe." Da regte sich Kuang-ts'ing, erhob sich und sprach: „Fürwahr eine gute Frage! Komm her, ich will vom höchsten T a o zu dir reden."

mM.zm^mm^.^uzm^^m iKAnm^zf^^.m.mmmzM^^^i^

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Die Verfeinerung, welche der Besitz des höchsten T a o verleiht, ist einsamste Einsamkeit und dunkelste Finsternis; das höchste des höchsten T a o ist dunkelstes Dunkel und stillste Stille. Nichts ist da zu sehen, nichts zu hören; sie hüllt die Seele in Schweigen, und der stoffliche Körper wird dadurch von selbst in den richtigen Zustand versetzt. Sei also still und schweigsam und werde dadurch rein; strenge deinen Körper nicht an und bewege also deine Verfeinerung nicht denn das ist das Mittel, wodurch sich dein Leben verlängern kann. Wenn dann deine Augen nichts mehr sehen, deine Ohren nichts mehr hören, dein Herz nichts mehr fühlt, dann wird deine Seele (S e n) deinen Körper bewahren und dein Körper wird dann ewig leben. Hüte also ja, was in dir ist, und laß nichts herein, was draußen ist, denn Vielheit der Empfindungen gereicht zum Verderben. Dann will ich dich hinter mir hinaufführen über das große Licht (der Sonne), wo wir die Urquellen des höchsten Jang erreichen; dann will ich dich ge- leiten zur Pforte der Einsamkeit und der Finsternis bis an den Ursprung des höchsten Jin; dort herrschen Himmel und Erde, dort wird alles im Jin und vom Jang aufgenommen. Überwache aber mit Sorgfalt deinen Körper, damit dein Stoff von selbst kräftig und dauerhaft werde. Ich selbst habe diese Disziplin in vollem Umfange geübt und ihre harmoniöse Wir- kung in mir festgelegt ; demzufolge habe ich zwölf hundert Jahre lang meine Person pflegen können, und noch immer nicht fängt mein stofflicher Körper zu verfallen an."

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mi±.Ammz?^,i>immmzmo^m "^^oA^^nmnn^^o

Kaiser Huang verneigte sich und machte Stirnaufschläge und er sprach: „Kuang-ts'ing der Weise, der ist ein himmlisches Wesen!" Der andre versetzte: „Komm, ich habe dir noch mehr zu sagen. Dieser Stoff

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besitzt eine endlose Dauer, und doch glaubt jedermann, daß er enden müsse; unergründlich ist er, dennoch meint jedermann, er müsse ein letztes Ende haben. Wer mein T a o erlangt, der vermag hoch oben Kaiser und hier unten Herrscher zu sein; aber wem es nicht gelingt, mein Tao zu er- langen, der wird das Licht nur über sich sehen und hier unten Erde werden. Alle Wesen, die von der Sonne beschienen werden, sind aus Erde entstanden und kehren zur Erde zurück; ich aber werde, sobald ich dich verlasse, durch das Tor zur Unendlichkeit eingehen und in den Re- gionen des Grenzenlosen wandern. Dort werde ich mit dem Glanz von Sonne und Mond verschmelzen ; dort werde ich so ewig bestehen wie Himmel und Erde; was mir dort nahe ist, wird mir verschollen, was mir fern ist, auch geschwunden sein. Das Menschtum wird einmal vernichtet uud tot sein, allein ich werde dann leben."

Langlebigkeit; die schließlich in völlige Verschmelzung mit der unendlichen Leere des Weltalls übergeht und ein Be- stehen gewährt so ewig wie die des Weltalls selbst, das war also das Ideal, der transzendentale Traum der Schwärmer der Erlösungsaskese. Eine eigentümliche Verkörperung dieses Ideals bildet in Chinas Literatur und Kunst die sagenhafte Gestalt des .^ ÜB. P^Sng-tsu. Sein Bild fehlt bei uns in fast keiner Sammlung chinesischer Seltsamkeiten und ist erkennbar an der übertrieben hohen Stirn, die ein Zeichen ungewöhnlich hohen Alters ist, da im Alter der Haarausfall die Stirn zu erhöhen pflegt. Dieser berühmte chinesische Methusalem soll angeblich vom 23. bis 6. Jahrh. v. Chr. gelebt haben. Auch Lao Tsö soll ein Alter von vielen Jahrhunderten erreicht haben.

Ziehen wir nun in Betracht, daß nach der konfuzianischen Lehre Tao oder Tugend durch Studium der klassischen Bücher erworben wird, und daß nach derselben Lehre die Tugend das Leben verlängert, so folgt von selbst, daß klassische Studien zu Langlebigkeit führen. Und so erklärt es sich, warum jeder gebildete Chinese es für ausgemachte Wahrheit hält, daß das Sön des studierenden Mannes, d. h. seine dem Jang des Welt- alls entlehnte Seele, sich so sehr verfeinert, daß sie ihn vor den lebenzerstörenden Einflüssen schützt, welche die Kwei, die

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Geister des dem Jang gegenüberstehenden Jin, ausüben. Es tritt nun auch klar zutage^ daß diese Auffassung sich voll- kommen mit dem so kräftig durch TsuangTsö ausgesprochenen alten Glauben deckt; daß Besitz des Tao unverletzbar macht (s. S. 58 f.). Sie führt in China zu mancherlei merkwürdigen Dingen, Anschauungen und Gebräuchen, von denen hier einige erwähnt sein mögen.

Der gute Taoist oder Tao §i vermag böse Geister zu verjagen einfach dadurch, daß er gegen sie bläst. In Räumen, in denen es spukt, kann er sich ungestört aufhalten, ohne daß ihm ein Leid geschieht. Im Gegenteil, die Gespenster legen sich ihm sklavisch zu Füßen und flehen ihn demütig um Gnade an. Besonders häufig werden in chinesischen Büchern die Tao Si als Teufelsaustreiber erwähnt und ihre besonderen Kennt- nisse der Gespensterwelt hervorgehoben. Tatsächlich hat sich unter der priesterlichen Führung dieser Männer die taoistische Religion in der Hauptsache zu einer Kunst der Teufelsbannung entwickelt, die mittels der Hilfe der Sön oder Götter, welche im Weltall naturgemäß den Kwei feindlich gegenüberstehen, getrieben wird; denn die Priester des Tao vermögen es auch, durch Zauberzeichnungen und Zauberworte, durch Opfer und zeremonielle Handlungen vieler Art die Sön zur Hilfeleistung zu bewegen, ja sogar zu zwingen. Der Besitz dieser magischen Macht treibt natürlich die Angst und Ehrfurcht, welche die Kwei diesen Männern gegenüber hegen, auf die Spitze. Und so bildet in den Händen dieser Priester der Exorzismus einen Hauptbestandteil der weißen Magie, welche der Universismus im Laufe der Jahrhunderte zum Nutzen des Menschtums er- funden und in das vielumfassende Religionssystem hineingebaut hat, welches man das taoistische zu nennen pflegt.

Nicht bloß die Tao Si, auch das konfuzianische Ge- lehrtentum verfügt über exorzistische Kraft. Jeder Gelehrte, der sich mit den heiligen Schriften abgibt, jeder Student, ja

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jeder Schulknabe, erlangt je nach seinen Kenntnissen einen gewissen Grad dieser Zauberkraft, für den wiederum die auf den staatlichen Prüfungen erworbenen literarischen Titel der Maßstab sind. Natürliche Exorzisten von noch höherer Qualität sind die Mandarine, und zwar weil diese theoretisch nicht nur Auserlesene des Gelehrtentums, sondern auch Stellvertreter des Kaisers und Träger seiner Heiligkeit und Allmacht sind und Teile einer Regierungsmaschine bilden, die aus dem Tao und den Tugenden des Klassizismus zusammengestellt ist. Daß schließiich der Sohn des Himmels der mächtigste Exorzist der Erdkugel ist, versteht sich von selbst. Geschichtsbücher be- richten mannigfach über kaiserliche Maßregeln zur Befreiung des Volkes vom unheilvollen Werk der bösen Geister, auch über kaiserliche Befehle, daß die Behörden in den heimgesuchten Gegenden den Kwei Opfer darbringen und sie dabei in des Kaisers Namen auffordern sollen, ihr unseliges Werk zu unter- lassen. Es liegt auf der Hand, daß von einer verhältnismäßig viel größeren Zahl solcher Vorkommnisse keine Erwähnung zu finden ist.

Als äußerst wirksames Mittel, zur Vertreibung böser Geister gelten sogenannte^ Fu, Zauberzeichen, die mit eines Man- darinen Pinsel geschrieben sind. Solche Pinsel an sich üben schon diese Zauberkraft, weshalb sie vielfach bei Krankheits- fällen dem Patienten aufgelegt, oder an seinem Bett oder über der Tür seines Zimmers angebracht werden. Diener und Tra- banten der Mandarine machen aus dem Verkauf solcher wir- kungskräftigen Pinsel ein einbringendes Geschäft und verkaufen sie teils direkt ans Volk, teils mittelbar an Zwischenhändler. Namenskarten von Mandarinen, Abdrücke von ihren Amts- siegeln, gebrauchte Briefumschläge, die solche Abdrücke tragen, stehen als Abwehrmittel hoch im Preise, besonders wenn sie von Unterkönigen, Provinzialoberrichtern und anderen Beamten sehr hohen Ranges herstammen. Auch pflegt man die genannten

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Gegenstände zu verbrennen und ihre Asche mit Wasser ver- mengt dem Patienten zu trinken zu geben. Viele Leute halten bei Hochzeiten den Abdruck eines Mandarinensiegels als durch- aus unentbehrlich; um dem neuen vermählten Paar dauerndes Glück zu sichern, und zwar soll die Braut den Abdruck während ihrer Überführung ins Haus des Bräutigams am Gewände oder in der Tasche tragen. Das ärmere Volk, das die teuren Schrift- amulette hoher Mandarine nicht bezahlen kann, begnügt sich mit solchen, die von Lehrern oder anderen geringeren Ver- tretern des Schriftgelehrtentums herrühren. Gewöhnliche Schul- meister werden von der Bevölkerung häufig gebeten, teuflische Geschwüre und Beulen, die im unsauberen China unter dem Volke, vor allem den Kindern weit verbreitet sind, mit Kreisen zinnoberroter Tusche zu. umpinseln. In ähnlicher Weise und für ähnliche Zwecke verwendet man sogar alte Schreibpinsel und Fetzen aus den Schreibheften von kleinen Schuljungen, in dem naiven Glauben, daß auch schon angehende und künftige Man- darine und Gelehrte ebenso wie fertige Große imstande seien, böse Geister in Furcht zu jagen und zu bannen.

Wenn der Besitz von Tao, der durch das Studium der klassischen Schriften erlangt wird, sich al& so vortreffliches Schutzmittel gegen böse Geister und darum als so wunder- kräftiges Mittel für die Verlängerung des Lebens erweist, so ist es klar, daß die klassischen Schriften selbst erst recht teufel- austreibend wirken müssen. Und in der Tat übt nach chi- nesischem Glauben schon die bloße Gegenwart eines Exem- plars, eines Bruchstückes, ja eines losen Blattes eines heihgen Buches einen gewaltigen Einfluß auf die Erhaltung von Glück und Gesundheit aus und bildet ein ausgezeichnetes Heilmittel gegen teuflische Krankheiten. Schon zur Han-Zeit wird er- wähnt, daß man sich durch lautes Hersagen von Sätzen der klassischen Schriften gegen Gefahr und Unheil zu schützen ver- suchte. Aber auch andere geschriebene und gesprochene Worte,

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vorausgesetzt, daß sie klassisches Gepräge tragen, vermögen die bösen Geister zu bannen. Ist man in der Dunkelheit und konfuzianisch gebildet, so sucht man Schutz durch lautes Her- sagen von Stellen aus den heiligen Schriften. Vortreffliche Dienste leistet das Hersagen solcher heilsamen Sätze auch, um junge Kinder in Schlaf zu lullen, wenn sie schreien, weil böse Geister sie quälen. Kein Wunder also, daß, wie Liu Ngan mitteilt (Hung LiS'Kiai, Kap. 8), die Kwei im nächtlichen Dunkel jämmerlich wehklagten, als der heihge ^ ^ Ts*ang- h i S' in der grauen Urzeit die für sie so gefährliche Art des Schrei- bens erfand, durch die die heiligen klassischen Schriften verfaßt und alle Zeiten hindurch überliefert sind. Wohlbegreiflich sind also die chinesischen Schriftzeichen genau so heilig und zauber- kräftig, unheilvertreibend und segenspendend wie die klassischen Bücher, und hieraus erklärt sich das Rätsel, weshalb es dem chine- sischen Gelehrtentum nie hat einfallen können, die Schrift durch eine einfachere zu ersetzen. Solch eine Tat wäre im wesent- hchen der Abschaffung der klassischen Bücher und damit des T a 0 des Menschen, welches sie vorschreiben, gleichgekommen, und hätte zudem einen völligen Bruch mit dem heiligen Ahnen- tum und ihrem für die Nachkominenschaft gestifteten Werk bedeutet.

Daß der Kampf gegen die bösen Geister in China zu einem vielseitigen System ausgebaut ist, welches das ganze Volk und sein Priestertum alltäglich beschäftigt und einen der großen Unterteile der ReHgion bildet, zeigt die ausführliche Erörterung dieses Systems in meinem „The Religious System of China", Bd. VI.

Das Tao des Weltalls ist Jang und Jin; der feine ()^ t s i n g), unstoffliche Teil von Jang und Jin ist der Odem des Weltalls, der Äther, die Atmosphäre. Deshalb gestaltete sich

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die Auflösung des Menschen im T a o des Weltalls durch Weg- werfung des Stoffs in der Wirklichkeit als eine Auflösung in der Luft. Die Beobachtung, daß der Mensch zu atmen aufhört, sobald sein Leben erlöscht, führte zur Folgerung, daß der Atem (K'i) das Leben darstellt, also tatsächlich die S6n oder Lebens- seele ist, welche, den alten Lehren nach, der Mensch dem Jang entlehnt, und neben welcher auch das Jin ihm eine Seele schenkt, die Kwei heißt (s. S. 10). Und so war von selbst auch die Lehre gegeben, daß der Mensch durch Ein- atmen der Luft fortwährend Seelensubstanz in sich aufnimmt, mithin durch wohlüberlegte Regelung des Atmens sein Leben zu verlängern in der Lage ist und sogar seine endgültige Verschmelzung mit dem T a o des Weltalls bewirken kann.

Daß so eine Regelung des Atmens gleichzeitig mit der Seelenlehre selbst entstand und aufwuchs, läßt sich leicht ein- sehen. Sie wird im T a o T e ' King (§6) erwähnt, und zwar in diesen Worten:

daß man nicht stirbt, das ist das Schwarze (das Himmlische, also das Jang) und das Weibliche (das J i n). Die Pforte für das Schwarze und das "Weib- liche (die Nase), das ist die Wurzel des Himmlischen und des Irdischen (im Menschen). In langen, langen Zügen (soll man atmen), als ob man den Atem bewahren wolle, und beim Gebrauch des Atems soll man sich nicht bewegen.

Dieser Satz ist besonders düster und hat begreiflicherweise vielerlei Übersetzungen erzeugt. Es ist aber anzunehmen, daß das K'ang-hi-Lexikon, welches :^ durch ^, nähren, erklärt, recht hat und daß dieses Zeichen, weil es ku' ausgesprochen wird, schlechtweg für eine Schreibung des gleichlautenden ^ anzusehen ist, welches Getreide bedeutet, jedoch im Si (^(jjjj? Ode "^ ^ ) mit der Bedeutung nähren vorkommt. Das Zeichen ^, schwarz, erscheint in der Terminologie der Taoisten durch-

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weg als ein Synonym von Himmel, und zwar weil, dem Ji' zufolge, der Himmel schwarz ist. Und der Vergleich der mensch- lichen Nase mit einem zweiflügligen Tor (f^) ist nicht so ge- sucht, wie beim ersten AnbHck scheint. Die Richtigkeit unserer Übersetzung des betreffenden Passus des Tao Te' King ge- währleistet eine große Sammlung Notizen über taoistische Heihge, die im 2. Jahrhundert v. Chr. durch den großen Staatsmann und Gelehrten ^j[£i) LiuHiang geschrieben sein soll, und deren Titel ^liflll"^ Liö' Siön Ts'uan, Berichte über die Reihen der Sien, lautet. Da liest man von einem ^ J|J(J Jung-ts'ing, der etwa tausend Jahre v. Chr. lebte und durch Übung der Atemkunst i^tÜ :J^ ^ 4b> Ä ^ ;gl||jj ^ ^,^ ^^

y^ ^^, das heißt: dem Schwarzen und dem Weiblichen feinen Äther entnahm, weil er seine Seele (Sen) nähren und unsterblich werden wollte und somit zur Wahrung seines Lebens seineu feinen Atem sorgsam pflegte.

Somit lehrt uns das Tao Te' King, daß die Atem- kunst in erster Linie bezweckte, den Atem im Körper aufzu- bewahren und festzuhalten, und daß, damit er nicht durch körperliche Anstrengung wieder verloren gehe, die Kunst mit der großen Naturtugend der Regungslosigkeit, des Wu-wei, verbunden wurde. Hiernach überrascht es uns keineswegs, wenn wir bei Tsuang Tsö lesen (Buch 3, bezw. Kap. 6): ^ ^

mittels ihrer Fersen statt, das der Menge aber mittels des Halses; d. h. sogar bis zu den Fersen herab zieht der Heihge den Atem ein, und er tränkt somit seinen Körper bis in die entferntesten Stellen mit Ewigkeit und Unzerstörbarkeit verleihendem Äther. Auch gibt Tsuang uns in den folgenden Worten einige Ein- zelheiten über die Technik der Atemgymnastik (Buch 6, bezw. Kap. 15):

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-^ Öf'ffF'Hj- I^lasen und schnappen, ausatmen und einatmen, und so den alten Atem ausstoßen und den neuen in sich aufnehmen, die Zeit hin- bringen wie ein Bär (im Winterschlaf), (den Hals) strecken und recken wie ein Vogel all das bezweckt nur die Erreichung eines hohen Alters; und das war es, was die T a o S i, welche Luft einzogen, und auch die Menschen, welche ihren Körper nährten und die so lange wie P'eng-tsu lebten, mit Vorliebe taten.

Dieses systematische Atmen war gewiß eine ziemlich an- strengende Arbeit. Der Körper wurde dadurch träge, denn tiefes Atmen macht müde und schläfrig ; aber gerade das bewies, daß die Verschmelzung mit dem T a o eingetreten war, denn sind nicht Stille und Schweigsamkeit, Regungslosigkeit, Unbewußt- heit usw. die Merkmale des Heiligen?

Diese eigenartige Methode zur Erlangung des Tao wird in der chinesischen Literatur der klassischen und nachklassischen Zeit sehr häufig erwähnt. Daß sie tatsächlich auch in großem Maßstabe praktisch geübt wurde, kann man aus der reichen Anzahl technischer Ausdrücke, die zu ihrer Bezeichnung in Gebrauch sind, herleiten. Von diesen Ausdrücken seien hier nur die folgenden erwähnt: ^ (^) ^| tao jin, (Luft) ein- ziehen-, ^^ se' K'i, den Atem aufsparen; j)^^ liön K*i, den Atem läutern ; ^^ ^^ t S U K i, den Atem aufspeichern ; ^^ ^ kin K*^i, den Atem zurückhalten; ^^ t*^un K'i und [^ ^

jgn K'i, Atem schlucken; ^f^ j^ng Sön oder :^f^ ku'

Sön, die Seele nähren; ^J ä^ j^^g Seng, das Leben nähren oder erhalten; ^^ ^jgE jang Sing, seine natürliche Anlage pflegen; ^^ ^J jang S 0 U, Langlebigkeit pflegen U. a.

Schon früh wurde ein neuer Satz in die Lehre der Le- bensverlängerung und Unsterblichkeit eingeschaltet, nämlich der, daß die Zirkulation des Atems oder der Lebensseele durch gesunde körperliche Gymnastik gefördert werden müsse. Der taoistische Staatsmann Pu'-wei schrieb darüber in seinem Jahrbuch (Lü-si Ts'un Ts'iu, Kap. 3, § 2 und 3):

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Zur Ansammlung des feinen Äthers muß der Körper eine Öffnung haben, durch die jener eintreten kann. In gefiederten Vögeln angesammelt, befähigt er sie, zu fliegen und zu schweben. In schnellen Vierfüßlern an- gehäuft, läßt er sie nach allen Richtungen hin sich bewegen. In Perlen und Jaspis verdichtet, legt er ihnen feinen Glanz bei. In Pflanzen und Bäumen aufgespeichert, bringt er das Wachstum ihres Blätterwerks hervor. In einem heiligen Menschen angesammelt, gibt er ihm weitsichtigen Ver- stand . . . Bewegung ist es, die fließendes Wasser vor Fäulnis, Türangeln vor zerfressenden Angriffen von Insekten bewahrt. Genau so ist es mit dem Körper und mit dem Atem. Wenn der Körper ohne Bewegung ist, so durch- strömt ihn kein Lebenshauch, und wenn das der Fall ist, wird der Atem bedrückt. Dieser Druck kann sich im Kopf niederlassen und verursacht dann Kopfweh und Geschwüre; oder in den Ohren, und verursacht dann Schwerhörigkeit und Taubheit; oder in den Augen, und verursacht da Ent- zündung oder Blindheit; oder in der Nase, und verursacht dann Schnupfen und Verstopfung; im Leib führt der Druck zu Leibschneiden und Hartleibig- keit; in den Füßen zu Lahmheit und Gehschwäche . . . Wenn täglich der feine Lebensäther sich erneuert und der schlechte Atem den Körper gänz- lich verläßt, dann kann ein Mensch so lange leben wie der Himmel selbst. Solch ein Mensch ist ein Heiliger.

Es ist den alten chinesisclien Naturbeobachtern schwerlich entgangen, daß die Atemtätigkeit ebenso durch zu heftige wie durch zu geringe Anstrengung des Körpers beeinflußt wird, oder mit anderen Worten, ebenso durch Vernachlässigung wie durch Übertreibung des Wu-wei. Auch haben sie sicherHch be-

De Gi'oot, Universismus. 8

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merkt, daß eine ähnliche Beeinflussung des Atems auch seitens der Leidenschaften vorliegt, deren Regulierung, wie wir wissen (S. 76 ff.), zum Tao führt, und sie sind so zu der Folgerung gelangt, daß die Leidenschaftslosigkeit oder „Leere" des Welt- alls eingeatmet und so im Körper festgelegt werden kann. Be- greiflich ist also der folgende Lehrsatz im ^ ^ ^ ^ Ts'un Ts'iu Fan-lu, einem Werke, das im 2. Jahrhundert v.Chr. der ^^4^^ Tung Tsung-su, ein großer Staats- mann und Gelehrter, geschrieben haben soll (Kap. 16, bezw. § 77) :

Ist ein Mensch zu sehr erfüllt (von Leidenschaften), so kann der Atem den Körper nicht durchdringen; ist er aber zu leer, so ist sein Atem unzureichend. Ist er zu erhitzt, so ist sein Atem zu kalt; arbeitet er zu eifrig, so kann er nicht einatmen; ist er zu untätig, so ist sein Atem miß- vergnügt; gerät er zu sehr in Wut, so steigt sein Atem in ihm empor; ge- rät er in Freude, so löst sich sein Atem auf; hat er Sorgen, so wird sein Atem närrisch ; packt ihn Furcht, so wird der Atem aufgeregt. Das sind also zehn Fälle, in denen der Atem ungünstig beeinflußt wird, jedesmal mangels der Mitte (Tsung Leidenschaftslosigkeit?) und Harmonie (s. S. 76).

Also hat sich in China die Atemgymnastik zu einem förm- lichen System entwickelt, das alle Jahrhunderte hindurch bis auf den heutigen Tag praktisch betätigt wurde. Schon früh er- schienen in diesem System Theorien über die Nabelgegend, die sogenannte ^ Kuan oder wichtige Stelle, wo sich der Atem hauptsächlich ansammeln sollte, um von da aus den Weg zu den entferntesten Teilen bis in die Fersen zu finden. Um die Kuan zu füllen, bedurfte es langsamen und tiefen Atmens, das als sehr gesundheitsfördernd galt. Durch Einatmung von viel und Ausatmung von wenig Luft ließe sich der Atem ver- dichten (^ ^) und ein kondensierter Vorrat im Körper auf-

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speichern; der für längere Zeit eine Atemtätigkeit überhaupt unnötig machte, so daß* der Körper Monate, selbst Jahre hin- durch regungslos bleiben konnte wie eine Leiche, ohne jedoch tot zu sein. In dieser Verfassung bestand und lebte er, ohne abgenutzt zu werden und zu altern, und benötigte auch keinerlei stoffliche Nahrung, woraus schon zur Genüge die Göttlichkeit des Zustandes hervorging. Erwähnt doch Tsuang, wie wir bereits sahen (S. 59), in seiner lebhaften Schilderung der Gott- menschen ausdrücklich, daß sie keine der fünf Feldfrüchte zu sich nahmen, sondern nur die Luft einsogen und Tau tranken. Und im Ta Tai Li Ki 81) berichtet Tai Te' von niemand Geringerem als Konfuzius selbst den bemerkenswerten Ausspruch:

Ä ^^f* Wffij #, ^ Ä^^ ?E ffiJ I*; -" »'»h -'

Luft ernährt, leuchtet wie ein Gott und lebt lange; wer gar nicht ißt, stirbt nicht und ist ein Gott.

Eine allmähliche Vernichtung des stofflichen Körpers durch systematisches Fasten und Hungern, das man Jg^ ^ pi Ku', Enthaltung von Speisen, nannte, und ein schrittweiser Übergang in den unstofflichen Zustand durch Einsaugung des himmlischen Jang, aus dem alle Sön oder Götter gebildet sind das war also das ideale Bestreben der höchsten Geister der tao- istischen Welt. Die Heiligenliteratur erzählt von vielen, die durch Verbindung der Atemgymnastik mit der Hungerkur den Körper so leicht machten, daß er in der Luft umherschweben konnte; auch von vielen, denen es praktisch gelang, ganz ohne irgendwelche Nahrung zu leben (^ ^^ ^ ^^ ^ >|äl^ Slf ^). Auch lesen wir da, wie man die Hungerkur dadurch unterstützte, daß man gewisse Fruchtkerne, also verdichtetes Pflanzenleben, im Munde hielt; ferner, daß es auch für die Verlängerung des Lebens als sehr förderlich galt, stets mit Sorgfalt den Speichel zu verschlucken, da dieser für eine Ver- dichtung des Atems gehalten wurde; ja sogar, daß viele aus demselben Grund ihren eigenen Urin tranken.

8*

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Auch in der H an -Zeit muß das künstliche Atmen zur Ver- längerung des Lebens sehr in Schwung gewesen sein, denn die !^ ^J Han SU; die Geschichtsbücher der Han- Dynastie, erwähnen viele Personen, sogar Staatsmänner und Gelehrte, die sich damit eifrig befaßten. Voran in der Liste steht §5 jßc T s a n g L i a n g, der heldenhafte Ratgeber des Stifters der Han-Dynastie, der Ahnherr des 5M ^ 1^ Tsang Tao-ling, der, wie wir im 5. Kap. sehen werden, etwa zwei Jahrhunderte später die taoistische Kirche gründete. Auch sind von vielen Schriftstellern der Han- Zeit, darunter Konfuzianisten allerreinsten Wassers, Abhandlungen über die Atmungskunst erhalten geblieben. Eine große Autorität auf dem Gebiete war ^ |^ H u a T ' o , der um die Wende des 2. Jahrhunderts n. Chr. lebte. Wie seine Biographie in Kap. 112b der ^*^^ Hou Han Su oder Geschichtsbücher der späteren Han-Dynastie uns lehrt, SoU er als Arzt und Chirurg geradezu Wunderbares geleistet haben. Er konnte den Magen und die Eingeweide aus dem Leib schneiden, sie rein waschen und dann wieder an ihren früheren Platz setzen, ohne dem Patienten mit dieser Operation mehr als ein kleines Unwohlsein zu verursachen.

n,=iBm.=Bm.mBm.s.BM.if^m ^z$k,^mn'\nMmm^.^^mmm'i^

Er war mit mehreren heiligen Büchern (des Konfuzianismus) durch und

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durch vertraut und verstand die Kunst der Pflege seiner Natur (die At- mungskunst, s. S. 112) so gut, daß er, schon fast 100 Jahre alt, noch das Aussehen eines Jünglings hatte. Er sprach einmal zu Wu P'u: „Der mensch- liche Körper will Arbeit und Bewegung haben, nur sollen dieselben nicht bis an die Grenze des Könnens getrieben werden. Wenn der Körper in Tätigkeit ist, verdaut er die Nahrungsstoffe, und das Blut durchströmt ihn, so daß keine Krankheit entstehen kann, genau so wie eine Türangel, die nie verfault (s. S. 113). Darum übten die Sien (Ylh) der Urzeit die Kunst des Atemholens (tao-jin, s.S. 112), verbrachten die Zeit wie Bären, indem sie gleich Eulen um sich herumblickten, ihre Lenden und Glied- maßen streckten und einzogen und die Muskeln ihres Kuan (s. S. Il4) be- wegten ; auf diese Weise suchten sie das Altern aufzuhalten. Ich besitze eine Kunst, welche die Gymnastik von fünf Tieren heißt, nämlich des Tigers, des Hirsches, des Bären, Affen und Vogels; ich wehre damit alle Krankheit ab und außerdem fördert sie die Bewegungen der Füße, was auf die Einatmung günstig einwirkt. Sobald ich mich unbehaglich fühle, stehe ich auf und mache die Gymnastik eines der fünf Tiere; dann fühle ich mich wieder wohl und schwitze; und wenn ich mich dann mit Reisstaub bestreue, wird mein Körper leicht und wohl und ich bekomme Appetit." Darauf übte auch Wu P'u diese Kunst, und als er mehr als 90 Jahre zählte, war sein Auge noch klar, sein Gehör noch scharf, sein Gebiß voll- ständig und fest.

Allezeit sind erhabene Auffassungen, wann immer der Mensch sie zu selbstsüchtigen Zwecken hat ausbeuten wollen, zu Albernheiten herabgesunken. So ist es auch der Lehre der Heiligkeit und Unsterblichkeit durch Pflege der erhabenen Tugenden des Weltalls ergangen: am Ende wurde sie zu einer lächerlichen Lungengymnastik herabgewürdigt, womit man einige Zimmergymnastik verband, offenbar weil dadurch die Gedrücktheit, welche das Nichtstun notwendig hervorrief, sich einigermaßen aufheben ließ. Die Tiergymnastik des Hua T o ist in allerhand Gestaltungen ausgearbeitet worden, weil sie sich urkundlich als die älteste nachweisen ließ und also durch- weg als die allerbeste galt. Sie wird noch immer in China geübt und gelehrt, obwohl sich im Laufe der Zeit nebenher verschiedene andere Turnereien herausgebildet haben. Die Atem-

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gymnastik wurde schließlich auch eine Gymnastik der Lippen und Nasenlöcher, welche man mit oder ohne Hilfe der Finger methodisch öffnete oder zudrückte, um das Zu- und Ausströmen der Luft nach der Größe der Öffnung zu regeln. Man bUes sich auch die Backen auf, ließ nach jeder langen Einatmung die Luft durch möglichst viel kleine Ausatmungen wieder aus, oder umgekehrt, und so wurde jeder Körperteil auf bestimmte Art und Weise ernährt und gekräftigt. Man schloß sich dabei auch die Ohren ab, knirschte mit den Zähnen (PP "0), hing sich ab und zu ein wenig an den Füßen auf, usw.

Oft ist seit der H an- Zeit die Frage erörtert worden, welches höchste Lebensalter bei richtiger Anwendung solcher Künste erreichbar sei. Ein volles Jahrtausend hielt man wohl für möghch, und dem Einspruch, daß die Menschen so selten ein hohes Alter erreichten, begegnete man damit, daß sie eben nicht imstande seien, ihre Leidenschaften zu bezwingen. Auch über die Macht, welche die Atemkunst verleiht, ist viel geschrieben worden. Diese Kunst sollte auch eine besonders günstige Wir- kung auf die Kindergeburt ausüben, weil sie die Geschlechts- kraft vor Abspannung und Erschöpfung bewahrt. Beispiele werden berichtet, daß Taoisten noch im Alter von 200 Jahren eine ungeschwächte Zeugungskraft und ein blühendes Aussehen besessen haben.

Die Atemgymnastik finden wir in China auch stets den Kranken und Schwachen empfohlen, und sie spielt mithin eine hervorragende Rolle in der Heilkunde. Das ist allerdings voll- kommen begreiflich; denn das Sßn, welches dem Menschen als Seele und Lebenskraft innewohnt, ist aus dem Jang ent- standen, und jede Vermehrung oder Verstärkung dieses Sen durch richtiges Einatmen von Luft oder Jang des Weltalls kann also nur zur Erhaltung und Förderung seines Lebens und seiner Gesundheit beitragen; außerdem sind Krank- heiten wie alle möglichen Übel das Werk der K w e i , welches

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naturgemäß durch das der Sön beeinträchtigt oder vernichtet wird.

Die Autorität, welche die Atmungskunst als Mittel zur Genesung von Kranken allezeit besessen hat, beruht nicht allein auf ihrem ehrwürdigen Alter, sondern auch auf dem sehr ge- lehrten Gewand, das sie sich, wie uns das allerälteste medi- zinische Buch Chinas beweist, schon früh hat umzuhängen ge- wußt. Dieses Buch führt den Titel ^ ^ Su Wön und stammt angeblich vom mythischen Kaiser Huang und seinen Ratgebern her; zwar zeigt uns der Stil, daß es wohl nicht in der vorchristlichen Zeit abgefaßt sein kann, aber nichtsdesto- weniger überliefert es ganz gewiß viel chinesische Wissenschaft sehr alter Zeiten. Dort wird im 67. Kapitel ausgeführt, daß J a n g und J i n , das T a o des Weltalls, hauptsächHch sich in fünf 3j^ K i, Odem oder Einflüssen, äußern, nämlich Hitze oder Wärme, Trockenheit,' Kälte, Wind und Nässe. Diese Einflüsse walten, wie Huang von seinem weisen Ratgeber ll|^ ^Q K'^i-po' belehrt wurde, natürlich auch in allen lebenden Wesen und wirken auf ihr Leben bestimmend ein, je nach dem Ver- hältnis der Mischung, in der sie auftreten. Der Osten, so führte dieser Weise weiter aus, bringt den Wind hervor, und weil der Osten dem Element Holz entspricht, ist es der Wind, der das Holz erzeugt, ebenso wie das Saure, weil dies der Geschmack des Ostens ist. Die genannten Faktoren beherrschen die mensch- Uche Leber, da diese dem Osten entspricht; die Leber bringt die Muskeln |hervor und diese das Herz. Ferner entspricht auch der Frühling dem Osten und bringt alljährlich durch die schöpferische Kraft den Pflanzen wuchs oder das Holz hervor; im Menschen erzeugt diese Jahreszeit Weisheit und Verstand, aber auch J^ Zorn, weil diese Leidenschaft dem Wind ent- spricht. Und so wird es ganz klar, daß Zorn die Leber be- schwert, und daß der Wind und das Saure auch von nach- teihgem Einfluß auf die Leber sind. In gleich scholastischer

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Art gab der große Weise seinem kaiserlichem Herrn auch für die übrigen Gegenden und die Mitte des Weltalls ebenso scharf- sinnige Kombinationen an, die sich übersichtlich in der unten- stehenden Tabelle veranschaulichen lassen; diese Tabelle bildet ungefähr die ganze Grundlage der universistischen Krankheits- lehre und Heilkunde der Chinesen.

M ^ Ä, >K ^ fff Muskeln ^^

Ost Frühling Wind Holz sauer Leber """^ ^"'^ Zorn

'X "^ '^'

Blut

Süd Sommer Wärme Feuer bitter Herz "^^ ^^^^^ Freude

M ± -W W ^^^^'''^^ 'S

Mitte Nässe Erde süß Milz undLunge Gedanke

Haut, Haare und

BS « m ^ ^ m

West Herbst Trockenheit Metall scharf Lungen Nieren Sorge

4t ^ Ü :^ m W 1^°-"«" ^

Nord Winter Kälte W^asser salzig Nieren ^^^ ^^^^^ Furcht

Die hier skizzierte Einwirkung der fünf Odem des Tao der Welt auf den Menschen nennen die Chinesen 3l )M ^^ Jun, den fünffältigen Umlauf, oder 3i|| ^ jun K*^i, den Odem- umlauf; und zwar weil die Jahreszeiten, denen sie entsprechen, der alljährliche Umlauf von Jang und Jin sind. Man hat in dieser Einwirkung allezeit das Urprinzip der Heilkunde er- kannt, das vom heiligen Huang herrührt und somit von un- anzweifelbarer Richtigkeit und Wahrheit ist. Durch das künst- liche Atemholen werden diese Einflüsse in den menschlichen Körper hineingeführt, und diese sichern dann, je nach den Jahreszeiten, wie es die Tabelle angibt, die Gesundheit der entsprechenden Körperteile und Lebensorgane, verlängern somit

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das Leben und führen sogar zur Unsterblichkeit. Diese dem Kreislauf der Zeit angepaßte Heilmethode eignete sich vortreff- Hch zu einer weiten Ausarbeitung und ist in der Tat allmählich zu einer reichen Schatzkammer von Weisheit ausgebaut worden, die es jedem einsichtigen Menschen ermöglicht, die Geheimnisse des menschlichen Körperbefindens im Zusammenhang mit den wechselnden Natureinflüssen des Jahrkreises gründlich zu er- kennen. Es wurde bei dieser Ausarbeitung noch mehr univer- sistische Weisheit des Altertums an den Haaren herangeschleppt, in erster Linie die Lehre, daß die fünf Elemente gegenseitig teils zerstörend, teils erzeugend aufeinander wirken; Holz z. B. erzeugt Feuer und besiegt Erde; Feuer erzeugt Erde (Asche) und besiegt Metall; Erde erzeugt Metall und besiegt Wasser; Metall erzeugt Wasser und besiegt Holz; Wasser erzeugt Holz und zerstört Feuer, usw. In entsprechender Weise beeinflussen mithin die anderen Faktoren, welche die Tabelle enthält^ einander. Wenn man nun alle die Faktoren des Makrokosmos mit denen des menschlichen Mikrokosmos vernünftig zu verbinden und ihre Kombinationen einsichtsvoll zu verwerten versteht, dann fällt es gewiß nicht schwer, in jedem Krankheitsfall die richtige Diagnose zu treffen und den genauen Sitz des Leidens zu er- mitteln, das heißt, nach chinesischer Ausdrucksweise, das Or- gan zu entdecken, das durch ^|5 Sie oder Einflüsse, welche dem Tao zuwider sind (s. S. 29), angegriffen ist. Die dafür benötigten Arzneien geben Handbücher aller Art zur Genüge an; auch die Diät des Patienten läßt sich nach den fünf Ge- schmacksarten regeln. Einer solchen dem Tao des Universums angepaßten Genesungs- und Nahrungsmethode muß unbedingt Besserung und Heilung folgen, weil das Tao die Quelle des Lebens und alles Guten ist.

Es stellt sich also klipp und klar heraus, daß die Krank- heitslehre und die Heilkunde in China unmittelbar aus dem universistischen Boden emporgewachsen sind. Zwar hat, wie

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gesagt, Weisheit aller Jahrhunderte das System weit und breit ausgebaut, jedoch dabei hat es sich nie von der uralten, heiligen Basis losgelöst; und ebensowenig ist daneben ein anderes und besseres System aufgekommen. Es hat geblüht, sogar üppig geblüht, allein Frucht hat es nie getragen; und für unsere Heilkunde ist von der chinesischen absolut nichts zu lernen. Eins wird uns aber durchaus klar, und zwar die Tatsache, daß die berühmten Arzte und Theoretiker, deren Werke bis zum heutigen Tage in der medizinischen Literatur den höchsten Platz ein- nehmen, fast ausnahmslos Tao Si waren, und daß es immer die Tao Si gewesen sind, die in China die Heilkunde Hand in Hand mit der Teufelsaustreiberei (s. S. 106) ausübten.

Auch die körperliche Gymnastik, welche, wie erwähnt, schon früh zur Förderung der Gesundheit mit der Atemgym- nastik eng verbunden wurde, ist eben aus diesem Grunde durch den Universismus hervorgebracht worden. Sie wird meist ^'^ tso Kung, nützliche Tätigkeit beim Sitzen, genannt. Die Lehre dieser Gymnastik regelt mit peinlicher Genauigkeit die Bewegungen der Hände, Finger, Arme und Beine zu jedem Atemzug und schreibt umständlich vor, wie der Leib gedreht, der Hals gestreckt und dabei zur Förderung des Speichelflusses die Zunge bewegt werden soll. An Körperhaltungen unter- scheidet das System die aufrechte, sitzende, liegende, krie- chende Haltung und unzählige Zwischenstufen. Zur Förderung der gesunden Wirkung der Leber, des Herzens, der Milz, der Lungen und Nieren und zur Schärfung des Gehörs, Gesichts und Verstands gibt es besondere Übungen, die wiederum je nach der Jahreszeit verschiedentlich ausgeführt werden. Auf die strenge Unterscheidung aller dieser Übungen muß sorg- fältig geachtet werden, denn was für das eine Glied oder Lebens- organ gut ist, kann für das andere sehr schädlich sein, und was in der einen Jahreszeit zuträghch ist, kann in einer anderen sehr nachteihg wirken. Gewöhnlich sind die Bücher, welche

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über die Heilgymnastik handeln, mit Abbildungen versehen, welche die einzelnen Bewegungen und Stellungen veranschau- lichen, und dadurch sind sie auch für alle brauchbar, die nicht lesen können. Die Bewegungen und Stellungen tragen allerhand Bezeichnungen, die entweder ganz phantastisch oder der Ter- minologie des universistischen Systems entlehnt sind.

Auch die Arzneilehre ist in China aus dem Universismus erwachsen. Sie ist sogar mit dem künstlichen Atmen verwandt, weil man, wie die alten Schriften lehren, nicht bloß die Luft zur Verstärkung der Seele, Verlängerung des Lebens und Er- langung der Unsterblichkeit systematisch in den Körper ein- führte, sondern auch allerlei andere Dinge, von denen man an- nahm, daß sie ebenfalls besonders mit Jang behaftet seien. Die Auffindung solcher spezifisch leben shaltiger Stoffe wird all- gemein den Sien und Heiligen zugeschrieben, welche die Wunderkraft derselben an sich selbst erprobten und durch ihr langes Leben erwiesen. Viele Bäume erreichten ein enormes Alter, scheinbar sogar die Unsterblichkeit, und zwar weil sie spontan, regungslos, schweigsam und frei von Leidenschaften, also vollkommen wie das T a o des Weltalls selbst, dahinlebten. Folglich waren solche Bäume von einem ungemein starken Sen beseelt, das sich jahrein, jahraus darin verdichtet und als Harzstoff abgelagert hatte, und das sich besonders in dem Samen so dicht ansammelte, daß dieser ganze neue Bäume hervorzu- bringen imstande war. Die Lebenskraft vieler war so gewaltig